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Geschöpfe der Nacht

von Hobbit91
GeschichteDrama, Mystery / P16
06.06.2017
27.06.2017
14
20.954
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
06.06.2017 1.060
 
Was für ein langweiliges Kaff ist das hier eigentlich, würden sich bestimmt diejenigen fragen, die sich zum ersten Mal in das kleine Dorf Sotoba verirrt haben und ja, im Prinzip hätten sie damit auch vollkommen Recht. So bin ich zum Beispiel der Meinung, man sollte am Ortseingang ein Schild mit der Aufschrift

HERZLICH WILLKOMMEN AM ARSCH DER WELT

aufstellen. Mir ist durchaus bewusst, dass sich das nicht besonders nett anhört, aber im Grunde trifft es das eigentlich ganz gut, wenn man sich mal anschaut, wie abgeschottet wir hier leben. Die Berge und all die dichtstehenden Tannenbäume kesseln unser Dorf mit seinen 1300 Einwohnern regelrecht ein. Fremde verirren sich nur äußerst selten hierher. Jeder kennt hier jeden und Sensationelles gibt es kaum zu berichten.

Trotzdem ist dieses Dorf mit seiner markanten dreieckigen Form, in dem so gut wie nie etwas passiert, meine Heimat. Meine Familie lebt hier schon seit Generationen. Wann genau sich meine Familie hier niedergelassen hat, kann ich selbst nicht so genau sagen. Sicher weiß ich nur, dass unser kleiner Laden, den heute mein Vater leitet, irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. In all den Jahren hatte stets ein Mitglied der Familie Masuyama hinter der Ladentheke gestanden und eigentlich hätte auch ich irgendwann den Laden übernehmen sollen, so wie es eben schon immer bei uns Tradition war. Allerdings hat mein Vater, Tadashi Masuyama in dieser Beziehung ziemlich moderne Ansichten.

„Menschen wie du gehören hier einfach nicht hin, Hanabusa“, hat er einmal zu mir gesagt. „Es wäre nicht richtig, dich hier festzuhalten. Du hast etwas besseres verdient, als das hier.“ Daraufhin hat er seinen Blick missmutig durch den Laden wandern lassen. Vater hatte mir schon im Jahr davor offenbart, dass er dieses Dorf eines Tages hatte verlassen wollen. Diesen Entschluss hatte er gefasst, als er etwa in meinem Alter gewesen war. Jedoch hatte mein Großvater, Benjiro Masuyama darauf bestanden, dass Vater an Ort und Stelle verweilte und sich um den Laden kümmerte. Laut eigenen Angaben ist mein Vater nun zu alt, um von hier fortzugehen und irgendwo in der Stadt noch einmal ganz von vorne anzufangen, weshalb er wenigstens mir die Möglichkeit geben wollte, meine Träume zu verwirklichen, wofür ich Vater auch mehr als dankbar bin.

Im Grunde habe ich ja nichts gegen dieses Dorf, aber die Vorstellung, hier für den Rest meines Lebens festzusitzen, ist nun wirklich nicht besonders prickelnd. Zwar weiß ich, dass ich meine Heimat bestimmt irgendwie vermissen werde, wenn ich erstmal weg bin, aber wenn sich einem die Möglichkeit auf ein aufregendes Leben außerhalb des Dorfes Sotoba bietet, dann sollte man diese Gelegenheit eben ergreifen.

Übrigens kenne ich noch eine Person, die liebend gern von hier fort möchte und mich dafür beneidet, dass mein Vater mir dabei keine Steine in den Weg legt. Ihr Name ist Megumi Shimizu, ein Mädchen mit rosa Zöpfen, das einem hin und wieder ganz schön auf die Nerven gehen kann. Im Gegensatz zu mir hasst sie dieses Dorf abgrundtief und scheint es kaum noch erwarten zu können, endlich von hier zu verschwinden.

„Du weißt ja überhaupt nicht, wie gut du es hast“, hat sie mir einmal vorgeworfen. „Aber eines sage ich dir: Wenn ich mit der Schule fertig bin, dann werde auch ich die Fliege machen und eines Tages berühmt werden. Ich werde eine Suite in einem großen Hotel bewohnen, spät in der Nacht shoppen gehen und...“

An dieser Stelle habe ich aufgehört, ihr zuzuhören. Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf ihr Geschwafel. Wie stellt sie sich das mit dem Berühmtwerden überhaupt vor? Glaubt sie etwa, dass sie eines Tages einem bekannten Regisseur über den Weg läuft, der ihr dann sagt: „Genau nach so einem Mädchen suche ich nun schon seit Monaten. Du passt für die weibliche Hauptrolle in meinem neuen Film wie die Faust aufs Auge. Bitte komm gleich Morgen früh ins Studio!“ Das kann die doch nicht wirklich glauben, oder etwa doch?

Aber was kümmert mich das? Für Megumi Shimizu interessiere ich mich ja sowieso nicht. Soll sie doch machen, was sie will. Im Augenblick gibt es andere Dinge, über die ich mir den Kopf zerbrechen kann.

Wir haben Samstag, den 30. Juli und auch heute knallt die Sonne erbarmungslos vom Himmel, während ich auf einer Bank in der Nähe vom Haus der Familie Ikezawa sitze und darauf warte, dass die Tür auffliegt und Fumiko ins Freie tritt. Fumiko ist die einzige Tochter der Ikezawas. Sie ist siebzehn und besucht genau wie ich die Oberschule in der Stadt. Auch sie kenne ich schon mein ganzes Leben lang. Schon als Kinder haben wir viel Zeit zusammen verbracht und irgendwann war uns beiden dann klargeworden, dass wir uns ineinander verliebt hatten. Seit knapp einem Jahr sind wir zwei nun schon ein Paar, das gelegentlich das Dorf verlässt, um zu zweit ein paar schöne Stunden in der Stadt zu verbringen.

Auch heute ist wieder so ein Tag. Zuerst wollen wir uns in der Stadt einen Film im Kino ansehen und anschließend noch ein bisschen durch die Straßen bummeln. Allerdings scheint sich Fumiko ein wenig zu verspäten, weshalb ich langsam ein wenig nervös werde. Sie wird mich doch wohl nicht vergessen haben, oder etwa doch?

Wie sich aber kurz darauf zeigen sollte, besteht kein Grund zur Sorge, denn plötzlich fliegt die Tür auf und ein Mädchen mit langen hellgrünen Haaren kommt auf mich zu gerannt.

„Das tut mir aber leid. Hast du lange auf mich gewartet?“, fragt sie, nachdem sie kurz vor der Bank, auf der ich sitze stehengeblieben ist.

„Nein, nicht der Rede wert“, sage ich leichthin, während ich mir mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupfe. Warum zur Hölle muss es heute nur so verflucht heiß sein?

„Wie gefällt dir denn mein neues Kleid? Das habe ich mir erst gestern Nachmittag gekauft“, fragt sie fröhlich und beginnt sich vor meinen Augen im Kreis zu drehen, damit ich sie von allen Seiten bewundern kann. Das Kleid, das sie trägt ist schwarz und mit silbernen Sternchen versehen.

„Du siehst wundervoll aus“, sage ich wahrheitsgemäß, woraufhin sie mir ein bezauberndes Lächeln schenkt. Kurz darauf nimmt sie meine Hand und zieht mich von der Bank hoch. Sie lässt meine Hand nicht los, während sie gemeinsam zur Bushaltestelle schlendern.

* * *

Dieser Bericht stammt aus einer Zeit, als im Dorf Sotoba noch alles in Ordnung war. Nichts deutete auf den Horror hin, der uns alle schon bald überrollen sollte.
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