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Cœur de Pirate   ||   Piratenherz

von Aersling
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
Bepo Don Quichotte de Flamingo Ikkaku OC (Own Character) Shachi Trafalgar Law
17.06.2017
11.06.2021
129
510.002
74
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Dieses Kapitel
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11.06.2021 3.329
 
Hallo ihr Lieben!

Ich wollte mich nur ganz kurz bei euch bedanken, dass ihr mich die Woche so exzessiv mit Empfehlungen zugeballert habt. Ich konnte es gar nicht fassen, dass ihr direkt so nachgelegt habt und ich freue mich auch mega drüber. Genauso wie über euer Feedback und eure Kommentare. :3

So langsam wird es auch Zeit, dass Nassau Fahrt aufnimmt, denn ganz eitel Sonnenschein ist auch auf dieser Insel nicht alles. Außerdem haben wir noch ein paar alte, offene Fragen, auf die ich euch langsam mal Antworten liefern möchte. Was genau ich damit meine, seht ihr dann in den nächsten Kapiteln. ;)

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit dem Kapitel und einen guten Start ins Wochenende.

Viele Grüße,
Aersling

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”Nassau – Boring Betty”


„Wo sind eigentlich unsere?“

„Wer sagt, dass ihr auch welche bekommt, Shachi-ya? Ihr hat bereits eine Garnitur, wenn ich mich nicht irre“, fragte Trafalgar Law kühl zurück und nippte an seinem Kaffee. Konnten sie ihn denn nicht einmal in Ruhe frühstücken lassen?! Oder wenigstens solange die Klappe halten, bis er richtig wach war?

„Aber Ios Overall ist schwarz“, informierte Jane ihren Käpt’n ungehalten und trommelte aufgeregt mit ihren Fingern auf der Tischplatte herum. „Der ist definitiv praktischer, als die weißen. Darauf sieht man die Ölflecken nicht so schnell.“

„Wenn es danach ginge, müsste Ikakku einen roten bekommen“, flüsterte Shachi Penguin zu.

Der nickte nur. Wie die Smutje ihre Overalls nach Kämpfen wieder sauber bekam, war ihnen schon immer ein Rätsel gewesen.

„Habt ihr was gesagt?“, fragte die Ikakku mit misstrauisch zusammengezogenen Brauen.

„Nein!“, schossen die beiden Rudergänger wie aus einem Mund zurück.

„Also, was ist jetzt, Käpt’n?“, griff Jean Bart das ursprüngliche Thema schnell wieder auf.

„Und außerdem sind die alten auch schon ziemlich abgetragen.“

„Tschuldigung, da hat Clione Recht“, nickte Bepo.

„Käpt’n, sag endlich was!“

„Hmpf.“ Manchmal kam er sich eher vor wie ein Betreuer im Kindergarten, als der Kapitän einer gefürchteten Piraten-Crew! Ios gestrige Reaktion war im Gegensatz zum unverhohlenen Neid der Mannschaft ja fast noch normal gewesen.

„Es würde sich anbieten, die Teile auf Nassau in Auftrag zu geben“, argumentierte Bailey vermeintlich beiläufig. Vielleicht würde der Käpt’n ja eher darauf anspringen, wenn man das ‚Ob‘ nicht in Frage stellt, sondern nur das ‚Wann‘? „Immerhin sind wir noch ein paar Tage hier und das wird Zeit brauchen.“

„Ganz sicher nicht“, lehnte Trafalgar Law prompt ab und verbarg seine verdächtig zuckenden Mundwinkel hinter der Kaffeetasse, als ihm von allen Seiten eine wilde Mischung aus Empörung und Enttäuschung entgegenschlug.

„Die Overalls sind schon längst fertig“, fuhr er spöttisch grinsend fort. Selbstverständlich hatte er für die gesamte Mannschaft neue Overalls anfertigen lassen! Alles andere wäre unfair gewesen, aber er hatte gewollt, dass Io ihren als erstes bekam. Es war ein kleiner Ausgleich dafür, dass sie so lange überhaupt keine Uniform gehabt hatte. „Ihr bekommt sie nachher. Vorausgesetzt, ihr hört jetzt endlich auf, mich zu nerven.“

Das himmlische Schweigen, das folgte, hielt keine fünf Minuten.

„Was machen wir heute?“

Und wieder einmal war es Io, die diese Frage stellte.

~oO am selben Tag Oo~


„Ihr gehört zu ihm?“

„Klar“, nickte Penguin fröhlich. „Wir hätten dann gern-“

„Vergiss es!“, schnappte die junge Frau zornig zurück und deutete auf ein Plakat, das hinter ihr an der Wand hing. „Ihr kommt hier nicht rein!“

„Was hat das zu bedeuten?“, wandte Shachi sich völlig baff an seinen Käpt’n und fuchtelte aufgeregt in Richtung des Steckbriefs, auf dem das ‚Wanted!‘ über Trafalgar Laws Foto mit dickem, roten Filzstift durchgestrichen und durch ein ‚Hausverbot!‘ ersetzt worden war.

„Wir haben gar nichts angestellt, Shachi“, erwiderte Io anstelle des Schwarzhaarigen. „Wir hatten nur Spaß.“

„Spaß“, echote die Kartenverkäuferin des ‚Haunted‘ und blähte empört ihre Wangen auf. „Wir haben Stunden gebraucht, um alles wieder herzurichten, nachdem ihr zwei weg wart! Und es ist definitiv kein Spaß, einen 15 Zentimeter dicken Kakerlakenteppich wieder zusammenzufegen, das sage ich euch!“

Ikakkus Kinnlade krachte entsetzt nach unten. „Kakerlaken?!“

„Oh, sie haben ganz wunderbar gekitzelt, als sie heruntergefallen sind. Es war wirklich lustig“, rechtfertigte Io sich unschuldig und schob sich eine gebrannte Mandel in den Mund. „Magst du auch eine, Ikakku?“, fragte sie beiläufig weiter und hielt der Smutje die Tüte hin. „Die sind lecker.“

Trafalgar Law hatte einige Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken, als sich das Gesicht der sonst so offensiven Frau leicht grünlich verfärbte und sie kopfschüttelnd zurückwich.

Io hätte vielleicht erwähnen sollen, dass es sich um Plastik-Kakerlaken gehandelt hatte. Ein paar der Teile waren von der Decke geregnet, sobald man auf eine bestimmte Holzdiele getreten war. Aber vermutlich war es nicht gewollt, dass man das so lange tat, bis keine Kakerlaken mehr nachkamen. Und selbstverständlich war es exakt das, was Io getan hatte.

Es war noch eine ihrer harmloseren Aktionen gewesen.

Dass die Heart-Piraten deswegen Hausverbot im ‚Haunted‘ bekamen, war kein Schaden für Trafalgar Law. Beim zweiten Mal wäre es definitiv langweilig und gemeinsam mit seinem Schützling hatte er die Attraktion sowieso schon bis an ihre Grenzen ausgereizt.

„Vergiss das letzte Zimmer nicht, Io-ya“, legte er mit zuckenden Mundwinkeln nach.

„Ohhhh~ das war am besten“, nickte sie wild und wandte sich dem Rest der Mannschaft zu. „Es ist wirklich schade, dass ihr euch das nicht selbst ansehen könnt. Könnt ihr euch vorstellen, dass die Wände sogar pulsiert haben? Und man musste aufpassen, wo man hintritt, weil-“

„Der Raum war beinahe völlig zerstört!“, schrillte die Stimme der Verkäuferin verzweifelt dazwischen. „Von dem Übermaß an Schleim und Kunstblut abgesehen, das wir abpumpen mussten, habt ihr auch noch-“

„Ich will das nicht hören!“, unterbrach Shachi und hielt sich eilig die Ohren zu, während er herumfuhr und schnellstmöglich Anstand zwischen sich und das ‚Haunted‘ brachte. Nach allem, was er gerade mitbekommen hatte, war das die allerletzte Attraktion, die er von innen sehen wollte! Dass Trafalgar Law vor nichts zurückschreckte, war klar, aber wie konnte Io von so etwas Ekligem derart begeistert sein?!

Sobald er gehört hatte, dass es einen Jahrmarkt auf Nassau gab, hatte er sich eigentlich zum Ziel gesetzt, Io dorthin zu entführen. Einfach, weil sie so etwas ganz bestimmt noch nie gesehen hatte. Der Rest der Crew hatte sich prompt angeschlossen und sogar der Käpt’n hatte sich breitschlagen lassen, mitzukommen. Und das, obwohl er solche Veranstaltungen normalerweise scheute, wie der Teufel das Weihwasser. Selbst auf Sabaody hatte Law sich geweigert, auch nur einen Fuß in den Vergnügungspark zu setzen.

Es war gleichermaßen eine Überraschung und Enttäuschung für Shachi gewesen, als er erfahren hatte, dass Trafalgar Law sich bereits mit Io auf dem Jahrmarkt herumgetrieben hatte. Aber laut dem Lockenkopf hatten sie sich nur umgesehen und sonst kaum etwas gemacht. Also hatten Penguin und er den Plan gefasst, wenigstens alle Fahrgeschäfte mit ihr gemeinsam auszuprobieren. Io und Bepo war in der Achterbahn zwar ein bisschen übel geworden, aber ansonsten hatten sie bisher sehr viel Spaß gehabt. Zumindest, bis sie beim ‚Haunted‘ angekommen waren.

Gott sei Dank hatten sie diese merkwürdige Situation jetzt hinter sich und konnten endlich wieder normal-

„Oh“, machte Io stirnrunzelnd und lenkte ihn ab, bevor er weiter seinen Gedanken nachhängen konnte. „Er hat es wieder repariert. Glaubst du, er betrügt immer noch, Law?“

Mit manisch zuckenden Mundwinkeln trat der Kapitän der Heart-Piraten an den Stand und lehnte sich lässig an den Tresen. „Tust du es?“, gab er die Frage insgeheim amüsiert weiter.

„Nicht ihr schon wieder“, wimmerte der Mann und suchte schnellstmöglich Zuflucht hinter der reichlich marode wirkenden Theke seines Blechdosenstandes. „Jetzt ist wirklich alles sauber, ich schwöre es! Schau her!“

Shachis Nervenkostüm hielt das ganze nicht mehr aus, als der Kerl fahrig die Dosenpyramide umstieß und dann ängstlich bei Trafalgar Law um Zustimmung heischte.

„Was zur Hölle habt ihr zwei gestern wirklich getrieben?!“, rief der Rothaarige frustriert aus und warf verzweifelt seine Arme in die Luft. „Was soll das alles?“

„Wir haben gar nichts gemacht“, erklärte Io prompt. „Law hat nur das Spiel gewonnen.“

„Der Käpt’n hat Dosenwerfen gespielt? Er hat ernsthaft mit Bällen auf Dosen geworfen?!“

Penguin war einfach nur schockiert. War Io überhaupt klar, dass das völlig unmöglich war? Trafalgar Law tat so etwas nicht. Niemals. Unter keinen Umständen. Das war schon unvorstellbar gewesen, als er den mürrischen Mützenträger im North Blue kennengelernt hatte!

„Naja... nicht so wirklich“, gestand der Lockenkopf mit einem schrägen Blick auf das zugenagelte Loch in der Front des Standes. „Aber zumindest sind sie nach seinem Wurf alle umgefallen und ich habe den Plüsch-Stygian bekommen“, setze sie mit einem höchst zufriedenen Grinsen dazu.

Die Mannschaft schaltete schnell.

„Aber von mir sagen, ich hätte mich nicht unter Kontrolle“, maulte Ikakku und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust. „Ich war gestern anständig!“

„Wer’s glaubt, wird selig“, murmelte Jean Bart so leise, dass die Smutje es nicht hören konnte. Clione und Uni tauschen nur vielsagende Blicke.

„Also, Käpt’n...Wenn das deine Definition von ‚keinen Ärger machen‘ ist, dann bist du in Zukunft derjenige, der nicht mehr allein auf Inseln gehen sollte“, kommentierte Jane Piston stirnrunzelnd.

„Ich denke, wir sollten erfahren, womit wir in den nächsten Stunden noch rechnen müssen!“, verlangte Shachi alarmiert zu wissen. „Was habt ihr gestern wirklich alles verbrochen?!“

„Nichts.“ Law fiel es immer schwerer, einen ernsten Gesichtsausdruck zu wahren.

„Wir waren in einem Buchladen, sind Essen gewesen und wir haben ein Schwert für mich ausgesucht“, zählte Io gehorsam auf. „Oh, und was die Bücher angeht...“

Die maßlos entsetzten Gesichter der Mannschaft, als sie von dem Angebot der Verkäuferin hörten, brachte das Fass endgültig zum Überlaufen.

Der Kapitän der Heart-Piraten brach in schallendes Gelächter aus.

~oO ein paar Tange später Oo~


„Heute“, bekräftigte Penguin seinen Entschluss und beschleunigte seine Schritte, während sie den weißen Sandstrand entlang liefen. „Heute wird sie endgültig meinem Charme verfallen!“

„Wohl eher meinem!“, widersprach Shachi prompt. „Sie hat am ersten Abend nämlich mehr mit mir geredet als mit dir!“

„Bist du so egoistisch, dass du bereit bist, mir wegen einer Frau das Herz zu brechen?!“, fragte Penguin und griff sich getroffen an die Brust.

Shachi wackelte grinsend mit den Augenbrauen. „Manche Opfer müssen eben gebracht werden, mein Lieber.“

Mit einem schnellen Griff nahm Penguin den Rothaarigen in den Schwitzkasten und gab ihm eine harte Kopfnuss.

„AU!“

„Euch ist schon klar, dass sie euch beide nur ausnimmt, oder?“, kommentierte Ikakku hämisch grinsend, während sie gemeinsam mit den anderen Heart-Piraten an den beiden Rudergängern vorbei schritt. „Diese Anne ist ein Luder, wie es im Buche steht!“

„Gar nicht wahr!“, schossen die beiden sofort zurück. „Sie ist eine absolute Traumfrau.“

„Das sagt ihr vermutlich von jedem Weib, das Schnaps brennen kann“, winkte Jane Piston spöttisch ab. „Und im Schlimmstfall könnt ihr sie euch ja teilen“, setzte sie zweideutig grinsend dazu.

Shachi und Penguin begehrten empört auf.

Trafalgar Law schnaubte nur und ging weiter den Strand entlang, wobei er einen vorsichtigen Blick in Ios Richtung warf. Aber sie schenkte Janes zweideutiger Aussage keinerlei Beachtung. Sie bummelte nur völlig unbehelligt neben Clione her und zupfte leicht genervt am schwarzen Gürtel ihres gelben Sommerkleides herum.

Es war ein Drama der ganz besonderen Art gewesen, den Lockenkopf zu überzeugen, den Heart-Overall nicht jeden Tag zu tragen. Das Teil war aus dicker Vikunja-Wolle und dafür ausgelegt, in der kalten Tiefsee zu wärmen. Das war viel zu heiß für eine Sommerinsel wie Nassau, aber Io hatte sich trotzdem dagegen gewehrt. Letztendlich hatten Ikakku und Jane eingegriffen und die Kleine zum Shoppen in die Stadt geschleift. Was das Kleid in Ios Augen am meisten auszeichnete, war wohl die Tatsache, dass der Gelbton fast exakt der Farbe der Polar Tang entsprach. Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er daran dachte.

Trafalgar Law konnte nicht genau benennen, was es war, aber irgendetwas hatte sich geändert. Als wäre ein Puzzleteil, das nie so ganz gepasst hatte und immer angeeckt war, endlich an seinen richtigen Platz gerutscht. Er wusste nicht genau, woran es lag, aber seit dem Fest war Io anders. Unbeschwerter. Lebendiger. Als wäre eine Last von ihr abgefallen, von der niemand gewusst hatte, dass sie sie überhaupt trug.

Es war eine Art von Lockerheit, die der Lockenkopf nie zuvor ausgestrahlt hatte. Kam es vielleicht daher, dass sie endgültig begriffen hatte, dass die Mannschaft sie um ihretwillen mochte? Dass sie Fehler machen durfte, ohne, dass man sie sofort dafür verabscheute? Der Kapitän der Heart-Piraten wusste es nicht und er würde auch nicht danach fragen.

Vor allem, weil Io die letzten Tage durchaus den einen oder anderen Fehler gemacht hatte. Aber das gehörte wohl dazu, wenn man auf einer Pirateninsel feiern ging.

Den Kopf schüttelnd, schritt er weiter aus und wischte sich eine vorwitzige Mücke vom Arm. Vermutlich interpretierte er mal wieder viel zu viel in Ios Verhalten hinein. Denn die gesamte Mannschaft war in Hochstimmung. Bailey zeigte auch keinerlei Anzeichen von depressiven Verstimmungen mehr und seine Entzugserscheinungen schienen komplett vorbei zu sein. Und selbst Uni, der kaum ein Wort sprach, hatte heute beim Frühstück mit Shachi und Penguin Witze gerissen.

Es hatte sich auch ziemlich schnell eine gewisse Art von Urlaubsroutine eingespielt. Wenn sie Lust hatten, nutzten sie die Vormittage, um sich in der Stadt herumzutreiben. Die Nachmittage verbrachten sie dann gemeinsam am Strand, bevor sie abends entweder Essen gingen oder loszogen und die Kneipen der Insel unsicher machten. Und heute waren sie nochmal auf dem Weg zu einer recht speziellen Spelunke.

Boring Betty.

Sie hatten diese Bar nur gefunden, weil ein Einheimischer Jean Bart diesen Geheimtipp gegeben hatte. Sie lag in einer recht versteckten Bucht und um sie zu erreichen war vom Hafen aus ein Fußmarsch von einer halben Stunde notwendig. Aber es war eine schöne Strecke, sobald man die Stadt einmal hinter sich gelassen hatten.

Immer nur den feinen, weißen Sandstrand entlang. Links das kristallblaue Meer, das einem bei Flut um die Füße wusch und auf der anderen Seite die unberührte Natur Nassaus. Entweder wussten die meisten Besucher der Insel nicht, dass das Boring Betty existierte oder ihnen war der Weg zu lang. Darum schienen dort vorrangig Einheimische einzukehren.

Auf jeden Fall stand hinter dem Tresen dieser speziellen Bar eine Barkeeperin namens Anne. Für Shachi und Penguin war es quasi Liebe auf den ersten Schluck gewesen. Denn seit dem ersten Besuch im Boring Betty balgten die beiden sich um die Frau, als wären sie zwei Hunde, denen man einen allzu saftigen Knochen vor die Füße geworfen hatte.

Es war einfach nur peinlich, dabei zuzusehen und eher würde Trafalgar Law sich ins Meer stürzen, als sich dermaßen lächerlich zu benehmen.

Er rümpfte die Nase, aber seine Mine erhellte sich wieder, sobald er das Schiffswrack erblickte, das sich unversehens vor ihm auftürmte, als er um die nächste Biegung der Küstenlinie in die verborgene Bucht einbog. Zerfetze und ausgeblichene Segel wehten unmerklich in der schwachen Brise. Das Segelschiff war seitlich an den Strand gespült worden und der Name des ehemals stolzen Dreimasters lautete Boring Betty. Die Bar war in den zerstörten Rumpf des Wracks hinein gebaut worden.

Der Sandstrand davor sah aus, als wäre er mit Treibgut zugemüllt. Fässer, Kisten, Taurollen und umgestürzte Baumstämme standen chaotisch um niedrige Tische herum, die provisorisch aus Planken zusammengezimmert worden waren. Im Inneren des Schiffes gab es zwar auch Sitzgelegenheiten, aber die waren nicht halb so bequem wie die im Außenbereich.

Zielsicher steuerte Trafalgar Law einen Tisch am Rand an. Nahe der Palmen, die den breiten Sandstrand säumten. Während Shachi und Penguin in Richtung Bar davon flitzen, um Getränke für alle zu organisieren, lehnte er sich an einen großen, strohgefüllten Jutesack und blickte direkt aufs Meer hinaus.

Der Himmel spannte sich in unzähligen Schattierungen von Orange und Violett über die flache See, während die Sonne gemächlich hinter dem Horizont verschwand. Law streckte sich zufrieden und fläzte sich noch bequemer hin. Das war Nassau von seiner bisher schönsten Seite. Hier konnte man das Leben definitiv genießen.

„So, da wären wir wieder“, verkündete Shachi und begann die Gläser in der Runde zu verteilen.

Laws Braue zuckte kritisch nach oben, als er bemerkte dass es nicht genug für alle waren.

„Wir sollen von Anne ausrichten, dass ihr beide persönlich zu ihr kommen sollt, wenn ihr was zu trinken haben wollt“, beantwortete Penguin die unausgesprochene Frage. Er schien reichlich verstimmt.

Aber er war nicht halb so verstimmt, wie der Chirurg des Todes. Was fiel der unverschämten Barkeeperin eigentlich ein, ihm Befehle erteilen zu wollen?! Vor allem nach dem, was sie sich vorgestern geleistet hatte?

„Komm mit, Io-ya.“

Missgelaunt stemmte er sich aus seiner halb liegenden Position hoch und trat mit langen Schritten und leicht angepisst den Weg zum Tresen an.

„Ah, da seid ihr ja!“, begrüßte Anne den Piratenkapitän und sein Anhängsel mit einem leicht zerknirschten Grinsen auf den lila geschminkten Lippen. „Ich wollte mich noch bei euch entschuldigen. Das war wirklich keine Absicht.“

„Es war nicht deine Schuld“, gab der Lockenkopf mit einem versöhnlichen Lächeln zurück. „Wir wussten es ja auch nicht.“

Ein tödlicher Blick aus grauen Augen streifte die Barkeeperin, die ihre langen, regebogenbunt gefärbten Haare in einem Undercut trug.

„Dein Glück, Anne-ya“, bemerkte der Chirurg des Todes düster. Selbst er hatte gnadenlos unterschätzt, wie unfassbar wenig Alkohol sein Schützling tatsächlich vertrug. Aber nachdem er Io höchstpersönlich das Absinthtrinken beigebracht hatte, hatte er ihr ja schlecht verbieten können, in einer Bar an ein paar Cocktails zu nippen, oder? Rückblickend wäre es aber besser gewesen, wenn er es untersagt hätte.

„Heute machen wir es anders“, nickte Anne der Jugendlichen entschlossen zu, bevor sie sich primär auf den Kapitän der Heart-Piraten fokussierte. „Und dir scheint es nicht geschmeckt zu haben, Trafalgar. Das ist eine Herausforderung, die ich zu gerne annehme“, entschied die Barfrau und begann willkürlich irgendwelche Flaschen in ihren Coctailmixer zu entleeren, bevor sie die milchig weiße Flüssigkeit in ein Glas goss und vor ihn hin stellte.

„Und du glaubst, das macht es besser?“, schnaubte Law verächtlich und musterte den individuell zusammengestellten Cocktail. Das war das Alleinstellungsmerkmal des Boring Betty. Eine Bestellung aufzugeben, war in diesem Laden ein kleines Abenteuer, denn es existierte keine Getränkekarte. Es gab nur Anne. Sie entschied, was ihre Gäste zu trinken bekamen und sie war auch erstaunlich gut darin, die Geschmäcker ihrer Kundschaft zu treffen.

Nur hatte sie Ios Geschmack ein bisschen zu gut getroffen! Die übermäßige Trunkenheit der Jugendlichen war auch genau der Umstand gewesen, der ihm den Spaß verdorben hatte.

„Nein.“ Anne schüttelte den Kopf. „Normalerweise kann ich die Schmerzgrenzen meiner Kunden besser einschätzen und auf einer Insel voller Piraten sind übermäßig berauschte Gäste nicht das Ziel, das man als Barkeeper haben sollte. Darum gehen eure Drinks heute auch aufs Haus.“

Dass sie es wirklich ernst zu meinen schien, stimmte den Chirurg des Todes ein bisschen versöhnlicher. „Und die Getränke meiner Crew?“, hakte er trotzdem nach.

„Das würde mich vermutlich um einen Wochenlohn bringen. Andererseits geht es hier um meine Ehre als Barkeeperin, also lass uns einen kleinen Deal machen, Trafalgar“, entschied Anne und ein verwegenes Grinsen begann an ihren Lippen zu zupfen. „Deine Crew schließe ich mit ein, wenn ich nichts finde, was dir tatsächlich zusagt oder falls Io nochmal zu betrunken wird.“

„Ich glaube nicht, dass sie es böse gemeint hat, Law“, bettelte der Lockenkopf ihn mit großen, flehenden Augen an. „Außerdem hat es gut geschmeckt und ich mag sie. Anne ist wirklich nett.“

Law seufzte tief.

Das war Ios unschuldige Meinung, aber was Shachi und Penguin an der Frau fanden, würde er niemals verstehen. Ihn erinnerte sie eher an das hässliche Plüsch-Einhorn vom Jahrmarkt. Sie trug tonnenweise Schminke und die vielen Farben, in die sie ihre Haare getunkt hatte, waren so grell, dass es fast in den Augen schmerzte. Alles an ihr wirkte künstlich. Entweder lag es wirklich nur am Alkohol oder seine Rudergänger litten an massiver Geschmacksverirrung, dass sie so jemanden tatsächlich attraktiv fanden.

„Dann versuch dein Bestes, Anne-ya“, entschied er kühl und nippte an seinem Drink, ohne jede Mine zu verziehen. Er würde ihr definitiv nicht zeigen, dass der minzig-herbe Geschmack durchaus seine Zustimmung fand. Aber ein Abend auf Kosten des Hauses war ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte.

Und er würde seinen Schützling und diese durchgeknallte Barkeeperin nicht für eine Sekunde aus den Augen lassen!
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