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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
20.05.2022
156
460.755
65
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
21.01.2022 2.923
 
Hallo liebe Leute,
ich hoffe, ihr seid immer noch oder wieder gesund.
Ich bedanke mich bei Angvard, Ijisain, Bellariel, alexeragon, Kolliy, Phantomdrache und Yandaske Tampewats für die Reviews.
Viel Spaß!

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Kapitel 146: Fernzündung

Was auch immer Dut und Gala sich als Milenys Geheimnis ausgemalt hatten, das war es ganz sicher nicht gewesen.
Mileny beobachtete belustigt, dass die Zwillinge nicht so recht wussten, wie sie sich in Oromis’ Gegenwart verhalten sollten. Oromis selbst saß entspannt auf Milenys Sofa, sie neben ihm, und versuchte, sich freundlich mit Dut und Gala zu unterhalten. Die machten es ihm allerdings nicht wirklich leicht.
Dut schien gar nicht zu wissen, wie er Oromis jetzt einordnen sollte – als Vorgesetzten, also als Respektsperson, oder als jemanden, der ihm gleichgestellt war.
Gala war schlicht und einfach skeptisch. Ihre Augenbrauen waren ständig hochgezogen, in jedem kurzen Satz, den sie mit Oromis wechselte, kam zum Ausdruck, dass sie eigentlich so gar nichts davon hielt, aber entweder Mileny zu sehr mochte oder Oromis zu sehr respektierte, als dass sie ihren Gedanken Ausdruck verleihen würde.
Für Mileny glich das einem Theaterstück. Die offene Skepsis der Zwillinge und Oromis’ leise, schleichende Verzweiflung, die sicher nur sie bemerkte, waren einfach köstlich. Oromis konnte mit Fürsten und Königen umgehen, aber die Zwillinge sorgten dafür, dass er sich unwohl fühlte.

Möchtest du aufhören, dich über mich lustig zu machen?, hörte Mileny auf einmal seine Stimme in ihrem Kopf. Äußerlich konnte man Oromis nicht ansehen, dass er nicht nur Dut zuhörte, sondern auch gleichzeitig mit Mileny sprach
Noch nicht im Entferntesten, gab Mileny zurück.
Oromis warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, der deutlich besagte, was er von ihrer Antwort hielt.
Ich habe mir schon öfter Gedanken gemacht, wie es ablaufen würde, wenn ich dich meinen Freunden vorstelle.
Und entspricht es deinen Erwartungen?
Mileny grinste. Ich muss zugeben, ich hätte nicht erwartet, dass Dut so still ist. Aber vermutlich weiß er einfach noch nicht, wie er mit dir umgehen soll.
Dann sind wir schon zu zweit.
Dieses Mal entkam Mileny ein belustigtes Schnauben. Dut unterbrach sich selbst und blickte sie ebenso wie Gala fragend an.
Ein Klopfen an der Tür rettete Mileny vor einer Erklärung. Grinsend stand sie auf, wohlwissend, dass Oromis es gar nicht gefallen würde, mit den Zwillingen alleine gelassen zu werden.
Ernsthaft, er hatte schon deutlich schlimmere Situationen überstanden. Warum war ihm das nur so unangenehm?

Zu Milenys Überraschung standen Auralia und Brom vor der Tür.
„Ich habe kein Treffen vergessen, oder?“, vergewisserte sie sich.
„Oh nein, wir wollten nur wissen, wie es vorangeht“, sagte Brom mit einem Funkeln in den Augen.
Mileny blickte zwischen den beiden hin und her. „Woher wusstet ihr…?“
Auralia zuckte mit den Schultern. „Hab Oromis vorhin vor deiner Tür gesehen. Er hatte den gleichen Ausdruck in seinen Augen wie Amethysa damals, als sie die Vorratskammer eines Gasthauses geplündert hatte.“
Hinter Mileny räusperte sich jemand. Das Geräusch ließ sowohl sie, als auch Auralia und Brom zusammenzucken. Langsam drehte sie sich um.
Oromis lehnte im Türrahmen zum Wohnzimmer und blickte Auralia mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Will ich wissen, welches Gasthaus das war?“

Mileny sah wieder zurück zu ihren Freunden. Brom hatte zumindest den Anstand, ein bisschen rötlich anzulaufen, während Auralia komplett unbeeindruckt blieb. Sie schien es zu schaffen, Oromis von seiner Arbeit als Altvorderer zu trennen. Es war kein Wunder, dass das Brom nicht so leicht fiel. Immerhin hatten Oromis und Glaedr Saphira und ihn ausgebildet.
Auralia zuckte bloß mit den Schultern. „Das war irgendwo in Ceunon.“ Sie trat ohne auf eine Aufforderung zu warten an Mileny vorbei, zog sich ihre Stiefel aus und hängte ihren Mantel an die Garderobe.
„Und außerdem hat der Orden Schadensersatz gezahlt“, fügte sie hinzu. Damit schob sie sich auch an Oromis vorbei ins Wohnzimmer und begrüßte Dut und Gala.
Seufzend trat Mileny einen Schritt zur Seite und ließ auch Brom herein.
„Ich habe versucht, sie aufzuhalten“, meinte er.
„Nein, hast du nicht“, sagte Mileny trocken.
Brom grinste, auch wenn sein Blick kurz zu Oromis flackerte, der noch immer im Türrahmen stand. „Nein, habe ich nicht.“
Er neigte höflich den Kopf vor Oromis, der in den Flur trat und so den Weg freigab.
Mileny streckte eine Hand nach Oromis aus. Sofort verschränkte er seine Finger mit ihren.
„Irgendwelche anderen Freunde, die unangekündigt hier auftauchen werden?“, fragte er leise.
Mileny zuckte mit den Schultern. „Wenn ich es wüsste, wären sie doch nicht unangekündigt, oder?“ Lachend zog sie Oromis mit ins Wohnzimmer. Da musste er jetzt durch.

~ ~ ~ ~ ~

„Eigentlich hat Ithronel uns eher gezwungen, es Vater zu sagen“, erzählte Mileny. „Sie ließ sich nicht wirklich davon abbringen.“ Auralia und Brom kannten die Geschichte natürlich, aber für die Zwillinge war es neu.
„Und wie hat er reagiert?“, fragte Gala neugierig. Ihr Blick huschte kurz zu Oromis, der sich eher zurückhielt.
Mileny sah ihn ebenfalls an. „Oromis lebt noch“, sagte sie trocken.
„So schlimm?“, meinte Dut.
„Tatsächlich nicht so schlimm wie erwartet“, warf Oromis ein. „Begeistert war er natürlich nicht.“
„Und er hat dich ins Gesicht geschlagen“, erinnerte Mileny ihn.
„Als ob ich das vergessen könnte.“

Dut verschluckte sich an seinem Getränk, als ihm etwas einfiel. „Deswegen hat irgendetwas im Rat nicht funktioniert! In den letzten Tagen haben immer wieder Gerüchte kursiert, dass es Streit zwischen Primor Argetlam* Vrael und einem Ratsmitglied gibt, dabei fiel auch Euer Name.“ Den letzten Teil sagte er in Oromis’ Richtung.
Mileny stieß ihm unauffällig ihren Ellenbogen in die Seite, aber auch so hätte er daran gedacht.
„Du“, korrigierte Oromis ihn.
„Verzeihung?“
„Ihr könnt mich ruhig duzen“, sagte Oromis. „Alles andere wäre ziemlich seltsam.“ Das ist es schon jetzt, fügte er ihn Gedanken hinzu.
„Es wird eine Weile brauchen, bis ich mich daran gewöhnen werde“, stellte Brom fest. Sein Blick huschte zwischen Mileny und Oromis hin und her. „Und… daran.“
„Aber du wusstest es doch schon länger“, meinte Auralia verwirrt.
Brom zuckte mit den Schultern. „Wissen ja, sehen eher weniger. – Gib mit eine Woche, dann habe ich mich auch daran gewöhnt.“

Ich freue mich schon sehr auf die Geschichten, mischte Diamila sich ein.
Mileny verzog das Gesicht. Sie wusste, was jetzt kommen würde.
Das stimmt, ich bin gespannt, wie viel Fantasie die Zweibeiner dieses Mal aufbringen, sagte Saphira begeistert. Als das mit Auralia und Arthur neu war, war es schon ziemlich amüsant.
„Wer weiß, vielleicht sollten wir uns daran beteiligen?“, schlug Auralia vor. Sie beobachtete genau Milenys Gesichtsausdruck. „Nur so zum Spaß. Und wer die beste Version in die Welt setzt, gewinnt.“
„Wie könnt ihr mir das bloß antun?“, jammerte Mileny. Sie lehnte ihre Stirn gegen Oromis’ Schulter. „Hilf’ mir doch mal.“
Oromis konnte nur lachen. „Ich befürchte, diese Freunde hast du dir ausgesucht.“
Dir ist nicht mehr zu helfen, bestätigte Saphira.
Diamila schnaubte. Das wussten wir schon vorher.

„Ja, ich habe es verstanden, ich bin verloren“, rief Mileny in das entstandene Gelächter.
„Noch nicht.“ Auralia bekam sich als Erste wieder ein. „Oder hast du es schon Rhunön gebeichtet?“
Mileny spürte, wie Oromis sich neben ihr kurz anspannte. Ihr selbst wich ein wenig das Blut aus dem Gesicht.
„Also nicht“, schlussfolgerte Auralia aus ihrer Stille.
Mileny schüttelte den Kopf. „Ich – ähm… bin noch nicht so wirklich dazu gekommen…“
„Aber wenn ihr jetzt kein Geheimnis mehr daraus machen wollt, wäre es vielleicht ganz sinnvoll, es Rhunön-Elda mitzuteilen“, sagte Dut. „Ich kenne sie zwar nicht wirklich, aber selbst als sie mir nur mein Schwert überreicht hat, ist bei mir der Eindruck entstanden, sie sei ein wenig… reizbar.“
„Jähzornig trifft es auch“, sagte Mileny trocken. Sie seufzte. „Das muss ich dann wohl noch heute Abend machen. Und Nora und Fe-“ Sie stockte. „Ferina einen Brief schreiben.“ Die Zwillinge wussten nichts von Feyla. Offiziell wurde die Zwergin ja immer noch vermisst und Mileny würde garantiert nicht dazu beitragen, dass irgendwer Feyla entdeckte und versuchte, sie zu Nado zurückzuschaffen.

Mileny warf Oromis einen Seitenblick zu. „Bereit für Rhunön?“
„Für Rhunön kann man nicht bereit sein“, gab Oromis mit mehr Ernst in der Stimme zurück, als ihr lieb war. „Rhunön kann man nur überleben.“
„Das ist wohl wahr“, murmelte Brom. Genauso wie alle anderen Anwesenden hatte er Rhunöns schroffe Art schon erlebt. Mit der Schmiedin war nicht zu spaßen.
„Und bei – dir?“, fragte Brom unbehaglich in Oromis’ Richtung.
Oromis zuckte mit den Schultern und versteckte ein Lächeln. Er hätte gedacht, dass Brom zumindest am Anfang einige Male das „Du“ und „Euch“ durcheinanderbringen würde. Aber es war ihm noch rechtzeitig eingefallen.
„Laetrí weiß es schon, Ithronel und Vrael auch“, sagte er schließlich. „So viele gibt es gar nicht, denen ich irgendetwas persönlich sagen will. Schon gar nicht dem Rest des Rates.“ Von denen es ohnehin schon die Hälfte weiß, fügte er in Gedanken hinzu. Und der Rest… Urplötzlich fiel ihm etwas ein und er erstarrte wieder.
„Oromis?“, fragte Mileny verwirrt, aber er hörte sie gar nicht richtig.

Er hatte Inisia vergessen. Wie hatte er nur Inisia vergessen können? Inisia – oder eher die Fricai Evarínya**, die ihn schon vor gefühlten Jahren gewarnt hatte, was Mileny anging. Selbst als er zu diesem Zeitpunkt noch nicht das geringste Interesse an Mileny gehabt hatte.
Es stimmte, dass er inzwischen deutlich besser mit seiner Schwester auskam als früher, aber er wollte gar nicht wissen, wie sie reagieren würde, sobald sie erfuhr, dass sie am Ende recht behalten hatte.
Ganz kurz fragte Oromis sich, wer schlimmer sein würde – Rhunön oder seine Schwester. Dann musste er sich aber sofort eingestehen, dass, egal wie Inisias Reaktion ausfallen würde, sie niemals an Rhunön heranreichen könnte.

Sie wird unausstehlich sein, prophezeite Glaedr.
Das ist mir bewusst, gab Oromis zurück. Obwohl es sie eigentlich überhaupt nichts angeht! Genauso wie irgendwer anders besitzt sie kein Recht, in irgendeiner Art und Weise über mich – uns – zu urteilen.
Denkst du, sie wird irgendetwas versuchen?
Das sollte sie lieber nicht. Abgesehen von mir wird Mileny da auch noch ein Wörtchen mitreden wollen. Und meiner Ansicht nach sollte Inisia sich nur zu deutlich an das letzte Mal erinnern, als sie versucht hat, Mileny zu „beschützen“. Mit ihrem Urteil kann sie sich dann hinten anstellen. Das werden sich viele bilden.
Und was ist mit deinen Eltern?, fragte Glaedr vorsichtig.
Ah ja. Seine Eltern. Das hatte er ganz vergessen. Sie werden es schon mitbekommen, gab Oromis zurück. Nein, seine Eltern würde er nicht informieren. Er konnte sich den Gesichtsausdruck seines Vaters schon bildlich vorstellen. Leider.

„Oromis, was ist los?“, riss Mileny ihn endlich aus seinen Gedanken.
Oromis sah auf und bemerkte, dass alle Blicke auf ihm lagen. Er räusperte sich. „Meine Schwester“, sagte er dann langsam.
Milenys Augenbrauen schossen in die Höhe. „Oh“, machte sie. „Das ist mir tatsächlich… entfallen.“
„Ihr – Du hast eine Schwester?“, fragte Gala verwirrt.
Oromis nickte kurz.
„Und I- du verstehst dich nicht gut mit ihr?“ Wieder musste Gala sich mitten im Satz korrigieren.
„Sie hat mal den Familienflügel in die Luft gehen lassen, als ich drinnen war“, sagte Oromis kurz.
Gala und Dut machten große Augen, ebenso wie Brom und Auralia. Das hatte Mileny ihnen nicht erzählt.
„Und ich würde es vorziehen, wann sich das nicht in etwaigen Gerüchten niederschlagen würde“, fügte er hinzu. Reihum sah er jeden an und bekam im Gegenzug ein ernstes Nicken.
Erleichtert atmete er aus. Mileny war eine Sache – und das würde absolut genügen, um die Gerüchteküche in Dorú Areaba – wem wollte er etwas vormachen, in ganz Alagaësia – für einige Monate zu befeuern. Niemand brauchte zu wissen, dass ausgerechnet die Fricai Evarínya seine Schwester war.
Aber so ziemlich jeder hatte vergessen, dass Oromis’ Eltern nicht nur einen Sohn, sondern auch eine Tochter hatten, die sogar älter war als er. Nur hatte Oromis’ Vater Ferlon damals dafür gesorgt, dass Inisia praktisch aus jeder Aufzeichnung getilgt wurde und sie totgeschwiegen – etwas, das Oromis ihm bis heute vorwarf.

~ ~ ~ ~ ~

Mileny hatte das Bedürfnis, unruhig auf und ab zu gehen.
Reiß dich gefälligst zusammen!, sagte Diamila streng. Du bist kein Kind mehr und Rhunön siehst du gleich sowieso nur im Spiegel. Sie wird – und kann – dir momentan gar nicht den Kopf abreißen.
Da wäre ich mir nicht so sicher, gab Mileny zurück.
Mileny…
Ist ja schon gut, lenkte Mileny ein. Und du hältst dich bitte zurück, deine klugen Kommentare brauche ich nicht auch noch im Hintergrund.
Diamila schnaubte zwar, zog sich aber ein wenig zurück und überließ Mileny ihrem Schicksal.

Mileny atmete noch einmal tief durch, dann aktivierte sie den Kommunikationsspiegel. Fast wünschte sie sich, dass Rhunön nicht reagieren würde. Manchmal hatte ihre Tante das Signal einfach überhört, weil sie zu beschäftigt gewesen war, heute erschien sie aber nach wenigen Augenblicken.
„Lässt du auch mal wieder etwas von dir hören, wie angenehm“, begrüßte Rhunön sie anklagend. „Musste irgendwer dafür sterben oder was ist passiert?“
Mileny verdrehte ein wenig die Augen, musste aber lächeln. „Ich freue mich auch, mal wieder mit dir zu sprechen, Tantchen.“
Rhunön hob warnend einen Zeigefinger. „Wag’ es ja nicht, mich Tantchen zu nennen.“
Mileny grinste. Das hatte sich also noch nicht verändert, wie beruhigend. Normalerweise würde sie Rhunön jetzt weiter damit ärgern, aber heute brauchte sie sie bei guter Laune.
Rhunön begann, Mileny über die Geschehnissen im Orden auszuquetschen. Rhunön war vieles, aber kein Ordensmitglied. Demnach konnte Mileny ihr gar nicht die wahren Gründe für die aufgeflammte Aktivität der wilden Drachen oder die Anspannung des Ordens verraten, so sehr Rhunön auch nachbohrte. Mileny versuchte gar nicht erst, ihre Tante von der offiziellen Version der Ereignisse zu erzählen. Rhunön würde ihr das niemals abkaufen.

„Was ist los, Kleines?“, riss Rhunön Mileny aus ihren Gedanken.
Mileny fuhr zusammen. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sie abgeschaltet hatte. „Nichts, alles in Ordnung.“
„Bist du krank?“, fragte Rhunön misstrauisch.
„Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Du hast bisher nicht noch einmal versucht, mich „Tantchen“ zu nennen“, erklärte Rhunön. Ihren scharfen Augen entging keine Regung auf Milenys Gesicht.
Wundervoll, selbst wenn Mileny versuchte, Rhunön bei guter Laune zu halten, bemerkte diese, dass etwas nicht ganz normal war.
Vielleicht solltest du endlich mit der Wahrheit herausrücken, murmelte Diamila.

„Tante Rhunön, ich wollte aus einem bestimmten Grund mit dir sprechen“, begann Mileny und sorgte dafür, dass sie Diamilas Präsenz in ihrem Kopf nicht mehr so sehr spürte.
„Na endlich kommen wir zum Kern der Sache.“ Rhunön verschränkte die Arme vor der Brust. „Heraus damit, was auch immer es ist wird nicht besser, indem du es verschweigst.“
Mileny unterdrückte eine gequälte Grimasse. In diesem Fall mit dir bin ich mir da nicht so sicher.
Feigling, warf Diamila dazwischen
Still, fuhr Mileny sie an.
Diamila zog sich wieder zurück.
„Ich habe jemanden kennengelernt“, sagte Mileny vorsichtig, nur um sich im nächsten Augenblick auf die Zunge zu beißen. Das war definitiv der falsche Ausdruck gewesen. „Besser gesagt, ich habe mich… in jemanden verliebt.“ Das war deutlich besser. Kennen tat sie Oromis schon deutlich länger, als sie mit ihm zusammen war.

Rhunön zog die Augenbrauen zusammen. „Interessant… Und wer ist es? Jemand, den ich kenne?“
Mileny legte den Kopf leicht schief. „Könnte man so sagen, ja.“
Ihre Tante schwieg einen Augenblick und beobachtete sie nur scharf. Dann wurden ihre Züge etwas weicher. „Bist du glücklich?“
„Ja, sehr“, erwiderte Mileny ohne zu zögern.
„Und du hast Angst, dass ich eure Beziehung nicht billige“, sagte Rhunön. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Mileny nickte langsam.
Rhunön seufzte. „Grashüpferchen, solange du glücklich bist und er dich gut behandelt, ist mir doch alles andere egal.“
„Halte diesen Gedanken am besten fest“, rutschte es Mileny heraus. Sie freute sich natürlich über Rhunöns Einstellung, aber sie bezweifelte, dass die lange vorhalten würde.

„Ich verspreche dir, dass ich ihn nicht angreifen werde“, schnaubte Rhunön. „Und jetzt heraus mit der Sprache.“
„Es ist Oromis“, sagte Mileny schnell und kniff die Augen zusammen. Einige Momente verstrichen, aber nichts passierte. Sie öffnete ihre Augen einen winzigen Spalt.
Rhunön starrte sie durch den Spiegel an. Ihr Gesicht war unlesbar. Mileny hatte nicht die geringste Ahnung, was gerade in dem Kopf ihrer Tante vorging.
„Oromis“, wiederholte Rhunön. Noch immer war sie vollkommen ruhig.
Mileny nickte vorsichtig.
„Der Oromis?“, versicherte Rhunön sich. „Wie in ‚dein ehemaliger Lehrer Oromis‘?“
Wieder nickte Mileny.
„Wie lange schon?“
„Seit letztem Frühling. Nach meiner Ernennungsfeier.“ Mileny wusste nicht, ob sie es gruselig finden sollte, dass Rhunön noch immer so ruhig war.
„In Ordnung.“ Kurz starrte Rhunön ins Nichts. „Entschuldige mich einen Moment.“ Damit stand sie auf und verschwand aus dem Blickfeld.
Mileny sah in dem Kommunikationsspiegel nur, wie Rhunön auf die Treppe zusteuerte und ins obere Stockwerk ging. Dann hörte sie eine Tür zufallen. Stille.
Und urplötzlich Rhunöns Geschrei.

„Du widerliches Arschloch! Du kannst froh sein, dass ich Mileny versprochen habe, dir nichts zu tun und du kannst verdammt froh sein, dass sie glücklich ist! Nur damit wir uns richtig verstehen, sollte ich den leisesten Hauch einer Ahnung haben, dass sie das nicht mehr ist, dann gilt diese Abmachung nicht mehr und ich werde dafür sorgen, dass man deine Körperteile aus allen Ecken Alagaësias zusammensuchen muss, um sie an einem Ort beerdigen zu können! Und wagst du es, auch nur einen Finger gegen sie zu erheben, wir man von dir nichts mehr finden, was es wert wäre, beerdigt zu werden!“
Eine Tür knallte. Stampfende Schritte. Dann kam Rhunön wieder ins Sichtfeld. Ihr Gesicht war gerötet, einige Haare fielen ihr in die Stirn und sie atmete schwer.
Mileny konnte sie nur mit offenem Mund anstarren.
Rhunön ließ sich in ihren Stuhl vor dem Kommunikationsspiegel fallen und atmete tief durch. Dann sah sie Mileny direkt an.
„Ich freue mich für dich, Grashüpferchen.“
Milenys Kinnlade klappte noch ein Stückchen weiter nach unten, während Diamila in ihrem Geist anfing, wie eine Verrückte zu lachen.

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* Primor Argetlam = Anführer der Drachenreiter
** Fricai Evarínya = Freundin der Sterne
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