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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
08.07.2022
162
478.241
66
Alle Kapitel
961 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
08.10.2021 3.310
 
Hallo liebe Leser!
Ich kann es kaum glauben, aber ich habe meine letzte ausstehende Klausur geschafft. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich auch bestanden habe.
Ich bedanke mich bei Angvard, Kolliy, Silberschatten und Phantomdrache für die Reviews und wünsche euch viel Spaß!

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Kapitel 135: Versöhnung

„Der Gedanke, dass es jemand auf die Eldunarya* abgesehen hat, ist einfach nur widerwärtig. Und gruselig.“ Brom schob sich ein Stück Kuchen in den Mund.
Auralia sah ihm leicht angeekelt zu. „Die Art, wie du Kuchen isst, ist gruselig“, erwiderte sie. „Kau’ doch erst einmal hinter, bevor du schluckst.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie mit einem Kleinkind, also wirklich.“
„Man muss das auch erst einmal organisieren“, sagte Arthur. Er ließ sich von Auralias und Broms Kabbelei nicht aus der Ruhe bringen. „Es ist ja nicht unbedingt so, dass jede beliebige Person in den Raum spazieren und sich einen Eldunarí in die Tasche packen kann.“
„Aber sind die Vorkehrungen wirklich so streng?“, fragte Mileny. „Ich habe zwar noch nie einen Eldunarí transportiert, aber nach dem, was ich gehört habe, muss man nur ein Dokument unterschreiben. Und Drachenreiter sein, natürlich. Oder gehört da noch mehr dazu?“
„Es gibt nur eine Person, die die Berechtigung hat, Eldunarya zu übergeben, und das sind die jeweiligen Hüter“, erklärte Arthur. „Und wir sprechen hier auch immer noch von Drachen. Die werden nicht tatenlos zulassen, dass sie entführt werden. Sich gegen einen solchen geistigen Angriff zu wehren, erfordert viel Kraft.“
„Zumindest hätte eine Identitätsprüfung das alles verhindern können“, seufzte Auralia. „Aber daran hat niemand gedacht. Es war einfach… nicht nötig bisher. Ich meine, wer kommt denn bitteschön auf die Idee, Eldunarya zu stehlen? Und das auch noch in diesen Mengen?“ Sie starrte kurz auf ihren Teller. Als sie wieder aufsah, blitzten ihre Augen. „Welcher widerwärtiger Wurm würde es wagen, Drachen zu entführen?“

Danach herrschte kurz Ruhe.
Brom sah vorsichtig von seinem Kuchen auf. „Ich meine, wir denken doch alle dasselbe, oder?“
„Galbatorix“, bestätigte Arthur finster. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.“
Das brachte ihm von Brom und Auralia verwirrte Blicke ein, Mileny nickte aber zustimmend.
„Geht mir genauso. Entweder er war es, aber das bedeutet, dass er viel mehr Ressourcen besitzt, als der Orden bisher wusste, und wir wissen nicht, was er mit den Eldunarya macht, oder aber das war jemand unabhängig von ihm. Und in diesem Fall…“
„In diesem Fall haben wir es mit zwei Leuten zu tun, die sich ziemlich permanent vom Orden lossagen und Rache nehmen wollen“, beendete Arthur Milenys Ausführungen.
Auralia und Brom tauschten einen Blick. „Dann lieber Galbatorix“, sagten sie gleichzeitig.
„Aber was will er mit den Eldunarya?“, murmelte Brom. „Was nützen sie ihm?“
Eldunarya besitzen unheimlich viel Energie“, sagte Auralia langsam.
„Aber die würden sie doch nicht Galbatorix zur Verfügung stellen“, meinte Mileny ungläubig. „Sie würden sich ihm doch niemals anschließen!“
„Freiwillig vielleicht nicht“, warf Arthur ein.
Mileny schluckte.
„Und was mir auch noch Sorgen bereitet: Es ist unmöglich, dass Galbatorix das alles alleine geschafft hat. Er hatte Helfer. Welche, die sich mit den Ordensabläufen auskannten.“ Arthur schwieg kurz. „Er hatte Helfer im Orden. Er hat Anhänger gefunden.“
Jetzt fiel Brom der Kuchen aus der Hand. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Drachenreiter und Drachen ihm beim Diebstahl von Eldunarya helfen? Niemals!“
„Was macht dich da so sicher?“, entgegnete Arthur ernst. „Wie gut kennst du jedes einzelne Mitglied des Ordens? Nur, weil die Wahl eines Drachen auf eine Person gefallen ist, heißt das noch lange nicht, dass diese Person über jeden Zweifel erhaben ist. Das Gleiche gilt für den Drachen. Bei ihnen gibt es ebenso gut und böse wie bei uns auch. Von ihnen bekommen wir es nur nie so mit.“

Während Brom mit Arthur weiter diskutierte, spürte Mileny, wie jemand sie unter dem Tisch mit dem Fuß anstieß. Als sie aufsah, begegnete sie Auralias Blick. Auralia deutete mit dem Kinn auf einen Punkt, der sich irgendwo hinter Mileny befand. Verwirrt drehte Mileny sich um und erstarrte ihm nächsten Moment.
Ihre Wohnung befand sich direkt gegenüber von Auralias und Arthurs Haus – und im Moment stand Oromis davor und klopfte an die Tür. Abrupt wandte Mileny sich wider Auralia zu.
Was soll ich machen?, fragte sie leicht panisch.
Was willst du machen?, erwiderte Auralia.
Mileny schluckte. Dann zuckte sie mit den Schultern. Sie war immer noch wütend auf Oromis, was er ihr an den Kopf geworfen hatte… Aber er war momentan an ihrer Haustür. Vielleicht wollte er ja um Verzeihung bitten?
Geh’ rüber, riet Auralia ihr. Und wenn er wieder etwas sagt, das absolut unter die Gürtellinie zielt, dann kannst du ihn sofort wieder hochkant herausschmeißen. Ich würde dir da sogar helfen, wenn du mich lässt.

„Was ist hier los?“, fragte Brom misstrauisch. Er hatte Milenys und Auralias Blickwechsel verfolgt und sah zwischen den beiden hin und her. Dann fiel sein Blick hinter Mileny. „Hey, was macht denn Oromis-Elda hier? Will er vielleicht zu dir?“ Er schaute zu Mileny.
Auralia zog eine Augenbraue hoch. Denkst du nicht, es ist Zeit, es ihnen zu sagen?
Mileny seufzte schwer. Darüber hatte sie auch schon eine Weile nachgedacht. Vermutlich schon. Ich höre mir erst an, was er will, sagte sie. Dann… erzähle ich es den beiden. Sie nickte mit dem Kopf zu Arthur und Brom, die mehr oder weniger neugierig zurückblickten.
Sie schob den Stuhl zurück und stand auf.
„Viel Erfolg“, rief Auralia ihr hinterher. „Und bleib standhaft. Lass’ ihn ein bisschen schmoren!“
„Hä?“, machte Brom wenig intelligent.
Auralia winkte ab. „Wirst du bald erfahren.“
Das war das Letzte, das Mileny hörte, bevor sie tief Luft holte, einen nichtssagenden Ausdruck auf ihr Gesicht zwang, die Haustür öffnete und hinaus auf die Straße trat.

Oromis drehte sich sofort um, als er die Haustür hörte. Sobald er sie sah, konnte Mileny einen Ausdruck von Erleichterung, aber auch Schuld über sein Gesicht huschen sehen. Wenn es nach ihr ginge, würde sie ihn zumindest erst einmal eine Weile vor der Tür warten lassen. Leider konnte sie sich denken, dass sich auf der anderen Straßenseite Brom und Auralia die Nasen an den Fensterscheiben platt drückten, während Arthur nicht minder neugierig, aber deutlich gesitteter über ihre Schultern sah.
Mileny seufzte innerlich, trat wortlos an Oromis vorbei und öffnete ihre Haustür. „Kommst du?“, fragte sie ohne sich umzudrehen. Im Flur angekommen wandte sie sich um und verschränkte die Arme vor der Brust.
Oromis schloss die Tür hinter sich. Als er Milenys Verteidigungshaltung sah, konnte sie wieder Schuldgefühle aus seinem Blick herauslesen.
Mileny hob das Kinn und starrte ihn nieder. Sie wartete.

Oromis räusperte sich. „Wollen… wir vielleicht im Wohnzimmer reden?“
Sie wartete ein paar Augenblicke, gab dann aber nach. Auralia hätte das vermutlich länger durchgehalten als sie, aber Mileny konnte sich trotz ihrer Wut und ihrer Enttäuschung nicht gegen die Sehnsucht wehren, die heftig an ihr zerrte. Sie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte ins Wohnzimmer, wo sie dafür sorgte, dass sich das Sofa zwischen Oromis und ihr als Barriere befand.
„Was willst du hier?“, fragte sie eisig.
Oromis machte einen Schritt auf sie zu, als wollte er den Abstand zwischen ihnen schließen, ließ es aber nach einem warnenden Blick ihrerseits. „Ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“
Mileny versuchte, sich ihr wild klopfendes Herz nicht anmerken zu lassen. „Ich höre.“ Zumindest klang ihre Stimme noch einigermaßen fest. Hoffte sie.
„Es tut mir leid“, sagte Oromis ernst. „Was ich gesagt habe… Ich hatte kein Recht, dir so etwas an den Kopf zu werfen, und schon gar nicht in diesem Ton.“ Er zögerte einen Augenblick. „Ich – ich war gestresst und hatte schlechte Laune, weil Ergebnisse ausblieben, und habe das unberechtigterweise an dir ausgelassen.“
Mileny nahm sich vor, Oromis nie – nie – zu gestehen, dass sie ihm mit dem Blick, mit dem er sie ansah, mit seinem Tonfall und seinen Worten – Warum wusste er auch immer, was er zu sagen hatte? – vermutlich alles verzeihen würde. Sie dachte an Auralias Aufforderung, Oromis noch schmoren zu lassen, aber sie konnte es einfach nicht. Sollte sie so einfach nachgeben? Vermutlich eher nicht. Aber das war ihr erster richtiger Streit gewesen, und sie hasste es einfach abgrundtief, ständig diese nagende Stimme im Hinterkopf zu haben, die ihr seine verletzenden Worte Tag für Tag wiederholte.

Oromis musste ihre Gedanken auf ihrem Gesicht gesehen haben, denn er umrundete langsam das Sofa, als wolle er ihr noch Zeit geben, es sich anders zu überlegen, und kam vor ihr zum Stehen. Er wartete noch einen Augenblick, aber als Mileny keine Anstalten machte, ihm auszuweichen, schloss er sie in die Arme.
Mileny lehnte sich aufatmend an ihn und schloss die Augen. Die Anspannung verließ ihren Körper und sie konnte spüren, wie Oromis sie fester umarmte.
„Es tut mir leid“, flüsterte Oromis in ihre Haare.
Mileny lächelte an seiner Schulter. „Mir auch“, sagte sie leise. Es fiel ihr leichter als gedacht, zumal Oromis den Anfang gemacht hatte. „Es war auch meine Schuld. Ich hätte nicht so reagieren dürfen.“ Sie schwieg kurz. „Auch wenn diese Geheimhaltung der ganzen Situation wirklich nicht besonders intelligent war“, fügte sie halb im Scherz, halb im Ernst hinzu.
„Ja, in diesem Punkt dürftest du Recht behalten haben“, sagte Oromis trocken. „Das hatten wir irgendwie vollkommen aus den Augen verloren. Bis auf Munial und Regnam, vielleicht. Sie haben es dann auch vorgeschlagen. Und ich. Deinetwegen.“
„Also hat es doch etwas Gutes gebracht“, meinte Mileny. Sie lehnte sich ein wenig zurück, um ihm in die Augen zu sehen. Irgendwie sah Oromis trotzdem noch so aus, als würde er etwas sagen wollen, aber die Worte nicht finden.

„Was ist los?“, fragte sie deshalb. „Ist noch etwas passiert?“
„Wie man’s nimmt.“ Oromis seufzte. „Mileny, das darfst du jetzt wirklich nicht falsch verstehen, in Ordnung?“
Mileny zog misstrauisch die Augenbrauen hoch. „Sag’s einfach, dann werde ich es beurteilen.“
„Ich muss zugeben, dass zumindest ein bisschen Wahrheit in meinen Worten gesteckt haben, so unglücklich ich es auch formuliert habe.“
„Das nennst du unglücklich formuliert?“, fragte Mileny ungläubig.
„Ich weiß, dass das absolut unmöglich war“, sagte Oromis. „Aber ein Teil meiner Worte stimmten. Ich kann dir nicht alles sagen, was vor sich geht. Bestimmte Dinge gehen nur den Rat etwas an, niemand anderes darf davon erfahren. Ja, in diesem Fall betraf es den ganzen Orden, aber zu dem Zeitpunkt hatten wir festgelegt, dass nur ein bestimmter Personenkreis davon erfährt. Keiner der Ratsmitglieder erzählt seiner Familie etwas davon. Und ich darf das ebenso wenig. Das wusstest du aber eigentlich, wir hatten das besprochen.“
Jetzt war es an Mileny, schuldbewusst drein zu sehen. „Ja… schon…“, murmelte sie. „Ich hatte mich nur irgendwie daran gewöhnt… Ich meine, irgendwie habe ich dann doch immer gewusst, was vor sich ging. Und zusätzlich bist du ohne Erklärung aus Gil’ead abgereist und hast dich dann auch nicht gemeldet, als du wieder hier angekommen warst. Ich war einfach… wütend. Und habe vielleicht jemanden gesucht, an dem ich das auslassen konnte.“ Sie lächelte ihn entschuldigend an. „Es tut mir wirklich leid. Ich werde versuchen, mich in Zukunft zurückzuhalten, in Ordnung?“

Oromis nickte erleichtert, doch die Anspannung hatte ihn noch nicht verlassen. Dieses Mal wartete Mileny, bis er von sich aus anfing zu reden. Mehrere Male setzte er an, schloss den Mund aber wieder.
Besorgt zog sie die Augenbrauen zusammen. Was war denn so schlimm, dass er nicht einmal die Worte fand, es zu beschreiben?
Nach einer kleinen Ewigkeit sagte er schließlich: „Ich hatte ein… interessantes Gespräch mit Ithronel.“
„Worum ging es?“, fragte Mileny. Sie konnte sich nicht vorstellen, was an diesem Gespräch Oromis dermaßen in Verlegenheit brachte.
„Um uns“, sagte Oromis ernst. Er sah ihr direkt in die Augen.
„Um uns?“, wiederholte Mileny verwirrt. „Wie meinst du das?“
„Um uns beide. Um dich und mich“, meinte Oromis. „Sie weiß von uns.“
Es dauerte einen Moment, bis Mileny es wirklich verstand. Ihr klappte die Kinnlade herunter. „Wie das?“
„Es ist Ithronel“, sagte Oromis mit einem halben Lächeln. „Sie kennt mich lange genug und sie kennt auch dich recht gut, immerhin hat sie einen Teil deiner Ausbildung übernommen. Es war nur eine Frage der Zeit.“
Mileny schluckte. Ihre Gedanken rasten. Wie Oromis so ruhig bleiben konnte, war ihr ein Rätsel. „Und was… was hat sie gesagt?“
„Die Kurzfassung wäre einfach nur, dass wir es Vrael erzählen müssen“, sagte Oromis ernst. „Wenn nicht, tut sie es.“ Zorn blitzte für einen Moment in seinem Blick auf, als er sich an etwas zu erinnern schien, aber das war genauso schnell verschwunden, wie es auch gekommen war.
Mileny fühlte sich immer noch so, als wäre gerade ein Drache auf ihr gelandet. „Und was machen wir jetzt?“ Sie hasste es, dass ihre Stimme so hilflos klang.
Oromis seufzte resigniert. „Ich fürchte, wir haben keine wirkliche Wahl, oder? Wir sprechen hier von Ithronel. Sie macht keine leeren Versprechungen. Sobald sie der Meinung ist, dass wir es nicht tun, wird sie zu Vrael gehen. Und das… würde ich dann doch lieber vermeiden.“

Langsam hatte Mileny den ersten Schock verdaut und konnte wieder normal denken. „Da muss ich dir leider recht geben.“ Sie versuchte ein kleines Lächeln, das ihr mehr oder weniger gelang. Auf dem Versuch kam es an. Als sie jedoch an zwei andere Personen dachte, schlich sich ein ehrliches Lächeln auf ihre Lippen. „Brom und Arthur wird die Kinnlade herunterfallen. Sie haben dich vor meiner Tür gesehen und sich schon gewundert, was du hier willst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch immer versuchen, durch das Fenster einen Blick zu erhaschen.“ Sie machte eine Pause und wurde wieder ernst. „Wie wollen wir es Vater sagen?“
„Ohne dass ich sterbe?“, fragte Oromis trocken. „Ich habe leider nicht die geringste Ahnung. Allerdings wird Laetrí sehr enttäuscht sein, dass er nicht dabei sein kann.“
Mileny zog verwirrt die Stirn kraus. „Laetrí? Was hat der denn damit zu tun?“
„Als er das mit uns vor zwei Monaten herausgefunden hat, hatte er mich darum gebeten, an dem Tag dabei sein zu dürfen, an dem wir Vrael von uns… erzählen.“ Oromis schnitt eine halbherzige Grimasse. „Er mag es offensichtlich, mich leiden zu sehen, und sich in meinem Unglück zu suhlen.“
Jetzt musste Mileny sogar lachen. „Daran erkennt man wahre Freunde. Ich kann es mir bei ihm sogar gut vorstellen, dabei habe ich ihn bisher nur einmal getroffen. – Und was meinen Vater angeht: Ich werde mich einfach vor dich stellen und dich beschützen.“
„Na da bin ich ja erleichtert.“
Für einen Moment überlegte Mileny, ihn für seinen Kommentar in die Seite zu kneifen, ließ den Gedanken aber schnell wieder fallen, als Oromis sie küsste. Stattdessen verschränkte sie die Arme hinter seinem Kopf und zog ihn noch näher zu sich.

~ ~ ~ ~ ~

Mileny musste ein Grinsen unterdrücken, als sie sah, wie der Vorhang vor Auralias Wohnzimmerfenster leicht hin und her schwankte. Als ob sie nicht wüsste, dass das Brom gewesen war. Sie schüttelte nur leicht den Kopf.
„Dann mal viel Erfolg mit den beiden“, murmelte Oromis leise hinter ihr.
„Es ist eigentlich ganz praktisch, dass ich an ihnen üben kann“, murmelte sie zurück.
Oromis schnaubte. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns nichts auf Vrael vorbereiten kann.“
Da musste Mileny ihm leider recht geben. „Wir sehen uns nachher“, sagte sie. Ohne sich umzudrehen ging sie über die Straße und betrat wieder Auralias Haus. Von Oromis hatte sie sich schon im Flur verabschiedet. Und sie wollte es zwar Arthur und Brom erzählen, der Rest von Dorú Areaba sollte es dann aber lieber nach ihrem Vater erfahren.
Sobald Mileny einen Fuß ins Wohnzimmer setzte, wurde sie von Brom förmlich überfallen.
„Was war das denn?“, fragte er. „Warum war Oromis-Elda hier und was wollte er? War es irgendetwas wegen der Eldunarya?“
Mileny legte den Kopf auf die Seite. „Nun ja, nicht direkt.“
„Es hatte indirekt etwas mit den Eldunarya zu tun?“, hakte Arthur nach. „Wollte er irgendetwas von dir wissen?“
Inzwischen konnte Mileny sehen, dass Auralia sich wirklich ein Grinsen verbeißen musste. Das gelang ihr nur halb.

Mileny räusperte sich. „Dazu solltet ihr euch vielleicht wieder hinsetzen“, sagte sie und ließ sich auf ihrem ursprünglichen Platz nieder. Arthur und Brom folgten ihrem Beispiel, Auralia hatte schon gesessen.
„Ich fürchte, ich muss euch etwas beichten“, sagte sie langsam.
„Du hast etwas mit dem Verschwinden der Eldunarya zu tun?“, flüsterte Brom mit großen Augen.
Mileny warf ihm einen entsetzten Blick zu. „Nein!“, sagte sie nachdrücklich. „Traust du mir so etwas zu?“
„Aber indirekt weißt du schon etwas“, sagte Arthur.
Mileny verdrehte die Augen zum Himmel, während Auralia begann, leise zu kichern. Das war irgendwie schwerer, als sie es sich vorgestellt hatte. Und Brom und Arthur mit ihren Eldunarí-Theorien halfen ihr nicht gerade. Vielleicht war es das Beste, einfach mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Ich bin mit Oromis zusammen“, sagte sie deswegen.
Für einige Momente wurde sie von Arthur und Brom angestarrt, dann begann Letzterer zu lachen. Arthur hingegen sah ihr einfach nur in die Augen. Er begriff sehr viel schneller als Brom, dass sie nicht scherzte, sondern die Wahrheit sagte. Sobald er das verstanden hatte, klappte ihm die Kinnlade herunter.
Jetzt konnte Auralia nicht mehr an sich halten und lachte ebenfalls laut los. Nicht, dass Mileny es ihr verdenken konnte. Arthur dermaßen fassungslos zu sehen war auch für sie nicht gerade alltäglich. Sie selbst wagte es allerdings noch nicht, in das Gelächter mit einzustimmen.
Brom bekam sich langsam wieder ein und bemerkte Arthurs Gesicht. „Du glaubst das doch nicht etwa?“, fragte er glucksend.
„Sie meint es ernst“, flüsterte Arthur verblüfft. „Sie meint es wirklich ernst.“
„Oh bitte, das glaubst du doch nicht wirklich“, schnaubte Brom. Er warf Mileny einen amüsierten Blick zu. „Stimmt’s?“
Als Mileny wortlos zurück starrte und nichts sagte, fragte Brom erneut: „Stimmt’s?“ Er klang schon deutlich unsicherer.
„Mileny?“, fragte Arthur vorsichtig. Er warf Auralia einen Seitenblick zu, die sich erst jetzt von ihrem Lachanfall erholte. „Ist das ihr Ernst?“
Auralia nickte grinsend. „Absolut.“
Arthurs Blick kehrte zu Mileny zurück, die das mit einem Nicken bestätigte.

Arthur öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann nochmal. Und nochmal. Er räusperte sich. „Nun, ich muss zugeben, dass ich das… nicht erwartet habe.“
Mileny sah vorsichtig zu Brom, der sie anstarrte, als wären ihr soeben Flügel gewachsen. „Du und… und…“ Er fand die Worte nicht.
„Oromis“, soufflierte Auralia gerne für ihn. Für Milenys Geschmack hörte sie sich viel zu schadenfroh an, was sie versuchte, Auralia auch mit einem Blick deutlich zu machen. Auralia grinste nur zurück.
Mileny seufzte unmerklich. Von dieser Seite konnte sie also keine Unterstützung erwarten. Zumindest schien es Brom langsam zu gelingen, sein Gehirn zu entknoten.
„Aber was…? Wie…? Und warum…?“, stotterte er.
Ganze Sätze waren offensichtlich doch noch zu viel für ihn. Mileny zog die Augenbrauen hoch. „Wie bei jedem normalen Menschen auch, denke ich mal. Oder verlieben sich Menschen auf andere Weise als Elfen?“
„Du musst zugeben, dass das doch ein bisschen ungewöhnlich ist“, warf Arthur zu Broms Verteidigung ein. „Und du hast dich einfach…“
„Verliebt“, bestätigte Mileny.
„Und wie lange schon?“, fragte Brom.
„Zusammen sind wir seit letztem Sommer“, sagte Mileny. „Verliebt… schon ein bisschen länger.“
„Wie lange?“, wollte Brom wissen.
Mileny starrte an die Wand hinter seinem Kopf. „Länger“, sagte sie einfach nur. War es ihr peinlich, dass sie sich in Oromis während ihrer Lehrzeit verliebt hatte? Definitiv. Dass Auralia und Diamila davon wussten, war schon schlimm genug. Es gab bestimmte Dinge, die sie Brom und Arthur ganz sicher nicht auf die Nase binden würde. Das gehörte dazu.

„Das ist so seltsam“, meinte Brom.
Mileny musste zugeben, dass er ihre Situation auf den Punkt brachte. Eine Zeit lange sagte niemand ein Wort, dann musste ausgerechnet Arthur leise lachen.
Mileny blickte ihn überrascht an.
„Erinnerst du dich an die Aufregung im Orden, als bekannt wurde, dass Auralia und ich zusammen waren?“, fragte er amüsiert.
Mileny nickte.
„Nun, das wird gar nichts sein gegen das, was auf euch zukommt.“
Mileny unterdrückte das Bedürfnis, eine Grimasse zu schneiden. Leider befürchtete sie, dass Arthur recht behalten würde.

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* Eldunarí (Pl.: Eldunarya) = Herz der Herzen/ Seelenstein
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