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A Modern Western Tale

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
11.06.2017
27.09.2017
9
22.305
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11.06.2017 1.281
 
Anmerkung der Autorin: Lieber Leser, dies ist eine fiktive Geschichte. Namen und Geschehnisse sind erfunden und Ähnlichkeiten mit realen und lebenden Personen sind rein zufällig. Allerdings stimmten im Groben bestimmte Begebenheiten, wie z. B. die Lage des Reservats, des in der Geschichte vorkommenden Indianerstammes mit der Wirklichkeit überein.



A Modern Western Tale

Das Jahr 2060

Ich sitze im Kreis meiner Lieben und genieße die Wärme des Feuers in unserer Mitte. Ich bin alt und mein Körper will oft nicht mehr meinem noch wachen Geist gehorchen.  
Schwer lehne ich mich gegen die in meinem Rücken aufgeschichteten Felle und lasse meinen Blick durch das große Zelt meines ältesten Sohnes schweifen; das Zelt des Häuptlings. Draußen bringt der kalte Herbstwind des Nordens den strengen Winter in die Sierra Blanca und ich weiß,  dass wenn er im Frühjahr weiterzieht, er meine Seele auf ihre letzte, große Reise mitnehmen wird.
Vor meinen geschlossenen Augen ziehen die Gesichter der Menschen vorüber, denen ich mein Lebensglück verdanke. Fast alle sind schon längst von mir gegangen und nur noch wenige von Ihnen sitzen mir gegenüber. Still lächele ich in mich hinein. Welch‘ einen Einfluss sie doch alle auf mein Leben gehabt haben und welch‘ große Taten wir zusammen vollbracht haben.

Ein Gewicht auf meinem Bein lässt mich die Augen wieder öffnen und in das liebliche Gesicht meiner Urenkelin schauen.
„Erzählst du uns deine Geschichte, shich'íné, Großmutter?“
Sie krabbelt ganz auf meinen Schoss und sieht mich mit ihren großen, braunen Rehaugen an.
Ich hebe meinen Blick und schaue in die erwartungsvollen Gesichter meiner Familie.
„Habt ihr sie denn noch nicht oft genug gehört? Ihr müsst sie doch Wort für Wort auswendig können.“
Mein Enkel Cochise – noch heute frage ich mich, was meinen Sohn geritten hat – nimmt meine Hand und drückt sie vorsichtig und ermutigend. Wie gebannt starre ich unsere verschlungenen Hände an. Die junge, kräftige Männerhand und meine verrunzelte, alte. Und doch sieht es richtig aus.
Ich schaue in seine ernsten Augen, in denen sonst oft der Schalk sitzt, nickte zu seiner stillen Botschaft und beginne meine Geschichte:

„Es war vor 45 Jahren und ich stand mitten im Leben. Meine weißen Söhne und ich wohnten in einem schönen Heim drüben in Europa in Deutschland…“

„In einem richtigen Haus aus Stein, mit Strom und so, nicht wahr?“ Ein vielstimmiges „Ssshhh!“ lässt  meine Urenkelin verstummen und einen Schmollmund ziehen.
Ich streichle ihr über den Kopf und nicke.

„ Ja, in einem richtigen Steinhaus mit Strom und allem anderen. Es ging uns gut. Besser als das. Wir hatten seit einigen Jahren ein gutes Auskommen durch die geerbten Miethäuser meiner Großeltern. Obwohl ich mit meinen beiden Söhnen nach einer schlimmen Scheidung allein lebte, war es ein schönes Leben. Und doch fehlte mir etwas. Die Tage vergingen einer wie der andere. Doch ich wollte mehr. Ich wollte Herausforderungen, war ich  doch gerade erst 42 Jahre alt.
Und so entschloss ich mich in jenem Jahr etwas zu tun, von dem ich schon lange geträumt hatte. Ich wollte zu Pferd in den Norden Europas, hoch nach Dänemark und sogar noch weiter bis nach Finnland. Das war ein Abenteuer, wie ich es mir schon als Kind in den Ferien bei meiner Oma ausgemalt hatte, wenn ich die Indianergeschichten mit Winnetou las.
Ein Pferd besaß ich bereits, ein schönes Kaltblut mit dem Namen Demon. Aber er war ganz und gar kein Dämon, sondern ein verlässlicher und genügsamer Freund, mit dem ich schon öfter längere Ritte durch Deutschland unternommen hatte.
Doch dies sollte etwas ganz Neues werden. Ein richtiges Abenteuer. Kaum war der Gedanke zum Leben erwacht, begann ich ihn in die Tat umzusetzen. Ich plante und organisierte die Reiseroute, setzte mich mit Behörden in Deutschland, Dänemark, Schweden und Finnland in Verbindung. Ich holte mir alle nötigen Erlaubnisscheine und durch einen befreundeten Anwalt in Finnland war es mir sogar möglich, eine Jagderlaubnis gegen teures Geld und strengen Auflagen zu erhalten.
Wie einfach und romantisch ich mir das alles vorstellte. Einsame Cowboyabende am Lagerfeuer. Reiten am Strand und durch die wilden, nordischen Wälder… ja, das war das Abenteuer, das ich erleben wollte.
Ein Jahr Vorbereitung und Planungen lagen hinter mir, als ich mich im Frühsommer 2017 von Familie und Freunden verabschiedete und mich mit Pferd und meinem treuen Terrier auf den Weg machte. Als einziges Zugeständnis an die Elektronik hatte ich nur mein Handy und ein Solarladegerät dabei. Ich wollte meine Reise in einem Online-Tagebuch festhalten, auch damit meine Familie wusste wie es mir ergeht und dass ich noch lebe.
Alles was ich damals über das Leben in der Wildnis wusste, hatte ich mir aus Büchern angelesen und ich muss zum meiner Schande sagen, dass ich dachte, mir könne nichts passieren und ich wäre für alle Eventualitäten gewappnet. Es ist schon so lange her und meine Erinnerungen sind getrübt, doch ich weiß,  dass alles wunderbar lief bis ich nach Schweden kam.
Deutschland und Dänemark, das war Urlaub. Dort traf ich noch auf Menschen und Zivilisation,  doch Schweden war schon ein ganz anderes Kaliber mit seiner geringen Bevölkerung und den riesigen, einsamen Wäldern, und wäre es damals nicht so ein Traumsommer gewesen und hätte ich nicht die nette Jägersfamilie getroffen, dann hätte ich bestimmt das Handtuch geschmissen und wäre schon drei Wochen nach meinem Aufbruch wieder nach Hause geritten.
Das Alleinsein war nicht schlimm, ich bin ja nie ein Mensch gewesen, der unbedingt viele Menschen um sich scharen musste. Doch mit dem Wenigen was ich mitgenommen hatte, zurecht zu kommen, das wurde mit jedem weiteren Tag zu einer neuen Herausforderung.
Die Wochen, die ich bei dem Jäger und seiner Familie in Schweden verbrachte, diese Wochen waren es, die mich nicht nur äußerlich veränderten, sondern auch innerlich.
Er brachte mir alles bei, was er wusste, war er doch im Grunde fast so etwas wie ein Trapper. Er blieb oft Tage oder Wochen in der Wildnis, denn sein Forstrevier war hunderte von Quadratkilometern groß.
Schließlich brachte er mir sogar das Bogenschiessen richtig bei. Denn das, was ich in Deutschland im Schießverein gelernt hatte, reichte gerade mal dazu ein paar Löcher in die Atmosphäre zu schießen, aber bestimmt nicht dazu, einen Hasen oder ein geflügeltes Wild zu erlegen.
Wochen-, nein monatelang streifte ich mit der Erlaubnis des Försters durch das riesige Waldgebiet. Finnland war vergessen, zu beschäftigt war ich, das Nomadenleben kennenzulernen.  
Und ich lernte es kennen und… lieben. Und zwar so sehr, dass wenn mich der Förster nicht rechtzeitig gefunden und gewarnt hätte, mich der kalte Herbsteinbruch überrascht hätte. Eindringlich legte er mir nahe, wieder nach Hause zu reiten und im Frühjahr des nächsten Jahres wiederzukommen.  Nur widerwillig verabschiedete ich mich von der Familie und versprach- besten Wissens und Gewissens- dass wir uns wiedersehen würden. Hatte ich doch keine Ahnung,  wie sich mein Leben durch diese Reise verändern würde…
Was soll ich sagen? Nach einem Ritt, der fast schon an einen Gewaltmarsch erinnerte, kam ich Anfang November 2017 glücklich, gesund und um viele Erfahrungen reicher wieder zu Hause an. Ich war fünf Monate fort gewesen und obwohl ich mich freute, meine Söhne und Familie wieder in die Arme schließen zu können, begann ich kaum, dass das neue Jahr begonnen hatte, eine innere Unruhe zu spüren. Doch diesmal sollte es noch etwas Größeres sein, noch ein wilderes Abenteuer und ich begann mich umzuhören.“

Schwer atmend muss ich pausieren. Das Erzählen strengt mich an und die Wärme des Feuers ebenso wie das beruhigende Gewicht meiner Urenkelin lassen mich müde werden. Cochise nimmt mir seine Tochter vom Schoss und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Mit ein paar leisen Worten bewegt er die anderen zu gehen und mir Ruhe zu gönnen.

Morgen ist schließlich auch noch genug Zeit, um die Geschichte weiter zu erzählen...
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