Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
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Dieses Kapitel
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05.10.2017 3.906
 
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Länge:  3.810 Wörter
Canon: Inspiriert durch Part 5 „Crossroads“, Minute 04:04
(Winters weckt Nixon indem er ihm unwissentlich einen Krug mit Pisse ins Gesicht schüttet.)
Timelin: 01. November 1944, Driel, Holland


Ein bisschen Spaß muss sein.

Manchmal kam er sich tatsächlich wie die Mutter von Nixon vor.

Es war Winters vollkommen unbegreiflich, wie dieser erwachsene Mann mit seinen 26 Jahren auf einen Babysitter angewiesen sein konnte. Wobei ihm noch unbegreiflicher war, warum ausgerechnet er diese Aufgabe immer wieder freiwillig übernahm.

Wenn er ihn dann fand, oft schnarchend, halbnackt und beim Ausnüchtern seines letzten Vollrauches, dann fiel es ihm wieder ein. Wenn er sich nicht darum kümmerte, dass Nixon aus den Federn kam, dann tat es keiner. Und dass Lewis wegen wiederkehrender Verspätungen gerügt wurde, hatte diese Seele von Mensch einfach nicht verdient.

Bei allem was Winters tat, war stets Nixon, der Mann, der dafür sorgte, dass er aus den hinteren Linien alle verfügbare Unterstützung erhielt. Er konnte sich hundertprozentig auf diese Rückendeckung verlassen und weil eine Hand bekanntlich die andere wusch, war es für ihn selbstverständlich diesen Gefallen zu erwidern. Wobei, eigentlich war es noch viel mehr als das…

Winters musste an diesem Morgen nicht lange suchen, um Nixon zu finden. Der berechenbare Trunkenbold hatte sich wie üblich dorthin zurückgezogen, wo es die meisten Flaschen gab und ihn niemand beim Leeren der selbigen behelligte.

Das gesamte Regiment war aus der Gegend um Schoonderlogt abgerückt und befand sich nun einige Kilometer weiter in Driel. Eigentlich hatte Winters Besseres zu tun als seinen Freund zum x-ten Mal persönlich zur Regimentsbesprechung abzuholen. Er musste sich Gedanken um den nächsten Kompaniechef der Easy machen. Nachdem Sink ihm das zweite Bataillon übertragen hatte und er seine Position als Kompaniechef hatte abgeben müssen, war Moose Heyliger als kommandierender Offizier der Easy nachgerückt. Doch auch das war inzwischen Schnee von gestern, wie man so schön sagte.

Es war erst eine Nacht her, dass Winters auch diesen durchaus fähigen Offizier eingebüßt hatte. Ausgerechnet einer der eigenen, übereifrigen Wachposten hatte auf Heyliger und ihn geschossen als sie spät abends am Bahndamm spazieren gegangen waren und sich unterhalten hatten. Mit einer schweren Schussverletzung war Heyliger abtransportiert worden. Und bis jetzt war noch keine Nachricht über seinen Gesundheitszustand eingetroffen.

Winters hatte noch gar nicht richtig verarbeitet, dass es genauso gut mit einem Schuss in die Brust oder in den Kopf hätte enden können und dass es genauso gut ihn hätte erwischen können. Wie Nixon das wohl aufgenommen hätte? Er, angeschossen von einem der eigenen Leute? Sicherlich hätte er sich einen seitenlangen Vortrag von Nixon über den Gebrauch von Schusswaffen und das nächtliche Umherschleichen in der eigenen Stellung anhören müssen. Der Gedanke daran erinnerte Winters wieder an seine ursprüngliche Mission.

Er erreichte das kleine Häuschen, das etwas weiter weg von der großen Scheune lag, wo ein Großteil der Easy untergebracht war und das der Nachrichtenoffizier laut Aussage der anderen Männer zu seinem feuchtfröhlichen Refugium erklärt hatte.

Genaugenomen war klein noch eine recht große Bezeichnung für das Haus. Es war nicht klein, es war weniger als winzig und außer einer Küche, einem raumgreifenden Ofen und einer leergefegten Speisekammer fand Winters im unteren Stock nichts vor.

Er stellte sich in den Eingangsbereich, zwischen der Küche und der schiefen Holztreppe, die nach oben führte. Mit deutlich angehobener Stimmer rief er: „LEW?“

Er wartete einen Moment. Horchte. Doch nichts rührte sich. Nicht mal ein leises Schnarchen war zu vernehmen. Wäre ja auch zu schön gewesen, einen morgenmuffeligen, verkaterten Trinker mit nur einem einzigen Weckruf aus dem Bett zu bekommen und ihm dabei zuzuschauen, wie er frisch gebürstet und gestriegelt seinen Dienst antrat. Winters seufzte ein wenig enttäuscht und  griff nach dem Geländer, um die knapp schulterbreite Treppe zu erklimmen.

* * * * *

Nixon hatte das Rufen im Erdgeschoss gehört und sich mit einem breiten Grinsen tiefer in sein Kissen und unter die Decke gewühlt. Auf seinen Freund war eben Verlass! Er hatte fest darauf spekuliert, dass Dick kommen und ihn holen würde, wenn er nicht von sich aus rechtzeitig am Treffpunkt erschien, um mit ihm zur morgendlichen Besprechung des Regimentsstabes zu fahren.

Und das es nicht Winters war, der ihn hier aufsuchte, war mehr als unwahrscheinlich. Keiner der anderen Offiziere traute es sich zu einen schlafenden Lewis Nixon zu wecken. Was das anging, arbeitete er mindestens so hart an seinem Ruf, wie der verruchte Ronald Speirs aus der Dog-Kompanie.

Nixon war zu fast allen Schandtaten bereit, sobald er seinen morgendlichen, schwarzen Kaffee und die entsprechende Menge Whiskey intus hatte. Ein guter Motor wollte schließlich anständig geschmiert und entsprechend betankt werden. Und sein Motor lief nun mal mit Koffein und Alkohol.

Wer dieses Morgenritual unterbrach oder es ihm gänzlich verweigerte, der lief Gefahr äußerst rau und übellaunig angefahren zu werden. Nur bei vorgesetzten Offizieren riss Nixon sich zusammen und verzichtete wenn es nötig war, auch auf seinen Frühstückskaffee mit Schuss.  

Und Winters? An dessen makelloser Haut prellte jedes noch so böse Wort wie ein Regentropfen an einer Fensterscheibe ab. Selbst wenn Nixon sich auf den Kopf stellte, Dick brachte es immer wieder fertig ihn aufzuscheuchen und in einen vorzeigbaren Zustand zu zwingen. All sein Nörgeln und Mosern half da nichts, sein beharrlicher Freund setzte sich wie ein Kindermädchen konsequent durch.

Nur letztens, vor ein paar Wochen in Schoonderlogt, da war der gute Bataillonskommandeur zu weit gegangen. Nixon hatte sich nicht gut gefühlt und hatte partout nicht aufstehen wollen und dem brillanten Winters war doch tatsächlich nichts Besseres eingefallen, als ihm einen Glaskrug mit einer blass gelben Flüssigkeit übers Gesicht zu schütten! Als Morgengruß mit seiner eigenen kalten Pisse übergossen werden? Diese Rechnung würde Nixon heute begleichen.

Erneut grinsend, schmiegt er sich in sein weiches Kissen, schloss die Augen, brachte seine Gesichtszüge unter Kontrolle und stellte sich schlafend.

* * * * *

Oben angekommen, betrat Winters ohne anzuklopfen die ebenso winzige Dachkammer. Der Raum bot kaum Platz sich einmal darin umzudrehen und war nur im Zentrum so hoch, dass man gefahrlos stehen konnte ohne sich den Kopf zu stoßen.

Was Winters in dem zerwühlten Bett vorfand, bot einen ernüchternden Anblick. Zwei nackte, stark behaarte Beine hielten die Daunendecke – Gott weiß wo Lew mitten im Krieg eine Daunendecke aufgetrieben hatte – fest umklammert, die Arme waren in grotesker Haltung über dem Kopf zusammengeschlagen und das Gesicht war fest ins Kissen gepresst. Außer einer dunkelgrünen Unterhose und seinem weißen Unterhemd trug das schlafende, auf dem Bauch liegenden Wesen mit den verwuschelten schwarzen Haaren nichts.

Winters’ argwöhnische Miene entspannte sich nach einigen Sekunden und er versuchte den zwei leeren Whiskeyflaschen, die vor der Bettkante auf dem Boden standen nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Sie waren erst seit kurzem hier, aber für Nixon hatte die Zeit offenbar schon ausgereicht dem Alkohol kräftig zuzusprechen.

Entschlossen etwas Bewegung in das Ganze zu bringen, trat Winters näher. Er räusperte sich einmal – eine anerzogene Geste der Höflichkeit, die spontan auszulassen ihm schwer fiel – dann sprach er Lewis an: „Nix, aufstehen. Wir sind spät dran.“

Keine Reaktion.

Nochmal versuchte Winters es, diesmal lauter: „Hey, Nix!“ Er berührte Nixon am Oberschenkel und schubste ihn kräftig an. Ohne ein Fünkchen Körperspannung wabbelte der schlaffe Körper unter seiner Hand. Winters unterdrückte ein genervtes Stöhnen und richtete sich wieder auf. „Komm schon Nixon, ich hab’ keine Lust auf deine Spielchen. Deine Darbietung von Dornröschen kannst Du mir wann anders zeigen.“

Nichts rührte sich und für einen Moment verharrte Winters’ Blick prüfend auf seinem Freund. Kein Schnarchen war zu hören, keine Atembewegung zu erkennen, nicht mal ein Zucken in den Fingern oder Zehen konnte er ausmachen. Lewis lag still, zu still. Eine große Unsicherheit stieg mit einem Mal in Winters auf und was eben noch eine Aufforderung gewesen war, kam jetzt als vorsichtige Frage.

„Lew?“

Keine Antwort.

„Lew, bist Du wach?“

Sekunden vergingen. Es kam keine Antwort.

Das reichte aus um Winters in Alarmbereitschaft zu versetzen. Lewis hatte sich schon des Öfteren selbst ausgeknockt, aber der bloße Gedanken, dass er es bis zum Äußersten, bis zum letzten Tropfen getrieben hatte, ließ Winters’ Herz für den Bruchteil einer Sekunde stehenbleiben. Mit einem Satz stürzte er aufs Bett, beugte sich hastig über seinen Freund und packte ihn an den Schulten.

Genau in diesem Augenblicke erwachte Nixon wie aus dem Nichts zum Leben. Blitzartig schnellte er mit einem wilden Schrei hoch, schlag seine Arme fest um Dicks Oberkörper und riss ihn zu sich auf die weiche Matratze.

Winters wusste nicht wie ihm geschah. Sein Körper versteifte sich so abrupt unter der unerwarteten Attacke, dass jede Art von Gegenwehr unmöglich wurde. Er schlug mit dem Rücken auf das federnde Bett und erst das schadenfrohe Gelächter von Lew, der glucksend auf ihm lag, trug etwas dazu bei, den Schock und die Anspannung in seinem Körper abzubauen.

„Oh, Mann. Dick!“, japste Nixon zwischen zwei Atemzügen, „Hast Du wirklich geglaubt ich wäre…“ Er beendete den Satz nicht, da seine Luft dafür nicht ausreichte. Stattdessen vergrub er sein Gesicht, weiter giggelnd an Dicks Schulter.

„Ja! Genau das dachte ich!“, gab Winters mit fester Stimme zurück, nachdem er sein Sprachvermögen wiedergewonnen hatte. Seinem Tonfall hatte etwas durchaus Ernstes angehaftet, das er für nicht zu überhören hielt. Nixon hingegen schien sich nicht im Geringsten dafür zu interessieren. Das Gefühl bloßgestellt worden zu sein, stieg in Winters auf und verärgert fuhr er Lew an: „Geh’ runter mir. Na los!“

Seine letzte Schadenfreude runterschluckend beugte Nixon sich dem ununterbrochenen Rempeln und Stoßen gegen seine Schulter und wälzte sich von Dick herunter. Dicht nebeneinander lagen die beiden Männer rücklings in dem schmalen Bett – Nixon mit einem Grinsen im Gesicht, das breiter nicht hätte sein können. Und Winters mit einer Miene, die niemals steifer hätte sein können.

Als Nixon einen Blick zur Seite warf, fiel ihm auf, dass Dick noch immer nicht zu lachen begonnen hatte. Enttäuscht meinte er: „Hey, das war ein Scherz.“ Aufmunternd stupste er Dick an.

Winters fühlte den Stoß gegen seinen Oberarm und gab ein Grummeln von sich. In manchen Dingen hatte Lewis wirklich einen fragwürdigen Humor. Weiterhin angesäuert darüber, dass er aus Sorge für einen Moment beinah aufgehört hatte zu atmen, kommentierte er: „Es war aber nicht witzig. Oder siehst Du mich etwa lachen?“

Vollkommen schamlos und ohne rot zu werden antwortete Nixon: „Ja.“

„Du…“, brachte Winters drohend hervor und konnte nichts dagegen tun, dass sich seine Mundwinkel hoben, „Deine Unverfrorenheit möchte ich haben.“

Nixon fing wieder an zu lachen. Er hielt sich den Bauch und keuchte atemlos: „Nein, Dick. Glaub mir, dass würde dir nicht stehen.“

Das war selbst für den disziplinierten Captain zu viel. Das herzhafte Lachen von Lew war so ansteckend, dass Winters sich der komischen Situation unmöglich entziehen konnte. Auf eine Revanche spekulierend, entgegnete er: „Wer weiß, vielleicht doch.“ Und ohne Vorwarnung warf er das erste Kissen.

Nixons Gelächter wurde augenblicklich erstickt. Ein Richard Winters, der mit Kissen warf? Was für eine Unverfrorenheit! Das sah diesem Mann so gar nicht ähnlich und so war es auch nicht verwunderlich, dass die weiße Hülle mit ihrer weichen Füllung Nixon unvorbereitet und mit voller Wucht im Gesicht traf. Er brauchte einen Moment sich zu sortieren und noch einen zweiten, um zu realisieren, dass es jetzt Dick war der lachte. Sofort packte Nixon das zweite Kissen und schleuderte es seinem Freund entgegen.

Binnen von Sekunden entbrannte eine wilde Kissenschlacht zwischen den beiden, die nur von ihrem heiterem Lachen übertönt wurde. Dass das Bett viel zu schmal und sie viel zu alt für so einen Kinderkram waren, interessierte sie nicht mehr – genauso wenig, wie die anstehende Stabsbesprechung im Hauptquartier.

Immer wieder schlugen sich die beiden Männer die Kissen um die Ohren, rangelten miteinander und versuchten sich gegenseitig aus dem Bett zu schubsen. Ihr lautes Grölen und Kabbeln fand allerdings ein jähes Ende als die Naht an Nixons Kissen platzte und unzählige Federn und Daunen auf sie hinab regneten.

Augenblicklich hielt Nixon inne und ließ seine Arme überrascht sinken. Winters nutze die Gelegenheit und holte zum finalen Schlag aus. Die Wucht reicht aus um sie beide auf die Matratze zu schleudern. Die Kissenschlacht war vorbei. Lautlos rieselten die letzten Spuren davon durch die Luft und verteilten sich auf dem Bett, dem Fußboden und den zwei erschöpften Kämpfern.

Nun war es Winters, der bäuchlings auf Nixon lag, das zerknautschte Kissen zwischen ihnen. Sein Atem ging schnell und zu seiner eigenen Verwunderung fand er diesen Moment, diesen unbeabsichtigt engen Kontakt nicht unangenehm. Er konnte Lew mit derselben Frequenz unter sich atmen hören, spürte selbst durch das weiche Kissen, wie sich seine Brust auf und ab bewegte und war ihm sogar so nah, dass er den abgestandenen Alkohol in seiner Atemluft erschnuppern konnte. Winters wurde erst komisch zu Mute als sich unerwartet eine Hand auf seinen Rücken legte.

Nixon war fest davon überzeugt, dass Dick immer und in allen Dingen zu ihm stehen würde. Genauso wie er davon überzeugt war, dass Dick nicht der Mensch für Berührungen war. Er hatte ihn einmal zusammen mit einer Frau beim Essen in einem Restaurant erlebt. Er war höflich und zuvorkommend gewesen, hatte der durchaus attraktiven Dame die Tür aufgehalten, ihr den Mantel abgenommen und den Stuhl zurecht gerückt. Aber er hatte durchgehend Distanz gehalten, sowohl mit seinen Worten, als auch mit seinem Körper. Nein, Richard Winters war keiner dieser Menschen, die es möchten ungefragt umarmt oder auf die Schulter geklopft zu werden. Also widersprach Nixon seinem Freund nicht, als dieser von ihm zurückwich und sich zur Seite rollte. Und dennoch… Er blieb liegen.

Es verwunderte Nixon zuerst, dass Dick zwar den Kontakt unterbrach, nicht jedoch aus der Situation flüchtete. Nicht dass das sonst seine Angewohnheit war, aber diesmal fiel es Nixon bewusst auf, dass sein Freund blieb. Und er war überaus dankbar dafür.  Sein schneller Atem hatte sich in der Zwischenzeit gelegt und seine Hände bewusst auf seinem Bauch und bei sich behaltend, heftete Nixon seinen Blick an einen der Holzbalken in der Decke.

Winters konnte spüren wie es still zwischen ihnen wurde. Dabei war es nicht ihr flacher werdender Atmen, der diese Situation leise werden ließ und ihr etwas Besonders gab. Es war diese schwer zu beschreibende Spannung, die zwischen ihnen lag, diese unausgesprochenen Worte, über das Geben und Nehmen von Körperkontakt, von Berührungen.

Dabei ging es nicht um jene Art von Zusammenstößen, wie sie sich im dichten Gedränge beim Aufsitzen auf die Trucks und Jeeps ergaben oder in der Schlage an der Essensausgabe. Es ging um diese bewussten, zugeneigten Berührungen. Seit Winters sich erinnern konnte, vermieden er und Lew eine Aussprach darüber; warum das immer wieder passierte und was das eigentlich zu bedeuten hatte.

Nixons Kopf dreht sich im gleichen Augenblick zur Seite, wo es auch der von Winters tat. Schweigend starrten sich die zwei Männer für Sekunden in die Augen.

Es bedurfte keines einzigen Wortes sich klarzumachen, dass sie dasselbe dachten. Das hier war mehr als nur ein dummer Jungenstreich. Sicher, es hatte Spaß gemacht sich spielerisch zu streiten, hatte ihnen gut getan mal wieder unbeschwert zu lachen und den Krieg außerhalb dieser winzigen Dachkammer für ein paar Minuten auszublenden. Aber da war noch etwas anderes...

Peinlich berührt, wandten sie sich von einander ab und blieben doch wo sie waren – Seite an Seite auf dem schmalen Bett.

Wieso eigentlich nicht? Auf diese Frage gab es gewiss mehr als einhundert sinnvolle Antworten. Aber ausgerechnet jetzt wollte Winters keine einzige davon einfallen. Er mochte Lew. Er mochte Lew wirklich. Nicht bloß weil er ein guter Offizier war oder weil er eine aufgeweckte, humorvolle Art hatte oder er bereit war Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um der Easy-Kompanie und dem gesamten Bataillon den Rücken freizuhalten. Er mochte Lew, weil… weil…

Winters schielte zur Seite. Sein Freund sah in gewisser Hinsicht schlimmer aus als er ihn vorgefunden hatte; die Haare noch wilder zerzaust und mit einem Dutzend weißer Federn und Daunen aus dem aufgeplatzten Kissen gespickt. Als er sah, dass Lew seinen flüchtigen Blick nicht wahrnahm, drehte er sich ganz zu ihm um. Noch bevor Lew die Chance hatte zu reagieren, sagte Winters weich und mit einer Prise Spott in der Stimme: „So kannst Du deinen Dienst aber nicht antreten.“

Irritiert über diesen ungewohnten Klang mit seinem neckischen Unterton, wandte Nixon sich zu Dick. Er stützte den Ellenbogen auf, legte das Kinn in die Handfläche und fragte leicht patzig: „Und wieso nicht?“

Winters schmunzelte und Nixon spürte, dass sich in diesem Moment etwas zwischen ihnen verschob. Was immer er gleich als Antwort hören würde, würde keine typische Captain-Winters-nimmt-immer-alles-todernst-Antwort sein.

Einen kurzen Moment ließ Winters seinen Freund noch zappeln und genoss die Spur Unsicherheit in seinem Gesicht. Dann sagte er im gleichen verspielten Ton: „Du siehst aus wie Frau Holle.“

Augenblicklich kam ein amüsiertes Schnauben von Nixon. Ironisch kommentierte er: „Und ich dachte schon es gäbe ein ernstes Problem.“ Mit einem ehrlichen Lächeln ließ er sich wieder entspannt auf die weiche Matratze sinken und genoss den sorglosen Moment.

Auch Winters musste lächeln und spürte wie er sich zunehmend unbeschwerter fühlte. Er war erleichtert, die unangenehme Situation mit einer scherzhaften Bemerkung gelockert zu haben. Doch was er als nächstes tat, kam ihn fast etwas zu unbeschwert vor. Selbst wenn er zugeben musste, dass es nicht mehr ganz seiner Kontrolle unterstand.

Der Anblick von Lew mit dem gefiederten Kopfschmuck und seinem friedlich Gesicht, das sich so ungezwungen in das weiße Bettlaken schmiegte, hatte eine Anziehung auf ihn, die er sich nicht erklären konnte. Ohne darüber nachzudenken was er damit eigentlich beabsichtigte, streckte Winters die Hand nach Lews verwuschelten Haaren aus.

Mit Staunen verfolgte Nixon, wie Dicks Hand auf ihn zu kam. Er hatte nicht den blassesten Schimmer was sein Freund vorhatte, aber er hatte Vertrauen. Also blieb er ruhig und wartete ab.

Winters war von sich selbst überrascht, als er feststellte, dass seine Fingerspitzen nach einer der weichen Daunen griffen und sie achtsam aus dem rabenschwarzen Haar zogen.

Nixon begriff sofort und schloss selig die Augen, bereit ein wenig kostbare Fürsorge zu genießen. Er hatte es einfach gerne, die Hände von Dick auf seiner Haut zu spüren, wenngleich sie nur äußerst selten dort landeten. Auch jetzt berührten sie nicht seine Haut. Aber das Gefühl wie Dick ihm eine Daune nach der anderen aus dem Haar zupfte, war überaus angenehm.

Als hätte er nie etwas anderes getan, ging Winters seiner Arbeit nach und entfernte die weiße Dekoration. Dabei war unübersehbar, dass Lew diese Liebkosung, die doch eigentlich gar keine sein sollte, in vollen Zügen genoss. Aber ging es ihm jetzt um die Art der Berührung? Oder war das Ganze etwa an eine Person geknüpft?

Winters wusste, dass sich jeder der Männer dann und wann nach so etwas sehnte – einer einfühlsamen Berührung, die der Seele Erleichterung verschaffte und den gestressten Körper entspannte. Er selbst machte da keine Ausnahme. Aber irgendwie bekam er es immer wieder hin, diesen Wunsch aufzuschieben oder sich derart tief in seine Arbeit einzugraben, dass er das Bedürfnis kurzzeitig nicht mehr zu spüren glaubte.

Lew war da ganz anders. Und Winters bewunderte ihn dafür. Wie konnte ein Mann so offen mit seinen Gefühlen umgehen und gleichzeitig so stark sein und sich in den täglichen Reibereien mit den anderen Stabsoffizieren behaupten? – Winters glaubte die Antwort zu kennen. Sie versteckte sich in der kleinen, silbernen Flasche, die Lew ständig mit sich rumtrug.

Nixon war ergriffen von der Verbundenheit und Reinheit des Augenblicks. Nie zuvor hatte er Dick so zärtlich erlebt. Wenngleich er immer darauf spekuliert hatte, dass es so eine Seite an seinem Freund gab. Die nahezu unverwüstliche, tapfere Fassade von Dick sah er jeden Tag und es beeindruckte ihn immer wieder, mit wie viel Würde und Überzeugungskraft er seine Rolle als Vorbild und Anführer der Männer ausfüllte. Aber Nixon wusste, es gab da auch noch eine andere Seite. Eine Seite an Dick, die zerbrechlich und verletzlich war – so wie er, ohne seinen flüssigen Schutzpanzer.

Von der Leichtigkeit dieser unerwarteten Begegnung getragen, ließ sich Winters zum Spielen verleiten. Er zog die letzte weiche Daune aus Lews zerzausten Haaren, strich damit langsam über seine Stirn, weiter das Nasenbein hinab und malträtierte schließlich genüsslich die Nasenspitze. Er mochte es zu sehen, wie sich Lews Gesicht dabei missgelaunt verzog und in Falten legte.

Mit einem widerwilligen Laut rümpfte Nixon seine Nase und schlug die Augen auf. Er traf auf einen Blick, wie er ihn noch nie in Dicks Augen gesehen hatte – aufgeschlossen, verspielt und von ehrlicher Zuneigung erfüllt. Dennoch war er nicht begeister von dem kitzeligen Spiel und pustete die Daune entschieden aus Dicks Hand.

Der unverkennbare Geruch von getrunkenem Whiskey wehte Winters entgegen und er dreht sich für einen kurzen Moment weg. Wie konnte Lew nur jeden Tag dieses Zeug trinken? Die Frage in seinen Gedanken überspielend sagte er scherzhaft: „Gefällt dir diese Art geweckt zu werden nicht?“

„Nun ja“, gab Nixon zurück und machte es sich noch einmal – ungeachtet der Missgunst über seine Fahne – auf dem Bett bequem, „ist zumindest besser als mit einem Krug kalter Pisse übergossen zu werden.“

„Das können wir gerne noch nachholen.“, bot Winters ohne zu zögern an. „Wo steht er denn diesmal?“

„Ha!“, stieß Nixon triumphierend hervor. „Es gibt gar keinen Krug. Ich habe gestern Nacht vorsorglich aus dem Fenster geschifft.“

„Oh, sehr erwachsen.“, lobte Winters sarkastisch, in dem Wissen, dass Lew vermutlich die Wahrheit gesagt hatte.

„Sag mal“, begann Nixon und dreht sich zu seinem Freund um, „wollten wir nicht zur Regimentsbesprechung?“

„Die Regimentsbesprechung!“ Mit einem Satz saß Winters aufrecht im Bett. Oh Gott, das hatte er total vergessen. Wie hatte ihm das bloß passieren können? Unverzüglich kletterte er über Lew hinweg, stellte sich hin und fing eilig an seine Kleidung abzuklopfen und glatt zu streichen. Auch er war von der weißen Pracht aus dem aufgeplatzten Kissen nicht ganz verschont geblieben. Gereizt meinte er: „Hättest Du nicht mal vorher was sagen können?“

„Ging nicht.“, antwortete Nixon, der jetzt auch auf hurtig geschaltet hatte und sich hastig das übergezogene Hemd zuknöpfte, während er gleichzeitig nach seiner Hose Ausschau hielt. „Mich hat jemand mit einer Gänsedaune gefoltert!“

„Oh ja, sehr witzig.“, gab Winters bissig zurück und fuhr sich mit den Händen über seine Frisur, die ebenfalls unter ihrem Gerangel gelitten hatte.

Nixon hatte seine Hose gefunden, sie im Sitzen bis über die Knie hochgezogen und dann nach seinen Socken und den Stiefeln gegriffen, die er sich nun in Windeseile zuschnürte. Beiläufig verteidigte er sich: „Und davor hat mich derselbe jemand in eine Kissenschlacht verwickelt.“

„Ich verstehe schon.“, sagte Winters in säuerlichem Ton und sah wie Lew halb angezogen von der Bettkante aufsprang. „Alles meine Schuld.“

„Ja, genau.“, gab Nixon bestätigend zurück, stopfte das Hemd in den Hosenbund, schloss Knopf und Reißverschluss und griff nach der Gürtelschnalle. Ein freches Grinsen im Gesicht ergänzte er: „Dass wir heute Morgen Spaß zusammen hatten, ist allein deine Schuld.“  

„Lewis Nixon!“ Winters war kurz vorm Platzen.

„Was denn?“, fragte Nixon locker und fing sich einen bösen Blick ein.

Seine Freude über den Morgen war selbst auf dem Weg nach unten noch ungebrochen. Er machte sich auf der schmalen Holztreppe absichtlich breit und ging übertrieben langsam die Stufen hinunter. Dreist kommentierte er: „Ein bisschen Spaß muss sein.“

Als Antwort kam von Winters ein heftiger Stoß in seinen Rücken, der ihn sowohl vorwärts treiben, als auch zum Schweigen bringen sollte. Er schwor sich, dass dies das erste und gleichzeitig das letzte Mal sein würde, dass er sich gemeinsam mit Nixon für eine Verspätung vor Colonel Sink zu verantworten hatte.


AN:
Und weil die Original-Szene mit dem unbeabsichtigt-Pisse-ins-Gesicht-schütten so schön ist und es noch andere BoB-Fans gibt, die diese Stelle lieben: hier das Video dazu!
Video: Waking up Nixon – Part 5 „Crossroads“ (0:49 min)
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