Schwarze Illusion

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
OC (Own Character)
07.06.2017
07.01.2018
4
6213
2
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Illusion...
... eine absichtliche Täuschung des Betrachters mit dem Ziel, bestimmte Effekte zu erzielen.

2

Das Gras unter den Füßen, die sie durch das verhangene Blätterdach trugen, war weich und kratzig zugleich. Feucht vom Morgentau kitzelte es sie zwischen ihren Zehen. Moosbedeckt und kantig war der Waldboden, aber das behinderte nicht ihren rasanten Lauf, in welchem sie immer wieder empor zu dem dichten Bäumen über sich blickte, die beinahe kein Licht hindurch ließen und wenn doch, es die Szenerie in unwirkliches Licht tauchte. Zwischen dem Rascheln ihrer eigenen Schritte, konnte sie trotz der zahlreichen anderen Geräusche deutlich das Brunstrufen des Rotwildes, das Knacken des Unterholzes und das stetige Summen der zahllosen Insekten hören.

Scharf sog sie ihren flachen Atem ein, denn die Luft war intensiv, blumig und dennoch klar wie der Wind in ihrem Haar. Sie fühlte sich frei, ungebändigt und unaufhaltbar!

„Becca!... Rebecca, komm zurück..“

Beinahe währe sie gestolpert, oder sogar gestürzt, doch sie schlug allem zum Trotz einfach nur ihre Augen auf und sah in das leicht verstimmte Grinsen ihrer besten Freundin, Kristin.

„Wie machst Du das nur? Eine ganze Armlänge vergraben in einem Hund und doch träumst Du dich weiter weg als Peter Pans Wendy…“

Kristin lächelte und tupfte Becca den Schweiß von der Stirn. Die Operation dauerte nun schon drei Stunden und ein Ende war nicht in Sicht. Die inneren Organe des Tieres waren schwer in Mitleidenschaft gezogen, doch sie beide hatten es sich zur Aufgabe gemacht verwaiste, kranke und verletzte Tiere zu behandeln und ihnen dann ein neues zu Hause zu vermitteln. Eine nicht enden wollende Aufgabe, aber eine die es definitiv wert war. Denn Tiere waren einfach die besseren Menschen und wenigstens dankbar, für das war man ihnen gab.

Ja, Becca umgab sich lieber mit Tieren, als mit ihrer eigener Gattung. Kristin war ihre einzige und älteste Freundin und nur dank ihr kam Becca ab und zu, abseits ihrer Arbeit überhaupt aus ihrer kleinen Wohnung. Warum rausgehen wenn Essen geliefert wird, sie eine beheizbare Bettdecke hatte und ein Premium Abonnement von Netflix? Menschen waren ohnehin einfach anstrengend, also es nicht wert die heimischen vier Wänden zu verlassen...

...und genau dort wollte sie jetzt auch wieder hin. Es war nun bereits kurz nach Mitternacht, der Hund versorgt und Kristin hatte Nachtwache.

„Ich gehe dann jetzt,“ verabschiedete Becca ihre Freundin gähnend und winkend, bevor sie die Tür hinter sich zuzog und ihren Mantel höher verschloss. Es war nicht kalt, doch der Wind pfiff unersättlich durch die engen Gassen von Budapest. Die Fachwerkhäuser hatten Becca schon als kleines Mädchen fasziniert. Jedes kleine Häuschen reihte sich nahtlos an das nächste, wunderschön verziert und wenn sie es nicht besser wüsste, täte sie glauben, das jedes von ihnen unter Denkmalschutz stünde.

Je näher sie dem Stadtrand und dessen Promenade kam, umso heller und natürlich lauter wurde es. Die Straße wurden heller, von kugelförmigen, warm gelb scheinenden Laternen, die nach unten gebogen waren, erleuchtet. Reih an Reih, wie zuvor die Häuschen. Jede Menge Menschen waren noch unterwegs. Recht ungewöhnlich für diese Zeit und schon nach wenigen weiteren Metern sah Becca das wohl ein Unfall dafür verantwortlich war.

Auf der taghellen Hauptstraße hatte sich bereits eine Menschentraube gebildet und als sie etwas näher herantrat konnte sie bereits Wortfetzen aufschnappen. „Farkas“..“Farkasember“ oder auch „rossz Kutya“ vernahm sie. Das war nichts ungewöhnliches, Budapest war bekannt für seinen Aberglaube. Engel, Dämonen..alles wurde gesehen und natürlich wurde darüber berichtet. Obgleich Becca immer davon ausging, dass an jedem Aberglaube etwas wahren dran sein musste. Woher kämen sonst solche wirren Geschichten?

„Lassen Sie mich durch, ich bin ...“

Ihr stockte der Atem und im Bruchteil von wenigen Sekunden schossen Becca Daten durch den Kopf. Lupus. Canis Lupus Lupus, gerade Rückenlinie, über 10cm lange Pfoten, Scherengebiss, kann Druck von bis zu15kg pro Quadratzentimeter ausüben.

„... bin Arzt.“

Ein Wolf? Hier? Mitten in der Stadt, unweit einer Strandpromenade? Sie schluckte, denn das Tier, welches vor einem LKW und neben einem offenen Gullideckel lag, konnte unmöglich ein Wolf sein und wenn doch, musste es ein altes Tier sein. Er war mehr als doppelt so groß wie die normalen Tiere dieser Gattung und das konnte sie nicht nur daran erkennen, dass sie mit bloßem Auge das seichte Heben und Senken seines Brustkorbes sehen konnte. Er hatte das Maul leicht geöffnet und einer seiner Eckzähne musste mindestens 12cm lang sein, wenn nicht länger.

Mittlerweile hatte sie sich an den Menschen vorbei, zu dem Tier begeben, sich daneben gekniet und sich der Polizei als Tierärztin ausgewiesen. Diese war froh, dass jetzt nicht sie diejenigen sein mussten, die über das Tier verfügten. Es schien schon schwer genug zu sein die Menschen im Zaum zu halten und über die Gerüchte müsste man gar nicht erst sprechen. Einer der Beamten erzählte Becca vom Unfallhergang, doch sie hörte diesem nicht wirklich zu. Viel zu fasziniert war sie von dem Wolf, als sie ihn sich näher betrachtete um vorab eventuelle Verletzungen erkennen zu können. Zumindest keine Knochenbrüche, das war etwas Gutes, oder?

„Ich ... meine Klinik ist nur ein paar Straßen weiter. Könnten Sie …?“ Ihr hilfesuchender Blick traf den des Beamten und dieser nickte. „Natürlich. Geben Sie uns die Adresse und erwarten sie uns dort. Wir beeilen uns.“

„NEIN!“ Becca räusperte sich. Warum war sie nun so emotional? Doch eines war ihr klar, sie würde nicht von der Seite des Tieres weichen. „ … ich meine, ich bleibe besser hier. Nicht, dass er kollabiert.“ Sacht strich sie mit der flachen Hand über die Seite seines Kopfes und das Tier wimmerte leise. Ja, es war die richtige Entscheidung hier zu bleiben.

Keine Stunde später wurde das Tier in die Praxis gebracht. Da der Tisch um einiges zu klein war, wurde das Büro kurzerhand mit vereinten Kräften leergeräumt und mit Decken ausgelegt, sodass der Wolf Platz fand. Als der Tropf, den sie gelegt hatten, durch den Zugang sickerte sank die junge Frau erschöpft neben ihrer Freundin auf einen der Drehstühle. Sie saß immer verkehrtherum auf ihnen. So konnte man sich eben besser darauf abstützen. Die Arme auf der Lehne gekreuzt, legte sie ihren Kopf ab und sah zu Kristin herüber.

„Meinst Du er kommt durch..?“
Ihre Freundin klang nicht überzeugt davon. Denn äußere Wunden konnten sie keine feststellen. Die Laborwerte musste sie ebenso bis zum Mittag abwarten, also blieb ihnen nur warten. Warten und hoffen, dass der Wolf es schaffte.

„Ich weiß nicht … hoffen wir das beste ...“ Während sie sprach drehte sie sich so, dass sie den Wolf beobachten konnte. Seine ruhigen Atemzüge zeigten keinerlei Anzeichen, dass er es nicht schaffen könnte. Als Ärztin wusste Becca aber, dass nur eine Nacht, Stunden oder Minuten über Leben und Tod entscheiden könnten. Doch … irgendwie glaubte sie auch nicht, dass das Tier vor ihr einfach ‚nur ein Wolf‘ war... Seine Zähne und Aufnahmen der Knochen deuteten darauf hin, dass er nicht älter als zwei, vielleicht vier Jahre alt war … was bei seiner Körpergröße einfach unmöglich war. Also, wenn es kein Wolf war, der vor ihr lag und so ruhig atmete ... War war es dann?
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