Ein loser Faden

GeschichteDrama / P16
Dr. Hannibal Lecter OC (Own Character) Will Graham
25.06.2017
30.07.2019
23
21.178
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Dieses Kapitel
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25.06.2017 2.572
 
Die Figuren des Will Graham und Dr. Hannibal Lecter gehören nicht mir, sondern sind Eigentum von Thomas Harris und Bryan Fuller.
Diese Geschichte basiert auf der Serie und ist irgendwo in der ersten Staffel einzuordnen. Mir ist kein passender Titel eingefallen, vielleicht ändert sich das noch.
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Sie fror, war hungrig und müde, innerlich verfluchte sie sich für ihre Dummheit. Kein vernünftig denkender Mensch stritt sich während der Autofahrt so sehr mit seinem Freund, dass er mitten im Nirgendwo aus dem Auto geworfen wurde. Niemand schaffte es sich dann in dem Wald zu verlaufen, statt einfach an der Straße entlang zu gehen, um den nächsten Ort zu erreichen.
Endlich tauchte vor ihr eine kleine Hütte auf, ein schwacher Lichtschimmer war durch die Fenster zu erkennen und Rauch kam aus dem Schornstein. Unbewusst beschleunigten sich ihre Schritte, bevor sie zaghaft an die Tür klopfte, atmete sie noch einmal tief durch. Sie hob die Hand, nun gab es kein Zurück mehr, egal wer hier wohnte, sie wollte nur noch ins Warme. Von der anderen Seite der Tür war ein vielstimmiges Hundegebell zu hören, dann eine verärgerte Stimme, die rief: "Ich hatte Sie gewarnt, noch einmal meine Grundstück zu betreten und mich zu belästigen, Miss Lounds!"
Durch das matte Glas neben der Tür konnte sie sehen, wie sich jemand der Tür nährte, die Person schien zu wanken, die Stimme gehörte zu einem Mann. Verunsichert und ängstlich trat sie rückwärts ein paar Schritte von der Tür weg, als ein Knall ertönte und das Glas in tausend winzige Splitter zersprang. Sie wurde ein gutes Stück nach hinten von der Veranda geschleudert und kam auf dem Rücken zum Liegen, der Schock nahm ihr sämtliches Schmerzempfinden, wie ein erstarrter Käfer blieb sie liegen. Die Haustür öffnete sich ein schmales Stück und ein junger Mann mit wirrem Haar und schlecht sitzendem Holzfällerhemd kam heraus, in der Hand hielt er eine halbautomatische Pistole. Auf dem Weg zu ihr fiel ihm die Waffe aus der Hand, vorsichtig kniete sich neben sie, sie konnte seine Erleichterung förmlich spüren, als er sah das ihre Augen offen waren und sie atmete.
"Oh nein, ich dachte, Sie wären jemand anderes. Es tut mir aufrichtig leid! Haben Sie Schmerzen?" fragte er besorgt, in seinem Atem konnte sie Alkohol riechen. Wimmernd versuchte sie sich auf zu richten, doch ihr Körper schien ihr nicht gehorchen zu wollen, dafür trafen sie die Schmerzen mit einer so brutalen Wucht, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Er half ihr auf, schwer sank sie gegen seine Schulter und verlor das Bewusstsein, halb trug, halb schleifte er sie in die Hütte und legte sie auf dem durch gesessenen Sofa ab.
Der Schock saß auch bei ihm tief, nun musste er Schadensbegrenzung betreiben, als Erstes musste er die Waffe aus dem Garten holen, dann die Kugel beseitigen. Neugierig musterte er ihr blasses Gesicht, die Kugel war auf Höhe das Schlüsselbeines in ihre Schulter eingedrungen, mit etwas Feingefühl würde er die Kugel entfernen können. Aus der Küche holte er eine Flasche Whiskey und ein schmales Messer, mit dem er für gewöhnlich Fische filettierte, großzügig verteilte er den Alkohol auf ihrer Schulter und ihrem Oberarm, bevor sich selbst einen großzügigen Schluck aus der Flasche genehmigte. Ohne große Umschweife ließ er das Messer in der Schusswunde versinken, er würde die Kugel einfach heraus hebeln.
Als die Klinge auf Widerstand stieß, kam die junge Frau zu sich, schreiend bäumte sie sich auf. Das Messer in der Wunde glitt durch ihre Haut, bevor er es zurückziehen konnte und hinterließ einen langen Schnitt, der sofort begann stark zu bluten begann. Ihre Hand fuhr zu der Stelle und als sie das Blut an ihren Fingerspitzen sah, verlor sie abermals das Bewusstsein und sank auf das, nun feuchte, Sofapolster zurück. Resigniert kam er zu den Schluss, dass er diese Angelegenheit nicht alleine aus der Welt schaffen konnte. Nach einem weiteren, tiefen Schluck aus der Flasche trug er die junge Frau zu seinem Wagen und verfrachtete sie auf den Beifahrersitz. Als er hinter dem Steuer des Wagen saß, war der Alkoholnebel in seinem Kopf verschwunden, nun musste er sich auf seine Aufgabe fokussieren, auch wenn er den Weg, wie im Schlaf, auswendig kannte.

Hannibal hatte es sich gerade mit einem guten Glas Wein auf seinem Sofa bequem gemacht, als es durchdringend an der Tür schellte, interessiert glitt sein Blick zur Uhr, eine Augenbraue hob sich, er begab sich zur Haustür. Als er die Tür öffnete, stand ein schockierter Will Graham mit einer bewusstlosen Frau in seinem Arm vor ihm, beide Personen waren blutverschmiert und rochen nach Alkohol.
"Will, was ist passiert? Ist das Ihr Blut?"
Träge schüttelte Will seinen Kopf, als er antwortete, konnte Hannibal den Alkohol in seinem Atem riechen: "Es war ein Unfall, sie stand vor meiner Tür ... ich war so genervt ... ich dachte, es wäre Miss Lounds ... ich habe durch das Glas auf sie geschossen ... es sollte doch nur ein Warnschuss sein ..." Will brach ab, sein Blick war unfokussiert, es fiel Hannibal sofort auf.
"Kommen Sie erst mal rein, ich werde sehen, was ich für Sie beide tun kann. Folgen Sie mir bitte!" Dr. Lecter schloss die Tür hinter Will und ging voraus, in der Küche deutete er auf den Tisch mit der Platte aus blank poliertem Holz und bedeutete Will die Frau dort abzulegen. "Will, wären Sie so freundlich? Auf den Tisch mit ihr! Sollte sie zu sich kommen, passen Sie auf, dass sie nicht runter fällt!" mit den letzten Worten verließ Hannibal die Küche. Verwirrt wartete Will Graham, was nun weiter passieren würde und beobachtete, wie sich ihr Brustkorb schwach hob und senkte. Dr. Lecter betrat mit einem Stapel frischer Handtücher und einer Ledertasche wieder die Küche, das Geräusch der Schuhe auf den Fliesen ließ Will erschrocken zusammenzucken. Mit routinierten Handgriffen öffnete Hannibal ein Schublade, entnahm eine große Schere und zerschnitt das Shirt der Frau, um besser an die Wunde zu kommen. Seine Nase krauste sich, als er das ganze Ausmaß von Wills Arbeit vor sich sah.
"Will, ich sehe das Projektil, es steckt unter dem Schlüsselbein fest, aber da ist noch etwas, es sieht aus, als hätte jemand versucht die Wunde zu vergrößern! Was verschweigen Sie mir?"Dr. Lecters fragender Blick bohrte sich förmlich in Wills Augen, dieser druckste herum, bevor er herausplatze: "Ich hatte selber versucht die Kugel zu entfernen, wenn herauskommt, dass ich betrunken auf eine wildfremde Person geschossen habe, werde ich suspendiert und ein Disziplinarverfahren wartet auf mich." Seine Gesichtsfarbe wurde dunkler. "Deshalb habe ich ihr Alkohol über die Wunde geschüttet und wollte die Kugel mit einem Messer heraus hebeln, als ich es in die Wunde gesteckt habe, ist sie zu sich gekommen und hat sich wortwörtlich ins Messer gestürzt, ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie das Messer durch ihre Schulter geschnitten hat." Hilflos warf Will die Hände in die Höhe.
"Will, das war sehr dumm, ja man könnte sagen, leichtsinnig von Ihnen. Sie haben nicht nur das Leben der Frau in Gefahr gebracht, sondern ihr auch noch unnötig Schmerzen zugefügt. Durch Ihren wirren Kopf wird sie nicht nur eine Narbe behalten, sie wird auch noch größer sein, als notwendig!" Hannibal klang verstimmt, als ein Geräusch die Aufmerksamkeit der beiden Männer zurück auf den Tisch lenkte.
Fasziniert beobachteten die Beiden, wie sich die Atmung der Frau änderte, die Züge wurden kräftiger, aber unregelmäßiger, das Atmen schien sie viel Kraft zu kosten, sie kam zu sich. "Guten Abend und Willkommen in meinem Haus!" sprach Dr. Lecter sie leise an, als sich ihre Augenlider flatternd öffneten.
"Guten Abend...?!" antwortete sie verwirrt, während sie versuchte sich auf die Seite zu drehen, sanft hielt Hannibal sie fest. "Mein Name ist Dr. Hannibal Lecter und ich werde Ihre Schulter untersuchen, bleiben Sie einfach ruhig liegen. Darf ich Ihren Namen erfahren?" Sie blieb reglos liegen, während er ihre Schulter betastete, dann holte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne Luft, bevor sie zitternd antwortete:
"Hannah, Hannah Bouler ... was ist passiert?"
Ihr vernebelter Blick glitt suchend durch die Küche und erkundete den Raum, schließlich blieb er auf Will ruhen. Panik flammte in ihren Augen auf, als das Erkennen einsetzte und ihr Gehirn die losen Enden zusammenfügte, hastig versuchte sie sich aufzurichten. "Was macht dieser Mann hier? Er hat mich verletzt, er hat auf mich geschossen und mit einem Messer verletzt ... er wird mir wieder wehtun!", sie wimmerte ängstlich.
"Hannah, beruhigen Sie sich, das ist Will, er hat Sie zu mir gebracht, er wird Ihnen nichts tun. Atmen Sie ruhig weiter, ich werde Ihnen etwas verabreichen, dass Sie schlafen lässt, das ist notwendig, damit ich das Projektil entfernen kann." Dr. Lecter entnahm seiner Tasche ein kleines Fläschchen und eine Spritze, während er mit Hannah sprach, zog er den Inhalt des Fläschchens in die Spritze.
"Ich möchte nicht schlafen, ich will nach Hause, lassen Sie mich einfach telefonieren und ich lasse mich abholen, ich erzähle auch niemanden, was passiert ist!", ihre Stimme zitterte und auf ihrem Gesicht breitete sich abermals Panik aus. "Das kann ich leider nicht zulassen!", erwiderte Hannibal streng. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie beschloss, dass jetzt der passende Moment war, das Haus sofort zu verlassen. Unter Schmerzen rollte sie sich auf die Seite und sprang vom Tisch, als sie auf dem Boden aufkam, wurde ihr kurz Schwarz vor Augen und ihre Beine gaben nach, mit viel Mühe richtete sie sich auf und hechtete in Richtung Tür.
Will reagierte blitzschnell, bevor sie die Tür erreichte, hatte er sie zu Boden gerungen und hielt sie nieder, ihre Wange auf den kalten Boden gepresst. Dr. Lecter kam hinzu und drehte ihr den unverletzten Arm auf den Rücken, sie schrie und wehrte sich nach Kräften. Sie mobilisierte ihre letzten Reserven, aber gegen zwei Männer kam sie nicht an. Während sie versuchte ihre Hand wieder frei zu bekommen, spürte etwas wie etwas kaltes auf ihren Arm gesprüht wurde. Als die Nadel in ihre Armbeuge glitt, bäumte sie sich ein letztes Mal auf, Tränen des Schmerzes und Frustes rannen ihr heiß über ihre geröteten Wangen und bildeten eine kleine Pfütze auf den grauen Fliesen. "Hannah, Sie hätten liegen bleiben sollen, Sie machen alles nur schlimmer und Sie verlieren mehr Blut, wenn Sie sich so wehren. Es wird nicht einfacher, wenn Sie zusätzlich in Panik verfallen." In Hannibals Stimme schwang Bedauern mit. Hannah weinte nun: "Nein, nein, nein ich will das nicht, bitte hören Sie auf!"
Langsam injizierte Dr. Lecter das Medikament, das Weinen wurde leiser, ihre Gegenwehr erlahmte und ihre Muskeln entspannten sich, als er die Nadel aus ihrem Arm zog, zuckte sie zwar einmal zusammen, bewegte sich aber nicht. Vorsichtig drehte Will sie auf den Rücken, hob sie in seine Arme und legte die halbohnmächtige Frau auf dem Tisch auf einem ausgebreiteten Handtuch ab. Sie ließ es einfach geschehen, lediglich ihre Augen weiteten sich panisch. Hannibal holte indes einige chirurgische Instrumente aus der Ledertasche, als er kurz innehielt und sein Blick zu Hannah glitt. Sie unternahm einen letzten Versuch: "Bitte nicht, ich will nach Hause, bitte lassen Sie mich gehen!" Ernst beobachtete er, wie Hannah darum kämpfte die Augen offen zu halten, er legte ihr eine Hand auf die Stirn, während er zu ihr sprach.
"Hannah, je mehr Sie kämpfen, desto stärker ist der Blutverlust, wenn ich die Kugel entferne. Ich möchte, dass Sie die Augen schließen und schlafen, das ist auch für Sie leichter. Sie sind in Sicherheit, lassen Sie sich fallen und das Medikament seine Wirkung entfalten." Ihre Augenlider begannen zu flattern. "So ist es gut ... Sie sind müde ... Ihre Augen sind schwer, Sie möchten sie schließen ... Sie machen das ganz toll!" Er sprach ganz ruhig auf sie ein, seine Stimme wurde immer leiser, die freie Hand tastete nach ihrem Handgelenk und fühlte ihren Puls. Das schwache, immer langsamer werdende Klopfen zeigte ihm, dass die gewünschte Wirkung eingetreten war. Als er mit einer kleinen Lampe ihren Pupillenreflex überprüfte, konnte auch Will sehen, dass er stark verzögert war. Hannibal schien sehr zufrieden mit dem Ergebnis zu sein, er betäubte die Schulter zusätzlich lokal, die junge Frau hatte unter Wills Behandlung schon genug gelitten, das Adrenalin sorgte für eine relative Blutleere an der betäubten Stelle, die nun auch schon heller wurde, der Blutverlust würde gering ausfallen. Dr. Lecter sortierte die Instrumente auf dem Tisch, holte noch einige zusätzliche Instrumente aus seiner Tasche, bevor er sich die Hände wusch, alles desinfizierte, mit kochendem Wasser sterilisierte und sich Handschuhe anzog. Als Hannibal mit einer langen Pinzette unter Hannahs Schlüsselbein nach dem Projektil fischte, wurde Will übel, fluchtartig verließ er die Küche und fand sich schließlich im Garten wieder.

Nach gefühlt einer Ewigkeit kam Dr. Lecter in den Garten und musterte Will, bevor er zum Sprechen ansetzte. "Will, da sind Sie ja, ich hatte Sie schon überall gesucht. Mir war nicht bewusst, dass Sie so zart besaitet sind." Will sah müde in die wachsamen Augen, als er antwortete: "Es ist eigentlich nicht meine Art, aber es war merkwürdig, ich habe mich schuldig gefühlt. Sie hat so gekämpft, als würde sie so dem Leid entkommen, für das ich verantwortlich bin. Hätte ich erst die Tür geöffnet, dann hätte ich nicht geschossen und sie würde zu Hause einen Film genießen oder so." Will schien heute Abend nicht er selbst zu sein, erst der übermäßige Alkohol, dann sein abweichendes Verhalten.
Hannibal sah Will einige Sekunden durchdringend an und erwiderte: "Es ist kalt hier draußen, lassen Sie uns reingehen und unser Gespräch im Warmen fortführen, Hannah schläft in meinem Gästezimmer und hat den Eingriff gut verkraftet. Ich würde vorschlagen, dass sie ein paar Tage hierbleibt, bis es ihr wieder besser geht, Sie können sie selbstverständlich jederzeit besuchen kommen." Will gähnte herzhaft und winkte ab, anscheinend stand er wirklich neben sich. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, fahre ich lieber nach Hause und komme morgen wieder. Sie haben mir wirklich die Haut gerettet, ich weiß nicht, wie ich das jemals zurückzahlen kann. Gute Nacht, Dr. Lecter und vielen, vielen Dank!" Will ging zu seinem Wagen, der reichlich schief in der Einfahrt stand, langsam setzte er zurück, drehte und fuhr weg. Lächelnd drehte Hannibal das Projektil in seinen Fingern, während er den roten Lichtern hinterher sah und schließlich ins Haus ging, ob es so eine gute Entscheidung war, Will in dem Zustand zurückfahren zu lassen, würde sich noch zeigen. Gegen Mitternacht sah er nochmal nach seiner Patientin, prüfte den Verband und Blutdruck, anschließend verabreichte er ihr eine höhere Dosis Morphium, damit sie die Nacht durchschlafen konnte und er auch. Es war besser auf Nummer sicher zu gehen, anstatt das jemand in seinem Haus umherwanderte, auch wenn sie nicht weit kommen würde. Der Vorfall in der Küche hatte ihm gezeigt, dass sie eine Kämpferin war, die sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen würde. Für gewöhnlich brauchte er seine Haustür nicht abzuschließen, in der nächsten Zeit würde er es tun müssen.
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