Spione, Saboteure, Attentäter

OneshotSchmerz/Trost / P12
26.06.2017
26.06.2017
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Spione, Saboteure, Attentäter


„Du kannst dir nicht denken, wie wohl mir deine so treue und sorgfältige Einsichtnahme thut [sic!]. Ich lebe wie auf schwankendem Schiffe, und du rufst mir vom Festlande zu, daß ich sicher und gut anlande.“
- aus dem Briefwechsel zwischen Berthold und Jakob Auerbach

Er war nervös, denn er hatte schon eine grobe Vorahnung über das, was Jyn nach ihrer Audienz vor dem Rat sagen würde. Sie würde sagen, dass ihr die Mitglieder nicht geglaubt haben. Sie würde sagen, dass niemand nach Scarif aufbrechen würde.
Sie würde ihm damit sagen, dass sein bisheriges Handeln, all seine Aufträge, sinnlos geworden waren. Sie würde ihm damit sagen, dass er im Prinzip doch nichts weiter als ein Mörder wäre. Er würde es nicht ertragen.
Nichts dergleichen würde er ertragen. Dazu hatte er zu viel getan. Er hatte seinen Informanten Tivik erschossen. Er hätte Galen Erso beinahe erschossen. Er hat zahlreiche Informationen gestohlen, Leben ausgelöscht und riskiert, dass ihm bei dem bloßen Gedanken daran schlecht wurde.
Aber nicht nur er musste das verarbeiten. Cassian war nicht der einzige, der sich mit seinem Gewissen anlegte und sich einredete, dass er seine Gräueltaten für ein größeres Ganzes getan hatte. Damit redete er sich im Grunde genommen sein blindes Gehorsam schön.
Jyn hatte Recht behalten, was das anging.
Doch nicht nur das, sie sprach nun auch vor dem Rat, um den davon zu überzeugen, dass es eine Möglichkeit gab, gegen die übermächtige Waffe anzukämpfen, die das Imperium so gut wie fertiggestellt hat.
Er hatte ihr zu Anfang nicht geglaubt. Wer glaubte schon der Geschichte eines Mannes, der seit Jahren maßgeblich an der Entwicklung besagter Kampfstation beteiligt war und dem Imperium half?
Erso muss sich dieses Risikos bewusst gewesen sein. Deshalb hatte er Bodhi auch zu Saw Gerrera geschickt und nicht zur Allianz. Ein Armutszeugnis für die Rebellion, da sie doch nicht einmal als vertrauenerweckend genug eingeschätzt wurde.
Zumindest nicht für einen Mann wie Galen Erso. Und er lag richtig, denn Cassians Auftrag war es immerhin gewesen ihn zu töten. Ohne ihn vorher zu befragen, ohne ihm eine Chance zu geben sich zu erklären, ohne ihn vorher seine Tochter wiedersehen zu lassen...
Bei der Erinnerung an Jyn, wie sie vor ihrem sterbenden Vater gehockt hatte,* stieg Cassian die Galle in die Speiseröhre. Ihm wurde regelrecht speiübel, weil er selbst dafür hätte verantwortlich sein können, hätte er seinen Befehl nicht verweigert.
Er atmete tief durch und dachte nach.
Hier in seiner Unterkunft auf Yavin IV befand sich nichts bis auf Waffen, wenige Kleidungsstücke und ein Bett, das so bequem war wie der Steinboden, auf dem es stand. Cassian legte keinen Wert auf Luxus, das sah man an diesem Raum.
Nichts von seinem Besitz war in irgendeiner Weise persönlich oder reich an Erinnerungen. Nun sollte sein Lebensstil bestraft werden und zwar von jenen, für die er ihn angenommen hatte, um ihnen nützlich zu sein.
Gedankenverloren setzte er sich auf und nahm seinen Blaster in die Hand, den er ein paar Mal darin drehte. Cassian starrte auf den Boden vor sich, ohne ihn richtig anzusehen und bemerkte, wie seine Gedanken rasten.
Er musste etwas tun, aber was? Niemals würde die Allianz ihre Flotte nach Scarif schicken, dazu gab es zu viele Senatoren und sonstige Mitglieder mit Bedenken über das Risiko zu scheitern und vom Imperium vernichtet zu werden.
Doch ging es nicht gerade darum? Es zu versuchen, auf einen Erfolg zu hoffen? Hatte er das nicht selbst zu Jyn gesagt, dass ihre Rebellion auf Hoffnung beruhte?
Cassian schüttelte den Kopf. Er war nicht damit einverstanden nun von der Rebellion hängen gelassen zu werden, nur weil es die Möglichkeit gab zu versagen. Die gab es nämlich immer, ob nun mit oder ohne Todesstern.
Ruckartig stand er auf und straffte die Schultern, um direkt danach den Zugang zu seiner Unterkunft zu öffnen und in das geschäftige Treiben auf dem Korridor zu treten. Im Hangar würde er die Männer treffen, auf die er sich schon immer hatte verlassen können.
Er würde sie dazu überreden nach Scarif zu fliegen.
Nach einem kurzen Fußmarsch befand er sich zwischen zahlreichen Jägern und den dazugehörigen Piloten und Droiden. Es herrschte ein gewisses Chaos und eine unterdrückte Unruhe, weil der Rat immer noch darüber diskutierte, ob sie nun Jyn Glauben schenken oder nicht.
„Hey, hast du einen Moment?“ fragte Cassian Melshi, der sich von einem T-65 wegdrehte und ihn mit gerunzelter Stirn ansah.
„Klar, worum geht’s?“ wollte der Sergeant irritiert wissen und Cassian sah sich um, damit ihnen niemand ungestört zuhören konnte, der dieses Gespräch hier nicht unbedingt mitbekommen sollte.
Zu viel stand auf dem Spiel.
„Wie stehst du zu Ersos Nachricht?“
„Die, von der niemand weiß, ob sie echt ist?“
Cassian seufzte und nickte bedächtig. Dann pflichtete er Melshi bei: „Ja, genau diese.“
Melshi zuckte die Achseln und stemmte danach die Hände in die Hüften. Erst blickte er an Cassian vorbei zwischen den anderen Männern umher, die sich allmählich für ihre Unterhaltung zu interessieren schienen.
„Ich weiß es nicht. Hast du die Nachricht gesehen?“
Leider musste Cassian den Kopf schütteln. Aber er würde es nicht bei diesem mickrigen Versuch belassen.
„Nein, aber ich glaube ihr. Wenn es nicht stimmt, dann würden wir umsonst in Scarif sterben oder der Todesstern vernichtet einen Planeten nach dem anderen, ohne dass wir etwas getan haben. Was ist aber, wenn es doch stimmt?“ raunte Cassian aufgeregt und trat etwas näher an den Sergeant heran, der ihm lange in die Augen blickte.
„Wenn es doch stimmt, Cassian... Dann säßen wir hier herum, während wir etwas hätten tun können“, dachte Melshi den Gedanken laut zu Ende.
„Genau. Fragst du dich nicht auch, was aus dieser Sache hier wird, wenn wir jetzt abwarten und nichts tun? Oder schlimmer, wenn die Allianz sich ergibt?“
Cassian spürte die Euphorie in sich entstehen. Vielleicht könnten sie mehr tun als nur auf Yavin IV zu versauern, während dort draußen eine Besatzung mit Todessstern ihr Unwesen trieb und eigentlich vernichtet werden könnte.
Jetzt müsste er nur noch ein paar Männer zusammenbekommen.
„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll, Cassian...“, zögerte Melshi etwas zerknirscht und kniff die Augen zusammen. „Wir können das nicht allein entscheiden.“
Cassian holte tief Luft und drehte sich ein wenig vom Sergeant weg, um die Männer aus dessen Staffel genauer in den Blick zu nehmen. In ihren Gesichtern sah er dieselbe Verzweiflung und dieselbe Desillusionierung, wie er sie fühlte.
„Hört mir zu! Wenn der Rat sich gegen den Plan entscheidet die Pläne des Todessterns von Scarif zu holen, dann ergibt er sich kampflos dem Imperium. Wenn das geschieht, dann ist alles, was wir im Namen der Rebellion getan haben, umsonst. Wir haben umsonst manipuliert, umsonst getötet, umsonst das Leben anderer und auch unsere eigenen Leben aufs Spiel gesetzt. Wenn das geschieht, dann sind wir nicht besser als das Imperium. Dann haben wir nichts erreicht“, führte Cassian aus und drehte sich einmal um die eigene Achse, um jeden der Männer in den Blick nehmen zu können.
„Ich sage, wir kämpfen. Aber ich kann nicht alleine gehen“, fuhr er leiser fort und machte eine wegwerfende Handbewegung. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte, denn mehr Argumente konnte er nicht bieten.
„Viele werden dabei sterben“, warf Melshi ein und trat von der Seite an Cassian heran. „Das muss euch bewusst sein.“
Dann legte er ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter und ein Lächeln schlich sich langsam auf sein Gesicht.
„Aber das hält mich nicht ab“, setzte er hinterher und Cassian spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Hatte er es wirklich geschafft? Hatte er wirklich eine Besatzung für ihren gestohlenen Transporter gefunden, die bereit war Jyn und ihm bis nach Scarif ins Herzen des feindlichen Imperiums zu folgen?
„Captain, ich melde mich freiwillig“, drang dann schon die erste Stimme einer der umstehenden Rebellen durch das geschäftige Treiben des Hangars, in dem die verschiedensten Fahrzeuge und Fluggeräte gewartet wurden.
„Captain Andor, ich bin dabei“, rief der nächste und immer mehr der Männer traten heran, um sich freiwillig für dieses Himmelfahrtskommando zu melden. Wenn sie nur mit zwanzig Männern nach Scarif gingen, dann waren es zwanzig mehr als Cassian gehofft hatte.
Und es würde ein voller Erfolg werden – selbst wenn es sein letzter Tag in den Weiten der Galaxis sein sollte.
Nun mussten sie nur noch auf Jyn warten, die sicherlich mit einer Enttäuschung aus der Ratssitzung herkommen würde. Er glaubte ihr. Nicht nur er, sondern auch die Männer, die sich hinter ihm dazu bereit machten, all ihre wichtigsten Sachen einzupacken, um eine Insel voller Sturmtruppen zu überraschen.
„Packt alles zusammen, was ihr habt. Wir müssen sie verwirren und ihnen Angst machen. Übertreibt es ruhig, das wird nur helfen“, rief Cassian über den entstandenen Lärm hinweg und drehte sich rüber zu Baze und Chirrut.
Auf Chirruts Gesicht war ein Lächeln zu sehen.


* Dazu gibt es von meiner Seite schon einen OS, den ihr unter dem Titel Satyagraha lesen könnt, falls ihr mögt :)


Anmerkung: Wieder eine Lücke, die mich interessiert hat und die ich deshalb genauer betrachten wollte. Cassian hat Überzeugungsarbeit leisten müssen und das nicht nur für Jyn und ihren Willen dem Imperium zu schaden, sondern auch für sich selbst, weil er sonst völlig umsonst seine Gräueltaten begangen hätte. Was meint ihr zu der alternativen Szene?
LG, Erzaehlerstimme
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