Ardeur de la vie

von Kantorka
GeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Lestat de Lioncourt Nicolas de Lefent Tarquin Blackwood
25.06.2017
25.06.2017
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„Nicolas …“
Den geflüsterten Namen auf den Lippen erwache ich aus meinem Schlaf.
Ich habe geschlafen.Nachts.
Ein zynisches Lächeln auf meinen Lippen.
„Wirst du etwa alt, Lestat?“ Die Ironie in diesen Worten. Herrlich. Alt. Wenn ich es doch nur könnte.
 Ich richte mich langsam auf, kann die Blutspur auf meiner Wange erahnen, ohne sie zu berühren. Ich rieche das Blut, mein eigenes.
Mein Herz schreit. Nach ihm.
Ich lausche, taste mich mit den Sinnen, durch mein Haus. Gerade ist Louis bei mir. Und auch Armand. Und Quinn und Mona. Ich dachte, ihre Gesellschaft täte mir gut.
Aber ich bin nicht ich selbst.
In meinem Herzen Hunger und Leere in meinem Kopf. Louis sieht mich immer so an, so … wie ich es nicht ertragen kann. Mit diesen vorwurfsvoll-wissenden-besorgten Louis-Augen, das macht mich wahnsinnig, als würde er von mir erwarten, dass ich ihm sage, was mich quält.
Doch wie könnte ich. Wie? Ohne Eifersucht zu schüren.
Mein Herz schreit nach Nicolas. Meine Seele hört sein Geigenspiel. Jede Nacht diese Klänge, als würde er mich rufen und gleichzeitig anklagen. Was ich ihm angetan habe, verzeihe ich mir nie.
Soviel Zeit, die vergehen musste. Im Grunde habe ich es immer gewusst. Immer, dass es nur ihn gab.
Die letzte Erinnerung an das bisschen Menschlichkeit, die mir noch blieb.
Ich will gar nicht nach unten gehen.
Louis wird mich besorgt ansehen, Armand neugierig und Mona wird mich sicherlich ausquetschen, die rothaarige, liebenswerte Nervensäge. Ich kann es nicht ertragen.
 
Manchmal … da ist es so leer in mir. Meine gesamte Existenz ist ein einziger Schmerz, wenn ich an ihn denke, wenn ich aus diesen Träumen erwache, in denen er lebendig ist, in denen wir Wein trinken und reden, einfach nur reden.
Und wenn wir des Redens dann überdrüssig sind, lieben wir uns, manchmal die ganze Nacht.
Dann ist mir heiß. Unendlich heiß, wenn ich wieder erwache.
 
Ich finde mich manchmal selbst ganz schön schrecklich und nervtötend. Und die anderen auch. Aber das ist in Ordnung.
Nicki … er hat mich einmal geliebt. Wie ich ihn, aber … jetzt. Könnte ich ihm nicht mehr unter die Augen treten. Denn das erste Mal zwingt mich die Sünde in die Knie.
Das Verbrechen, das ich an dem Geschöpf verübte, das ich am meisten liebte von allen.
 
Das Trinken ist mir derzeit zuwider. Ich kann es einfach nicht. Dabei ist es in den Jahrhunderten die natürlichste Sache der Welt geworden. Meine Wangen wirken eingefallen, merke ich, als ich einen Blick in den Spiegel werfe.
Ob ich zu ihnen herunter gehen soll? Alles sträubt sich in mir. Im Grunde bin ich seit vielen Tagen nicht aus diesem Zimmer herausgekommen.
Ich bin nicht ich, sagte ich das schon?
 
Ich lasse mich zurück auf das Bett sinken, seitlich, und schließe die Augen. Ein Windhauch streift meine Wange, so zart. Wie das Streicheln von Fingerkuppen, eine Berührung in unendlicher Zärtlichkeit geschenkt und als ich die Augen aufschlage, sehe ich Nicolas dort an meinem Bett sitzen.
Er sieht mich an. Einfach nur an. Er, der einzige, der mich je umfing. Meine Seele, mein Leben.
„Ach, Lestat…“, höre ich seine Stimme, er spricht nicht, doch ich höre ihn.
Vergebung. Vorwurf. Sehnsucht. Liebe. Verlangen. Enttäuschung. Alles gleichsam in diesen einfachen zwei Worten. Mir kommen die Tränen.
 „Ist das meine Strafe, Nicki?“, wispere ich, und richte mich auf, ich sehe ihn an und gleichzeitig durch ihn hindurch.
Er lächelt. Warm. Milde.
„Wovon redest du nur, Monsieur…?“, flüstert er und ich höre Sorge und er streicht mir durch das Haar und diese Berührung ist mir gleichzeitig so vertraut und doch so fremd.
„Meine Strafe…“, sage ich noch einmal. „Du kannst mir doch nicht vergeben … einfach so.“
 Er schüttelt den Kopf. „Ich kann.“
 „Ich liebe dich“, sage ich und fühle mich hilflos dabei, fühle mich armselig dabei. Als würden allein diese Worte alles wieder gut machen, was uns auseinandergerissen hatte. Dabei sind es nur Worte, die unmöglich das fassen können, was ich fühle, aber ich kenne Nicolas und plötzlich weiß ich wieder, er versteht mich auch so.
„Lestat, du musst loslassen…“, sagt er und küsst mich auf die Wange und dieser Kuss ist so geisterhaft, dass ich im Grunde schon ahne, was das hier ist. Aber ich weigere mich, es als Traum herabzuwerten.
Nicki ist zu mir gekommen, er ist hier.
„Ich will nicht loslassen“, sage ich, bin mir sicher, dabei sehr trotzig zu klingen.
„Lass mich doch gehen“, flüstert er und das erste Mal spüre seine Qual, all die Jahrhunderte, die Qual seines Todes und mein grenzenloser Egoismus, der ihn in meinen Träumen gefangen hält.
Lass mich gehen, hat er gesagt. Als ob das so einfach wäre. Loslassen. Ich halte seine Hand fest, doch mein Griff wird lockerer.
„Nimm mich mit dir…“, bitte ich ihn. „Woanders will ich nicht sein. Nicht mehr in dieser Welt. Nicht hier…“
„Du redest Unsinn, mon sucré. Und ich denke, das weißt du.“
Ich schaue ihn wohl verklärt an, stehe auf, weil er auch aufgestanden ist, folge ihm zum Fenster, das weit aufschwingt.
„Nicki …“ Ein letztes Mal, doch ich weiß, dass er mich nicht erhören wird. Er wird fortgehen, wie immer.
 
Ich stehe noch am Fenster, als er schon nicht mehr ist. Sehe hinaus in die Nacht und bilde mir ein, die Musik zu hören, das Lachen, die Süße des Weines auf meiner Zunge, obwohl ich glaubte, den Geschmack längst vergessen zu haben. Die Gardinen wehen nur sacht im Nachtwind.
„Lestat, hier ist niemand… mit wem um Himmelswillen sprichst du da schon wieder?“
Ich schweige und spüre die Gestalt Quinns im Türrahmen. Wie lange er da steht, weiß ich nicht. Doch ich merke, dass er sich wohl gerade fragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Unwillkürlich muss ich lächeln.
Dann sehe ich abermals hinaus in meinen Garten und sehe Nicki, wie er leichtfüßig vom Haus weggeht, er trägt dabei dieselbe Kleidung, wie an dem Tag, als wir uns das erste Mal näher kamen.
Er bleibt kurz stehen und wirft mir ein herausforderndes Lächeln über die Schultern zu. Ich schüttele den Kopf.

Es ist nicht zu Ende mit uns. Noch lange nicht.


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Diese FF ist auch schon etwas älter. Sie ist im Jahre 2012 entstanden und wurde nochmal kurz überarbeitet, ehe ich sie hier jetzt hochgestellt habe.