Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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03.12.2017 3.376
 
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Länge: 3.286 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 5 „Crossroads“, Minute 36:50 und 39:18
(Winters ist in Paris. Er durchlebt Flashbacks und nimmt später ein Bad in einem Hotelzimmer.)
Timeline: 12. Dezember 1944, Paris, Frankreich


Magst Du Paris?

„Und? Was schreibt Moose?“, fragte Nixon ernsthaft interessiert und lehnte sich in dem bequemen Sessel, der gegenüber des Schreibtisches stand, zurück.

Das gesamte 506. Regiment befand sich seit kurzem in Mourmelon, einem überschaubaren französischen Städtchen 30 Kilometer östlich von Reims. Sie waren hier um sich mit Vorräten und Material einzudecken und auf den nächsten Marschbefehl zu warten.

Die Auszeit tat den Männern gut. Ebenso wie das warme Essen, die Gelegenheit täglich heiß zu duschen, der rege Briefwechsel mit Familie und Freunden Zuhause und das Schlafen auf echten Feldbetten, statt auf faulem Stroh in halb verrotteten Scheunen oder taubedeckten Erdlöchern.

Den kommandierenden Offizieren erging es mit ihrem Komfort nicht anders, wenngleich sie ein anderes Niveau genossen. Winters, der nun seit fast zwei Monaten Bataillonskommandeur war, tat sich mit seinem neuen Job noch immer schwer. Er hatte sich über die Beförderung von Sink gefreut, keine Frage, aber der viele Papierkram und die Schreibtischarbeit – das war doch reichlich gewöhnungsbedürftig für ihn.

Zusammen mit Nixon und dem stets gut gelaunten Harry Welsh, einem Zugführer und Lieutenant der Easy-Kompanie, befand sich Winters in dem Büro, dass man ihm bei seiner Ankunft zugeteilt hatte und versuchte dem Stapel aus Papieren, Meldungen und Berichten Herr zu werden. Je länger er auf dieser Position saß, desto glücklicher war er, dass man ihm einen Adjutanten, eine Schreibkraft, zur Verfügung gestellt hatte. Zielinski erledigte seinen Job vorbildlich und gewissenhaft. Er erinnerte Winters an wichtige Abgabefristen, wies ihn darauf hin, wenn er auf einem der vielen Dokumente eine Unterschrift vergessen hatte und hielt ihn ständig auf dem Laufenden. Außerdem fungierte er als Sekretär, kündigte Besucher an und hielt ungebetene Gäste fern.

Es war noch keine fünf Minuten her, dass Zielinski einen Sergeant Guarnere angekündigt und sich die Köpfe der drei im Raum befindlichen Männer neugierig zur Tür gewandt hatten. Alle hatten sie sich gefreut das vertraute Gesicht des selbstbewussten Sergeants wiederzusehen und ihm zur Begrüßung die Hand gegeben.

Es tat immer besonders gut, wenn verwundete Männer wieder zurück zur Einheit kehrten. Es hielt die Hoffnung aufrecht, dass nicht jeder der verwundet in ein Lazarett kam, dort verstarb oder zurück nach Hause geschickt wurde. Dass Guarnere dann auch noch während seiner Zeit im Lazarett Moose Heyliger getroffen hatte, der ihm einen Brief für Winters mitgegeben hatte, war mehr als ein erfreulicher Zufall gewesen.

Inzwischen war der Sergeant wieder gegangen und Winters ließ es sich nicht nehmen, den Brief hier und jetzt im Stehen hinter seinem Schreibtisch zu lesen.

Nixon wurde allmählich ungeduldig. „Nun sag schon.“, forderte er seinen Freund auf, der unbeirrt auf das Blattpapier in seinen Händen starrte. „Was steht drin?“

Ohne aufzusehen murmelte Winters: „Es geht ihm schon besser.“  

„Und weiter.“, drängte Nixon und beugte sich in seinem Sessel nach vorne. Er hasste es, wenn Dick ihn so auf die Folter spannte. Jemandem Informationen aus der Nase zu ziehen, das war sein tägliches Brot als Nachrichtenoffizier. Aber jetzt, wo die Quelle sich direkt vor seiner Nase befand, musste Nixon sich ernsthaft zusammenreißen um nicht aufzuspringen, Dick den Brief zu entreißen und ihn selbst zu lesen.

Winters las Zeile für Zeile und ein Schmunzeln legte sich um seine Lippen. Er wusste, dass Harry und Nixon es sahen; konnte ihre erwartungsvollen Blicke regelrecht auf sich spüren.  

„Moose schreibt, dass er die Easy vermisst.“, las Winters vor und konnte sogleich, dass enttäuschte Stöhnen hören, das den Raum füllte. Klar, welcher Offizier vermisste diese Männer nicht?

Winters hatte das Ende des Briefes erreicht und sagte abschließend: „Aber wie es aussieht, wird er wohl nicht zurückkommen.“ Mit diesen Worten faltete er das Stück Papier und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Harry warf ihm vom Fenster, wo er seinen Aschenbecher auf der schmalen Fensterbank abgestellt hatte, einen kurzen Blick zu. „Wirklich schade.“, kommentierte er und schnippte die Asche seiner brennenden Zigarette in die Schale.

„Ja, das finde ich auch.“, antworte Winters und versuchte sich Übersicht über seine nächste Aufgabe zu verschaffen. Dass die zwei arbeitsscheuen Besserwisser hier herumlungerten, sorgte einerseits für angenehme Gesellschaft, hielt ihn andererseits aber von seiner Arbeit ab.

Nixon hatte sich derweil wieder in den Sessel gefläzt, lässig das Bein hoch geschlagen und es auf dem rechten Knie abgelegt. Mit unverhohlenem Sarkasmus warf er ein: „Dafür haben wir ja jetzt Schützenloch-Norman. Hat schnell die Hosen voll und verpisst sich noch schneller.“

Harry lachte.

Dick nicht.

„Ich denke, Lieutenant Dike wird sich noch bewähren.“, verteidigte Winters den neuen Kompaniechef und legte gedankenverloren einen Stoß Papiere von rechts nach links. „Du solltest ihm eine Chance geben.“

„Dick…“, begann Nixon in einem das-kannst-Du-doch-nicht-ernst-meinen Tonfall, „Normen Dike ist Ersatzmann. Er hat keine Kampferfahrung. Und noch dazu ist er einer dieser universitären Zuchtschnösel aus reichem Elternhaus, die mit dem goldenen Löffel im Arsch geboren worden.“

Winters tadelte seinen Freund mit einem Blick, der unmissverständlich klarmachte, dass er seine Sprache tunlichst zu mäßigen hatte. Er selbst hatte eine große Abneigung dagegen, wenn Lew so sprach, egal über wen oder was. Es schickte sich einfach nicht so zu reden.

Entschlossen mit seiner Arbeit vorwärtszukommen, nahm Winters das gerade zur Seite gelegte Papier wieder in die Hand. Dabei fiel ihm die passende Retourkutsche auf Lews unerhörte Bemerkung ein.  

„Und was ist mit dir? Wo kommst Du her?“, fragte er zynisch und in Anspielung darauf, dass Lewis ebenfalls eine angesehene Universität besucht hatte und der Sohn eines Patriarchen der Stahlindustrie war.

„Das ist was anderes.“, winkte Nixon ab.

„Nein, ist es nicht.“

Harry zog schmunzelnd an seiner Zigarette und wandte sich wieder dem Aschenbecher zu. Der verbale Schlagabtausch zwischen den beiden Männern gefiel ihm. „Er hat recht.“, pflichtete Harry Winters bei und deutete mit der Zigarette zwischen den Fingern auf den Bataillonskommandeur, während er zu Nixon sah. „Du bist auch ein Zuchtschnösel. Allerdings scheint bei deiner Kreuzung etwas schiefgegangen zu sein.“

Das breite Grinsen im Gesicht des Lieutenants sorgte dafür, dass sich Nixons Augenbrauen verärgert zusammenzogen. „Oh, danke Harry.“, antwortete er beleidigt. „Fall Du mir ruhig in den Rücken.“

„Ich fall dir nicht in den Rücken, Nix. Ich sag’ nur was die Fakten sind.“

Diesmal war es Winters’ Humor, der heraus gekitzelt wurde, und es fiel ihm nicht leicht, sein Kichern durch zusammengepresste Lippen auf einen belustigten Laut zu reduzieren. Bei all ihren Fähigkeiten ihn von der Arbeit abzuhalten, hatten die zwei Kindsköpfe immer noch einen großen Unterhaltungswert.  

Plötzlich öffnete sich die Tür und Zielinski trat ein, in jeder Hand eine dampfende Tasse. „Ihr Kaffee, Sir.“, sagte der Adjutant förmlich, reichte eine Tasse an Nixon und die andere an Welsh.

Winters antworte für die beiden. „Besten Dank, Zielinski.“, sagte er anerkennend und sah zu, wie der kleine Mann mit den abstehenden Ohren so unscheinbar verschwand, als sei er nie dagewesen.

Harry legte seine Zigarette am Rand des Aschenbechers ab und nahm den ersten Schluck. Hmm, der Kaffee schmeckte ausgezeichnet – brühend heiß und so stark, dass ein Teelöffel ohne weiteres aufrecht darin stehenblieb. Genauso mochte er seinen Kaffee. Harry’s Blick schweifte zu Nixon und interessiert verfolgte er, wie dieser seine Tasse zunächst beiseite stellte und in die große Brusttasche seiner Uniform griff.

In dem Wissen, dass man ihn dabei beobachtete, holten Nixon ungeniert seinen Flachmann hervor und plauderte munter drauflos: „Weißt Du, Harry, eigentlich hatte ich ja daran gedacht, dir noch ein Ticket nach Reims zu besorgen. Aber so…“ – Er schüttelte mit enttäuschter Miene den Kopf – „So wird die schöne Marlene Dietrich wohl ohne dich auskommen müssen.“ Während er sprach, hatte Nixon seinen Flachmann aufgeschraubt und den Kaffee mit einem kräftigen Schuss verfeinert.

„Das macht nichts.“, erwiderte Harry, die Augen auf das matt-glänzende Gefäß gerichtet, „Solang wie Du weiter deinen Whiskey mit mir teilst.“

Überrascht sah Nixon auf und nach kurzem Zögern schenkte er bereitwillig in die ihm hingehaltene Tasse ein. Jemanden zum Trinken zu haben, war für ihn fast noch schöner als jemanden zum Necken.

Winters beäugte das Ganze mit großer Skepsis. Zwei Offiziere aus seinem Bataillon, die mitten am helllichten Tag einen Umtrunk veranstalteten? Noch dazu in seinem Büro?? Dass warf kein gutes Licht auf ihn als Bataillonskommandeur. Mit ernsten Worten brachte er sein Missfallen zum Ausdruck: „Ihr wisst schon, dass ich euch dafür verwarnen könnte.“

Seine Worte waren keine echte Frage gewesen und genau deswegen ließ Nixon es sich nicht nehmen darauf zu antworten: „Ja, wissen wir, Dick. Und wir wissen auch, dass Du das niemals tun würdest. Möchtest Du dich uns vielleicht stattdessen anschließen?“

„Nix, ich trinke immer noch nicht.“

„Ich weiß“, sagte Nixon zustimmend. „Wollte es nur noch mal bestätigt haben.“ Das Lächeln auf seinem Gesicht hätte kaum ehrlicher sein können.

Harry nahm seine Zigarette wieder auf und stellte die Kaffeetasse auf der Fensterbank ab. An Nixon gewandt fragte er: „Hast Du es ihm schon gesagt?“

Nixon grinste verstohlen.

„Mir was gesagt?“, wollte Winters wissen, der sofort erkannte, dass Lew und Harry in ihrem kurzen Blick einen vollen Dialog geführt hatten.

Provokant fragte Nixon: „Magst Du Paris?“

„Paris?“, wiederholte Winters irritiert und sah zu Lew.  

„Ja, Paris.“, echote Nixon und als sei sein Freund begriffsstutzig erklärte er: „Das ist diese große Stadt mit den Croissants, den Baguettes und so ‘nem hässlichen Stahlgerüst im Zentrum. Hast Du vielleicht schon mal auf einer Ansichtskarte gesehen.“

„Ich weiß nicht.“, gab Winters unschlüssig zurück und war sich im Unklaren darüber worauf die Frage abzielte und was das alles mit dem eingeworfenen Kommentar von Harry zu tun hatte. Schulterzuckend fügte er hinzu: „Vielleicht.“

„Ist das zu glauben?“, antwortete Nixon empört und wandte sich zu Harry. „Er weiß nicht, ob er Paris mag.“

Harry machte ein betretenes Gesicht und hob unschuldig die Hände.

„Nah wie dem auch sei.“, nahm Nixon den Faden wieder auf, „Du bekommst die Chance es rauszufinden.“ Unvermittelt stand er auf, kramte kurz ein zerknittertes Papier aus seiner Jackentasche und kam damit zu Dick an den Schreibtisch. „Hier ist dein Urlaubsschein. Colonel Sink hat beschlossen, dich für zwei Tage nach Paris zu schicken. Zivilisationsluft schnuppern.“

Entgeistert nahm Winters das Stück Papier entgegen. Es war kein Witz. Hier stand es, schwarz auf weiß und mit der Unterschrift des Colonels. Er würde die nächsten zwei Tage in Paris verbringen.

* * * * *

Das noble Hotel in dem Winters untergebracht war, lag in einer kopfsteingepflasterten Seitenstraße mitten im Zentrum von Paris. Da er niemanden hier kannte und auch sonst nicht gewusst hatte, wie er sich die Zeit hätte anders vertreiben sollen, war er den ganzen Tag in seiner Ausgehuniform durch die Stadt geschlendert und hatte getan, was man in Paris eben so tut.

Er hatte im sonnenbeschienen Straßencafé gesessen (das völlig überfüllt mit anderen Militärs gewesen war) und hatte einen Espresso getrunken (der nicht geschmeckt hatte und viel zu teuer gewesen war). Anschließend war er an der Seine spazieren gegangen. Dabei waren seine Gedanken ihm soweit entglitten, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie die Stunden vergangen waren. Der ganze Nachmittag war rumgegangen und er hatte sich entschlossen für den Rückweg die Metro zu nehmen.

Die Fahrt in dem schaukelnden Waggon mit dem Wechselspiel aus Licht und Schatten hatte einen bitteren Beigeschmack für Winters gehabt. Er hatte sich nicht wohl gefühlt. Irgendwie schienen alle Menschen zu glauben er sei in seiner Uniform etwas Besonderes. Sie hatten ihn fortwährend angestarrt; ein furchtbares Gefühl, diese neugierigen Blicke. Doch was die Fahrt zum Hotel wirklich gruselig gemacht hatte, war die Begegnung mit einem nur allzu bekannten Gesicht an diesem fremden Ort gewesen.

Ein französischer Junge, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, mit einer dunklen Baskenmütze hatte im selben Waggon ein paar Sitzreihen hinter ihm gesessen. Immer wieder hatte Winters über die Schulter zu dem Jungen gesehen und immer wieder hatte der Junge zurückgelächelt. Dieses Lächeln…

Winters war es eiskalt über den Rücken gelaufen als er statt dem Jungen mit der Baskenmütze wieder den deutschen Soldaten mit Helm vor sich gesehen hatte. Die Erinnerung an das Gefecht auf der Straßenkreuzung nahe dem Deich ließ ihn einfach nicht los. Und diesmal hatten ihn die Bilder so fest umklammert und an den Sitz getackert, dass er, ohne es beabsichtigt zu haben, bis zur Endstation mit der Metro weitergefahren war.

Erst als der Junge ihn auf Französisch angesprochen und nach draußen gewunken hatte, war Winters wieder zur Besinnung gekommen. Gemeinsam waren sie die Treppen aus der Metrostation hoch gestiegen, die gleich hinter ihnen dicht gemacht worden war. Mit einem salutierenden Gruß hatte der Junge sich freudestrahlend von ihm verabschiedet und war seines Weges gegangen. Winters hatte den seinen in Richtung Hotel eingeschlagen; letzten Endes doch wieder zu Fuß.

* * * * *

Die Wasseroberfläche war so klar, dass Winters sich darin spiegeln konnte.

Langsam glitt er mit der Hand in das heiße Badewasser und schöpfte etwas von der klaren Flüssigkeit heraus. Die Temperatur war genau richtig. Zufrieden ließ er das Wasser aus seiner Hand zurück in die Wanne plätschern. Dann setzte er den ersten Fuß über den Rand.

Als er mit seinem verspannten Körper in das heiße Nass eintauchte, war es wie das ersehnte Loslassen und die erhoffte Umarmung zugleich. Das Wasser umschmeichelte seine Haut, drang mit seiner Wärme tief in seine Muskeln und nahm jedes Quäntchen Schmerz und Unwohlsein von ihm. Mit geschlossenen Augen lehnte Winters seinen Hinterkopf an den Wannenrand und atmete entspannt aus. So konnte er diesem Urlaub etwas abgewinnen. Keine aufgedrehten Leute, kein hektisches Treiben, kein wilder Straßenlärm und vor allem keine neugierigen Blicke. Einfach nur ein gottverdammtes Bad!

Das war für Winters echter Luxus; etwas von dem jeder Soldat an der Front nur träumen konnte. Es galt schon als Besonderheit, wenn es mal die Gelegenheit zu Duschen gab. Was dann allerdings auch mehr einer öffentlichen Massenabfertigung in einem behelfsmäßig aufgestellten Zelt entsprach. Mit Privatsphäre hatte das nichts zu tun. Insofern war ein Bad – eine ganze Wanne voll mit heißem, klarem Wasser – etwas, dass den Offizieren auf ihrem kurzweiligen Fronturlaub vorbehalten war. Wobei Winters es ausnahmslos jedem seiner Männer gegönnt hätte, jetzt an seiner Stelle zu sein.

Er öffnete die Augen und seufzte nach einem Moment; seinen Arm zu beiden Seiten auf dem Rand der Wanne abgelegt. Ja… die anderen hätten es ebenso verdient in diesen Genuss zu kommen. Aber wie hieß es doch so schön: Ränge haben ihre Privilegien. Für Gleichberechtigung war da kein Platz, wenngleich Winters sich und erst recht Nixon, sowie ein paar andere, zu denjenigen zählte, die die Lücken und Schlupflöcher des Protokolls kannten und stets versucht waren ihre Männer fair zu behandeln. Aber auf seinen letzten Abend in Paris hochgerechnet, wog dieses Argument nur noch halb so viel. In nicht mal 24 Stunden würden seine Männer ihn wieder haben – oder er sie?

Winters hatte sich noch nie so recht Gedanken darüber gemacht, wer hier eigentlich wen brauchte, da es für ihn immer eine Beziehung des gegenseitigen Nehmens und Gebens gewesen war. Wieder so eine Sache, in der er sich von anderen Offizieren unterschied. Nicht nur, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, ein Bad zu nehmen, das seinen Männern vergönnt blieb, nein, er legte auch Wert darauf ihnen sprichwörtlich auf Augenhöhe zu begegnen und sie respektvoll zu behandeln.

Es war genau das, was Lewis ihm an dem Abend auf der Brunnenmauer versuchte hatte einzutrichtern. Die Männer brauchten einen Anführer, dem sie in die Augen schauen konnten, dem sie folgten, weil sie ihm vertrauten und der sich ihre Anerkennung durch gute Führung erarbeitete hatte, statt auf Befehl und sturem Gehorsam zu pochen. Was der gute Lew in seiner Ausführung allerdings nicht berücksichtigt hatte, war, dass auch ein Kommandeur in gewisser Weise seine Männer brauchte. Er war angewiesen auf ihren Kampfgeist, ihren lückenlosen Zusammenhalt und auf ihre bedingungslose Bereitschaft Befehle anzunehmen und auszuführen. Jetzt wo er sich näher damit auseinandersetzte, wurde es Winters erst wirklich bewusst: Er vermisste seine Männer! Und mit ihnen, ihre treue Gefolgschaft, ihren unverwüstlichen Mut und ihr helles Lachen, wenn es wieder mal einen Moment der Gelassenheit gab.

Er nahm die Arme vom Wannenrand und rutschte mit dem Gesäß nach vorne bis auch seine Schultern ins Wasser eintauchten. So warm umschlossen, fühlte er sich sicher genug um loszulassen und sich um nichts weiter zu kümmern, als darum, dass seltene und schöne Gefühl zu genießen, sich in seiner Haut wohl zu fühlen. Obwohl das letzte Mal, dass er eine solch tiefe Zufriedenheit mit sich selbst erlebt hatte noch gar nicht lange zurücklag. Es war vor wenigen Wochen gewesen, als er Lew zur Regimentsbesprechung hatte abholen wollen und von diesem ausgetrickst und in eine Kissenschlacht verwickelt worden war. Wobei genau genommen hatte er damit angefangen. Schließlich hatte er das erste Kissen geworfen.

Bei der Erinnerung dran musste Winters unwillkürlich schmunzeln. Es hatte so viel Spaß gemacht rumzualbern und kindisch zu sein. Und genauso schön war dieser ruhige Moment zwischen ihnen gewesen, wo er die Federn von Lews aufgeplatztem Kissen aus seinem Haaren gezupft hatte. Auch das war ein Augenblick größten Wohlbefindens für Winters gewesen. Die Anwesenheit von Lew hatte schon immer diese magische Wirkung auf ihn gehabt. Er gab ihm Zuversicht, wenn er sich unsicher fühlte, er machte ihm Mut, wenn er an sich zweifelte und er opferte sich als Kummerkasten, wenn ihm das Herz so schwer wurde, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Was Winters allerdings an jenem Morgen gelernt hatte, war, dass es da noch etwas gab, das ihn positiv beeinflusste – außer die pure Anwesenheit von Lew. Es war seine Nähe, seine körperliche Nähe! Lews Körper an seinem eigenen zu spüren, neben ihm im Bett zu liegen, ihn atmen zu hören und sein tiefes Vertrauen zu erleben, das war… Winters fielen keine Worte ein, die diesen Zustand auch nur annähernd treffend umschrieben. Dass mit Lew, das war einfach anders. Anders als jede Freundschaft oder Beziehung, die er bis jetzt gehabt hat – was nicht gerade viele waren. Er war weder der Typ, der gerne Frauen ausführte, noch derjenige, der sich bei jeder Gelegenheit neue Freunde suchte.

Das Badewasser war inzwischen abgekühlt und da seine Finger bereits schrumpelig wurden, entschied Winters sich dagegen heißes Wasser nachlaufen zu lassen. Mit dem Ziel schnell wieder Wärme auf seiner Haut zu spüren, stieg er aus der Wanne. Das restliche Wasser perlte seinen Körper hinab und tropfte auf die Fußmatte, während er nach dem bereitgelegten Handtuch griff und sich rasch damit über die Haare rubbelte und abtrocknete. Anschließend nahm der den Bademantel vom Haken und hüllte sich darin ein. Der weiche Frotteestoff gab ihm sofort ein behagliches Gefühl und nachdem er den Stöpsel aus der Wanne gezogen hatte, durchquerte er die geräumige Suite zum angrenzenden Schlafbereich.

Lewis war wirklich nicht kleinlich gewesen, was seinen Aufenthalt in Paris anbelangte, dass musste Winters zugeben. Für ihn stand völlig außer Frage, dass sein Freund seine Finger da mit im Spiel gehabt hatte. Sogar einen Roomservices gab es hier! Die Frau an der Rezeption hatte ihm doch tatsächlich angeboten, ihm das Essen aufs Zimmer zu bringen, als er sich spät abends erkundigt hatte, ob die Küche noch geöffnet war.

Das Tablett auf dem die Speisen serviert worden waren, stand noch immer auf dem kleinen Schränkchen im Flur, wo der Kellner es abgestellt hatte. Winters hatte sein benutztes Geschirr brav wieder zurückgeräumt und die Pasta mit Pfifferlingen hatte vorzüglich geschmeckt, ebenso wie die süße Crème Brûlée. Er hatte sich bloß ein Mineralwasser dazu bestellt, aber der Kellner war auch mit einer Flasche hochprozentigem gekommen.

Auf Winters’ Nachfragen hin, hatte es geheißen: Auf Empfehlung eines guten Freundes. Es hatte ihm ein Schmunzeln entlockt und mit einem wissenden Nicken und einem anständigen Trinkgeld hatte er den Kellner entlassen. Die Flasche hingegen hatte er nicht angerührt. Sie einfach nur anzusehen, hatte ihm gereicht, um das Gefühl zu bekommen, dass Lew bei ihm war und an ihn dachte.

Mit einer angenehmen Schläfrigkeit ließ sich Winters schlaff und sorglos auf das Bett plumpsen. Gefangen auf dieser himmlisch weichen Matratze und zwischen den vielen frisch dufteten Kissen, kam es ihm unmöglich vor, sich noch einmal aufzuraffen, um sich zum Schlafen etwas Vernünftiges anzuziehen. Er würde einfach hier liegen bleiben bis er eingeschlafen war, eingehüllt in seinen flauschigen Bademantel und mit den Gedanken bei Lew.


AN:
Nur zu gerne hätte ich euch Winters beim Baden gezeigt, aber leider gab’s dazu kein Video. Stattdessen habe ich die Zugfahrt von Winters mit seinen Flashbacks gefunden. (Achtung: Video enthält Ausschnitte von Kriegsszenen.)
Video: Captain Winters’ Memories (2:26 min)
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