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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
24.06.2022
160
471.853
65
Alle Kapitel
944 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
01.10.2021 3.101
 
Hallo liebe Leser!
Ich weiß, inzwischen ist es wieder ein paar Wochen her. Das Praktikum und das Lernen hat mich leider zu sehr in Anspruch genommen. Ich schreibe nächste Woche noch eine Klausur, dann geht das Studium wieder los. Ich hoffe sehr, dass ich dann wieder in einen normalen Upload-Rhythmus hineinfinde.
Ich möchte mich noch einmal bei den Reviewern bedanken. Ihr motiviert mich immer wieder. Ihr wisst gar nicht, wie sehr ich mich immer freue, wenn ich die Benachrichtigung bekomme, dass ein neues Review geschrieben wurde. Dass ihr meine Geschichte lest und die Zeit dazu findet, einen Kommentar dazu zu schreiben, bedeutet mir sehr viel.
Ich habe es jetzt auch endlich geschafft, jedes einzelne Review zu beantworten. In Zukunft wird das wieder zeitnaher geschehen.
Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß!

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Kapitel 134: Vorwürfe

„Zumindest werden wir jetzt endlich erfahren, was Sache ist“, murmelte Brom Mileny zu.
Mileny nickte bloß kurz zur Antwort. Ihr Blick schweifte über die sich versammelnden Drachenreiter. Das letzte Mal, das sie an einer solchen Versammlung teilgenommen hatte, war, als die Nachfolger für die Altvorderen Martyn und Zyrron gewählt worden waren. Seitdem waren Munial und Regnam Teil des Rates. Auch wenn Mileny damals noch Schülerin gewesen war und nicht hatte mitwählen dürfen, hatte sie zumindest an der Versammlung teilgenommen.
Damals war die Stimmung auch in gewisser Weise angespannt gewesen. Immerhin waren Martyn und Zyrron keines natürlichen Todes gestorben. Aber die Anspannung ließ sich in keinster Weise mit der vergleichen, die nun herrschte. Es bildeten sich von vornherein Grüppchen, Drachenreiter bedachten einander mit misstrauischen Blicken und tuschelten.
Seit Mileny sich mit Oromis gestritten hatte, waren die Anschuldigungen zwischen den Drachenreitern und Drachen nur noch schlimmer geworden.

Nun, dachte Mileny finster, vielleicht ist wenigstens irgendetwas von meinen Worten in Oromis’ oh so beschäftigtem Hirn hängen geblieben. Scheint so, als hätte jemand so unqualifiziertes wie ich doch mal etwas Richtiges gesagt.
Sie konnte Broms fragenden Blick spüren, ignorierte ihn aber. Natürlich hatten ihre Freunde in den vergangenen Tagen ihre Laune mitbekommen und manchmal auch unberechtigterweise zu spüren bekommen, wie Mileny zugeben musste. Nachdem sie es ihnen aber nicht verraten hatte, hatten sie aufgehört, sie zu bedrängen. Abgesehen von Auralia, selbstverständlich. Ihr hatte Mileny alles detailliert beschrieben und es hatte ihr unheimlich gut getan, dass sich Auralia ebenso aufgeregt hatte wie Mileny selbst.

Endlich hatte Mileny den Grund ihres Ärgers gefunden. Mit schmalen Augen verfolgte sie, wie Oromis gemeinsam mit den anderen Altvorderen, die sich momentan auf Dorú Areaba befanden, den riesigen Saal betrat. Allmählich kehrte Ruhe ein, die Drachenreiter begaben sich auf ihre Plätze. Es waren deutlich weniger als zur Wahl anwesend, aber der Rest würde garantiert innerhalb eines Tages informiert sein. Wenn es etwas gab, dass Drachenreiter konnten, war es tratschen. Und das hier war offensichtlich noch viel wichtiger als jegliches Gerücht.
Mileny spürte Auralias Ellenbogen in ihrer Seite.
„Sieh ihn dir mal an“, flüsterte Auralia.
Tue ich schon die ganze Zeit, dachte Mileny. Und sie musste zugeben, dass ihr Oromis’ Anblick grimmige Genugtuung verschaffte. Er sah aus, als hätte er genauso schlechte Laune wie sie. Die Anspannung in seiner Haltung sprach für sich und Mileny konnte erkennen, dass er die letzten beiden Nächte offensichtlich nicht so wirklich gut geschlafen hatte. Bei letzterem war sie sich aber nur sicher, weil sie ihn inzwischen so gut kannte.
Ja, das verdiente er.
Und doch zog es gleichzeitig schmerzhaft in ihrem Herzen. Egal, wie wütend sie auf ihn war – sie vermisste ihn. Mileny hasste es, wie ihr letztes Gespräch geendet hatte. Aber sie war auch zu stolz, um als Erste zu ihm zu gehen und ihn um Verzeihung zu bitten. Denn letzten Endes lag ein Großteil der Schuld immer noch bei ihm.

Als Vrael die Hand hob, kehrte Ruhe im Saal ein.
„Heute überbringen wir leider beunruhigende Nachrichten“, begann Vrael ohne Vorrede. Im Saal war es vollkommen still. „Vor mehr als zwei Wochen wurde durch Zufall entdeckt, dass sich ein Eldunarí* nicht an seinem vorgegebenen Platz befand. Weitere Nachforschungen ergaben, dass besagter Eldunarí verschwunden war. Im Zuge dieser Nachforschungen…“ Hier stockte Vrael das erste Mal und setzte neu an. „Im Zuge dieser Nachforschungen fielen auf, dass viele Eldunarya sich nicht dort befanden, wo sie sich laut Dokumenten befinden müssten. Auch diese sind bisher nicht gefunden worden.“
Ein Raunen ging durch die anwesenden Drachenreiter. Mileny blickte Arthur und Auralia für einen Moment ungläubig an. Was hatten die beiden dann von den Eldunarya gewusst? Der bloße Gedanke daran… Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Vater zuzuwenden.
Vrael hob erneut die Hand, doch dieses Mal dauerte es länger, bis wieder Ruhe einkehrte.
„Die… Befragungen-“ Und spätestens ab diesem Punkt war es wieder komplett leise. „-wurden mit Personen durchgeführt, deren Namen offiziell in den Dokumenten eingetragen war. Laut Papieren hätten diese Ordensmitglieder die verschwundenen Eldunarya transportiert.“

Stimmen wurden laut, Drachenreiter standen auf, beschuldigten sich gegenseitig. Die Spannung zwischen den verschiedenen Grüppchen stieg immer weiter. Wenn das jetzt der Funke war, der das Feuer entzündete…
Mileny sah Auralia und Arthur einfach nur fassungslos an. Sie konnte gar nicht glauben, dass ihre Freunde…? Aber so etwas würden sie doch nicht machen. Sie kannte die beiden, dazu waren sie nicht fähig.
„Warte es ab!“, zischte Auralia. Sie verdrehte die Augen und murmelte: „Also wirklich, merken die denn alle nicht, dass Primor Argetlam** Vrael noch nicht fertig ist?“
Mileny blickte zurück zu ihrem Vater und bemerkte, dass Auralia recht hatte. Vrael hatte die Hand wieder erhoben, nur dieses Mal wurde er von einem Großteil der Drachenreiter ignoriert.

„Hinsetzen!“, donnerte auf einmal eine magisch verstärkte Stimme durch den Raum, die keinen Widerspruch duldete.
Mileny zuckte erschrocken zusammen. Obwohl sie gar nicht aufgestanden war, hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Ithronel hatte sich erhoben, die Arme vor der Brust verschränkt, und sie bedachte jeden mit einem finsteren Blick, der ihrer Anweisung nicht sofort Folge leistete. Tatsächlich zeigte das Wirkung. Obwohl noch immer feindliche Blicke zwischen Einigen ausgetauscht wurden, wagte es niemand mehr laut zu werden.
Vrael nickte Ithronel dankend zu. „Wie es sich herausgestellt hat, hatte keiner der Befragten etwas mit dem Verschwinden der Eldunarya zu tun.“
„Na also“, murmelte Auralia.
„Ihre Identitäten wurden benutzt, um Eldunarya von ihrem ursprünglichen Standort mitzunehmen“, fuhr Vrael fort. „Bisher haben wir jedoch keine weiteren Hinweise erhalten. – An dieser Stelle möchten wir um eure Mithilfe bitten. Sollte euch nun rückblickend in diesem Zusammenhang etwas auffallen, dass uns einen Hinweis darauf geben könnte, wer etwas mit dem Verschwinden der Eldunarya zu tun hat oder wo sich die Eldunarya momentan befinden, kommt ohne zu zögern ins Silion*** und meldet es.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich hoffe, niemanden persönlich daran erinnern zu müssen, dass es sich mit den Eldunarya involviert um eine ordensinterne Angelegenheit handelt. Danke für eure Aufmerksamkeit.“

Sobald Vrael fertig war, brachen Diskussionen zwischen den Anwesenden aus. Die Spannung zwischen den Gruppen war verschwunden, aber ein gewisses Unbehagen blieb in der Luft hängen. Mileny sah sehr wohl, dass noch eisige Blicke getauscht worden. Sie seufzte. Es würde noch lange dauern, bis das Misstrauen vollständig verschwunden war. Kein Wunder, immerhin hatte eine Hälfte des Ordens die andere des Verrats bezichtigt. Und mit dem, was sie jetzt erfahren hatten… Sie konnte es gar nicht glauben.
Eldunarya? Entführt? Und das auch noch in diesen Mengen? Wer steckte dahinter? Konnte es Galbatorix sein oder eine andere Gruppierung?
Mileny schluckte. Sie wünschte sich fast, dass es Galbatorix war. Denn wenn er es nicht war… Nur Ordensmitglieder wussten von den Eldunarya. Wenn Galbatorix nicht darin verwickelt war, bedeutete es, dass sich weitere Gespanne dem Orden widersetzten. Dass sie Eldunarya stahlen und – was wollten sie danach mit den Seelensteinen anstellen? Was war der Plan dahinter?

„Misstrauen verschwunden?“, murmelte Auralia Mileny ins Ohr, während sie sich bei ihrer Freundin unterhakte und sie hochzog.
Mileny ließ es geschehen. „Du weißt genauso gut wie ich, dass ich das euch niemals zutrauen würde“, flüsterte sie zurück.
„Ich weiß“, gab Auralia zurück. „Aber wenn du auch nur für eine Sekunde denkst, dass ich dir das nicht bis an dein Lebensende vorhalten werde, hast du dich gewaltig getäuscht.“
Darüber redet ihr jetzt?, mischte Diamila sich fassungslos in ihr Gespräch ein.
Mileny zuckte erschrocken zusammen.
Ist das euer Ernst? Nach dieser Nachricht redet ihr über eure kleinliche Kabbelei? Die Wut, die in Diamilas Geist überzukochen drohte, verschlug Mileny für einen Augenblick die Sprache.
Sie hatte sich in den letzten zwei Tagen eher von Diamilas Geist ferngehalten, nachdem letztere angemerkt hatte, durch Milenys düstere Gedanken könne sie nicht mehr schlafen. Dadurch hatte Mileny jetzt gar nicht mitbekommen, wie wütend Diamila eigentlich war. Und Diamilas Zorn war vollkommen natürlich. Mileny bekam ein schlechtes Gewissen.
Auralia warf ihr einen Seitenblick zu. „Amethysa hat das Gleiche gesagt.“
Es tut mir leid, Mila, murmelte Mileny entschuldigend. Du hast natürlich recht.

Da wir das geklärt haben, können wir uns nun darauf konzentrieren, das Problem zu lösen?, wollte Diamila eisig von allen wissen.
Mileny drehte sich halb zu Arthur und Brom um, die hinter ihnen liefen, und hob fragend die Augenbrauen.
Diamila, ich weiß ehrlich gesagt nicht auf Anhieb, wie wir das lösen sollen, sagte Arthur vorsichtig. Ich bin genauso erschüttert und aufgebracht wie du, das sind wir alle, aber ich befürchte, dass wir momentan nicht in der Lage sind, etwas zu unternehmen.
Hast du sie noch alle?, fauchte eine weitere Stimme. Saphira. Du willst rumsitzen und nichts tun?
Das – hat er nicht gesagt, griff Brom ein. Er wusste ebenso wie Arthur, Auralia und Mileny, dass er sich momentan auf dünnem Eis bewegte. Der Gedanke, dass Eldunarya – dass Drachen entführt worden waren… Mileny machte sich langsam Sorgen, dass ihre Drachen etwas unüberlegtes tun würden.
So hat es sich aber angehört!, zischte Saphira zurück.
Was Arthur damit sagen wollte, war schlicht, dass niemand weiß, wer dahinter steckt, sagte Auralia beschwichtigend. Also können wir momentan leider niemanden zur Rede stellen. Das wäre die eine Sache. Und zum Anderen… Der Rat hat die Sache schon in die Hand genommen. Was glaubt ihr, wie die reagieren, wenn jedes einzelne Gespann sich auf eigene Faust auf die Suche macht? Mit Vrael-Eldas oder Ithronel-Eldas Zorn mögt ihr vielleicht noch zurecht kommen, aber was ist mit Umaroth-Elda und Norath-Elda? Was ist mit deine Vater, Amethysa? Ich bezweifle, dass Glaedr übermäßig begeistert davon sein wird.
Aber wir können doch nicht einfach nur… nichts tun, sagte Amethysa.
Habt ihr Hinweise?, fragte Arthur.
Die Drachen verneinten alle nacheinander.
Er seufzte. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, befürchte ich. Wir können dem Rat natürlich unsere Hilfe bei den Ermittlungen anbieten, aber mehr fällt mir auf Anhieb nicht ein.

Daraufhin folgte längeres Schweigen. Arthur, Auralia, Brom und Mileny verließen den großen Versammlungssaal. Draußen warteten schon alle Drachen, die nicht in den Saal hineingepasst oder dies gar nicht gewollt hatten. Gemessen an den Gesichtsausdrücken der anderen Drachenreiter und dem Rauch, der in der Luft stand, führten viele Reiter eine ähnliche Diskussion mit ihren Drachen.
Ich hasse Untätigkeit, erhob Nadir zum ersten Mal das Wort.
Mileny erschauderte, als sie spürte, wie viel Hass in Nadirs Geist brodelte. So ruhig wie der schwarze Drache war, konnte man fast vergessen, wie furchterregend er erschien, sobald jemand es schaffte, ihn ernsthaft zu verärgern. Und wer auch immer die Eldunarya entführt hatte, hatte diese Linie mit riesigen Sprüngen überquert.
Mileny schluckte. „Lasst uns von hier verschwinden“, sagte sie leise. „Dann können wir entscheiden, was wir machen wollen.“ Wie der Rest ihrer Freunde kletterte sie in den Sattel und schnallte sich fest. Eher zufällig schweifte ihr Blick über die anderen Drachenreiter, die sich auch zum Abflug vorbereiteten, und traf auf den von Oromis. Sie erstarrte für einen Moment, als sie erkannte, dass es Oromis noch schlechter ging, als sie vorhin auf den ersten Blick gesehen hatte. Diese Eldunarya-Situation schien sehr an seinen Nerven zu zerren.
Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, sich auf Diamilas glänzende Schuppen zu konzentrieren. Nein, ihr Beschluss stand fest. Sie würde sich nicht als Erste entschuldigen.

~ ~ ~ ~ ~

Oromis sah Mileny hinterher, bis sie gemeinsam mit Diamila aus seinem Blickfeld verschwunden war.
Es ist meine Schuld, dachte er bitter. Und mit allem anderen, was passiert… Als er diesen Morgen aufgestanden war, hatte er sich gar nicht entscheiden können, welchem seiner Probleme er sich zuerst zuwenden wollte. Genauso wenig wie jetzt.
Oromis wandte sich nach rechts und erlebte die seltene Freude, Ithronel vollkommen fassungslos zu erleben. Nicht einmal Worte fand sie. Er runzelte verwirrt die Stirn. Was war denn jetzt los? Was war passiert?
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er.
„Du-“, begann Ithronel, brach aber wieder ab. „Du und-“ Sie konnte den Satz nicht beenden. Ithronel warf einen scharfen Blick an Oromis vorbei, dann blickte sie wieder ihn an.
Oromis drehte sich kurz um. Warum sah Ithronel Vrael so abwägend an? Im nächsten Moment spürte er, wie Ithronel ihn am Arm packte und bestimmt wieder in das riesige Versammlungsgebäude leitete. Inzwischen war es leer, laut hallten ihre Schritte nach. Der Knall des Eingangsportals, das Ithronel mit Schwung zustieß, ließ Oromis unfreiwillig zusammen zucken.

„Ithronel, was immer es ist, spuck es aus“, sagte Oromis genervt. Müde fuhr er sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ich bin zu geschafft um zu raten, was dich gerade beschäftigt. Ich habe schlecht geschlafen und die Eldunarya…“ Er brach ab. „Sag es einfach bitte. Ohne Herumgerede.“
„Ohne Herumgerede, ja?“, wiederholte Ithronel. Sie stemmte die Hände in die Hüfte, ihr Blick nagelte ihn am Boden fest. „Von allen Frauen, von denen ich gedacht hatte, dass du momentan mit ihnen Zeit verbringst, war Mileny ganz sicher die Letzte auf meiner Liste.“
Oromis blinzelte. Er brauchte mehrere Augenblicke um zu verstehen, worauf Ithronel hinauswollte. Als er es endlich verstand, fand er keine Worte. „Du- ich- was?“
Ithronel schnaubte. „Spiel’ hier nicht den Dummen, das steht dir nicht. Wie lange läuft das schon?“
Oromis’ Gedanken rasten. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Ithronels Blick wurde noch kälter. „Wirklich? Dann wird es sich kein Problem für dich sein, mir in der Alten Sprache zu schwören, dass du mit Mileny keine Beziehung führst und deine schlechte Laune in den letzten Tagen in keinster Weise darauf zurück zu führen ist, dass du dich so offensichtlich mit ihr gestritten hast.“

Oromis öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er konnte es nicht sagen. Er konnte es nicht sagen, und Ithronel wusste es. Jedes einzelne Wort war wahr. Egal, wie verzweifelt er überlegte, es gab keinen Weg, wie er die Worte so verdrehen konnte, dass sie Ithronels Bedingung erfüllten und gleichzeitig der Wahrheit entsprachen.
Aber Ithronel… Auralia und Laetrí waren noch in Ordnung. Es war nicht ideal, aber er wusste, dass er sich auf Laetrí verlassen konnte, und Mileny vertraute Auralia ebenso weit. Doch Ithronel… Sie war Mitglied des Rates. Sie war mit Vrael befreundet. Verdammt, sie hatte gewusst, weswegen er damals Milenys und Diamilas Ausbildung abgegeben hatte, schließlich hatte sie die Ausbildung dann fortgeführt!
Ja, er vertraute Ithronel, aber sie stellte ihre Pflicht über alles andere. Und in diesem Fall würde das bedeuten, dass sie Vrael informieren würde. Oromis konnte in ihren Augen sehen, dass ihre Entscheidung schon feststand.

„Wie lange?“, wiederholte Ithronel ihre Frage.
Oromis biss die Zähne zusammen. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“
Ithronel trat einen Schritt näher an ihn heran. „Ach wirklich?“, fragte sie leise. „Hast du schon mal über die Konsequenzen nachgedacht oder ist dein vernebelter Geist dazu nicht fähig? Und ich hoffe für dich sehr, dass er vor Liebe vernebelt ist.“
Oromis erstarrte einen Moment vor Zorn. „Du wagst es mir vorzuwerfen, ich würde Mileny für Sex ausnutzen?“, zischte er.
„So weit hergeholt ist das nicht“, entgegnete Ithronel kalt. „Ich weiß von allem, was vor deiner Zeit beim Orden geschehen ist.“
„Das ist Jahrhunderte her!“, rief Oromis. Seine Worte hallten lange im Saal nach. Er riss sich wieder zusammen, auch wenn es ihm schwerfiel. Dass Ithronel es wagte, ihm so etwas zu unterstellen… „Ich habe mich schon vor langer Zeit geändert und selbst vor meiner Zeit beim Orden hast du mich nicht einmal gekannt. Du besitzt kein Recht, so mit mir zu reden und mir solche Vorwürfe zu machen. Keines, verstanden?“

„Die Konsequenzen, Oromis“, sagte Ithronel erneut. „Ist dir klar, was-“
„Jeden Tag“, unterbrach Oromis sie bedrohlich leise. „Ich denke jeden Tag daran, was passieren könnte, und ich entscheide jeden Tag, dass sie es wert ist. – Du willst wissen, wie lange es schon läuft? Seit dem Tag, an dem Glaedr und ich aus den östlichen Ländereien zurückgekommen sind. Ja, das ist der Tag, an dem Mileny offiziell ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Also solltest du schon einmal sämtliche Szenarien aus deinem Kopf streichen, in denen Mileny und ich gegen irgendwelche Regeln verstoßen haben.“ Er machte eine kurze Pause und fuhr dann ruhiger fort: „Auch wenn ich nicht wüsste, was dich das angeht: Ich kann dir in einer Sprache deiner Wahl sagen, dass ich sie liebe. Wenn du mir also weiterhin unterstellen willst, ich würde Mileny sexuell ausnutzen, dann tu das bitte. Wir werden ja sehen, wie es endet. – Und ja, ich habe mich mit ihr gestritten und bevor du eine deiner wohlüberlegten Vermutungen abgibst: Ja, es war zum Teil meine Schuld. Habe ich deswegen schlechte Laune? Mal überlegen, wie sieht es denn für dich aus?

Nach Oromis’ letzten Worten herrschte erst einmal Ruhe. Unnachgiebig starrte er Ithronel in die Augen. Er konnte zumindest ein bisschen Reue in Ithronels Blick lesen. Sie war es auch, die letztlich das Schweigen brach.
„Ich hätte dir nicht vorwerfen dürfen, Mileny so auszunutzen, das tut mir leid“, sagte Ithronel aufrichtig. „Aber du weißt, was ich machen werde.“
Es Vrael melden. Diese Worte blieben unausgesprochen, aber Ithronel hätte sie genauso gut schreien können, so deutlich waren sie für Oromis.
„Ich weiß“, sagte er. Jetzt, wo seine Wut verraucht war, ließ sie ihn ausgelaugt zurück. „Ich – Kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Kommt darauf an.“
Ich werde es Vrael sagen. Zeitnah“, fügte er noch hinzu, als er Ithronels Gesichtsausdruck sah. „Aber ich möchte vorher mit Mileny reden und einige Sachen klären. Kann ich mich bis dahin darauf verlassen, dass du den Mund hältst?“
Ithronel nickte kurz.
Oromis seufzte. Seine Probleme hatten sich soeben vervielfältigt. Schon alleine bei dem Gedanken an das Gespräch mit Vrael bekam er Kopfschmerzen.
„Aber lass dir nicht zu lange Zeit“, sagte Ithronel zum Abschied. Sie zog die Torflügel wieder auf. Inzwischen warteten nur noch Norath und Glaedr auf dem Platz. „Sonst werde ich die Sache in die Hand nehmen.“
Oromis konnte Noraths fassungslosen und Glaedrs mitleidigen Blick spüren, während er an die gegenüberliegende Wand starrte und sich fragte, wie er dieses Dilemma beseitigen konnte.
Noraths Flügelschläge verhallten nach einigen Minuten nach und nach in der Ferne.

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* Eldunarí (Pl.: Eldunarya) = Seelenstein/ Herz der Herzen
** Primor Argetlam = Erster Drachenreiter
*** Silion = Ratsgebäude
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