Unsichtbar

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Margaret "Peggy" Carter Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
13.06.2017
13.06.2017
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Unsichtbar


„Nichts hält etwas intensiver in der Erinnerung fest, als der Wunsch es zu vergessen.“
- Michel de Montaigne (1533 – 1592)

Es war, als würde er immer noch an diese Trage gefesselt sein. Die Gurte drückten sich in sein Fleisch, obwohl er genau wusste, dass er nicht mehr dort war. Jede Nacht suchten ihn diese Stunden und Tage der Qual heim.
Sie rissen ihn aus dem Schlaf und nahmen ihm die Selbstsicherheit. Er war nicht mehr er selbst. Der Krieg veränderte einen Mann, damit hatte sein Vater nun endgültig Recht behalten. Seine Erzählungen vom Großen Krieg vor fast dreißig Jahren hatten Bucky Angst gemacht.
Noch bevor er überhaupt in diesen nächsten großen Krieg gezogen war und geschworen hatte, seinem Land bis in den Heldentod zu dienen.
Das hätte er niemals zugegeben und letztendlich hatten die Erzählungen seines Vaters nichts an seiner Entscheidung geändert, schließlich war er ja hier. Er war hier – immer noch – und er hatte keine Ahnung, wie er es so weit hatte schaffen können.
Eigentlich müsste er tot sein.
Bucky schluckte schwer und klammerte sich mit eiskalten Fingern an seinem Glas fest, in dem der dunkelbraune Whiskey ein wenig hin und her schwappte. Er hatte ihn ohne Eis bestellt, weil er in seinem Inneren seit seiner Befreiung aus Zolas Lager nur noch Kälte gespürt hatte.
Eisige Kälte, die um sich griff und sich zu einem reißenden Sturm entwickelte. Die Versuche des Wissenschaftlers aus der Schweiz hatten ihre Spuren hinterlassen. Tiefe Risse waren nun in Buckys Seele und er hatte selbst keinen Schimmer, wie er diese wieder kitten sollte.
Der Alkohol half ihm heute auch nicht, er machte es sogar nur noch schlimmer. Sein Kopf war schon ein wenig benebelt, auch wenn es heute länger gedauert hatte, bis er den Whiskey in seinem Kreislauf bemerkte.
Er wusste auch nicht, woran das lag, es war ihm aber auch egal, denn das Getränk tat das, wozu es gut war. Es betäubte ihn ein wenig, wenn auch nur langsam und recht unzuverlässig. Bisher waren eben nur noch neue düstere Gedanken hinzugekommen und diese hatten meistens mit dem Lager und Dr. Zola zu tun.
Eine Ekelgänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus und er konnte genau sehen, wie sich die feinen Härchen auf seinem Unterarm aufstellten. Der Schauer kribbelte in Wellen über seine Haut und er zuckte kurz zusammen, bevor er sein Glas etwas gestelzt anhob, um einen Schluck daraus zu nehmen.
Die Musik und die gute Stimmung hier waren seltsam. Sie waren mitten im Krieg und doch taten die Leute hier so, als wäre nichts. Als wären sie keine Soldaten und als würden sie die Wirren der Kämpfe einfach so wegstecken.
Das würde er auch gerne können, doch konnte er es einfach nicht. Er war vielleicht zu schwach dafür, kein richtiger Mann oder auch ein Feigling. Eines davon seinetwegen, aber er würde deshalb trotzdem nicht das Handtuch werfen.
Dann war er unter Umständen doch tapfer und vorbildlich... Bucky wusste nicht, was er von sich selbst denken sollte. War er wirklich feige, wenn er Angst vor der Zukunft bekam, nur wenn er kurz an Zola dachte?
War er ein Schwächling, nur weil er ständig von Alpträumen heimgesucht wurde, die ihm die Galle die Speiseröhre nach oben trieben? War er ein Verräter, wenn er sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich sicher nach Hause zu kommen, weil er das Geschrei und das Artilleriefeuer nicht mehr aushielt?
Wieder hatte er keine Ahnung.
Und er hatte das seltsame Gefühl, dass er es auch nicht herausfinden würde, weder heute noch in Zukunft. Auch nicht in weiter Zukunft, darauf würde er sogar eine Wette abschließen. Allerdings nicht mit jemandem von hier, die Leute hier hatten eindeutig zu viel getrunken und versuchten den Krieg auszublenden.
Genau wie er.
Ihm war klar, dass sie alle dieselben Gedanken teilten und am liebsten nach Hause wollten, doch offen darüber sprechen konnte niemand. Es wäre auch nicht empfehlenswert, denn so ließ der Wille nach.
Etwas Ähnliches hatte er Colonel Philipps sagen hören, damals als sie hier im geheimnisvollen Übersee angekommen waren und enttäuscht feststellten, dass Berge und Strand in allen Ländern irgendwie gleich aussahen.
Hier war es sogar mehr als angsteinflößend – hier rauchte ständig irgendeine Stadt, weil sie einem Luftangriff oder einer Plünderung zum Opfer gefallen war. Das Schlimmste daran war, dass es sich bei den Plünderern nicht bloß um die Nationalsozialisten handelte.
Verbrechen wurden auf beiden Seiten begangen, so ungern er das auch zugab. Manche seiner sogenannten Kameraden waren eben nur hier, weil sie einen legalen Weg zu töten suchten. Es war erschreckend, aber wahr.
Auch davon hatte ihm sein Vater erzählt, von den bösen Seiten des Menschen, die sich ihm offenbart haben. Wie sehr sich Menschen in Ausnahmesituationen veränderten und zu welchen Bestien sie werden konnten.
Bucky hatte ihm damals nicht glauben wollen, war in seinem Krieg aber eines Besseren belehrt worden. Das menschliche Wesen war widerlich und grausam. Der einzige Mensch, der nicht so zu sein schien war Steve.
Steve, der bei seinen Kameraden im Nebenraum saß und das Privileg der Kameradschaft genoss. Steve, der sich vermutlich hat betrügen lassen, um für ein von der Regierung finanziertes Experiment ausgenutzt zu werden.
Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Wenn er denjenigen fand, der Steve dazu überredet und dann auch noch in den Krieg geschickt hatte, dann schwor er, dass... Ja, was schwor er dann? Dass er denjenigen für Steve in die Flucht schlug, wo er dies doch jetzt selbst übernehmen könnte?
Dass er Steve vor weiteren falschen Schlangen beschützte, die dort draußen ihr Unwesen trieben und nur darauf warteten, den naiven Jungen für sich zu gewinnen, wo der doch nun sogar größer als Bucky war?
Ihm wurde schlecht und er verzog angewidert das Gesicht, als er das bestimmt dreißigste Mal an seinem Glas Whiskey schnupperte. Etwas zu laut stellte er es auf der Tischplatte ab und erntete einen verärgerten Blick von dem Mann hinter der Theke.
Entschuldigend hob er die Hand und sah ihn mit einem halben Lächeln an, das unechter nicht hätte sein können. Sofort schob sich der skeptische Gedanke an sich selbst wieder in den Vordergrund und ließ Steve verblassen.
Ebenfalls ein Bild, von dem er immer wieder träumte. Steve verschwand immer mehr hinter seinem Alter Ego 'Captain America', wie ihn nun alle zu nennen pflegten. Es war lächerlich und total überzogen, aber es hatte sich innerhalb kürzester Zeit eingebürgert.
Bucky gönnte seinem Freund die Anerkennung von ganzem Herzen, doch störte ihn, dass Steve sich erst hatte körperlich verändern müssen, damit andere das Potenzial und seine Herzensgüte in ihm sahen.
Sie alle waren doch nicht viel besser als die Jungs, die Steve immer wieder in irgendwelche Gassen gedrängt hatten, um ihn dort zusammenzuschlagen. Im Grunde konnte doch niemand hier behaupten, dass er nicht dasselbe gemacht hätte wie all diese Schwachköpfe, die Bucky höchstpersönlich vertrieben hatte.
Er wusste wirklich, wer sich hinter Captain America verbarg und er wäre auch so in der Lage Steve militärische Kompetenz zuzutrauen. Aber niemand würde einem kleinen Asthmatiker zuhören, so lief das nun einmal.
Schnell stürzte er einen Schluck seines Whiskeys herunter, um das Brennen in seinem Hals loszuwerden. So fühlte es sich immer an, wenn ihm die Tränen in die Augen stiegen und sich sein Hals zuschnürte.
So hatte es sich in seiner Kindheit angefühlt, wenn er angefangen hatte zu weinen. Irgendwann hatte er damit aufgehört und es immer heruntergeschluckt, denn ein echter Mann weint nicht, zumindest sagten das immer alle.
Heute war er sich da nicht mehr so sicher.
War es nicht vielmehr ein Zeichen von Stärke es zuzulassen? Es passieren zu lassen? Seine Mutter würde dazu jetzt sagen, dass er ein verträumter Philosoph sei, auch wenn sie diese Seite eher Steve zugedacht hatte.
Steve war tatsächlich ein Träumer, er malte sogar gerne und ziemlich gut. Bucky dagegen... Er trieb Sport, war gut in der Schule und machte sich einen Spaß daraus mit Mädchen auszugehen, eben weil sie ihn irgendwie immer mochten.
Er wusste nicht einmal woran das lag, er hatte wohl einfach ein Händchen dafür, auch wenn er kein Schürzenjäger war. Das wäre ihm niemals eingefallen und er würde auch jetzt in einem fremden Land nicht damit anfangen einer zu sein.
Zwar war auch hier die ein oder andere nette Frau zugegen, aber mit Peggy Carter konnte keine von ihnen mithalten. Sie hatte anscheinend ein Auge auf Steve geworfen und wieder drängte sich Bucky die Frage auf, ob sie ihn nur mochte, weil er nun so eine Wandlung durchgemacht hatte, oder ob sie sich auch für ihn ohne die Veränderung interessiert hätte.
Er wollte nicht, dass sein Freund reduziert wurde. Das wäre fatal. Irgendwann fing nämlich beinahe jeder Mensch an das zu glauben, was andere ihm sagten. Dass es reichen würde, groß und muskulös zu sein.
Dass es genüge, stark und ein oberflächlicher Held zu sein, mit einem Lächeln so weiß wie der Nordpol. Bucky zog die Nase hoch. Neben Steve war er selbst nun ein kleiner, unbedeutender Sergeant.
Einer von vielen, denen er das Leben gerettet hat, als er vorsätzlich Philipps Befehle ignorierte, um das Gefangenenlager hinter den feindlichen Linien ausfindig zu machen. Durfte Bucky so denken? Durfte er das von Steve denken?
Nein, durfte er nicht. Denn Steve hatte sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, nur um ihn zu finden. Das hatte Philipps kurz angedeutet, als er zusammen mit den anderen Befreiten wieder zurück im Lager angekommen war.
„Rogers hat nur von Ihnen geredet, Sergeant. Betrachten Sie es als Wunder, dass er einfach ohne meine Erlaubnis losgezogen ist und sich nicht einmal dafür schämt.“
Das hatte Philipps gesagt, wie immer mit diesem sarkastischen Unterton, der Bucky anscheinend infolge der Folter in Zolas Lager verlorengegangen ist. Einen Großteil seiner Persönlichkeit hatte er dort gelassen.
Der war dann zusammen mit dem Lager in Flammen aufgegangen und zu Staub zerfallen. Seiner Mutter hatte er nichts davon geschrieben. Er war erleichtert, dass er seiner Mutter wenigstens einen Brief hatte schreiben dürfen, in dem er ihr berichtete, dass er noch lebte.
Das Beileidsschreiben musste sie schon erreicht haben. Es tat ihm leid, dass sie umsonst getrauert hatte, aber er wollte ihr auch nicht verschweigen, dass er noch lebte, nur weil er irgendwann anders fallen könnte.
Wenn er dann zu Hause auf der Matte gestanden hätte, und zwar ohne die vorherige Mitteilung, dass er noch lebte, dann wäre seine Mutter sicher fuchsteufelswild geworden. Bei dem Gedanken daran, wie sie mit einem Küchentuch ein wenig gekünstelt auf ihn einschlug, bekam er ein echtes Lächeln zustande.
Hätte er sich nicht so gut im Griff gehabt, wäre sicher ein verrücktes Lachen gefolgt, aber er riss sich zusammen und fuhr mit der Fingerspitze über den Rand seines Glases, an dem noch ein wenig Flüssigkeit klebte.
Plötzlich wurde ihm warm und kalt zugleich, er fühlte sich fiebrig und übertrieben aufgekratzt. Nichts war noch normal, auch sein körperlicher Zustand nicht und augenblicklich wurde ihm wieder übel und er sah den Whiskey mit verzogenem Gesicht an.
Als wollte er denjenigen, der ihm dieses Getränk bestellt hatte, für verrückt und widerlich erklären. Dabei war er selbst es gewesen, der sich vorgenommen hatte, sich volllaufen zu lassen, um seine Umwelt zu vergessen.
Das Lachen der Leute um ihn herum wuchs an und er schloss die Augen, um es auszublenden, was ihm wieder nicht gelang. Dann runzelte er die Stirn, strengte sich richtig an, um taub zu werden, aber es half alles nichts.
Um ihn herum der Sturm und er saß in dessen Auge. Alles um ihn herum drohte zu zerbrechen und wurde weggeschleudert, zerschmettert und er? Er blieb unbeschadet mittendrin und durfte sich das Chaos ansehen.
Schnell öffnete er die Augen, denn der leichte Schwindel des Alkohols in seinem Blut bescherte ihm ein sanftes Schaukeln seines Körpers, das er nicht kontrollieren konnte. Er war nicht in der Lage es zu unterdrücken und ergab sich einfach dem Verlangen seines Körpers sich unaufhörlich hin und her zu wiegen.
Seltsamerweise beruhigte es ihn irgendwie. Es war wie die einzige Regelmäßigkeit, die es hier in Europa gab. Das regelmäßige Schaukeln seines eigenen Körpers, die Mitte der Welt...
Gedankenverloren starrte er dabei weiter in sein Glas, bis er eine Bewegung aus dem Nebenraum wahrnahm. Steve erhob sich gerade, um den Kameraden eine neue Runde auszugeben. Er schnaubte kurz und beobachtete Steve, der von der Theke auf ihn zu kam.
„Tja, wie schon gesagt... Sie sind alle Idioten“, sagte er leichthin und versuchte sein leichtes Schaukeln zu unterdrücken. Er drehte sich zurück zu seinem Tisch und versuchte sich krampfhaft an das Gespräch zu erinnern, das Steve vorhin nur wenige Meter von ihm entfernt mit Dum Dum und den anderen geführt hat.
Er hatte es so weit es ging ausgeblendet, aber er wollte immer mit wenigstens einem halben Ohr zuhören, was irgendjemand Steve eventuell zu erzählen versuchte. Man konnte nie wissen, auch wenn er für diese Männer seine Hände ins Feuer legen würde.
„Was ist mit dir? Bist du bereit Captain America in die Klauen des Todes zu folgen?“ fragte Steve verheißungsvoll und mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme. Seine Uniform saß wie angegossen, er wirkte beinahe wie eine unechte Puppe von einem Mustersoldaten.
„Ganz sicher nicht“, widersprach er sofort und sah auf die Tischplatte vor sich. „Der kleine Kerl aus Brooklyn, der zu dumm war vor einem Kampf weg zu laufen – dem folge ich.“ Er sah Steve direkt an und hoffte, dass die Botschaft angekommen war.
Steves Gesichtsausdruck veränderte sich. Bucky hob sein Glas und trank noch einen Schluck, bevor sie in ein kurzes, unangenehmes Schweigen verfielen. Das Geklimper des Bestecks auf den Porzellantellern und die Klaviermusik dröhnten in seinen Ohren.
„Aber du behältst hoffentlich deinen Anzug, oder?“
Die Frage brannte ihm auf der Zunge und hinterließ einen faden Nachgeschmack. Es war vielleicht falsch und unfair sie zu stellen, aber er konnte nicht anders als sich wenigstens bemühen ein wenig wie früher zu klingen.
Steve deutete mit dem Kinn auf eines der Poster, das hier in der Bar an der Wand hing und ihn selbst zeigte, in einer gravitätischen Pose, lächelnd und triumphierend. Die ganze Tour war abgesagt worden. Zum Glück.
„Weißt du was? Langsam wachse ich rein.“
Er erhob sich plötzlich und drehte sich zum Eingangsbereich der Bar. Da stand sie, Peggy Carter, in einem stoffgewordenen, roten Traum aller Frauen. Der Männer allerdings auch, alle Blicke ruhten auf ihr.
Kein Wunder, sie war eine Schönheit, eine Frau mit Klasse. Außerdem war sie stark und wusste, was sie wollte. Sie war etwas Besonderes – und sie hatte bloß Augen für Steve. Neben ihm war er also wirklich unsichtbar. Genau wie die anderen Männer auch alle.
Nicht nur neben Captain America.
Vielleicht brauchte Steve ihn nicht mehr. Wie er es vorhin schon gedacht hatte.
Vielleicht.

Anmerkung: Ach ja... Der arme Bucky. Wie immer denke ich mir, dass er gar nicht weiß, wie viel Angst er eigentlich wirklich haben sollte. Kurz darauf stürzt er ja von dem Zug und dann geht's überhaupt erst richtig los. Die Andeutungen über die Gefangenschaft bei Zola habe ich übrigens in Brothers in arms verarbeitet. Wer also vorbeischauen möchte, ist herzlich eingeladen! :)
Mir ist letztes Mal, als ich die Filme alle durchgeguckt habe, nämlich Buckys Position im Raum aufgefallen. Die anderen sitzen zusammen mit Steve an einem Tisch und unterhalten sich fröhlich, während Bucky ganz alleine woanders sitzt. Das wird doch sicherlich einen Grund haben, dachte sich da mein Köpfchen. Was meint ihr hierzu?
LG, Erzaehlerstimme
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