Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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20.08.2017 3.989
 
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Länge: 3.892 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 5 „Crossroads“, Minute 03:33
(Winters erschießt während eines Gefechtes einen jungen deutschen Soldaten.)
Timeline: 25. Oktober 1944, irgendwo zwischen Elst und Schoonderlogt, Holland


Die Männer brauchen dich.

Er musste hier raus! Winters hielt es keine Minute länger in diesem Haus aus. Mit weichen Knien und dennoch auf leisen Sohlen versuchte er die steile, knarrende Holztreppe im Halbdunklen hinunterzusteigen und sich einen Weg nach draußen zu bahnen. Den schmalen Flur durchquerte er mit vorsichtigen Schritten, bemüht darum keinen seiner Männer zu wecken, die in den angrenzenden Räumen auf ihren Schlafsäcken lagen und schliefen.

Die Easy-Kompanie befand sich gegenwärtig in der Nähe von Elst, einem holländischen Städtchen einige Kilometer vor Arnheim. Der Regimentsstab von Colonel Sink hatte sein Lager auf dem Landgut Schoonderlogt aufgeschlagen und die Bataillone hatten sich über die vereinzelten Gehöfte in der Umgebung verteilt. Ihr Vorstoß nach Deutschland gestaltete sich schwieriger als erhofft. Überall trafen sie auf starke feindliche Gegenwehr. Die meisten Brücken über den Rhein waren von den Deutschen gesprengt und die Straßen vermint und unpassierbar gemacht worden. Aus Nuenen hatte sie sich vor einigen Wochen zurückziehen müssen und suchten nun einen anderen Weg über die deutsche Grenze. Vielleicht hatten sie weiter nördlich mehr Glück.

Kaum das Winters die Haustür lautlos hinter sich geschlossen hatte, erlaubte er sich einen schweren Stoßseufzer. Die kühle Nachtluft, die kurz darauf beim Einatmen seine Lungen füllte, hatte etwas Tiefberuhigendes.

Es war alles nur ein Traum gewesen. Er hatte nur geträumt. Ein Traum, nicht mehr. Nur ein Traum. Er wiederholte diese Sätze in seinem Kopf, während er über den sandigen Weg, durch den liebevoll angelegten Vorgarten und auf die niedliche Gartenpforte zusteuerte. Die ländliche Architektur der Holländer hatte etwas so Putziges, dass der Krieg an diesem märchenhaft anmutenden Ort noch viel obskurer wirkte, als in den Straßen der großen Städte mit den zerbombten Backsteinhäusern.

Das Mondlicht wurde nur von vereinzelten Wolken unterbrochen und reichte bedenkenlos aus um sich auf der unbefestigten Dorfstraße zurechtzufinden. Winters wusste, wo seine Zugführer Horch- und Vorposten für die Nacht aufgestellt hatten und wählte seinen Weg so, dass er niemandem begegnete. Er wollte allein sein, zumindest für die nächste halbe Stunde. Keiner sollte seine Unsicherheit, seine zitternden Hände, seine offensichtliche Verletzbarkeit sehen.  

Die Fäuste in den Taschen seiner Uniformjacke geballt, strakste Winters energisch vorwärts. Immer in Bewegung bleiben, immer in Bewegung bleiben, ermahnte er sich selbst. Wenn man erst mal stillhielt und der Angst erlaubte über einem hereinzubrechen, dann war man verloren. Er hatte das vor einigen Wochen bei Albert Blithe erlebt. Der junge Soldat war nach dem Gefecht um Carentan urplötzlich und ohne erkennbare Verletzung erblindet. Winters hatte sein Bestes gegeben den Mann wieder aufzubauen – was Streckenweise auch funktioniert hatte – aber am Ende war Blithe ein paar Tage später mit einer schweren Schusswunde ins Lazarett und weg von der Front gebracht worden.

Die Erinnerungen an Blithe rannen Winters sprichwörtlich durch die Finger und in seinem Kopf hörte er wieder das metallische Schnalzen seines M1-Gewehres, das entstand wenn die letzte der acht Patronen verschossen war und der Patronenrahmen ausgeworfen wurde. Sich zu sagen, dass es nur ein Traum war, half nicht. Es war Selbstbetrug. Denn die Bilder von denen er geträumt hatte, waren echt. Es waren echte Erlebnisse. Dinge, die er wirklich getan hatte. Er hatte geschossen. Er hatte den jungen deutschen Soldaten erschossen. Und er hatte…

„So spät noch unterwegs?“

Winters’ Gedanke stoppt und er nahm reflexartig die Hände aus den Taschen. Obwohl er die Stimme glaubte erkannt zu haben, sah er sich noch unsicher nach ihrer Quelle um. Ohne es zu merken, war er von der Straße abgekommen und auf das Grundstück eines verfallenen Resthofes gelaufen. Um sich herum erkannte Winters die zweifelhaften Überreste verschiedener Gebäude; einen Stall, eine Scheune, ein Wohnhaus, einen Geräteschuppen und nicht weit von ihm, etwas das wahrscheinlich ein Brunnen war.

„Nixon?“, fragt er orientierungslos.  

„Hier drüben.“, sagte die Stimme und unter dem Dachüberstand des Geräteschuppens flammte ein Feuerzeug auf. Als die Lichtquelle erlosch, blieb nur ein kleiner glühender Punkt zurück, der in der Luft zu schweben schien.

Winters blieb wo er war. Selbst wenn er der Stimme vertraute, absolut sicher konnte er sich erst sein, wenn er das Gesicht dazu sah. Zumal er definitiv nicht damit gerechnet hatte jemanden hier draußen anzutreffen.

Die spürbare Vorsicht seines Freundes trieb Nixon ein Grinsen ins Gesicht und nach einem quälend langen Augenblick entschied er sich Winters zu erlösen. Selbstbewusst trat er unter dem Dachüberstand des Geräteschuppens hervor.

Winters entwich ein gereiztes Seufzen. „Mensch, hast Du mich erschreckt.“

„Wenn Du hier auch mitten in der Nacht umher tigerst.“, gab Nixon spöttisch zurück und kam näher, „Weißt Du nicht, dass das gefährlich ist?“

„Musst Du mit deiner Zigarette gerade sagen!“, hielt Winters entschieden dagegen, „Hast Du schon mal daran gedacht, dass dich einer der Vorposten sehen und unbeabsichtigt erschießen könnte?“

„Keine Sorge.“, kam es mit der üblichen Gelassenheit von Nixon, der nun seinem Freund gegenüber stand, „Da komm’ ich gerade her. Luz und Perconte wissen, dass ich hier unterwegs bin. Nur von dir wissen sie nichts.“

Winters unterdrückte, dass sich sein Ärger in einem Augenrollen oder einem Kopfschütteln zeigte. Ohne Zweifel hatte Lew wieder getrunken und sich in seiner leichtsinnig-angeheiterten Stimmung auf Streifzug begeben. Wie so oft waren es rhetorische Worte, die Winters’ Sorge um Nixon zum Ausdruck brachten: „Also soll ich daraus jetzt schließen, dass ich besser bei dir bleibe, bevor unser Vorposten noch versehentlich mich erschießt?“

„So in etwa, ja.“

„Du bist unmöglich, Nix.“

„Ich weiß.“, antwortete dieser unverschämt, besaß jedoch den Anstand seinen Zigarettenrauch beim Ausatmen nicht direkt in das Gesicht seines Freundes zu pusten.

Rauch... dachte Winters benommen. Er sah den blassen Schimmer im kalten Mondlicht und fühlte sich urplötzlich an die rote Rauchgranate erinnert, die er geworfen hatte just bevor er über das freie Feld und auf die deutsche Stellung zugestürmt war. Er war gesprintet so schnell er gekonnt hatte. Hatte den Kamm des kleinen Walls mit wenigen Sätzen erklommen; sein Gewehr hoch erhoben. Und dann hatte er ihn gesehen – und dann…

„Lass uns sitzen.“, schlug Nixon vor und deutete mit einer einladenden Geste auf das, was Winters zuvor für einen Brunnen gehalten hatte.

Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein Brunnen war und dem Vorbild seines Freundes unbewusst folgend, ließ sich Winters an dessen Seite auf der steinernen Umfassungsmauer nieder.

„Willst Du drüber reden?“, fragte Nixon ruhig, nachdem er glaubte, dass sich die erste Welle aus Emotionen gelegt hatte. Er hatte es sofort bemerkt, diesen kurzen Augenblick, in dem Dick rätselhaft abwesend gewirkt hatte, als er den Rauch zur Seite geblasen hatte. Wo immer er in jenen Sekunden gewesen war, es war kein guter Ort gewesen.

„Es gibt nichts worüber ich reden will.“, gab Winters nach einer langen Pause zurück und stützte seine Hände zu beiden Seiten seines Körpers auf der Mauer auf.

„Dick…“, sagte Nixon weich, „Du bist der schlechteste Lügner, den ich kenne. Ich kann riechen, dass dir was auf der Seele liegt.“

„Riechen?“, fragte Winters leicht irritiert und bemerkte nicht wie die Anspannung in seinen ausgestreckten Armen anstieg.

„Yep.“, nuschelte Nix mit der Zigarette zwischen seinen Lippen und nahm einen tiefen Zug, bevor er es nochmal versuchte, „Also, was ist es?“

„Ich will nicht drüber reden.“

„Doch willst Du.“, beharrte Nixon und enttarnte auch diese Lüge sofort, „Aber dein Gewissen hindert dich daran.“

Lews ungeschminkte Worte sorgten dafür, dass Winters sich mit einem Mal der Spannung in seinem Körper bewusst wurde. Nicht nur die Muskeln in seinen Oberarmen waren zum Bersten gespannt auch seine Finger hatten einen schmerzhaft festen Halt am Rand des Brunnens gesucht.  

Es überraschte ihn immer wieder wie gut Nixon ihn kannte, und wie unvorhergesehen er von kindisch und albern auf erwachsen und ernst umschalten konnte. So viele Worte die Nixon über den Tag verpulverte, waren ironisch, spöttisch oder als Spaß gemeint. Und dann kamen Sätze wie dieser, Sätze, in denen so viel Feingefühl und Vertrauen lag, dass es Winters’ inneren Widerstand zum Schmelzen brachte.

Nixon ließ seinem Freund Zeit. Er wusste, dass Druck bei Dick keine Wirkung hatte. Genauso wie er wusste, dass er mit seinen letzten Worten den Kern der Sache bereits getroffen hatte. Alles was er jetzt noch tun musste, war Geduld zeigen.

Nach einer Weile machte Winters einen ersten Anlauf: „Würdest Du –“ Er brach ab und senkte seinen Blick auf die runden Kappen seiner Springerstiefel. In dem Versuch sich zu entspannen, hatte er die Beine ausgestreckt und die Füße locker übereinander geschlagen. Die Anspannung in seinem Oberkörper hatte sich dadurch jedoch nicht gelöst.

Winters hob den Kopf und sah rauf in den düsteren, vom Mondschein erhellten Himmel. Verdammt, war das schwer. Instinktiv wusste er, was er wollte. Er wollte sich seinen Traum, seine Erlebnisse und all die Bilder in seinem Kopf von der Seele reden! Eigentlich hatte er das schon vor einigen Tagen, nach dem Gefecht machen wollen.

Verlässlich wie eh und je war Nixon zu ihm gekommen um nach dem Rechten zu sehen, und er hatte es bloß geschafft ihn um Wasser zu bitten – dabei hätte er in dem Moment so viel mehr gebraucht. Nichtsdestotrotz war es ein kleines Wunder gewesen, das Nix überhaupt eine Feldflasche dabei gehabt hatte, deren Inhalt nicht mit seinem Whiskey vermischt gewesen war.

Ein weiteres Mal zog Nixon an seiner Zigarette, die schon fast runter gebrannt war und studierte Dick aus dem Augenwinkel. Er wirkte nachdenklich. Allerdings nicht auf die Art, wie er es als kommandierender Offizier tat, wenn er sich eine Kampfstrategie überlegte oder gedanklich seine Männer dafür einteilte. Er wirkte mehr fahrig, fast schon zerstreut, als kämpfte er gegen sich selbst.

Winters’ Blick wanderte nach oben und blieb an jenen drei Sternen hängen, die dem Mond am nächsten waren. Wenn nicht jetzt, wann dann?, fragte er sich selbst und wagte einen neuen Anlauf. Das Wissen, dass Nixon ihn dabei beobachtete und jede noch so kleine Regung seines Körpers registrierte, reichte ihm aus. Er musste keinen Blickkontakt haben, um sich sicher zu fühlen – zumindest nicht jetzt.

„Würdest Du einfach nur zuhören, wenn ich es erzähle?“, fragte Winters und hielt inne. Er war dankbar, dass Lew nicht gleich dazwischen sprang und fuhr mit nervöser Stimme fort: „Kein Kommentar, keine dummen Witze. Nichts. Einfach nur zuhören.“

Von Nixon kam keine Antwort.

Winters fühlte wie sein Innerstes zu schwanken begann. Jetzt. Jetzt brauchte er Sicherheit!

Ohne Schwierigkeiten löst er seine Augen von den hellen Punkten am Firmament und wandte sich mit bittendem Blick zu Nix.

Noch nie hatte Nixon eine solche Zerbrechlichkeit in den Augen seines Freundes gesehen. Es war als würde jede Sekunde etwas in Winters kaputtgehen, wenn er nicht endlich darüber sprach.

Nixon ließ seinen Blick noch einen Moment auf Dick ruhen, ehe er seinen Zigarettenstummel in den Sand schnipste, die Hand hob und seine Lippen wie mit einem Reisverschluss versiegelte. Seine Geduld hatte sich ausgezahlt. Sein Freund wollte reden. Nur was er zu hören bekommen würde, dessen war er sich mit einem Mal absolut nicht sicher.

Winters holte tief Luft, ein wenig überrascht davon, wie viel Sauerstoff in seine Lungen zu passen schien. Mit Nixon an seiner Seite fiel ihm das Atmen bedeutend leichter. Und als er die Luft in einem langen, gleichmäßigen Stoß zwischen den Lippen wieder entweichen ließ, spürte er wie sich seine steifen Schultern ein wenig entspannten und seine verkrampften Finger lockerten.

„Ich… Ich habe wieder geträumt.“, begann Winters, selbst an seiner Stimme zweifelnd, „Heute Nacht. Von dem Sturmangriff auf die Straßenkreuzung am Deich. Es…“ Er suchte kurz nach Worten. „Es beginnt immer mit denselben Bildern. Also, der Traum. Ich kann mich selbst laufen sehen. Meinen schnellen Atem hören. Ich… Ich spür’ sogar das Gewicht von dem Gewehr in meinen Händen.“

Winters stockte und starrte runter auf seine Handflächen. Ohne es bemerkt zu haben, hatte er die Mauer des Brunnens losgelassen und angefangen seine Erzählung mit Gesten zu untermalen.

Nixon widerstand dem Drang etwas zu sagen. Das hier war Dicks Moment, und er hatte sich verpflichtet sein reaktionsschnelles Mundwerk im Zaum zu halten, wenngleich seine Neugier spürbar anstieg. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er nach dem Gefecht an der Kreuzung zu Winters gegangen war und ihm Wasser gereicht hatte. Er hatte schlecht ausgesehen. Viel schlechter als sonst. Aber Nixon hatte nicht den Eindruck gehabt, dass er großartig darüber hatte reden wollen.

Nervös rieb sich Winters mit dem linken Daumen über die Handfläche seiner rechten Hand und fuhr fort: „Ich lauf’ weiter, erklimm’ den kleinen Wall. Ein, zwei, drei Schritte. Dann bin ich oben. Und ich steh’ da. Sekundenlang. Total still. Und da… Da…“ Wieder versiegten seine Worte. Seine Stimme war so dünn und fragil geworden, dass Winters befürchtete keinen weiteren Satz mehr rauszubekommen. Er besann sich auf seine Atmung und versuchte sich ins Bewusstsein zu rufen, dass Nixon an seiner Seite war. Der einzige Mann, dem er nicht nur sein Leben, sondern auch sein bisher größtes Verbrechen würden anvertrauen können, wenn er den nur den Mut fand es auszusprechen.

Mit neu geschöpfter Kraft setzte Winters an: „Da war dieser junge Soldat. Ein deutscher Soldat. Er hat im Gras gekniet. Offensichtlich unbewaffnet. Er hat mich gesehen. Und er hat die Arme ausgebreitet. Mich sogar noch angelächelt. Als würde er genau wissen, dass es gleich für ihn vorbei wäre. Und ich… Ich hab… Ich hab geschossen. Ich hab ihn einfach erschossen.“

Die Worte in Nixons Kopf überschlugen sich. Und es wurde für ihn zu einer echten Herausforderung kein einziges davon nach außen dringen zu lassen. Einerseits verstand er Winters’ Gewissensbisse, andererseits fielen ihm auf Schlag ein Dutzend Gründe ein, die es rechtfertigten einen feindlichen Soldaten im Gefecht zu töten – unabhängig davon ob dieser in jenem Augenblick eine Waffe auf einen richtete oder nicht.

Winters hatte einmal durchgeatmet und sich gezwungen das nervöse Kneten seiner Hände – ein Geste, die ihm vollkommen fremd war – zu unterlassen.

„Weißt Du, Nix…“, nahm er den Faden wieder auf, „Das Schlimme ist für mich nicht, dass ich einen unbewaffneten Soldaten im Gefecht erschossen habe. Das Schlimme ist, dass…“ Winters schloss seine Augen. „Dass dieser Soldat noch ein halbes Kind war.“ Schwermütig sank sein Kinn auf die Brust, wo es einen Moment verblieb. Winters schluckte schwer und hatte größte Mühe ausreichend Luft zu bekommen.

Nie zuvor hatte Nixon einen solch emotionalen Gefühlsausbruch bei seinem Freund gesehen. Und gemessen an Dicks normalem Verhalten, war das hier definitiv ein Gefühlsausbruch! Hatte er eben noch tausend Dinge gleichzeitig sagen wollen, fehlt ihm – ausgerechnet ihm – mit einem Mal die Worte.

Winters richtete seinen Blick wieder geradeaus und seine Stimme klang schwach und zerrüttet als er seine Erzählung ergänzte: „Ich… Ich hab es erst später erfahren. Als die Papiere der Toten zusammengetragen wurden. Der Junge war erst fünfzehn, Nix. Kannst Du das glauben? Fünfzehn!“

Winters schüttelte den Kopf als wollte er die Wahrheit damit umkehren. Er spürte, dass da noch ein letzter Satz in ihm rumorte, der hinaus musste bevor dieses Gespräch zu Ende war. Den Tränen gefährlich nah, gestand er: „Ich hab ein Kind erschossen, Nix.“

Nixon war sprachlos. Dennoch ergab alles, was er in den letzten Minuten gehört hatte einen Sinn. Winters’ große Zerrissenheit, seine anfängliche Abwehr darüber zu sprechen und die vielen Schuldgefühle, die ihn überschwemmten. Selbst sein abwesender Blick, der weit in die Ferne geschweift war, als Lewis ihn nach dem Gefecht aufgesucht hatte – all das setzte sich nun zu einem kompletten Puzzle zusammen.

Mit tief besorgtem Blick sah Nixon wie sich Dick hilflos übers Gesicht fuhr und versuchte die letzten Krümel seiner Fassade zusammenzuhalten. Es dauerte keine zwei Sekunden bis er seine Hand gehoben und sie tröstend auf die Schulter seines Freundes gelegt hatte. Selbst jetzt wollte ihm kein einziges Wort zu alledem über die Lippen kommen.    

Der physische Kontakt beruhigte Winters ungemein. Es war nur ein sanftes Auflegen, kein festes Drücken oder Kneten. Da war schlicht diese Hand auf seiner Schulter und mit ihr, die Gewissheit, dass er nicht allein war – dass es neben der großen Trauer, Schuld und Hilflosigkeit, die er in sich spürte auch noch ein positives, ein gutes Gefühl gab, das er empfinden konnte.

Doch irgendetwas in seinem Kopf flüsterte ihm zu, dass dieser Kontakt nicht ewig dauern durfte. Er wollte Lew nicht zurückweisen, wirklich nicht. Aber er dachte an Luz und Perconte, die nicht weit entfernt auf ihrem Posten saßen, und dran, was alles passieren konnte, wenn jemand – irgendjemand! – Lew und ihn so nah beieinander sah. Sachte schob Winters die Hand von seiner Schulter.

Er musste jetzt stark sein. Seinen schwersten Kummer hatte er sich von der Seele geredet und sich jemandem anvertraut, der dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen würde, wenn es sein musste. Jetzt war die Zeit sich wieder zu sammeln und nach vorne zu blicken. Er hatte schließlich seit wenigen Tagen ein ganzes Bataillon zu führen. Eigentlich das absurdeste von allem, dass Colonel Sink ihn nach dem Angriff auf die Straßenkreuzung und dem Verlust von Major Horton auch noch befördert hatte.

Nixon hatte einen winzig kleinen Stich in seiner Brust gespürt als Dicks Hand nach seiner gefasst hatte, aber nicht um sie zu streicheln oder sich daran festzuhalten, sondern um sie wegzuschieben. Wollte er den Kontakt nicht oder hatte er ihm bloß zu lange gedauert?

Es dauerte eine Weile bis Nixon seine Stimme wiedergefunden hatte, aber irgendwann war es soweit. „Ich…“, er holte Luft, „Ich würde dir auch gerne etwas erzählen, wenn ich darf?“ Nixon wartete einen Augenblick ab und da Winters nichts einzuwenden schien, fuhr er fort: „Die gleiche Bitte wie bei dir, einfach nur zuhören, nichts kommentieren oder bewerten.“

Winters zuckte im Einverständnis mit den Schultern und nickte zaghaft.

Überlegt sammelte Nixon seine Worte zusammen und machte sich eine kurzen Plan. Er wusste, was er Dick sagen, wie er ihn wieder aufbauen und davon überzeugen wollte, dass nichts von dem was er getan hatte seine schweren Selbstzweifel wert war. Auch wenn Dick mit seiner sensiblen Art tausend Gründe sah sich Vorwürfe zu machen, für Nixon blieb er ein vorbildhafter Anführer.

Etwas weiter ausholend, startete Nixon mit seiner Geschichte: „Du weißt, als Nachrichtenoffizier komm’ ich viel rum. Ich treff’ ‘ne Menge Leute, hör’ viele Gerüchte und sprech’ mit den unterschiedlichsten Typen.“  

Winters gab sich alle Mühe seinem Freund zu folgen. Er hatte absolut keine Ahnung worauf Nixon hinaus wollte, aber allein seine Stimme zu hören, stärkte ihm den Rücken.

„Na, jedenfalls“, setzte Lew wieder ein, „Ich hab’ da mal einen Offizier getroffen. Verdammt guter Kerl, sag ich dir. Ich bewundere diesen Typen bis heute.“ Innerlich musste Nixon schmunzeln. Und wie er Dick bewunderte!  Mit einem Mal musste er sich wahnsinnig anstrengen nichts von seiner Freude durchscheinen zu lassen, um Winters in dem Glauben zu lassen, er würde über jemand ganz anderen reden.

„Er ist Captain bei den Fallschirmjägern gewesen. Und ich schwör’ dir, ich hab nie wieder jemanden getroffen, der seine Männer mit so viel Herz und Verstand geführt hat.“ Nixon hielt einen Moment an und gab seinen Worten die Zeit, die sie zum Wirken brauchten – auch auf sich selbst. Ohne Zweifel hatte Dick ein gigantisches Löwenherz, wenn es darum ging seine Männer ins Gefecht zu führen. Und eben weil er genau das wusste, tat es ihm so weh seinen besten Freund derart unsicher und mutlos zu sehen.

„Weißt Du“, begann Nixon mit einem leichten Seufzen, „Ich glaube einen guten Führungsstil erkennt man nicht nur am Charakter des Anführer. Man erkennt ihn vor allem an der Stimmung der Mannschaft. Und wenn ich mir die Mannschaft von diesem Captain ansehe, dann… Wow!“ Wieder stoppte Nixon. Es war gar nicht so leicht, der eigenen Bewunderung angemessen Ausdruck zu verleihen. Nach kurzem Überlegen fiel ihm jedoch etwas ein, das er für treffend hielt: „Dann seh’ ich in den Augen dieser Männer eine beneidenswerte Loyalität.“  

Nixons Stimme wechselte in einen eindringlichen Tonfall: „Scheiße Dick, diese Männer lieben ihren Captain. Ich bin absolut überzeugt davon, dass sie ihm überall hin folgen würden. Und das nicht, weil er so ein netter Kerl ist. Sondern weil er sie wahrnimmt, sie schätzt, sich um sie kümmert und ihre Leben nicht unreflektiert aufs Spiel setzt.“

Winters musste zugeben, dass er sich diesen Captain Lews Erzählung nach sehr sympathisch vorstellte. Die Maxime dieses Mannes hatte große Ähnlichkeit mit jenen, nach denen er versuchte zu  handeln. Trotzdem verstand er nicht, wo all das hinführen sollte.

Wieder verdrängte Nixon erfolgreich ein Schmunzeln aus seinem Gesicht und bewahrte sich seine ernste Miene. Winters schien sogar jetzt nicht zu begreifen, dass es die ganze Zeit nur um ihn ging! Wahrscheinlich hatten sein Traum und seine Gefühle ihn so sehr aufgewühlt, dass seine Konzentration einfach nicht mehr ausreichte, die vielen Puzzleteile, die Lew ihm vor die Nase hielt, zusammenzusetzen.

Aber noch war Nixon nicht bereit das Handtuch zu werfen, wenn er sich etwas Mühe gab, würde Dick den Braten ja vielleicht doch riechen.

„Dieser Captain, von dem ich da die ganze Zeit sprechen“, sagte Nixon und suchte den Blick seines Zuhörers, „der gehört genau zu der Art von Anführern, denen man aus Überzeugung folgt. Nicht weil es einem befohlen wird.“ Jetzt, dach er. Jetzt muss Du doch mal langsam schalten, Kumpel. Denk nach, Dick. Denk nach!

Sekunden verstrichen und da von Winters keine Reaktion kam, entschied sich Nixon sein letztes Ass auszuspielen. „Ich denke, solche Anführer braucht dieser Krieg, wenn wir eines Tages wirklich als Sieger daraus hervorgehen wollen. Und solche Anführer brauchen auch die Männer. Offiziere, denen sie in den Augen schauen und denen sie vertrauen können.“

Komm schon, Dick! Das war mehr als deutlich, nicht?

Winters stimmte seinem Freund in ausnahmslos allen Punkten zu. Eine Truppe, die solch einen Offizier als Anführer hatte, konnte sich wirklich glücklich schätzen. Mit einem solchen Mann an der Spitze gab es gute Chancen, dass zwischen den Männern ein Band wuchs, das weit über den Krieg hinaus andauern würde.

Nixon konnte sehen, dass Winters nachdachte. Dennoch stand er kurz davor von der Mauer des Brunnens aufzuspringen, seinen Freund am Kragen zu packen und ihn zu schütteln, bis er zur Vernunft kam. Stattdessen legte er eine wirklich allerletzte Fährte aus.

„Du kennst den Typen übrigens.“, sagte Nixon andeutungsvoll, „Bist ihm sogar schon ein-, zweimal begegnet.“

Die Stirn von Winters legte sich in unverständliche Falten. Er kannte diesen Captain? Ernsthaft?

Der Geduldsfaden von Nixon war am Ende. Wenn Winters es auch mit diesem Hinweis nicht schaffte eins und eins zusammenzuzählen, dann würde er das Rätsel jetzt auflösen.

„Wie ich gesagt habe.“, meinte Nixon mit einem leichten Lächeln, „Die Männer brauchen einen starken Anführer.“ Er hob den Kopf und sah Winters sekundenlang in die Augen, bevor er mit voller Überzeugungskraft sagte: „Die Männer brauchen dich, Dick.“

Erschrocken klappte Winters der Mund auf. Nixons Worte erwischten ihn eiskalt. Er fühlte sich überrumpelt und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis sein Verstand hinterher kam. Es war die ganze Zeit nur um ihn gegangen, und er Idiot hatte das nicht gemerkt!? Den Kopf über seine eigene Unzulänglichkeit schüttelnd, entwich Winters ein amüsiertes Schnauben. Auf besondere Weise fühlte er sich geschmeichelt und seine Mundwinkel hoben sich unweigerlich zu einem Lächeln. Glückselig in seiner Selbsterkenntnis sah er zu Nix.

Jetzt, ging es Nixon zufrieden durch den Kopf. Jetzt, hast Du es.

Winters lag ein Danke auf der Zunge. Aber weil sie sich darauf geeinigt hatte, die Ausführungen des anderen nicht zu kommentieren und es Winters nicht in den Sinn kam, dieses Versprechen zu brechen, blieben seine Worte unausgesprochen. Sein Blick musste genügen. Und für ihn stand völlig außer Frage, dass Lew wusste, wie sehr er ihm das Herz erleichtert hatte.

Schweigend saßen die beiden Männer noch eine Weile Seite an Seite an dem Brunnen, bis es ihnen zu kalt wurde und sie wieder zurück in ihre Quartiere gingen. Sie wollten noch ein, zwei Stunden Schlaf von der Nacht bekommen, ehe sie am nächsten Morgen wieder zur Stabsbesprechung und zu Colonel Sink nach Schoonderlogt mussten.


AN:
Die Bilder von denen Winters träumt, sind im Original wirklich bewegend und spannungsgeladen zugleich. Das nachfolgende Video jene Szenerie von der Winters berichtet. (Danach folgen typische Kampfszenen eines Kriegsfilmes - sicher nicht jedermanns Geschmack.) Hingegen halte ich die ersten 1:20 min für überaus sehenswert!
Video: Szene aus Part 5 „Crossroads“ (3:59 min)
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