Wo Licht ist, ist auch Schatten

GeschichteDrama, Romanze / P16
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
06.12.2019
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Kurze Frage vorneweg: Kennt ihr den Namen Silvarí noch von irgendwoher?
Ich danke noch schnell Thanata13, Atrox und HakiNutzer63 und wünsche euch viel Spaß!

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Kapitel 30: Alte Bekannte

Mileny wusste letztendendes nicht, was ihr an Silvarí so vertrauenerweckend vorkam. Schließlich konnte die Frau eine Hochstaplerin sein, sie konnte Oromis' und König Evanders Namen nur genannt haben, um Milenys Vertrauen zu gewinnen. Schließlich kannte jeder in Alagaësia diese Namen. Und wenn der Rat der Altvorderen Silvarí nicht in Kenntnis über die letzten Ereignisse gesetzt hatte, dann wusste er sicher, was er tat, und es stand Mileny nicht zu, irgendwelche Informationen preis zu geben.
Und trotzdem... trotzdem... Ein Werkater vertraute dieser Frau. Er führte sogar 'Aufträge' für sie durch. Und diese Geschöpfe verschenkten ihr Vertrauen garantiert nicht leichtfertig. Außerdem... Silvarí erinnerte Mileny ein bisschen an Rhunön. Genauso direkt und ehrlich. Sie nahm kein Blatt vor den Mund.
Mileny entschied sich, Silvarí zu vertrauen.

„Der alte Drache hat wirklich keine Prophezeiung ausgesprochen, sondern eine Warnung“, berichtete sie und senkte dabei die Stimme, als hätte sie Angst, dass jemand anderes es mithören könnte. „Er sagte, dass etwas kommen, würde, er wisse aber nicht, was das sei. Noch hätte der Orden wohl genug Zeit, diese Katastrophe abzuwenden, und die sollten sie nutzen, denn wenn das Chaos einmal da wäre, könne es nicht mehr abgewendet werden.“
Mileny und Silvarí schwiegen. Keine Fröhlichkeit war mehr auf dem Gesicht der Wahrsagerin zu sehen. Es schienen unsichtbare Wellen von Macht von ihr auszugehen, die Mileny zum Schaudern brachten. Und zum Zweifeln. War Silvarí überhaupt ein Mensch? Spitze Ohren hatte sie keine, aber so klein wie ein Zwerg war sie auch nicht. Und andere menschenähnliche Völker gab es nicht in Alagaësia – oder?
„Er hat wirklich nicht gesagt, wer oder was diese Gefahr darstellen könnte?“, fragte Silvarí scharf.
Mileny schüttelte stumm den Kopf.
Silvarí fragte weiter: „Was hat der Orden unternommen?“
„Ich weiß nicht, ob der Orden überhaupt etwas unternommen hat“, erwiderte Mileny. „Und wenn doch, dann ist es nicht zu mir durchgedrungen. Allerdings bin ich auch bloß eine von vielen Schülern, und mir wird man wohl kaum etwas anvertrauen.“

„Und wie steht es mit diesem anderen Drachenreiter, der überlebt hat?“, fragte Silvarí.
„Er wurde gefunden, soweit ich weiß. Die Drachenreiter, die ausgeschickt wurden, um den Tod der anderen Drachenreiter und den der Drachen zu rächen, haben die Urgals besiegt.“
„Es waren Urgals, die die Drachenreiter angegriffen haben?“, unterbrach Silvarí Mileny.
Diese nickte. „Allerdings weiß niemand, weshalb. Oromis-Ebrithil meinte, dass sie es sicher nicht wagen würden, einen Krieg mit dem Orden zu riskieren. Er ist sich nicht sicher, was die Urgals damit bezwecken. Und er möchte keinen Krieg mit ihnen, solange nicht feststeht, was wirklich passiert ist und weshalb.“ Mileny biss sich auf die Unterlippe. Das Letzte war ihr herausgerutscht, sie hatte es eigentlich gar nicht sagen wollen. Das hatte sie schließlich nur erfahren, weil sie gelauscht hatte.
„Aber weitere Informationen zu den Urgals hast du nicht?“, stellte Silvarí ihre letzte Frage.
Mileny schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist alles, was ich weiß. Wie gesagt, ich bin nur eine Schülerin, Oromis-Ebrithil hilft Euch sicher gerne weiter.“
„Ich danke dir, Mileny“, sagte Silvarí. Der ernste Ausdruck auf ihrem Gesicht war verschwunden und sie lächelte leicht. Diese unsichtbare Macht, die von ihr ausgegangen zu sein schien, war verschwunden. Mileny hatte sich das sicher nur eingebildet.
Silvarí bekam kurz einen abwesenden Gesichtsausdruck, dann klärte sich ihr Blick wieder. „Es war schön, dich kennen gelernt zu haben, Mileny. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder.“ Ihr Lächeln erschien Mileny irgendwie wissend.
„Es war mir eine Ehre, Silvarí-Elda“, erwiderte Mileny respektvoll. „Astra Esterní ono thelduin.*“
Silvari legte eine Hand auf ihr Herz. „Mor'ranr lífa unin Hjarta onr.**“
„Un du Evarínya ono varda***“, schloss Mileny die traditionellen elfischen Worte ab. Langsam drehte Silvarí sich um und verließ die Klippe. Ihr Rock wog leicht im Wind, als die Wahrsagerin sich ihren Weg durch das hohe Gras bahnte. Mileny sah ihr nach, bis sie mit dem Wald verschmolzen war. Gerne hätte sie mehr über die geheimnisvolle Frau erfahren. Wer sie war... oder eher WAS sie war. Aber Silvarí erschien ihr wie jemand, der genau darauf achtete, wem sie was und wie viel erzählte. Mileny hoffte wirklich, dass sie Silvarí wiedersehen würde.

Als sie sich am Stand der Sonne orientierte, erschrak sie. War wirklich schon so viel Zeit vergangen? Wenn sie jetzt zur Schmiede zurückkehrte, wäre Rhunön vielleicht mit ihrer Arbeit fertig. Mileny wunderte sich noch immer, dass ihre Tante sie einfach sang- und klanglos aus dem Haus geschmissen hatte, während Diamila bleiben durfte. Aber das war Rhunön. Eigentlich hatte Mileny schon vor langer Zeit aufgehört, sich über sie zu wundern.
Sie wandte sich um und tauchte wieder in den Schatten des Waldes ein, um sich zurück nach Ellesméra zu begeben. Kurz musste sie überlegen, wo lang sie gehen musste, weil Solembum sie auf dem Hinweg geführt hatte, doch einige Zeit später befand sie sich wieder in der Stadt und grüßte höflich einige Elfen, die ihr begegneten.
Mileny wurde aufmerksam, als sie ihren Lehrer erblickte. Dann fiel ihr ein, dass sie Silvarí einiges erzählt hatte, was sie eigentlich nicht wissen dürfte und versuchte krampfhaft, den schuldbewussten Ausdruck auf ihrem Gesicht wieder zu verbannen und schnell an Oromis vorbei zu gehen.
Murmelnd grüßte sie ihn und atmete schon auf, als Oromis' Stimme hinter ihr sie aufhielt.
„Geht es dir gut, Mileny?“ Mileny verfluchte im Stillen Oromis' Aufmerksamkeit und blieb stehen.
„Natürlich, warum sollte es mir nicht gut gehen?“, fragte sie und wandte sich zu ihm um.

Oromis sah sie so scharf an, dass sie sich beinahe nackt fühlte. Als würde er in ihr tiefstes Inneres blicken und genau sehen, wer sie war. Mileny bekam eine Gänsehaut und verschränkte die Arme vor der Brust, als würde es ihr irgendeinen Schutz gewähren.
„Du wirkst anders“, beantwortete er ihre Frage und kam auf sie zu, bis er vor ihr stehen blieb. „Irgendwie schuldbewusst.“
Mileny erstarrte. „Warum sollte ich denn schuldbewusst sein?“
„Ich weiß es nicht. Das musst du wissen.“ Nach wie vor sah Oromis sie unnachgiebig an.
Mileny versuchte ihr fragenden Gesichtsausdruck weiter beizubehalten, während sie angestrengt nachdachte. Oromis konnte ihr sicher sagen, wer Silvarí war. Wahrscheinlich kannte er sie. Den Zorn ihres Lehrers riskierend fragte Mileny: „Kennt Ihr eine Frau mit braunen Locken, die recht klein ist und von einem Werkater namens Solembum begleitet wird?“
Jetzt erstarrte Oromis. „Ja“, sagte er nach einem kurzen Moment der Stille. „Ja, ich kenne sie. Hast du sie getroffen?“
Mileny nickte. „Sie wird Euch vermutlich bald aufsuchen.“
Oromis machte auf dem Absatz kehrt und ließ seine verwirrte Schülerin auf dem Weg stehen. Planlos starrte Mileny ihm hinterher. Was war denn jetzt in ihn gefahren?

Wenn sie auftaucht, bedeutet es selten etwas Gutes, warnte Glaedr.
Ich weiß, erwiderte Oromis und beschleunigte. Ich weiß.
Er stoppte vor seinem Haus und ließ seinen Blick über Fenster und Tür schweifen. Alles war so, wie er es verlassen hatte, doch das bedeutete bei der braunhaarigen Wahrsagerin recht wenig. Sie konnte schon drinnen sein und sich gemütlich eine Tasse Tee machen, während ihr Begleiter seine Krallen an seinem Sofa wetzte. Sie tauchten wirklich nur auf, wenn Gefahr im Vorzug war. Auch wenn die Wahrsagerin selber gerne behauptete, sie sei einfach nur dort, wo interessante Dinge geschehen würde, glaubte Oromis nicht so recht daran. Seine Definition von 'interessant' unterschied sich deutlich von ihrer.
Ohne weiter zu zögern drückte er die Klinke herunter und betrat sein Haus. Das Erste, was ihm auffiel, war der Werkater, der ein Nickerchen auf seinem Sessel zu halten schien. Doch dann öffnete er die Augen und starrte Oromis ohne zu blinzeln an.
„Guten Tag, Solembum“, sagte Oromis ruhig. „Wie ich sehe, hast du heute noch keine Zeit gefunden, mein Inventar zu ruinieren.“ Der Werkater hatte es sich in den vergangenen Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht, jedes Mal, wenn er ihn traf, Oromis' Möbel als Kratzbaum zu missbrauchen. Und er hatte deswegen schon vor langer Zeit aufgehört, Solembum höflich anzusprechen. Den Werkater interessierte das sowieso nicht.

„Ja, wir sind erst seit kurzem hier“, ertönte eine Stimme aus seiner Küche und die Wahrsagerin erschien im Türrahmen. In der einen Hand eine Tasse Tee, in der anderen irgendein Stück Gebäck.
„Nerwana“, begrüßte Oromis sie. „Wir haben uns lange nicht gesehen.“
„Ja, nicht wahr?“, sagte sie. „Es müsste schon... achtundsiebzig Jahre her sein. Aber tu mir ein Gefallen, und nenne mich Silvarí. Nerwana ist schon lange tot.“
„Warum bist du hier?“, fragte Oromis und kam damit direkt zum Punkt.
Silvarí schnalzte tadelnd mit der Zunge. „Also wirklich. Wollen wir uns nicht erst einmal setzen und ein bisschen plaudern?“ Sie ließ sich auf das Sofa fallen und legte ihre braunen Stiefel beinahe provozierend auf den kleinen Tisch davor.
Oromis hob nur eine Augenbraue und starrte sie an. Nerwana – nein, Silvarí starrte zurück. Sie blinzelte zuerst und sah weg. Dann nahm sie seufzend ihre Füße vom Tisch und setzte sich gerader hin.
„Deine Schüler müssen dich schon alleine wegen dieses Blickes hassen“, murmelte sie und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Es hält sich in Grenzen“, erwiderte Oromis und setzte sich ebenfalls. „Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Warum bist du hier?“

Silvarí lächelte und ignorierte seine Frage. „Hasst Vraels Tochter dich wegen dieses Blickes oder ist sie einigermaßen erträglich? Ich mag sie nämlich, weißt du. Sie ist nicht so verklemmt und langweilig wie der Rest ihres und deines Volkes.“
„Sie ist anders, ja. Du hast sie getroffen, was mich wieder zu meiner Frage bringt: Warum bist du hier?“ Er betonte jedes Wort einzeln.
Das Amüsement verschwand aus Silvarís Gesicht. „Warum fragst du mich, wenn du es doch schon weißt? Oder wenigstens ahnst?“
Oromis sah sie nur an.
„Dinge bewegen sich, Oromis.“ Silvarí beugte sich vor. „Und die Richtung, in die sie sich bewegen, gefällt mir ganz und gar nicht.“
Oromis konnte das Alter in ihren Augen sehen, die Jahre, die sie schon durchlebt hatte. Und er wusste, dass sie dasselbe auch in seinen Augen sah. „Was zeigen dir deine Visionen?“ Er war sich nicht ganz sicher, ob er das wirklich wissen wollte.
Silvarís Blick verdüsterte sich. „Krieg, Oromis. Ein Krieg, wie es ihn seit dem Du Fyrn Scublaka nicht mehr gegeben hat.“
Eisern behielt Oromis seinen neutralen Gesichtsausdruck bei. „Zwischen wem? Wer hat ihn ausgelöst? Wann beginnt er?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wann er beginnt, ich weiß nicht, wer ihn auslöst. Aber ich sehe Blut regnen. Ich sehe Drachen vom Himmel fallen, ihre Reiter mit ihnen. Ich sehe, wie die Erde in Blut getränkt wird.“

Unweigerlich musste Oromis zurück an Lobelias denken. Und an Luvira. Wie ihr Blut auf den Boden geprasselt war, wie eine einst so stolze und schöne Drachendame leblos auf dem Boden lag. Er unterdrückte ein Schaudern.
„Es besteht einen Zusammenhang zwischen alledem, was passiert und was meine Visionen mir zeigen“, holte die weise Stimme Silvarís ihn aus seinen Gedanken. „Zwischen der Warnung des Drachen und dem Tod der Ordensmitglieder. Und meinen Visionen. Der Drache hat zwar gesagt, dass ihr noch Zeit habt, das Unheil abzuwenden, aber was tut ihr dafür?“ Ihre Augen bohrten sich in Oromis', unnachgiebig und mächtig.
„Woher weißt du davon?“, war Oromis' eisige Antwort. Was genau der alte Drache in seiner Warnung gesagt hatte, wurde nicht öffentlich gemacht, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Sicher sickerte immer etwas durch, genauso wie von dem Tod der Drachenreiter und der Drachen, aber nicht der genaue Wortlaut.

Silvarí lächelte bloß. Und dieses Mal war es Oromis, der nachgab.
„Der Rat nimmt die Warnung nicht so ernst, wie ich es gerne hätte. Er konzentriert sich meiner Meinung nach zu sehr darauf, dass wir noch 'viel Zeit' hätten. Dennoch wurden Spione ausgesandt, Erkundungsflüge in alle Richtungen geschickt und besonders die Gebiete in der Nähe von Urgaldörfern gewarnt und deren Verteidigung verstärkt.“ Oromis stand auf und trat an das Fenster. Blickte hinaus auf den friedlichen Wald, die goldroten Herbstblätter, die im Wind wogten. „Der Überfall auf Galbatorix und seine Begleiter ging ganz klar von Urgals aus. Ich glaube nicht, dass sie einen Krieg mit dem Orden anfangen würden. Selbst wenn sie uns ebenbürtig wären, würde uns das Königreich Broddring, das Elfenreich und sicher auch das Königreich der Zwerge beistehen.“ Erneut schwieg er, hinter ihm ertönte kein Laut. Er überlegte, ob er seine Gedanken vollends preisgeben sollte. Oromis setzte erneut zum Sprechen an und drehte sich währenddessen um.
„Ich glaube-“, begann er, doch brach dann ab.
Die leere Tasse stand auf dem Tisch, das Gebäck daneben liegend. Aber das Sofa war leer. Ebenso wie der Sessel.

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*Möge das Glück dir hold sein.
**Mögest du Frieden im Herzen tragen.
***Mögen die Sterne über dich wachen.

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Ich weiß, es ist kürzer als sonst, aber ich kann mich nur wiederholen, was das angeht: Der Inhalt des Kapitels ist abgeschlossen, was bringt es also, ihn weiter zu strapazieren und euch damit zu langweilen?

Das ist das letzte Kapitel für dieses Jahr.
Ich hoffe, ihr habt schön Weihnachten gefeiert und eine schöne Zeit mit eurer Familie verbracht. Ich wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr und hoffe, dass wir uns 2019 gesund und munter wieder lesen.
Feiert schön!
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