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Begegnung im Traum

OneshotFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jareth Sarah
11.06.2017
11.06.2017
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11.06.2017 2.019
 
Gedankenverloren schaute Sarah Williams aus dem geöffneten Fenster. Es war fünf Uhr morgens und das Aufgehen der Sonne wurde von der rötlich-, orangenen-, und pinken Färbung des Himmels majestätisch angekündigt.  Wenige Autos fuhren um diese Uhrzeit durch die sonst so dicht befahrene Hauptstraße; die Bürgersteige blieben noch leer. Die Luft war angenehm kühl und noch feucht von dem vorherigen Regenschauer.

Sarah saß, mit einer Decke über ihren Beinen, bequem eingekuschelt in ihrem Lieblings-sessel und begann ihren freien Tag mit einer Tasse heißem Kaffee. Sie hörte das Zwitschern der Amseln, die im Kastanienbaum auf der anderen Straßenseite, ihr Nest gebaut –, und nun Nachwuchs bekommen hatten.

Während sie beobachtete wie eine der Amseln mit Nahrung für das Neugeborene zum Nest zurückkehrte, dachte sie an ihren gestrigen Traum. Es war lange her seit sie das letzte Mal von ihm geträumt hatte. 8 Jahre, um genau zu sein. Ein nostalgisches Lächeln bildete sich auf ihren Lippen während sie in den verbliebenen Erinnerungen des Traums schwelgte. Wie schnell doch die Zeit vergehen konnte. Nun war sie schon 23, eine junge Frau mit einer angehenden Schauspielkarriere und doch stand sie immer noch am Anfang ihres Lebens.

_______

In ihrem Traum war sie in einem Café nach einem erfolgreichen Auftritt am Theater.  Sie trug ihre hellblaue Bluse, Jeans und Sneakers. Nichts besonders außergewöhnliches.

Gerade als sie überlegt hatte was sie bestellen wollte, entdeckte sie ihn. Er saß an der Bar, gekleidet in einer schwarzen Lederjacke, schwarzen Jeans, schwarzen Stiefeln und einem grauen T-Shirt. Sein seidiges, blondes Haar war so wild wie eh und je und um seinen Hals hing der Anhänger, den er schon während ihres Abenteuers im Labyrinth getragen hatte.

Als er ihr Starren bemerkte, huschte ein amüsiertes Grinsen über seine Lippen. Vermutlich hatte er nur darauf gewartet, dass sie ihn wahrnahm. Er stand auf und kam auf sie zu. Wie automatisch erhob sich Sarah von ihrem Stuhl. Die Welt um die beiden schien still zu stehen. Seine kristallblauen Augen, deren Pupillen unterschiedlich geweitet waren, verharrten eindringlich auf ihr und das Amüsement seines Grinsens ersetzte sich durch Spott.

„Du bist kaum gewachsen.", bemerkte er.

Sie zuckte mit den Schultern und wies auf seine Kleidung. „Du hast deinen Style geändert."

Jareth schüttelte den Kopf. „Nein. Nur für diesen Traum."

„Schade. Es steht dir.", erwiderte sie freimütig. Er wurde hellhörig und hob eine seiner geschwungenen Augenbrauen. Sarah wies auf den freien Stuhl neben ihrem.

„Setz dich doch.", bot sie ihm. Seine Stirn legte sich in Falten und er grummelte missmutig:

„Sag mir nicht was ich zu tun habe." Und doch setzte er sich und legte lässig ein Bein über das andere als er sich zurücklehnte. Sarah hob die Hand um den Kellner auf sich aufmerksam zu machen doch der stand mit dem Rücken zu ihr und nahm gerade die Bestellung anderer Gäste an.

Jareth seufzte ungeduldig. „Das ist doch vergeudete Zeit. Sag mir was du willst, ich zauber's dir.", meinte er.

Sarah sah ihn überrascht an, murmelte dann aber recht schnell: „Ein fruchtiger Sekt wäre nicht schlecht."

Jareth machte eine leichte Bewegung mit seiner rechten Hand und zwei Sektgläser tauchten vor ihnen auf.

„Ich wusste gar nicht, dass du trinkst.", kommentierte er.

Sarah nippte an dem Sekt. „Es gibt vieles über mich, das du nicht weißt." Es klang unabsichtlich kokett doch das störte sie nicht sonderlich.

Jareth, angenehm überrascht, schüttelte neckisch den Kopf und schnalzte mit der Zunge. „Sarah, Sarah, Sarah. Darf ich das etwa als Einladung verstehen?"

„Pfirsich-Geschmack, wirklich?" Sie hob eine Augenbraue und begutachtete den Sekt genauer. Seiner vorherige Frage wich sie gekonnt aus.

Jareth kicherte belustigt. „Mh, wieso nicht? Wusstest du, dass Pfirsiche ein Symbol der weiblichen Sexualität sind?"

„Nein, aber ich wusste auch nicht, dass du so viel Freizeit in deinem Koboldkönigreich hast.", erwiderte sie unbeeindruckt und nahm einen großen Schluck Sekt. Der Alkohol wärmte ihre Kehle wohltuend. „Dir muss unfassbar langweilig sein wenn du dir all die Mühe machst und Wikipedia Seiten auswendig lernst."

Jareth's Blick war flüchtig irritiert. „Was sind Wikipedia Seiten?"

„Vergiss es, ist nicht wichtig."

Sie bemerkte erst, als die Hintergrundgeräusche verschwanden, dass sie gar nicht mehr im Café saßen sondern auf einer Wiese inmitten eines Waldes. Dutzende Wildblumen ergossen sich über das frische Gras. Sie hörte das Zirpen der Grillen und Lichterketten zogen sich entlang der Bäume, die den geheimnisvollen Ort umgaben. Es wirkte wie aus einem Gemälde von Thomas Kinkade entsprungen. Sarah leerte ihr Glas im nächsten Zug.

„Noch einen?", fragte Jareth vornehm.

Sie schüttelte dankbar ablehnend den Kopf. „Einer ist für diesen Traum genug."

Er zuckte mit den Schultern, „Schade", und begann erst jetzt von seinem zu trinken. Sarah spürte ein Kribbeln durch ihren Körper fahren als sie beobachtete wie der süße Alkohol seine Lippen benetzte. Für eine Sekunde geisterte die Vorstellung ihrer Lippen, wie sie sich auf die seinen legten, durch ihren Kopf.

Jareth bemerkte ihr Starren und grinste süffisant. Sarah wusste, dass er sie ertappt hatte. Ein rötlicher Schimmer breitete sich auf ihren Wangen aus und sie wandte schnell den Blick ab.

„Weißt du, vielleicht nehme ich doch noch einen.", gab sie schließlich nach, mit vor der Brust verschränkten Armen. Nüchtern war es ihr unmöglich ihr schnell pochendes Herz und das Kribbeln in ihrer Magengegend zu ignorieren.

Unkommentiert füllte er, mit einer erneuten Handbewegung, den Sekt auf und reichte ihr anschließend das Glas. Ein leises „Danke" glitt ihr über die Lippen und als sie danach griff, berührten ihre Fingerkuppen seine behandschuhten Hände. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus.

Mit zittrigen Fingern trank sie die Hälfte des Sektes in einem Zug. Jareth legte den Kopf schief und beobachtete sie aufmerksam.

„Was?", fragte Sarah schließlich leicht genervt als sie die Stille nicht mehr ertrug.

„Ich frage mich bloß warum du so schüchtern bist.", äußerte er sich ungeniert.

Sarah hob konfus eine Augenbraue. „Ich? Schüchtern? Nein."

„Du weichst meinem Blick aus.", erläuterte Jareth und lehnte sich leicht nach vorn.

„Das bildest du dir ein.", dementierte sie ungesäumt.

„Und warum errötest du dann wenn ich von deinem Starren Kenntnis nehme?", entgegnete er.

Sarah erwiderte darauf nichts und er gluckste keck. Schweigen war eine Antwort für sich.

Sie stand vom Stuhl auf, das Sektglas in ihrer Hand, und drehte den Rücken zu ihm. Um sich von seinen unverblümten Äußerungen abzulenken, ließ sie ihre Umgebung mehr auf sie einwirken. Dieser Ort hatte so etwas märchenhaft Romantisches an sich und Sarah wünschte es gäbe ihn wirklich.

Sie erstarrte als sie Jareth's warmen Atem unerwartet an ihrem Hals spürte. Sarah fröstelte.

„Dir gefällt dieser Ort sehr, nicht wahr?", schnurrte er charmant.

Es verlangte jegliche Form der Selbstbeherrschung, die sie in sich hatte, gegen die Versuchung anzukämpfen einfach die Augen zu schließen und sich sehnlich mit dem Rücken an seine Brust zu lehnen. Jetzt da er ihr so nah war, atmete sie seinen einladenden Duft ein, der ihr den Kampf nur noch unerträglicher machte. Er roch nach süßen Duftblüten und Granatapfel.

„Dir etwa nicht?", entgegnete sie so trocken wie möglich.

Jareths Hände legten sich sanft auf Sarahs Hüften. „In meinem Schloss gibt es einen ähnlichen Ort. Außerdem gilt meine Aufmerksamkeit gerade etwas anderem."

Sarah fühlte sich mit einem Mal fiebrig. „T-Tatsächlich?" Sie verfluchte sich innerlich für ihr stottern.

Er nickte und begann quälend langsam, und doch mit einer leidenschaftlichen Geduld, ihren Hals auf und ab zu küssen. Sarahs Beine verwandelten sich unter der Berührung seiner Lippen in Pudding. So viel zur Selbstbeherrschung. Wie sie es schaffte sich von ihm zu lösen, war ihr ein Rätsel. Doch als sie etwas von ihm wegstolperte und statt seines betörenden Duftes die kühle Nachtluft einatmete, schaffte sie es ihr rasendes Herz etwas zu beruhigen.

„Warum?", fragte sie. Die Frage war vielmehr an Sarah selbst adressiert als an ihn.

„Warum was?" Jareths Miene war kühler als zuvor. Ihm missfiel, dass sie sich ihm noch immer trotz ihrer überdeutlichen Anziehung verwehrte.

„Du tauchst nach acht Jahren zum ersten Mal wieder in einem meiner Träume auf und ich bekomme sofort das Verlangen mich dir an den Hals zu werfen. Warum?"

Sarah verstand die Welt nicht mehr. Gewiss hatte sie bei ihren ersten Begegnungen ihn bereits, wenn auch auf eine sehr unschuldige Weise, beträchtlich attraktiv empfunden aber das war kein Vergleich zu dem Verlangen das sie nun verspürte. Es war neues, ungewohntes Terrain in ihrer Beziehung zu ihm und Sarah konnte sich nicht daran erinnern in ihren bisherigen Männerbekanntschaften jemals etwas Vergleichbares empfunden zu haben.

Erst jetzt erinnerte sie sich wieder an die Tatsache, dass er ja gar kein Mensch war. Er war ein Fae und in unzähligen okkultischen und esoterischen Büchern wurde die betörende Wirkung dieser Wesen auf Menschen thematisiert, daher hätte es sie eigentlich nicht überraschen sollen.

„Du hast das Verlangen dich mir an den Hals zu werfen? Sieh an, sieh an..." Jareth hob amüsiert beide Augenbrauen und seine Mundwinkel zogen sich zu einem schiefen Lächeln.

Sarah biss sich auf die Unterlippe. „Bist du eigentlich noch wütend auf mich?"

Die Frage war so aus dem Kontext gerissen und abrupt, dass sie Jareth für den Bruchteil einer Sekunde verblüffte. Dann setzte er eine arrogante, kühle Maske auf.

„Ich nehme an du sprichst von deinem Sieg?", mutmaßte er misstrauisch. Sarah nickte.

Jareth zückte gleichgültig mit den Schultern. „Ich habe wichtigeres zu tun als meine Gedanken um so etwas Belangloses kreisen zu lassen."

Obwohl er wahrhaftig nicht mehr wütend war, wann war er das je wirklich, so war dieser Satz unwahr. Er hatte oft über den finalen Augenblick ihres Abenteuers in seiner Welt gedacht und erinnerte sich nur allzu gut, auch jetzt noch, an die Verzweiflung, die traurige Wahrheit, die er gezwungenermaßen erkennen musste als sie sich für ihren Bruder und gegen ihre Träume entschied.

Die Arroganz und das Desinteresse in seiner Stimme enttäuschte Sarah. Erneut wandte sie sich von ihm ab. „Dann hast du eigentlich keinen Grund mehr mich aufzusuchen.", murmelte sie.

„Muss ich einen Grund haben dich aufzusuchen?" Mit einem Mal wurde sein Ton sanft, bekam beinahe etwas Wehmütiges. Er streckte die Hand nach ihr aus und drehte sie zu sich um, sodass sie ihn ansehen musste.

Sarah versuchte in der Tiefe seiner Augen eine Antwort zu finden. „Du bist so rätselhaft wie das Labyrinth selbst.", flüsterte sie seufzend, doch es lag auch ein Hauch Abenteuerlust in ihrer Stimme. „Hinter jeder Ecke entdeckt man eine neue Seite von dir. Ich dagegen bin wie ein offenes Buch."

„Ich ziehe offene Bücher verschlossenen vor.", meinte er. Für einen kurzen Moment verblieben beide Still und sahen sich nur an.


„Das ist wirklich ein Traum, oder?", fragte Sarah etwas betrübt.

Er kam ihrem Gesicht näher. „Ja das ist es. Warum?"

Sie zog scharf die Luft ein als sie sich der Nähe bewusst wurde. „Ich würde dich gerne besser kennen lernen. Auch wenn du..."

Nur noch Zentimeter trennten ihre Lippen voneinander und Sarah fühlte Jareth's Atem auf ihrer Unterlippe als er leise hauchte: „Auch wenn ich was?"

Sarah schloss die Augen, außerstande den Satz zu beenden. Sie erwartete seine Lippen jede Sekunde auf ihren zu spüren doch gerade als sie er sie küssen wollte, wachte sie auf.

_______

Zunächst war Sarah unfassbar erzürnt und versuchte alles in ihrer Macht stehende in den Traum zurückzukehren. Doch es wollte einfach nicht klappen. Frustriert beschloss sie, nachdem sie ein Kissen an die Wand geworfen hatte, statt sich aufzuregen lieber in der süßen Erinnerung des Traums zu schwelgen.

Beim Gedanken an Jareth, wurde ihr ganz warm ums Herz und sie wünschte sich sehnlichst, dass er auch in ihrem nächsten Traum eine Rolle spielen würde.

Sarah schaute gedankenverloren aus dem Fenster als sie eine Schleiereule mit kristallblauen Augen bemerkte, die sich auf die Regenrinne des gegenüberliegenden Hauses setzte und erwartungsvoll, den Kopf schief legend, zu ihr schaute. Sie erstarrte für einen Moment und brach dann in ein fröhliches Lachen aus. Ein leichter, rötlicher Schimmer bedeckte ihre Wangen als sie den Kopf abstützte und verträumt sagte:

„Hallo Jareth."
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