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Göttlich Verboten

GeschichteFantasy / P12 / Gen
Adonis Evander Daedalus Attica Leda Evander
06.06.2017
01.04.2018
8
9.019
3
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06.06.2017 904
 
Ein lautes, beinahe schon unmenschliches Heulen und Knurren erfüllte die trockene Ebene oberhalb der steil abfallenden Pazifikklippe. Die Sicht war trüb und körnig vor lauter Staub. Blutstropfen spritzten in Fülle durch die Luft und tränkten den sandigen Untergrund, färbten ihn so rot wie das letzte Licht der Sonne, die im selben Moment hinter dem Meer verschwand und das Schlachtfeld in bedrohlicher Düsternis zurückließ. Jeder, der es nicht besser wusste, wäre fest davon überzeugt gewesen, dass es zwei Rudel wilder Tiere waren, die einander dort zerfleischten. Doch das entsprach nicht der Wahrheit.
Nahe dem Zentrum der Fläche kämpfte die neunzehnjährige Leda Evander mit verbitterter Entschlossenheit gegen einen breitschultrigen Mann mittleren Alters. Der lange, rotbraune Zopf, der bei jeder Bewegung schwer über ihren Rücken schwang, war schweißnass. Eine üble, offene Wunde verlief vom linken Kieferknochen bis über die Stirn quer durch ihr Gesicht und verlieh ihrer natürlichen Schönheit etwas Wildes, Unbezähmbares. Obwohl ihre einzige Waffe ein kleiner, eleganter Dolch war, gab es keinen Grund, an ihrer Tödlichkeit zu zweifeln.
Ihr Angreifer schwankte. Ein breiter Riss zog sich über einen seiner Arme und hinderte ihn daran, ihn zu bewegen. Von seinem Hinterkopf tropfte Blut. Er hatte sich eine Platzwunde eingefangen, als er einem Ellenbogenstoß von Leda nicht schnell genug ausgewichen und rücklings auf blanken Fels geknallt war. Er wäre bereits tot, hätte sich einer seiner Cousins nicht auf seine Angreiferin gestürzt, bevor sie zu Ende bringen konnte, was sie begonnen hatte. Er war an seiner Stelle gestorben. Der Blick, mit dem der Mann Leda jetzt anstarrte, war lodernd vor Hass. Der Wahn der Furien, der in ihrer aller Köpfe spukte, mischte sich noch mit seiner ganz persönlichen Wut auf sie. Das Ergebnis war ein hochexplosives Pulverfass der Emotionen. Es bestand kein Zweifel daran, dass er nicht aufhören würde zu kämpfen, bis entweder Leda oder er selbst tot war.
Drohend ließ er sein Schwert über ihr kreisen. Er konnte gut damit umgehen, das musste Leda ihm lassen, obgleich sie absolut nichts von dieser arroganten Art zu kämpfen hielt. Wozu seine Angriffe verschnörkeln, wenn der Gegner dadurch nur gewarnt wurde? Bevor der Scion aus dem Hause Poseidons seine Waffe ein weiteres Mal herumwirbeln konnte, schwang Leda ihren Fuß durch die Luft und kickte sie ihm mit einem kräftigen Tritt aus der Hand. Einen Aufprall gab es nicht. Das Schwert war entweder so weit geflogen, dass es nicht einmal mehr ihre Halbgott-Ohren klirren hören konnten oder über die Klippe geradewegs ins Meer gefallen. Die Hauptsache war, dass Ledas Widersacher nun unbewaffnet dastand.
In Voraussicht auf seinen nächsten Schlag duckte sie sich gerade rechtzeitig. Er hob die Faust der unverletzten Hand und ließ sie in Richtung ihres Brustkorbs donnern. Zu spät bemerkte er den winzigen Dolch der Kriegerin. Als sich seine Augen vor Überraschung und Entsetzen weiteten, war sie bereits blitzschnell unter seinem Schlag hinweggetaucht und hatte ihre Waffe gezückt. Mit einer einzigen sauberen Bewegung durchtrennte sie seinen Hals, die Klinge glitt durch Haut, Muskeln, Adern und Knochen als handle es sich um weiche Butter. Leda verharrte gerade lange genug in ihrer Position um den grau melierten Lockenkopf des Mannes auf den Boden auftreffen und eine klebrige dunkle Spur über den ohnehin schon durchnässten Sandboden ziehen zu sehen. Sie verspürte ein überwältigendes Triumphgefühl, als sie sich umdrehte und von dem Toten entfernte, auch wenn sie sich darüber im Klaren war, dass das nicht ihre eigene Empfindung war. Es waren die Furien, die ihr diese unmenschlichen Emotionen aufzwangen. Sie übernahmen Ledas Verstand, wann immer es zu Zusammentreffen mit den Scions anderer Häuser kam. Sie schrien sie an, ihre Blutschuld zu begleichen, die verfeindeten Halbgötter zu töten, sobald sie einen von ihnen erblickte. Kämpfen war Ledas Pflicht, es war der Grund, weshalb sie auf dieser Welt war. Sie tat es, um ihre Familie zu verteidigen, ihr Haus. Das Haus von Rom. Und sosehr Leda es auch hasste, von diesen grässlichen Frauen kontrolliert zu werden, machtlos gegen sie zu sein, in einem stimmte sie mit ihnen überein: es gab nichts Wichtigeres als die Sicherheit der Familie Evander.
Ein fremder Körper prallte mit voller Wucht gegen Leda und riss sie beinahe von den Füßen. Instinktiv ließ sie sich fallen, anstatt um ihr Gleichgewicht zu kämpfen und rollte sich ab, wie sie es schon tausende Male geübt hatte. Innerhalb von weniger als einer Sekunde stand sie wieder sicher auf den Beinen, bereit, sich ohne zu zögern auf ihren Angreifer zu stürzen. Sie lechzte geradezu nach Blut und Zerstörung. Es war, als wäre sie selbst zu einer der Furien geworden, die am Rande ihres Bewusstseins tobten und schluchzten, als hinge ihr Leben davon ab. Sie nahm sich keine Zeit, die junge Halbgöttin zu mustern, der sie nun gegenüber stand. Sie hatte Leda gründlich unterschätzt, wenn sie tatsächlich davon ausgegangen war, sie mit bloßer Körperkraft besiegen zu können. Zum Kämpfen brauchte man weitaus mehr als nur Muskeln und Gewicht.
Leda verzog das Gesicht zu einem furchterregenden Grinsen. Schneller, als irgendjemand hätte reagieren können, holte sie mit der flachen Hand aus und ohrfeigte ihre Gegnerin, dass ihr Hören und Sehen verging. Ehe sie die Chance bekam, sich von dem Schlag zu erholen, entledigte sich Leda ihrer mit einem gezielten Tritt in die Magengegend und einem unmittelbar folgenden tödlichen Dolchstoß. Blut spritzte und besprenkelte Ledas gepanzerte Jacke. Das Mädchen auf dem Boden riss den Mund auf, doch heraus kam kein Ton. Das Licht in seinen blauen Augen schrumpfte auf die Größe eines Stecknadelkopfes, bevor es schließlich ganz erlosch.
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