Wo Licht ist, ist auch Schatten

GeschichteDrama, Romanze / P16
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
12.07.2019
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Dieses Kapitel
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Hallo!
Ich hoffe, ihr seid gut ins Jahr 2019 hineingerutscht und habt schön gefeiert :)
Dieses Kapitel kommt sogar pünktlich eine Woche, nachdem ich das letzte hochgeladen habe. Um ehrlich zu sein, bin ich von mir selbst ganz erstaunt xD
Ich freue mich, dass HakiNutzer62, Thanata13 und Atrox immer noch dabei sind und mir Reviews dagelassen haben ^^
Ich wünsche euch viel Spaß!

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Kapitel 31: Geschenke

Nur sehr, sehr langsam tauchte Mileny aus den Tiefen ihrer Wachträume am siebten Morgen in Ellesméra empor. Sie genoss die Stille im Haus genauso wie die Stille in ihrem Geist und streckte sich genüsslich. Dann setzte sie sich urplötzlich auf.
Moment! Stille in meinem Geist? Stille im Haus? Irgendetwas läuft hier aber ganz gewaltig schief! Normalerweise würde ich Rhunön schon arbeiten hören. Oder ich höre Diamila, die sich putzt oder der der Magen knurrt. Mileny lauschte angestrengt, aber kein Laut war von unten zu hören. Und ihre Verbindung zu Diamila war merkwürdig dünn.
Mileny bekam irgendwie Angst. Was war passiert? Hatte jemand Diamila entführt? Oder... schlimmer?
Sie sprang aus dem Bett und schlüpfte in ihre Sachen so schnell es ging. Um ihre Haare kümmerte sie sich nicht, das war nebensächlich. Genauso wie Schuhe. Mehrere Stufen auf einmal nehmend sprang sie die Treppe hinunter und riss die Tür zur Küche auf. Doch auch dort war niemand.
Misstrauisch schweifte ihr Blick über die polierte Arbeitsplatte und die sauberen Töpfe und Pfannen. Wer hatte die Küche aufgeräumt? Weder Rhunön noch sie waren wirklich ordentlich, und es machte ihnen auch kein Spaß, irgendetwas aufzuräumen. Es sei denn, es handelte sich bei Rhunön um ihre Schmiede, aber das war ein anderes Thema.
Wenn schon die Küche aufgeräumt war dann lief hier etwas wirklich schief. Was hatte Mileny verpasst?

„Rhunön?“, rief Mileny laut. Nur Stille antwortete ihr. Und ein Wispern, das aus der Schmiede drang. Tatsächlich kam ihr kurz der Gedanke, sich eines der zugegebenermaßen sehr scharfen Küchenmesser zu schnappen, aber dann verwarf sie den Gedanken wieder. Was sollte ihr in dem Haus ihrer Tante schon passieren?
Mileny stapfte entschlossen auf die Tür zu, die die Küche mit der Schmiede verband, und öffnete sie schwungvoll. Und erstarrte. Wenn sie sich die Schmiede so ansah, dann hatte sie definitiv etwas verpasst. Alle Werkzeuge waren beiseite geräumt worden, genauso wie halb fertige und fertige Werkstücke. Die Werkbank stand links von ihr an der Wand, aber mit einem weißen Tuch abgedeckt. Mileny erkannte sie nur an der tiefen Scharte an dem einen Tischbein, die sie selbst verursacht hatte, als sie klein gewesen war. Auf der Werkbank hatte jemand allerlei Speisen platziert, eine Vase mit wunderschönen, zartvioletten und hellblauen Blumen als Dekoration. Mitten im Raum stand ein großer Tisch, ebenfalls mit einem weißen Tischtuch, darauf eine weitere Vase und fünf Teller nebst Besteck.

Den gesamten hinteren Bereich der Schmiede nahm Diamila ein. Abgesehen von ihr war niemand im Raum. Und Diamila sah ihre Reiterin nur erwartungsvoll an.
Mila, was ist hier los?, fragte Mileny verwirrt.
Diamila legte den Kopf schief. Kaum zu glauben, dass du das vergessen hast, erwiderte sie.
Was denn?, fragte Mileny und ging um den Tisch herum zu Diamila.
Alles Gute zum Geburtstag, Mileny, sagte Diamila sanft und drückte ihre Stirn an die von Mileny.
Der klappte die Kinnlade herunter. Was?, fragte sie fassungslos. War die Zeit wirklich so schnell vergangen? War es schon so lange her, dass sie ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte? Sie erinnerte sich noch genau an die Aufregung, an die Freude, endlich an den Drachenreiterprüfungen teilnehmen zu dürfen. War das schon ein Jahr her?
„Ob sie uns heute noch bemerkt?“, murmelte jemand leise hinter ihr und Mileny fuhr herum. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten machte ihre Kinnlade sich selbstständig.
Dort standen Auralia und Rhunön – gemeinsam mit Arthur und Brom. Saphira steckte übereifrig den Kopf zur Schmiede hinein, während Nadir deutlich würdevoller durch das Fenster sah. Amethysa versuchte indessen, über Saphiras Kopf hinwegzusehen.

Alles Gute zum Geburtstag!“, riefen Auralia und Brom einstimmig und stürzten sich gleichzeitig auf Mileny, um sie zu umarmen. Diese versuchte immer noch zu begreifen, wo die ganzen Leute und Drachen auf einmal herkamen. Nebenbei versuchte sie noch irgendwie Luft zu bekommen, weil Auralia sie zu fest umarmte. Brom war in dieser Beziehung nicht so schlimm.
Über Auralias Schulter konnte Mileny sehen, dass Rhunön glücklich grinste und sogar Arthurs Mund sich zu einem breiten Lächeln verzog. Nur besaßen diese beiden den Anstand, nicht über Mileny herzufallen, der Auralia und Brom offensichtlich fehlte.
„Auralia!“ Mileny schnappte nach Luft.
„Lass sie los, sie kann doch gar nicht atmen!“, forderte Brom die Elfe auf und zu Milenys großer Erleichterung lockerte Auralia ihren Griff tatsächlich. Und machte Platz für Rhunön und Arthur.
Von diesen beiden wurde Mileny deutlich sanfter umarmt.
Rhunöns Augen strahlten. „Kaum zu glauben, dass mein kleiner Grashüpfer schon einundzwanzig Jahre alt ist.“
Mileny lief etwas rot an, als Brom ungläubig fragte: „Grashüpfer?“ Und dann begann zu grinsen.
„Danke, Tantchen“, murmelte Mileny.
„Was denn?“, fragte Rhunön, die rein gar nicht verstand, was Mileny peinlich war. Die rein gar nicht verstand, dass Brom ihre Patentochter in Zukunft mit diesem Spitznamen aufziehen würde.
Mileny verdrehte die Augen. Eltern.

Es wurde ein ziemlich lustiger Tag. Nach dem gemeinsamen Frühstück, das sich, weil so viel geredet wurde, fast bis in die Mittagszeit ausdehnte, wurden Geschenke an das Geburtstagskind übergeben.
Von ihrer Tante bekam sie eine zarte silberne Kette geschenkt, die zu dem Armband ihrer Mutter passte.
„Das ist auch von mir, weißt du“, sagte Rhunön und griff nach Milenys Handgelenk, um das Armband zu betrachten. „Dein Vater hat es deiner Mutter geschenkt und vorher bei mir in Auftrag gegeben.“
Mileny umarmte Rhunön und küsste sie auf die Wange. „Danke, Tantchen“, flüsterte sie leise.
Als Mileny dann das Geschenk von Arthur, Brom und Auralia sah, hatte sie keine Ahnung, was das sein sollte. Es war riesig, eckig und mit buntem Stoff umwickelt, von dem Mileny sich ziemlich sicher war, dass Auralia es eingepackt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Arthur oder Brom mit dem hellblauen Stoff hantiert hatten. Sobald sie den Stoff entfernt hatte, kam eine Holzkiste zum Vorschein. Ein bisschen ratlos starrte Mileny die Kiste an.

Brom und Auralia begannen leise zu lachen. „Du musst schon weiter auspacken“, meinte Brom amüsiert.
Da die Kiste aber von allen Seiten mit Nägeln verschlossen worden war, machte Mileny sich in der aufgeräumten Werkstatt erst einmal auf die Suche nach passendem Werkzeug. Bis sie das gefunden und die Kiste schließlich geöffnet hatte, waren sicher zwanzig Minuten vergangen.
Gespannt wurde Mileny von ihren Freunden beobachtet, als sie den Deckel anhob. Und ihn blass wieder fallen ließ. „Das kann ich nicht annehmen“, sagte sie. „Das hat doch viel zu viel gekostet!“
Arthur zuckte mit den Schultern. „Nur die Rohmaterialien, die ich besorgt habe. Denn wenn ich ehrlich bin, bin ich nicht besonders geschickt. Also haben Brom und Auralia eigentlich den Rest gemacht. Aber ich hatte die Idee.“
„Aber-“ Mileny wurde von Auralia unterbrochen.
„Der gehört jetzt dir, Mileny. Es hat Spaß gemacht, wirklich, und so musst du dir keinen mehr leihen. Vielleicht kannst du ja den, den du bisher hast, hier in Ellesméra lassen. Der wird sicher wieder gebraucht. Wir haben ihn auch ein bisschen auf Zuwachs gefertigt. Wie du weißt, wachsen Drachen ja immer weiter. Aber der dürfte die endgültige Größe haben. Natürlich musst du die Riemen dann immer wieder austauschen und verlängern.“ Sie schwieg kurz. „Ich – gefällt er dir?“
„Natürlich!“, rief Mileny aus. „Ich danke euch.“ Sie fiel der Reihe nach Brom, Auralia und Arthur um den Hals. Rhunön schnaubte und sah mit zu Schlitzen verengten Augen die Freunde an.
„Was haben sie dir geschenkt?“, wollte sie von Mileny wissen.
„Ach, du weißt es noch gar nicht?“, fragte Mileny verwirrt.
Brom mischte sich ein. „Wir haben es ihr noch gar nicht gesagt, es sollte auch für sie eine Überraschung sein.“
„Na los, sag schon, Grashüpferchen.“ Rhunön reckte den Hals.
Grashüpferchen, formte Brom lautlos mit dem Mund und grinste, doch Mileny ignorierte ihn.
Sie umrundete wieder die Holzkiste und beugte sich vor, dann hob sie ein wenig ächzend einen großen, wunderschön verzierten Drachensattel empor.

~ ~ ~ ~ ~

Natürlich hatte Mileny den Sattel ausprobieren müssen. Vermutlich hatten nicht wenige Elfen den Kopf eingezogen, als Mileny und Diamila den Sattel 'eingeweiht' hatten. Tatsächlich war er Diamila noch zu groß, aber Rhunön und Arthur, die die meiste Erfahrung damit hatten, hatten ihn so festgemacht, dass er für die kurze Zeit ordentlich halten würde.
Warum die Elfen den Kopf eingezogen hatten? Wahrscheinlich, weil Amethysa, Saphira und Diamila allerlei Jagden und Spielchen in der Luft veranstaltet hatten, die nicht selten waghalsige Sturzflüge bis knapp über den Boden beinhalteten. Arthur und Nadir hatten dankend abgelehnt, was Mileny mit einem „Ihr seid wohl schon zu alt für sowas“ kommentiert hatte. Amethysa und Auralia waren die ersten gewesen, die wieder gelandet waren, während Brom, Saphira, Diamila und Mileny weiterhin flogen.

Oromis hatte das Treiben eine Zeit lang besorgt vom Boden aus verfolgt. Glaedr hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, mit den Worten: Unsere Schülerinnen scheinen endgültig wahnsinnig geworden zu sein.
Oromis hatte anfangs gelacht und den Worten Glaedrs keine wörtliche Bedeutung angemessen – bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte. Bei einigen Manövern Diamilas war Oromis sich sicher, dass sie und Mileny auf den Boden krachen würden. Und das bei der Geschwindigkeit! Das würde ihnen ziemlich sicher sämtliche Knochen brechen!
Sie sind wirklich wahnsinnig, schoss es ihm durch den Kopf und Glaedr schnaubte befriedigt, recht bekommen zu haben. Kaum zu glauben, dass er teilweise Angst um Diamilas und Milenys Gesundheit hatte. Aber genau davon zeugte der kleine Knoten in seinem Magen, der immer größer wurde, je öfter Diamila sich gen Erde stürzte.
Er wollte ihnen aber auch nicht den Spaß verderben, wusste er doch, dass Mileny heute Geburtstag hatte.
Willst du ihr dein Geschenk nicht geben?, fragte Glaedr mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme. Oromis wusste woher dieser Unterton kam. Und er ignorierte ihn konsequent. Das würde sie zumindest vom Himmel holen – und von der unmittelbaren Gefahr weg, sich bei einem der Sturzflüge den Hals zu brechen.

Dieser Idee stimmte Oromis gerne zu. Er ließ seine geistigen Verteidigungswälle sinken und streckte seine geistigen Fühler aus, bis er auf Milenys Geist traf. Erfreut registrierte er, dass selbst jetzt, in Zustand großen Übermutes, ihre Verteidigung fast lückenlos war. Und dass sie sofort reagierte und sich darauf konzentrierte, diese Lücken zu schließen, sobald sie seinen Geist spürte.
Ich bin es, Mileny. Oromis, sagte Oromis ruhig und folgte Diamilas Bewegungen mit den Augen. Komm bitte zu mir hinunter. Weitere Erklärungen lieferte er nicht
Natürlich, Ebrithil, erwiderte Mileny ein bisschen verwirrt. Sie gab Oromis' Bitte an Diamila weiter, welche sofort eine scharfe Kehrtwende hinlegte und beschleunigte, je näher sie Oromis' Haus kam.
Sie wird doch nicht ernsthaft-, dachte Oromis einigermaßen fassungslos. Doch, sie wird. Natürlich. Was habe ich denn anderes erwartet.
Diamila machte erneut einen Sturzflug – schneller und aus einer größeren Höhe als die anderen. Sie bremste erst so kurz vor dem Erdboden, dass Oromis schon halb den Wortlaut eines Zaubers, der ihre Kollision mit dem Boden verhindern sollte, auf den Lippen hatte. Doch Diamila legte eine beeindruckend sichere Landung hin – wenn auch absichtlich so, dass es ordentlich krachte und die Erde bebte.

Geht es Euch gut, Ebrithil?, fragte Diamila mit schief gelegtem Kopf, während Mileny abstieg. Ihr seht ein bisschen blasser aus als sonst.
Oromis fragte sich, wie Diamila reagieren würde, sollte er diese Frage wahrheitsgemäß beantworten. Er ließ es besser bleiben.
Mir geht es gut, danke der Nachfrage, Diamila, erwiderte inzwischen wieder gefasst. Dann stand Mileny auch schon vor ihm.
„Habe ich etwas falsch gemacht? Ich habe eigentlich nichts angestellt“, sagte sie ein bisschen unsicher.
Oromis schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, Mileny, du hast nichts falsch gemacht. Zumindest nichts, von dem ich wüsste.“
Mileny atmete auf. Oromis drehte sich um und betrat sein Haus. „Komm mit“, sagte er über die Schulter zu Mileny, welche ihm sofort folgte.
Im Wohnzimmer blieb sie stehen, während Oromis etwas aus einer Schublade einen Gegenstand herausnahm und damit zu ihr ging.
„Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag, Mileny“, lächelte er und überreichte ihr das Paket.
Überrascht sah Mileny ihn an. „Ich – dankeschön – ich – ich wusste gar nicht, dass...“ Ihr Stimme verlor sich, als sie das Geschenk entgegennahm. Unsicher starrte sie darauf.
„Ich soll dich weiterhin informieren, dass dein Vater heute noch über Rhunöns Spiegel Kontakt zu dir aufnehmen möchte“, redete Oromis weiter. „Weil du ja noch keinen eigenen hast. Und bevor du fragst, warum ich dich dafür zu mir gerufen habe: Wie du dich vielleicht erinnerst, hat Rhunön mir die Tür vor der Nase zugeschlagen.“ Oromis' Augen funkelten amüsiert, als Mileny zu einer Entschuldigung ansetzte. Doch er ließ sie nicht zu Wort kommen. „Sie möchte mich immer noch nicht sehen. Du kennst sie ja am besten. Sie ist stur. Ich bezweifle, dass die ihre Meinung innerhalb der nächsten zehn Jahre ändert“, scherzte er und Mileny gluckste leise.
„Ja, so ist sie“, meinte sie. Dann lächelte sie. „Ich danke Euch, Ebrithil. Hat Vater gesagt, wann er mich kontaktiert?“
Oromis schüttelte den Kopf. „Irgendwann heute Abend, wann er die Zeit dazu findet. Und jetzt geh. Ich bin sicher, die anderen warten schon.“
„Ja, Ebrithil“, erwiderte Mileny wie aus der Pistole geschossen. Sie neigte leicht den Kopf und legte die Hand aufs Herz. „Und danke.“
Sie zögerte kurz, dann drehte sie sich um und ging beschwingt zu Diamila. Dort stieg sie auf, Oromis' Geschenk sicher unter den Arm geklemmt.
Auf Wiedersehen, Ebrithil, verabschiedete Diamila sich von Oromis, und mit einem kräftigen Satz war sie in der Luft. Flog zurück zu Rhunöns Schmiede, wo inzwischen auch Saphira gelandet war und damit alle anderen warteten. Um weiter Milenys Geburtstag zu feiern.

Oromis wusste, weshalb sie gezögert hatte. Welche Frage sie eigentlich noch hatte stellen wollen. Und er war froh, dass sie sie nicht gestellt hatte. Denn er wusste selbst keine Antwort darauf.
Warum habe ich ihr etwas geschenkt?, fragte er sich selbst.
Das musst du wissen, sagte Glaedr. Erneut mit diesem Unterton in der Stimme. Oromis kannte diesen Unterton. Er wusste, das Glaedr etwas nicht ganz billigte, aber Oromis nicht widersprechen wollte, weil er sich nicht überzeugen lassen würde. Um ehrlich zu sein hasste Oromis diesen Unterton. Vor allen Dingen weil er wusste, dass sein Seelenbruder meistens recht hatte.
Oromis drehte sich um und betrat wieder sein Haus, Glaedrs Unterton immer im Hinterkopf.
Denn normalerweise schenkte ein Lehrer seinem Schüler nichts.

~ ~ ~ ~ ~

Spät am Abend, als die kleine Runde sich eigentlich schon aufgelöst hatte, saß Mileny müde aber zufrieden auf ihrem Bett. Gerade eben hatte sie noch über den Spiegel ihrer Patentante mit ihrem Vater gesprochen, und das nicht gerade wenig. Er hatte sie nach ihren bisherigen Erlebnissen gefragt und dann war alles aus ihr herausgesprudelt.
Als Mileny ihm schließlich von dem Geschenk ihrer Freunde erzählte, bat ihr Vater sie, den Sattel nur zur Sicherheit nochmal Oromis zu zeigen. Daraufhin verdrehte Mileny die Augen und sagte ihm, dass sie sich ziemlich sicher sei, dass der Sattel ordentlich gefertigt worden war. Schließlich gab Vrael nach, aber mit einer Miene, bei der Mileny wusste, dass ihr Vater den Sattel höchstselbst überprüfen würde, sobald sie wieder in Dorú Aeraba war.
Irgendwann hatte sie sich dann von ihm verabschiedet, den Spiegel zu Rhunön zurückgebracht und ihrer Tante Gute Nacht gewünscht, dann war sie in ihr Zimmer gegangen und hatte sich bettfertig gemacht. Diamila döste schon längst vor sich hin, am Ende hatten ihre kühnen Manöver sie nämlich doch ermüdet.

Und jetzt saß Mileny auf ihrem Bett und griff nach Oromis' Geschenk. Sie war aus allen Wolken gefallen, als Oromis ihr ein Geschenk überreicht hatte. Nicht nur, dass er wusste, wann sie Geburtstag hatte, sondern auch ein Geschenk hatte er ihr gekauft. Mileny war sich nicht sicher, dass das sonst so üblich war.
Vorsichtig öffnete sie die Schnüre und befreite das Geschenk von seiner Verpackung. Sie hielt den Atem an, als sie den Titel des Buches las, das nun in ihrer Hand ruhte.
Die Chroniken der Drachenreiter, Band 1
Und als Mileny das Buch aufschlug, fand sie jedes Wort leserlich vor. Nicht so wie das Exemplar in der Bibliothek von Ilirea, wo sie auf den ersten einhundert Seiten pro Seite nur ein paar Wörter hatte entziffern können. Jedes einzelne Wort sauber und sorgfältig geschrieben. Es wirkte wie neu.
Mileny schlug die allererste Seite auf, in der etwas in einer anderen, sauberen Handschrift geschrieben stand.

Ich habe selten eine Schülerin gehabt, die sich so sehr für Geschichte interessiert wie du, begann sie zu lesen. Und vor allen Dingen für die Anfänge der Drachenreiter. Es ist kein ruhmreiches Kapitel unseres Volkes, selbst nachdem der Frieden geschlossen wurde. Es freut mich, dass du es trotzdem wissen willst – und dich selbst von Lord Däthedr nicht abhalten lässt.
Oromis

Wie hat er davon erfahren?, fragte Mileny sich. Wie hat er von meinem Konflikt mir Lord Däthedr erfahren?
Sie starrte noch einige Zeit auf die Worte ihres Lehrers, dann löschte sie alle Lichter bis auf eines, legte sich bequem hin und begann zu lesen.
Von Anfang an.
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