Warum Bilbo nie geheiratet hat

von roseta
KurzgeschichteRomanze / P12
19.06.2017
19.06.2017
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Bilbo und Frodo saßen in der Küche von Beutelsend bei einem sehr späten Frühstück. Sie hatten, zusammen mit praktisch ganz Hobbingen, die Mittsommernacht mit Feiern unter dem Festbaum verbracht. Frodo hatte, wie alle Hobbits seines Alters, fleißig getanzt und manchem hübschen Hobbitmädchen Komplimente gemacht. Für Bilbo war das keine passende Beschäftigung; er hatte mehr dem Wein zugesprochen und, neben der Unterhaltung mit anderen älteren Herrschaften, geraucht und gelegentlich Rauchringe in die Luft geblasen, womit er die bewundernden Blicke vor allem der Kinder auf sich zog. Diese wurden nach Mitternacht ins Bett geschickt, doch die Erwachsenen und die Jugendlichen, die schon in den Zwiens waren, feierten weiter bis in die Morgenstunden. So war es kein Wunder, dass Bilbo und sein junger Verwandter das Frühstück um eine Zeit einnahmen, die eigentlich schon für das Mittagessen geeignet war.

„Ich hoffe, du hast dich gut amüsiert“, sagte Bilbo zwischen zwei Schlucken Tee. „Du hast ja mit einer Menge Mädchen getanzt. Welche hat dir denn am besten gefallen? Begonia Stollen? Margerit Maggot? Campanula Waldhügel?“
Frodo gluckste. „Das klingt, als sollte ich mir schon eine Braut aussuchen! Ich werde doch erst in acht Jahren mündig.“
„Die Zeit vergeht schnell, und viel kann geschehen“, murmelte Bilbo mit unerwartetem Ernst.
Frodo antwortete nicht gleich. Er hatte sich schon oft die Frage gestellt, warum Bilbo selbst nie geheiratet hatte. Hobbits hatten in der Regel große Familien, und wenn jemand unverheiratet blieb, so hatte das gewöhnlich schwerwiegende Gründe. Einen solchen konnte sich Frodo für seinen Onkel kaum vorstellen. Bilbo stammte aus guter Familie, war vermögend, bei bester Gesundheit und sogar jetzt im weit fortgeschrittenen Alter noch recht ansehnlich.
Natürlich war es unhöflich, direkt danach zu fragen; aber da Bilbo das Thema von sich aus angesprochen hatte und Frodo nun schon seit mehreren Jahren die Stelle eines Adoptivsohnes bei ihm innehatte, wagte er es dennoch, mit dem unbestimmten Gefühl, dass sein Onkel gerade jetzt vielleicht geneigt war, über diese Dinge zu sprechen:
„Du selbst hast nie geheiratet, Onkel Bilbo. Warum nicht?“

Bilbo seufzte und sein Blick richtete sich in weite Ferne, gleichsam zurück in die Vergangenheit. Nach einer langen Pause, während welcher Frodo schon glaubte, er werde die Antwort verweigern, sagte er dann:
„Ich war einmal kurz davor, mich zu verloben … aber das Schicksal hat es anders gewollt.“
Frodo lagen viele Fragen auf der Zunge: Ist sie gestorben? Liebte sie einen anderen? Hat ihre Familie es verhindert? Aber er behielt sie für sich und wartete geduldig, ob Bilbo es von sich aus erklären würde.
„Sie hieß Iris Sandgruber“, fuhr Bilbo nach einer Weile fort. „Später hat sie Bernard Brandybock geheiratet.“
„Was, Oma Iris?“, rief Frodo überrascht. Er war ja im Brandyschloss aufgewachsen und kannte Iris Brandybock als eine der zahlreichen Großmütter und Urgroßmütter, die sich hauptsächlich um die noch zahlreicheren Kinder der großen Familie kümmerten, den Kleinsten die Nase putzten, den Größeren Manieren beibrachten und allen zusammen Geschichten erzählten oder vorlasen. Vor einigen Jahren war sie gestorben.

„In ihrer Jugend war sie bildhübsch“, seufzte Bilbo. „Sie hatte blondes Haar und bewegte sich voller Anmut. Und freundlich und liebenswürdig war sie, und meistens fröhlich … und nach allem, was ich weiß, ist sie auch später so geblieben, als ihr Haar schon grau war. Bernard Brandybock war ein glücklicher Mann.“
Frodo schwieg und versuchte sich an die alte Hobbitfrau zu erinnern. Ja, er hatte sie auch sympathisch gefunden, und oftmals, wenn er sich als Kind mit einer Schramme oder einem anderen kleinen Problem an einen Erwachsenen wenden musste, war sie es gewesen, die ihm ohne großes Aufhebens geholfen hatte. Sie wäre Onkel Bilbo sicher eine gute Frau geworden.
„Ihre Eltern waren Bauern in Bockland, eine angesehene Familie“, fuhr Bilbo fort. „Ich lernte sie näher kennen, als wir im Brandyschloss zum Julfest eingeladen waren. Ich war damals fünfunddreißig, seit zwei Jahren mündig, und natürlich wollte ich heiraten und eine Familie gründen wie alle meine Freunde. Iris gefiel mir ausnehmend gut und ich war ziemlich sicher, dass sie sich gerne von mir den Hof machen ließ. Ich besuchte sie danach ein paarmal zu Hause bei ihren Eltern und auch die schienen nichts gegen mich zu haben. Wir feierten zusammen das Frühlingsfest in Hobbingen; da habe ich sie zum ersten Mal geküsst, und es blieb nicht beim ersten Mal. Einige Wochen später trafen wir uns wieder am Mittsommerabend, zu dem ich diesmal mit meinen Eltern nach Bockenburg reiste. Wir tanzten die ganze Nacht miteinander, und als die Sonnwendfeuer ausgingen, fragte ich sie, ob sie meine Frau werden wolle. Sie sagte ja.“

Bilbo schwieg wieder ein paar Augenblicke. „Zum Mittsommer ist es nicht selten kühl und regnerisch und die Feier muss im Zelt stattfinden“, sagte er dann. „Aber damals war ein schöner und warmer Juni, so wie jetzt … das ist wahrscheinlich ein Grund, warum ich dauernd daran denken muss.
Wir kamen überein, dass ich im Lauf der nächsten Tage zu ihren Eltern gehen und um sie anhalten würde, wie es die Tradition erforderte. Meinem Vater und meiner Mutter erzählte ich schon auf der Rückfahrt von Bockenburg, dass ich mit Iris einig geworden war. Sie waren begeistert, denn natürlich wünschten sie sich eine Schwiegertochter und viele Enkelkinder. Als ich zwei Tage später aufbrach, um mit den Eltern meiner Auserwählten zu sprechen, gab meine Mutter mir einen ihrer Ringe mit, ein wertvolles Schmuckstück mit einem blauen Stein, den ich meiner Verlobten schenken sollte. Sie war ja die Tochter des Alten Tuk, eines der reichsten Hobbits des Auenlandes, und sie besaß kostbaren Schmuck.“ Bilbo seufzte wieder. „Wie enttäuscht sie danach gewesen sein muss, als ich ohne den Ring, aber auch ohne Braut heimkehrte … ich habe erst viel später begriffen, welchen Kummer ich allen bereitet habe, die mich liebten. Aber es war wohl mein Schicksal.“

Frodo lauschte voller Spannung, doch auch mit steigender Ungeduld. „Nun erzähle schon, Onkel Bilbo! Wie kam es, dass ihr euch getrennt habt?“
„Ich frage mich heute noch, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich nicht den Einfall gehabt hätte, abends aufzubrechen“, nahm Bilbo seine Erzählung wieder auf. „Es war Vollmond, eine herrliche, helle Sommernacht, und ich hatte einfach keine Lust mehr, bis zum nächsten Tag zu warten. Wie du weißt, wandere ich gern im Dunkeln, das war schon damals nicht anders. Also packte ich meinen Rucksack, verabschiedete mich von meiner Familie und machte mich auf den Weg durch den Wald nach Bockland.
Immer werde ich mich erinnern an den Geruch des Waldes in dieser Nacht, an die Schatten, die die Bäume im hellen Mondlicht warfen, an die Stimmen der Nachtvögel … Flüchtig dachte ich daran, dass der Ruf der Eule angeblich Unglück bedeuten soll. Aber ob es ein Unglück war, was mir in diesem Wald begegnete, magst du entscheiden, wenn du die ganze Geschichte gehört hast.

Es muss gegen Mitternacht gewesen sein, als ich eine ferne Musik vernahm, Klänge, wie ich sie noch nie gehört hatte. Eine unbeschreiblich klare und süße Stimme sang eine getragene Melodie, nicht traurig und nicht fröhlich … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Sie war wie das sanfte Murmeln eines Baches, wie der leichte Wind in den Blättern. Es war, als hätte der Wald eine Stimme, die Bäume, die Blumen …“

Wieder legte Bilbo eine Pause ein, gleichsam von der Erinnerung überwältigt. Frodo lauschte mit angehaltenem Atem. Der Erzähler fuhr fort:
„Ich folgte den Klängen – ich konnte gar nicht anders. Ohne nachzudenken, verließ ich den Weg und drang immer tiefer in das Dickicht ein. Dornen zerkratzten meine Arme und Beine; ich bemerkte es nicht. Den Rucksack, der mir hinderlich war, ließ ich irgendwann einfach fallen; ich habe ihn nicht wiedergefunden.
Endlich lichtete sich das Gebüsch ein wenig und ich gelangte auf einen kleinen, grasbewachsenen Platz. Und dort, auf dem Stamm eines gefallenen Baumes, saß eine Gestalt – eine Frau.
Ich hatte noch nie einen Elben gesehen, doch ich hatte viel über das Schöne Volk gelesen und ich erkannte sofort, dass dies eine Elbin sein musste. Du weißt, Frodo, dass ich auf meiner großen Reise nach Imladris und auch in den Düsterwald gelangt bin und dort viele Elben und Elbenfrauen getroffen habe, doch diese erste übertraf alle an Schönheit, denen ich später begegnet bin. Sie war in ein einfaches graues Gewand gekleidet und hatte dunkles Haar, und doch schien sie mir zu leuchten. Hell und doch nicht blass waren ihr Gesicht, ihre Hände und ihre bloßen Füße. Im Haar trug sie Sommerblumen in allen Farben und ihre Hände hielten eine kleine Harfe, mit der sie ihren Gesang begleitete. Ich verstand damals noch wenig von den Elbensprachen, doch ich erkannte, dass sie die Worte der Hochelben gebrauchte.
Lange stand ich mit offenem Mund wie ein Narr und wünschte, sie möge niemals zu singen aufhören. Aber jedes Lied hat ein Ende, und schließlich verstummte sie und schaute mich an.
‚Herrin‘, stotterte ich und wunderte mich selbst, dass ich überhaupt ein Wort herausbekam. ‚Verzeiht, dass ich Euch belauscht habe. Ich kam zufällig vorbei und Euer Lied hat mich in seinen Bann gezogen.‘ Mich auf die Regeln der Höflichkeit besinnend, fügte ich hinzu: ‚Ich heiße Bilbo Beutlin.‘
Sie lächelte mich an und es kam mir vor wie ein Sonnenstrahl in der Nacht. ‚Ich grüße Euch, Bilbo Beutlin. Mein Name ist Amáriel. Dies ist das Land der Halblinge und ich habe schon viele von ihnen von fern gesehen, doch noch mit keinem gesprochen. Aber es ist bekannt, dass ihr ein freundliches Volk seid.‘
‚Ich wusste nicht, dass in diesen Wäldern Elben leben‘, stammelte ich.
‚Nein, wir leben nicht hier‘, antwortete sie. ‚Wir wandern hier nur eine Weile, um schließlich zu den Grauen Anfurten zu gelangen, wo die Schiffe auf uns warten, die uns in unsere Heimat bringen werden – nach Valinor.‘
‚Also ist es wahr‘, murmelte ich. ‚Das Schöne Volk verlässt Mittelerde. Ich habe darüber gelesen, doch ich hoffte, es sei nur ein Gerücht.‘ Eine große Traurigkeit überkam mich bei meinen eigenen Worten. Ich hatte mich viel mit den Elben beschäftigt, doch das Thema hatte mich niemals so persönlich betroffen wie in diesem Augenblick. Ich fühlte mich wie ein Mann, der einen Schatz gefunden und sogleich wieder verloren hat.
‚Wir gehen nicht alle zugleich‘, tröstete sie mich. ‚Manche von uns werden noch viele Jahre hier verweilen. Aber die Meinen sind bereits auf dem Weg; unser Schiff fährt in wenigen Tagen.‘
‚Aber Ihr seid allein. Wo sind Eure Freunde, Eure Familie?‘, fragte ich erstaunt.
‚Sie sind vorausgegangen. Ich wollte mich noch ein wenig hier aufhalten … denn der Abschied fällt mir schwer. Ich liebe Mittelerde. Und dieses Land, das Land der Halblinge, ist mir besonders ans Herz gewachsen.‘
‚Was, das Auenland?‘, rief ich aus, völlig verblüfft. ‚Es ist ein ganz gewöhnliches Land voll gewöhnlicher Leute: Bauern und Handwerker. Langweilig und ungebildet …‘ Das war sehr unfreundlich von mir und ich meinte es nicht wirklich so; ich liebte das Auenland, meine Heimat.  Aber in diesem Augenblick stellte ich mir vor, wie das Volk der Elben uns sehen musste: klein und unscheinbar und immer mit alltäglichen Dingen beschäftigt, und ich schämte mich dafür.

Die Elbin lachte leise. ‚Wunderschön sind eure Gärten mit ihren Blumen und eure fruchtbaren Felder. Und eure Kinder sind ebenso schön wie die Blumen. Gewiss, später sind sie gezeichnet von der Zeit ihres sterblichen Lebens; doch auch diese hat ihre eigene Schönheit.‘
Starr vor Staunen, brachte ich kein Wort heraus; daher fuhr sie fort: ‚Ich will nicht verschweigen, dass nicht alle meines Volkes die Sterblichen so sehen wie ich. Aber ich bin überzeugt, dass Ilúvatar sie nicht weniger liebt als seine Erstgeborenen, und die Zeichen ihrer Vergänglichkeit sind kein Makel in meinen Augen.‘
Wieder fehlten mir die Worte und sie begann von Neuem: ‚Ich freue mich, dass ich noch Gelegenheit gefunden habe, mit einem von Eurem Volk zu sprechen, bevor ich meinen Brüdern und Schwestern zu den Anfurten folgen muss. So kann ich von Euch Abschied nehmen, stellvertretend für Mittelerde.‘
‚Das ist viel zu viel Ehre für mich‘, brachte ich hervor, doch sie ergriff schnell meine Hand und drückte sie; dann zog sie mich näher zu sich heran, beugte sich zu mir nieder und küsste mich auf die Stirn.

Ich habe keine Ahnung, wieso ich nicht auf der Stelle in Ohnmacht fiel. Stattdessen tat ich aber etwas ebenso Törichtes. Unter dem sanften Druck ihrer Hand spürte ich den Ring, den ich am kleinen Finger trug – den Verlobungsring, den meine Mutter mir gegeben hatte für meine Braut. Ich zog ihn vom Finger und reichte ihn der Elbin. ‚Nehmt dieses Schmuckstück zum Andenken an Mittelerde, ich bitte Euch. Es ist nur eine geringe Gabe für eine hohe Dame wie Euch, doch ich habe nichts anderes.‘
Sie nahm den Ring in die Hand und betrachtete ihn überrascht. ‚Das ist keine geringe Gabe, es ist ein Kleinod von hohem Wert. Zwerge haben es geschmiedet, die Meister des Goldes und der Edelsteine. Wollt Ihr Euch wirklich davon trennen?‘
Natürlich hatte ich mich nie zuvor für den Schmuck meiner Mutter interessiert, doch jetzt erinnerte ich mich, dass mein Großvater, der Alte Tuk, mit Zauberern und Zwergen verkehrt hatte, vielleicht sogar mit Elben; der Ring war ein Familienerbstück. Ich bedauerte trotzdem nicht, ihn jetzt wegzugeben; im Gegenteil, ich empfand Freude darüber, dass mein Geschenk als wertvoll angesehen wurde. ‚Es ist mir eine Ehre, wenn Ihr es annehmt‘, antwortete ich. Amáriel streifte den Ring auf ihren kleinen Finger – worauf er erstaunlicherweise passte, obwohl ihre Hand viel größer war als meine, aber ihre Finger waren schmal und zart – und sagte ernst: ‚Viel gebt Ihr auf, Bilbo Beutlin, doch Ihr werdet auch viel gewinnen. Ich nenne Euch Elbenfreund, und möge der Segen Elbereths auf Euch ruhen, wie auch auf Eurem lieblichen Auenland.‘
Damit wandte sie sich um und verließ die kleine Lichtung; sie verschwand lautlos wie ein Mondstrahl und hinter ihr schlossen sich die Zweige des dornigen Gebüschs.

‚Herrin‘, rief ich, ‚Amáriel!‘, und stolperte hinter ihr her; kopflos stürzte ich mich mitten ins Gesträuch und zog mir dabei weitere Kratzer und Schrammen zu. Doch sie kam nicht zurück und ich sah keine Spur mehr von ihr. Stundenlang irrte ich danach noch durch den Wald, immer in der Hoffnung, sie wiederzufinden; schließlich, als schon der Morgen dämmerte, begann das Dickicht sich zu lichten und ich trat hinaus auf das freie Feld. Nicht weit entfernt sah ich die Häuser und Höhlen von Hobbingen. Ich war wieder dorthin gelangt, von wo ich aufgebrochen war.“

Bilbo schwieg so lange, dass Frodo fürchtete, er halte dies schon für das Ende seiner Geschichte. Aber es waren noch keineswegs alle Fragen beantwortet.
„Was sagten deine Eltern, als du unverrichteter Dinge zurückkehrtest?“, fragte er schließlich.
„Als meine Mutter mich in der Tür stehen sah,  mit zerrissenen Kleidern, zerkratzt und zerschunden und tränenüberströmt (was ich überhaupt nicht bemerkt hatte), sagte sie zunächst sehr wenig. Sie steckte mich schleunigst in die Badewanne und dann ins Bett, während mein Vater losging, um die alte Briza Blumenberg zu holen, die Heilerin und Hebamme von Hobbingen. Die kam und untersuchte mich, fühlte meinen Puls und meine Stirn, betrachtete meine Zunge, meinen Rachen und meine Augen und fasste dann ihre Diagnose zusammen: ‚Liebeskummer‘. Ich fragte mich damals, ob sie vielleicht Zauberkräfte besaß.“
„Warst du wirklich in diese Elbenfrau verliebt?“, fragte Frodo kopfschüttelnd.
„Nein, sicher nicht – jedenfalls nicht so, wie ich in Iris verliebt gewesen war. Ein Hobbit und eine Elbin – das wäre ja mehr als absurd. Aber ich hatte unvergängliche Schönheit gesehen und ich wusste, dass ich sie niemals würde vergessen können. Jede Frau, die ich kannte oder noch kennenlernen würde, müsste ich damit vergleichen – und das konnte ich keiner antun, weder Iris noch einer anderen.“
„Hast du es Iris erzählt?“
„Ja, natürlich, und auch meinen Eltern; ich war ihnen ja eine Erklärung schuldig. Iris erfuhr, dass ich krank sei, und kam einige Tage später, um nach mir zu sehen. Da erzählte ich die ganze Geschichte.“ Bilbos Miene zeigte, wie unangenehm ihm diese Aussprache gewesen sein musste. „Mein Vater war ärgerlich und schalt mich einen Narren. Aber meine Mutter und Iris versuchten wenigstens, mich zu verstehen. Iris weinte, aber sie sagte, dass die Zeit mir vielleicht helfen würde, darüber hinwegzukommen, und dass sie auf mich warten würde.“
Bilbo schaute mit abwesendem Gesichtsausdruck aus dem Fenster. „Wir blieben befreundet“, fuhr er fort. „Und sie wartete fünf Jahre lang. Danach nahm sie Bernard Brandybocks Antrag an, nicht ohne mich vorher zu fragen, ob ich weiterhin entschlossen sei, allein zu bleiben. Ich versicherte ihr, dass ich meine Meinung nicht geändert hätte, und sie heiratete Bernard und zog zu ihm ins Brandyschloss.
In der Folge sahen wir uns nicht mehr häufig, doch wenn es dazu kam, waren es freundschaftliche Begegnungen.“
„Hast du deinen Entschluss niemals bereut, Onkel Bilbo?“
„Bereut – nein. Bedauert habe ich ihn oft genug, aber ich wusste immer, dass er richtig war.“

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden. Draußen zogen sich die Wolken zusammen und der Himmel verdunkelte sich; das erste Sommergewitter stand bevor.
Frodo dachte über das Gehörte nach und sagte plötzlich: „Aber der Segensspruch der Elbin hat sich auf dein Leben ausgewirkt, nicht wahr? Du hast in den meisten anderen Dingen außergewöhnliches Glück gehabt. Denk doch an die vielen Gefahren deiner großen Reise, die du überwunden hast!“
Bilbo nickte versonnen. „Aber das größte Glück, das ich mir vorstellen kann, wird mir niemals zuteilwerden: sie noch einmal wiederzusehen, nur ein einziges Mal. Sie muss noch immer so schön sein wie damals. Ich möchte sie noch einmal singen hören … Aber sie weilt seit vielen Jahrzehnten in Valinor und dorthin gelangt kein sterblicher Mensch und schon gar nicht ein Hobbit.“

„Man kann nie wissen“, murmelte Frodo und wusste, noch während er es aussprach, dass dies eine unglaublich törichte Bemerkung war.

Er sagte es dennoch.



A/N: Die Geschichte wurde 2015 schon einmal veröffentlicht als Teil des "Tolkien-Kalenders". Da der Kalender jetzt nicht mehr aktuell ist, habe ich um Löschung gebeten und stelle sie jetzt hier ein. Der Sommer kommt ja immer wieder ...
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