Der sechste Wolf

von Kantorka
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Lestat de Lioncourt Nicolas de Lefent
25.06.2017
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Die neue Welt war dröhnend und so stählern und gräulich. Sie war drückend und groß und sie hatte ihren Zauber verloren.

Als ich mein Gedächtnis wieder erlangte, drohte ich, daran zuzerbrechen. Zerbrechen wie damals, als man mir meine Seele raubte, als Armand, dieser Teufel mir das nahm, was sie dazu machte.
Die Hände, mit denen ich meiner Geige dieselben Töne entlockte, wie meinem Liebsten, wenn wir es in den verlorenen Nächten, indenen wir nur uns hatten, bis zur Besinnungslosigkeit trieben.
Ich wusste nicht, wie lange ich in der Finsternis gewandert war, ich wusste weder, wo mein Geist, noch mein Körper geblieben waren, doch es war seine Stimme, die mich zurückgeholt hatte. Diese süße Vertraulichkeit. Diese süße lockende Stimme. Der Hass, den ich tatsächlich gegen ihn empfand, war geschwunden, das wusste ich, als ich das erste Mal seit langem seinen Körper wieder umfing, spürte, wie sich sein Körper anfühlte, jetzt so kalt, doch für mich war er warm. Der wunderschöne Schimmer des goldenen Haares, diese Augen, die es mir unmöglich machten, ihn zu hassen.
Lestat. Mein ewiger Teufel.
Er verlangte von mir, vorerst nicht nach draußen zu gehen, wenn ich ehrlich bin, verspürte ich auch nicht den Drang danach. Diese Welt behagte mir nicht. Ich war lieber hier. Alleine mit ihm, denn es gab so viel, über das wir sprechen mussten, soviel, was uns getrennt hatte.

Ich saß bequem ihm schräg gegenüber auf einem Chesterfield Sessel, er auf einem Sofa desselben Stiles, er starrte in die Flammen des Kamins, den er der Elektrizität, deren Licht mir ohnehin zu grell war, vorzog, das Buch, welches er in Händen gehalten hatte, war herabgesunken, sodass ich den Titel nicht mehr erkennen konnte.
Ich studierte ihn, er wirkte abwesend, entrückt.
Ich erinnerte mich an sein träumerisches, impulsives und depressives Wesen, das er mir damals offenbart hatte, das mich so erschreckt hatte, das in mir dieses Verlangen nach ihm ausgelöst hatte, das Verlangen, ihn zu beschützen und auch, ihn zu besitzen. Wie ich schnell gemerkt hatte, hatte sich dahingehend nicht sehr viel geändert und doch war etwas anders.
Seine Augen, sie waren so … tief. Tiefer, als damals. Manchmal, wenn er mich ansah, glaubte ich, darin das Wissen um die ganze Welt und gleichsam die Angst vor diesem Wissen, sehen zu können und dann schauerte es mich und wenn er mich dann fragte „Nicki, was hast du denn nur?“, wich ich dieser Frage aus, weil ich nicht die richtigen Worte fand, und ihm schien das auch ganz Recht zu sein.
Ich glaube, Lestat sah sich als der Beschützer und Behüter von uns allen an, insbesondere von mir, dabei war es doch früher direkt umgekehrt gewesen und ich mochte den Gedanken nicht, ihm unterlegen zu sein in Macht und Wissen und, dass er mir Dinge von sich vorenthielt, weil er davon überzeugt war, diese Bürde, was immer sie auch sei, sei mir nicht zumutbar.

Dabei wirkte er in Momenten, wie gerade diesen selbst so verloren, so hin- und hergerissen in der Welt, zuviel erlebt zu haben und doch zu wenig.

Ich mochte diesen Glanz, den das sachte Flackern des Feuers in seine goldenen Locken zauberte. Wie flüssiges Gold.
Er war so schön. So unbeschreiblich. Und doch so traurig.
Ich seufzte und stand schließlich auf, nahm schließlich neben ihm Platz, fasste ihm mit einer Hand in den Haaransatz, zog ihn zu mir, er ließ es geschehen.
Einen Moment genoss ich den Duft seines Haares, das diesen Duft barg, der mir so kostbar war, dann murmelte ich: „Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du wieder in die Wirklichkeit zurückkömmest, damit ich nicht gezwungen bin, zukünftig Selbstgespräche zu führen.“
Er sah mich an, die Verklärtheit wich nur leicht aus seinem Blick, kurz darauf ein verhaltenes Lächeln.
„Was?“, murmelte ich misstrauisch.
„Kömmest sagt seit bestimmt 100 Jahren schon keiner mehr.“
Ich verdrehte die Augen, dann zog ich sanft und leicht tadelnd an einer der Locken, die ihm so vorwitzig ins Gesicht sprangen.
„Du kannst es nicht lassen, mich wieder und wieder zu belehren, was?“
Er bemühte sich,schuldbewusst drein zu sehen, was ihm nicht so ganz gelang, das verriet mir das Blitzen in seinen Augen.
„Lestat de Lioncourt, du bist unmöglich!“, rief ich schließlich aus, doch das Lachen, das sich meine Kehle empor gerungen hatte, war nicht von langer Dauer. Zu schnell stieb mir wieder in die Gedanken, dass da etwas war, das er mir verheimlichte.
Noch beherrschte ich die Kunst des Gedankenverschleierns nicht so sehr, dass es mir gelang, ebenjene rechtzeitig vor ihm zu verbergen, sodass er mich argwöhnisch anblickte.
Ich war verstimmt. Auch in solch kleinen Gesten zeigte sich seine Überlegenheit.

„Nicolas…“, sagte er sanft, wobei er mir eine Hand auf den Oberarm legte, doch diese Berührung war mirleidig in diesem Moment, beinahe, wie aus Trotz wischte ich seine Hand von mir herunter und plötzlich mochte ich ihn auch nicht mehr ansehen. Er war mir zuwider in seiner gänzlichen Perfektion und Herrlichkeit, in der er sich immer aufspielte, und genau das ließ ich ihn auch in aller Deutlichkeit spüren.
Lestat straffte neben mir seine Gestalt.
„Ich weiß schon, was mit dir los ist“, sagte er böse, während ich weiterhin schwieg. „Du kannst es nicht ertragen, dass ich so viel mehr weiß und kenne, als du es tust und das ist … das ist … oh, wie kannst du mir nur diesen Groll entgegenbringen, immerhin habe ich dich zurück geholt, zurück zu mir! Alles, was du tust, ist, dich beschweren, anstatt das Leben, das dir neu gegeben wurde in dich aufzunehmen!“

Ich sprang auf, erregt erwiderte ich: „Soll ich dir jetzt dankbar sein, dass du mich in die Ewigkeit verflucht hast, wie? Soll ich dir dankbar sein, dass ich die Gnade erfahren habe, eines von deinen geliebten Geschöpfen zu werden, dankbar sein, dass du mich von dir gestoßen hast, ha?“
Er folgte mir mit zusammengekniffenenAugen, während ich so aufgebracht auf und ab ging, wie ein wildes Tier im Käfig, eine Wut verspürend, eine hilflose, verzweifelte Wut, die sich tief durch meine Eingeweide gewühlt hatte, das letzte Mal, als wir beide noch Sterbliche gewesen waren, als ermir so plötzlich entrissen worden war und sich mir selbst dann vorenthalten hatte, nein, das hatte ich ihm nicht verziehen, das wurde mir nun klar.
„Nicki, deine Worte schmerzen mich.“
„So schmerzen sie dich zu Recht!“

Wenn doch Vampire kein Temperaturempfinden haben, so war es, als kühle die Luft im Raume um einige Grad herunter.
Er erwiderte nichts darauf und das machte mich noch zorniger, früher hatte keiner von uns je nachgegeben, jeder immer das letzte Wort haben müssen, doch jetzt schien es beinahe so, als sei er sich einer gewissen Schuld bewusst, als gräme er sich tatsächlich dessen, was geschehen war, und das regte mein Gemüt nur noch mehr auf und ich stürmte aus dem Raum.
„Wo willst du jetzt hin?“, rief er mir gereizt hinterher.
„Mich abregen“, lautete meine knappe Antwort und er hielt mich nicht auf.

Ich bildete mir Kopfschmerz ein, vielleicht war mir zu jenem Zeitpunkt noch nicht gänzlich bewusst, dass dies unmöglich tatsächlich sein könnte, während ich zu meiner Violine griff und kurze Zeit später so wüst mit dem Bogen über die Saiten fuhr, dass ihnen der ein, oder andere schiefe Ton entkam, ein Zeichen meiner Wut, von der ich nicht genau wusste, worauf, ein Zeichen meines Hasses auf mich selbst und ein Zeichen meiner Eifersucht, durch die dieseWut und dieser Hass nur geschürt wurden.
Und ja, Eifersucht, die trug ich schon immer im Herzen, nicht erst seit dieser Wiedergeburt, denn ich wusste, ich liebte ihn, das hatte ich schon damals gewusst, als ich an der Seite meines Vaters das erste Mal vorihn hin getreten war, nach all den Jahren, nach denen wir frisch dem Knabenalter entwachsen waren, da hatte mein Herz das erste Mal Wahrheit mit mir gesprochen.
Diese Eifersucht war ausgebrochen, als er mich verlassen hatte, als er unbemerkt von mir zum Vampir gemacht worden war, da hatte ich mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt, so sehr und so heftig, dass meine Welt in Finsternis gestürzt war, dass Depression und Manie mich wahnsinnig gemacht hatten, denn der einzige Gedanke, den ich da gehabt hatte,war der gewesen, dass er mich betrog, dass er mich nicht mehr liebte, oder nie geliebt hatte und dann war die Dunkelheit gekommen.

Und jetzt, wo mein Sinn wieder scharf war, zumindest schärfer als 200 Jahre in Dunkelheit, als ich langsam diese Brocken aus seinem Leben vorgeworfen bekam, die sich mir entzogen hatten, als ich von Liebschaften erfuhr, von tiefen Gesprächen und anderen Sinnenfreuden, all dem, was er dereinst mit mir geteilt hatte, das hatte er nun mit allen geteilt, die es wissen wollten, eswar nichts Heiliges mehr in unserer Verbindung, nichts Magisches, nichts Tiefgehendes mehr, so kam es mir zumindest vor.

Ich war eifersüchtig auf sie alle, die ich nicht einmal alle kannte, eifersüchtig auf Armand, auf David, auf Quinn und auf Mona, ja sogar auf diesen verrückten Geist Oncle Julien, ich war eifersüchtig, weil sie ihm die letzten Jahrhunderte so viel näher gewesen waren, weil sie Dinge von ihm wussten, die ich nicht wusste und von denen ich nicht wusste, ob er überhaupt gewillt war, sie mir je zu erzählen und die grauenhafte Angst beschlich mich mehr und mehr, dass er mir irgendwann für immer entglitt.

Mein Spiel wurde gleichmäßiger, ruhiger und kontrollierter, meine eben noch aufschäumende Wut war mit jedem Auf- und Abstrich einer drögen Nachdenklichkeit gewichen und mit Unwillen bemerkte ich ein schlechtes Gewissen. Dieser Ausbruch, dieser Streit vorhin, er war so unnötig gewesen, ich hatte ihm bewusst wehtun wollen und ich hoffte in meinem Inneren, mir mochte es nicht gelungen sein.

~*~


Langsam schritt ich durch die nächtlichen Gassen jener Stadt, in welcher ich meine irdene Sturm- und Drangzeit verlebt hatte. Jetzt waren sie hell erleuchtet, grelles Licht von Straßenlaternen, welches in den Augen schmerzte, blickte man zu lang hinein. Man hätte meinen können, dies erschwerte jedem Verbrecher seine Taten, doch mit den Jahrzehnten und Jahrhunderten war paradoxerweise nicht nur der Fortschritt, sondern auch die Brutalität und die Kälte der Menschen gewachsen.
Ich werde es nie verstehen.

Allerdings wird man sich wohl fragen, was ich, nachdem ich das Land meiner Heimat und die Stadt meines Herzens seit undenkbar langer Zeit gemieden habe, nun hier wieder zu verlieren hatte.
Nun, zu jenem Zeitpunkt war es mir unmöglich, mir selbst diese Frage zu beantworten, es war vielleicht vergleichbar mit dem Vogel der im Winter gen Süden zog.
Nachdem Memnoch meine Seele in ihren Urtiefen erschüttert hatte, fühlte ich mich krank in ihr, krank und müde und eine längst verloren geglaubte Sehnsucht hatte mein Herz in Flammen geworfen.
Er hatte einen Teil von sich in mir zurückgelassen, es hatte sich in mir festgesetzt, wie ein Parasit.
In Paris lag aller Ursprung, all das verloren geglaubte Hoffen, all das versagte Sehen, ich war ein verlorenes Kind, ich, der ich mich über sie alle einst emporgeschwungen hatte, mich ihnen überlegen gefühlt hatte, ich, der als einer der Wenigen das Blut der Uralten in sich trug.

Meine Schritte lenkten mich langsam und ohne Hast zu meinem Theater, dem Theater der Vampire, einst klein und unscheinbar, damals in den 1780er Jahren, hatte es sich bald etabliert, war ausgebaut worden und hatte Glanz und Prunk und Höhepunkt bis fast zum Ende des 19. Jahrhunderts erlebt, hatte Pest, Revolution und napoleonische Kriege überdauert, bises schließlich begonnen hatte, zu verfallen und vergessen zu werden.
Wäre es nicht die Zeit gewesen, in der ich in der Erde geruht hatte, so hätte ich es vermocht, diesen Zerfall zu verhindern, aber was nicht gegeben war, war nicht gegeben und nun standes, soviel ich wusste, unter Denkmalschutz.
Was fühlte ich mich diesem Gemäuer doch verbunden.
Warum solch ein prunkvolles Gebäude derart hatte verwahrlosen können, das wusste ich nicht und es war mir erneut ein Rätsel – eine Weile hatte ich es beinahe gänzlich aus den Gedanken entlassen.
Während ich ging, tastete ich mit unsichtbaren Fingern nach den Geschichten der Menschen, die hier lebten, gierig danach etwas aufzuschnappen, das hier mit diesem, meinem Theater zu tun hatte.
Ich fand nichts. Vorerst nicht. Nur lärmende, laute, streitende Menschen, Menschen in Hast und Geistlosigkeit, ehe ich einen Gedankenstrom aufschnappte, der mich neugierig machte.

Man erzählte sich offenbar von einem Fluch, oder einem Geist, der auf diesem Theater lag, denn meistens dann, wenn Restaurationsarbeiten vonstatten hätten gehen sollen, waren Unfälle passiert, schreckliche Unfälle, Männer und Frauen waren verschwunden, waren, wenn überhaupt Tage später völlig blutleer und ohne Leben in sich aufgefunden worden und mich sollte doch der Teufel holen, wenn sich dort nicht ein Bluttrinker eingenistet hatte.
Ha. Ja, nun, keine gelungene Metapher, denn der Teufel hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes bereits geholt.

Aber, um Ernsthaftigkeit beizubehalten, wenn es tatsächlich einer meinesgleichen wäre, so würde er nicht nur, wenn ich ihn fand, meinen geballten Zorn und Unmut zu spüren bekommen, der sich innerhalb der letzten Zeit in mir angestaut hatte und drohte, wie die Hindenburg akut innerhalb weniger Sekunden in einem Feuerball aufzugehen, nein, dann musste ich ihm wohl oder übel ein gewisses Maß an Schläue zugestehen, denn, dass ich ihn bisher noch nicht bemerkt hatte und das, obwohl ich ihm nun schon so nahe sein musste, grenzte an ein Wunder.
Es liegt mir fern, anzugeben,aber meine Sinne sind unter meinesgleichen mitunter die am besten ausgeprägtesten und … ich bin ein Heuchler. Ich gebe eigentlich gerne mit meiner Einzigartigkeit an.
Wie dem auch sei.

Als ich an meinem Theater angelangt war, blieb ich inmitten der Straßestehen und sah an seiner Fassade hinauf und eine Mischung aus Wehmut, Schmerz und Missbilligung befiel mich.
Man hatte, wohl schon vor einiger Zeit an der äußeren Fassade ein Baugerüst hochgezogen, dessen Rost an seinen Metallstreben keines Kommentares mehr bedurften, von der Fassade selbst war der Putz abgebröckelt, die Säulen waren an den Seiten voller Taubendreck, die großen Flügeltüren waren verrammelt und verriegelt mit einer interessanten Konstruktion aus Spanplatten, Eisenketten, polizeilichem Absperrband und einem Stahlschloss. Das war fast schon moderne Kunst.

Ich schüttelte verdrossen den Kopf und trat näher heran, wobei ich allerdings nicht den direkten Weg nehmen wollte durch den Haupteingang, wenn doch es mich auch gereizt hätte, nein. Ich ging nach links, liefeine Weile an der Fassade entlang, bis der Schatten mich schluckte, dann schwang ich mich empor und kam geräuschlos auf einem der Zwischenbretter des Baugerüstes zum Stehen, direkt vor einem Fenster, welches an Schmutz und Schmiere absolut beispiellos war.
„Mon Diéu“, entfuhr es mir leise. Ich zog ein Taschentuch aus Spitze aus der Tasche meines Gehrocks, um damit ein wenig Sicht frei zu wischen.
Dann spähte ich hinein.
Nun, wenn ich etwas anderes erwartet hatte, als noch mehr Dreck,Staub und aus der Decke hängende Balken, dann wurde ich bitterlich enttäuscht.
Doch wenn ich nun schon einmal hier war … ich musste hinein gehen, ich musste mir ansehen, wie es dort jetzt aussah, ob dort tatsächlich noch jemand war, denn die Präsenz einesanderen Vampires spürte ich noch immer nicht und es war doch recht unwahrscheinlich, dass es in Paris einen noch so mächtigen Vampir geben sollte, der es schaffte, sich ausgerechnet vor mir zu verbergen.
Er, wer immer er auch war, hatte ohne Zweifel mein Interesse geweckt. Die Fensterscheibe zu durchstoßen, kostete mich zwar keine Mühe, doch einen kleinen Stich in meinem Herzen.

Der Staub und Moder und teilweise unangenehm feuchter Schimmel stieg mir sofort in die Nase und dennoch war das nicht das einzige, das meine Sinne vernahmen.
Hier war Blut geflossen. Das Blut Unschuldiger. Jenen, die nicht aus Hunger und Verzweiflung getötet worden waren, sondern einfach aus einer morbiden, sadistischen, wütenden Lust heraus.
Es schauerte mich unwillkürlich.

Der Schutt knirschte leise unter meinen Motorradstiefeln, als ich durch die obere Etage schritt. Hier waren unter anderem Proberäume, Umkleideräume, Schneiderei und Büroräume gewesen.
Während ich die oberen Etagen durchschritt, versank ich in Gedanken. Ich fragte mich, was aus jenen Vampiren geworden war, in deren Obhut ich mein Theater zurückgelassen hatte.
Es war immer ihr Zufluchtsort gewesen, viele Jahre lang. Ich konnte die Geister ihrer Anwesenheit spüren, die nach diesen vielen hundert Jahren immer noch schwach hier verweilten.
Aber was schlussendlich aus ihnen geworden war? Ob sie in die Sonne gegangen, oder einfach nur weitergezogen waren, oder ein anderes Ende gefunden hatten, das konnte ich nun nicht mehr deuten.
Ich nahm das beständige Kratzen und Rumoren von Mäusen und Ratten wahr – und musste plötzlich an Louis denken. Ein gemeines Lächeln umzuckte meine Mundwinkel, als ich daran dachte, wie er mal zu mir gesagt hatte: „Hätte ich gewusst, wie viele hundert Jahre du mich damit noch aufziehen würdest, Lestat, dann hätte ich sogar mit Freuden Mutter Teresa gebissen.“

Plötzlich blieb ich stehen und wandte den Kopf zur Seite – ich stand direkt vor einer Tür. Einen Moment starrte ich sie nachdenklich an. Ich hatte kein bestimmtes Ziel gehabt, dennoch hattenmich meine Schritte wohl einem inneren Instinkt folgend hierher geführt.
Eine Weile zögerte ich … wieso zögerte ich? Sollte sich hier etwa tatsächlich mehr verbergen, als im Rest dieses heruntergekommenen Anwesens?
Ich konnte mich an nichts erinnern, da mir allerdings irgendwann klar wurde, dass ich dadurch, dass ich bloß die Türe anstarrte auch nicht mehr herausfinden würde, drückte ich sie schließlich auf – sie knarzte nicht, wie ich es eigentlich erwartet hatte und das machte mich stutzig. Noch war es zu früh, irgendetwas zu beschreien, aber ich war auf der Hut. Wenn irgendwelche Dinge in so einem Gemäuer tatsächlich noch funktionierten, konnte das nur heißen, dass jemand regelmäßig hier war, sich darum kümmerte.

Ich durchschritt den Raum langsam, gingzum Fenster und starrte einen Moment hinaus.
Im selben Moment jedoch, da ich ihn betreten hatte, hatte sich meiner ein Gefühl bemächtigt, das ich mir nicht erklären konnte – etwas Vertrautes war hier geschehen, etwas, woran zu denken mir Schmerzen verursachte, vielleicht hatte ich es deshalb verdrängt.

Am Fenstersims lehnend, ließ ich meinen Blick durch den Raum gleiten. Mobiliar war spartanisch, Biedermeier, was überhaupt nicht meinem Geschmack entsprach, hier befanden sich ein Sekretär, ein Schrank aus dunklem Holz mit Messingbeschlägen, eine Kommode, ein Bett, ein Notenständer, von dem ein Notenheft heruntergefallen war und nun zerknickt und zerknautscht auf dem Boden lag, ein Jackenständer…
Plötzlich stoppte ich meine Inventur und ließ den Blick abermals auf dem Notenständer ruhen. Etwas daran hatte mein Interesse geweckt und ich ging zu ihm hin und bückte mich instinktiv, um das herabgefallene Notenheft aufzulesen. Als ich es anhob, lösten sich zwei Seiten heraus. Es war alt, keine Frage, alt und muffigund es wellte sich und … Moment. Das hatte ich schon einmal gesehen. Es handelte sich hier um ein Arrangement von Paganinis Capricen, ich hatte die Seite mit der 24. aufgeschlagen. Da … war ein Fleck. Ein Rotweinfleck, um genau zu sein. Direkt auf dem Violinschlüssel in der dritten Zeile von oben.
Meine Hände fingen an, zu zittern und es rutschte mir unwillkürlich aus der Hand. Ich kannte diesen Fleck. Ich war sein Verursacher.

Ich starrte das Notenheft an. Nein, ich … das war unmöglich. Ich musste nachsehen und doch graute es mir davor.
Vorsichtig hob ich das Notenheft wieder auf und blätterte mit wachsender Erregung bis zum Anfang, bis zum ersten, leeren Blatt …

Ich klappte es zu, mir wurde schwindelig, und ich hatte paradoxerweise das Gefühl, mich setzen zu müssen, was ich postwendend auch tat.

Die Initialen N. d. L. waren in Schnörkelschrift in die rechte untere Ecke des vergilbten Papieres geschrieben worden. Leicht verblasst, doch immer noch klar zu identifizieren. Ich hätte seine Schrift untertausenden wiedererkannt.

~*~


Ich erwachte mit einem unsäglichen Gefühl der Hitze. So heiß, als stünde mein Körper in Flammen. Ich zitterte, denn noch lag der Schatten eines schlechten Traumes über mir. Ich starrte zur Decke, an welcher schwach der flackernde Schein eines Kaminfeuers auszumachen war.
Die Wölfe suchten mich seit jenes klaren Wintertages jede Nacht heim. Ich spürte noch die Kälte jenes Tages, die Flocken so dicht, dass sie mir die Sicht vernebelt hatten und das grässliche, todbringende und ausgehungerte Knurren eines großen, schwarzen Wolfes. Ich hatte sie getötet, alle fünf. Nur den schwarzen nicht.
„Nur der schwarze…“, murmelte ich zusammenhanglos.
„Fühlst du dich nicht wohl?“, ereilte mich eine sorgenvolle Frage. Richtig. Nicolas war hier,wir waren beide zusammen hier, in einem Zimmer jener Wirtschaft, in welcher wir zu Stammgästen geworden waren. Wir hatten geredet, wie immer und wir hatten Wein getrunken, wie immer. Nicki hatte Geige gespielt und ich war wohl eingeschlafen – was sicherlich nicht an seinen Künsten lag, er war perfekt. Oder besser gesagt, war es nicht. Aber genau das war seine atemberaubende Einzigartigkeit, sein Spiel, das ich unter tausenden wiedererkannt hätte.
Ich bewegte mich nicht, ließ den Blick nach rechts gleiten. Nicolas hatte offensichtlich gerade seinen Bogen mit Harz eingerieben, als er mein unruhiges Träumen bemerkt hatte.
„Es geht mir gut“, antwortete ich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob es stimmte.
Nicolas begann, seinen Bogen weiter einzureiben, mit gleichmäßigen ruhigen Bewegungen. Dann fragte er: „Wieder die Wölfe?“
Ich nickte, und obwohl sein Blick nicht auf mir lag, musste er es doch bemerkt haben.
„Es schlägt dir auf die Gesundheit, Lestat, du solltest endlich darüber….“
„Ich möchte nicht darüber reden!“, erwiderte ich schärfer, als beabsichtigt, wobei ich ihm das Wort abschnitt. Währenddessen sprang ich auf und ging zu dem kleinen Beistelltisch, auf welchem noch die Weinkaraffe stand. Ich goss mir mein Glas halbvoll und trank es in einem Zug. Der schale Geschmack wich dem nach frischem, lieblichen Wein.
„Ich zwinge dich nicht dazu.“
Ich starrte aus dem Fenster in die tiefschwarze Nacht. War ich betrunken gewesen als ich eingeschlafen war? Ich wusste es nicht mehr. Die Erinnerung an den schwarzen Wolf ließ mich erschauern und ich fühlte mich elend. Fünf waren es gewesen. Fünf graue, kein schwarzes Tier. Eine Farbe, die ohnehin selten war unter Wölfen. Eine Farbe, die etwas noch bedrohlicher und unheilvoller erscheinen ließ, als es bereits seiner Natur entsprach.

In Wahrheit hatte ich bisher mit niemandem darüber geredet, wie es genau geschehen war. Und je weiter es in die Vergangenheit rückte, desto unbegreiflicher wurde es mir selbst.
Schwarzer Pelz, struppig, ein Tier von ungewöhnlicher Größe und stechend gelbe Augen. Solche Wölfe nur in Schauermärchen.
Man wusste nur, dass ich es getan hatte und Nicki wusste von meinen Träumen, da er oft neben mir schlief.

Zwei Arme schlangen sich von hinten um mich und sein vertrauter Eigengeruch umschmeichelte beruhigend meine Nase.
„Ich sorge mich, Lestat“, wisperte er und küsste mich an jener Stelle zwischen Ohrläppchen und Kieferansatz, an der ich so empfindlich war. Ich hielt inne in meinem Starren und schloss die Augen, dabei seufzend. Wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Hinters Licht führen konnte ich ihn nicht, dazu war er zu klug.
Ich wollte mit ihm darüber sprechen. Ich sehnte mich sogar danach, so war es nicht. Doch jedesmal, wenn ich dazu ansetzte, konnte ich es doch nicht, jedesmal war da dieses Gefühl, eine ganz wichtige Sache übersehen zu haben.
„Der sechste Wolf…“, murmelte ich. „Da waren nur fünf, richtig?“, als spräche ich zu mir selbst.
„Nur fünf“, bestätigte Nicolas zögerlich. „Ein weiterer Kadaver wurde nicht gefunden – glaubst du, das Rudel war größer?“
Es war keinen ganzen Monat her. Damals war ich mir sicher, alle erwischt zu haben, doch jetzt begann ich zu zweifeln. Es hatte auch keine weiteren Übergriffe mehr gegeben, doch bei diesen Biestern konnte man nie wissen.
Während ich grübelte, nahm er mir sanft, aber bestimmt das Weinglas aus der Hand. „Du trinkst zu viel.“
Schnaubend drehte ich mich zu ihm um und versuchte es ihm wieder zu entwinden, während ich trotzig erwiderte: „Ich bin noch viel zu nüchtern.“
„Vielleicht ist es ein Grund für deine Alpträume.“
Langsam wurde ich wütend. Ich konnte es seit jeher nicht ausstehen, wenn man mich belehren oder bevormunden wollte. „Du musst es ja wissen“, schnappte ich und griff nach dem Weinglas und das so abrupt, dass er es aus der Hand ließ, jedoch so, dass ich es nicht richtig zu fassen bekam und so fiel es auf den Boden – wie durch ein Wunder ohne zu zerbrechen, doch sah ich nun mit Schrecken wie einige Tropfen das offene Geigenblatt beschmutzten, von dem Nicki zuvor noch die 24. Caprice geübt hatte um sie bald auswendig spielen zu können.
Ein dunkler Tropfen Wein auf dem hellen Papier. Harmlos eigentlich und ich wusste, dass Nicki nicht allzu sehr empfindlich war, zumindest nicht so, dass dies der Grund eines Streites gewesen wäre – und wir stritten in der Regel ziemlich oft.

Ich starrte auf das Blatt. Ein einziger winziger Tropfen, doch irgendetwas riss in diesem Moment in mir auf. Mir brannten Tränen in den Augen und eine Welle der Übelkeit überkam mich. Ich öffnete den Mund, doch keine Worte drangen aus meiner Kehle und an mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, nur dass Nicki mich plötzlich an den Schultern packte und mit aller Macht versuchte, mich vor einem meiner berühmten Aussetzer zu bewahren, doch dann umfing mich Schwindel und ich wurde wohl nicht ohnmächtig, doch das nächste, an das ich mich erst wieder erinnere, war, dass sich ein Arzt über mich beugte und meinen Blutdruck mit der Hand maß.

Ich sprach nicht, verabschiedete mich nicht einmal von Nicolas, als man mir eine Kutsche rief, die mich nachhause bringen sollte. Ich war verstört. Und das allein von einem winzig kleinen Flecken, der durch mein Verschulden auf einem Notenblatt entstanden war. Als hätte ich damals schon geahnt, dasser durch mein Schuld beschmutzt werden würde, ein Sinnbild für die Finsternis in die ich ihn zog.

~*~


Aber ich war alleine hier. Und der Schatten des schwarzen Wolfes begleitete mich seit jeher. Ich nahm die Notenblätter an mich und verließ das Theater ohne mich weiter umzusehen. Manche Dinge mussten ruhen. Ich kehrte heim zu Nicki. Nicolas, der bei mir war, der kein Vergangenheitsgespinst war. Nicolas, der kein Traum war. Mit dem ich mich gestritten hatte, wegen einer solchen Lächerlichkeit. Mein geliebter Nicolas. Der schwarze Wolf wird dich nicht bekommen. Niemals. Solange es mich gibt.



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Der Großteil dieses One Shots wurde 2012 geschrieben.