Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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16.07.2017 2.410
 
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Länge: 2.307 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 4 „Replacements“, Minute 39:11
(Nixon wird der Helm vom Kopf geschossen. Winters hilft ihm wieder auf die Beine.)
Timeline: 19. September 1944, Nuenen in der Nähe von Eindhoven, Holland


Lass mal sehen.

Mit einem grimmigen Brummen beugte Nixon sich vor um besser in den kleinen Spiegel blicken zu können. Seinen schwarzen Pony hatte er mit der linken Hand zurückgestrichen, während die Fingerkuppen der rechten Hand vorsichtig die drei genähten Stiche an seiner Stirn abtasteten. Der handliche Rasierspiegel von Winters hat kaum die Größe einer Postkarte.

Nixon hatte sich in das Quartier seines Freundes – ein winziges Kämmerlein, in einem ebenso winzigen holländischen Häuschen mit dunkelgrünen Fensterläden – zurückgezogen. Der Raum beherbergte nicht mehr als ein schmales Bett, eine Kommode und einen Schreibtisch samt Stuhl. Es war verhältnismäßig luxuriös, wenn man bedachte, dass die Easy-Kompanie die letzten Wochen mehrheitlich in feuchten Erdlöchern und ohne Dach über dem Kopf im Freien genächtigt hatte. Wieder in einer Stadt zu sein und zumindest für ein oder zwei Nächte ein Haus zu besetzen, das man zuvor geräumt hatte, war eine echte Wohltat. Hier in Holland war das gewaltsame Räumen der Häuser größtenteils nicht mal nötig gewesen. Die freundlichen Menschen, die die Ankunft der Amerikaner mit tosendem Beifall gefeiert hatten, stellten den Soldaten gerne eine Unterkunft zu Verfügung. Winters konnte sich wirklich glücklich schätzen ein so komfortables Zimmer erwischt zu haben.

Ihr Rückzug aus Nuenen lag jetzt zwei Tage zurück und Nixon wollte überprüfen wie weit die Wunde, die er sich bei einem beinahe Kopfschuss zugezogen hatte inzwischen verheilt war. Den Spiegel vor sich in der Fensterbank aufgestellt, saß er an dem kleinen Schreibtisch und versuchte vergeblich seinen Kopf so zu drehen, dass er einerseits die gesamte Stelle in Augenschein nehmen konnte und andererseits nah genug dran war um überhaupt etwas erkennen zu können.

Um die Narbenbildung machte Nixon sich keine Sorgen. Sein fransiger Pony fiel locker über den knapp vier Zentimeter langen Schnitt, der sich in steilem Winkel von seiner linken Augenbraue Richtung Haaransatz zog. Außerdem war er lange nicht so eitel wie sein Freund Winters; der hätte sicherlich größeren Kummer mit einer sichtbaren Narbe in seinem makellosen Gesicht gehabt. Was Nixon hingegen zur Weißglut brachte, war das unaufhörliche Jucken!

Wann immer er die Augenbrauen bewegte (was er fast ständig tat) oder die Stirn runzelte (was ebenso häufig vorkam), spürte er den rauen Schorf und die unangenehmen Fäden. Es war ein Gefühl, das ihn mit dem Aufwachen anfing zu peinigen, über Tag immer schlimmer wurde und seine Laune so rapide absinken ließ, dass ihm bereits zum Mittag alle, die es sich erlauben konnten aus dem Weg gingen. Ein schlecht gelaunter Lewis Nixon war gemeinhin eine unerträgliche Nervensäge.

Eigentlich hatte Eugene Roe – einer der Sanitäter der Easy – ihm gesagt, dass die Fäden noch bis übermorgen drinbleiben mussten, aber so lange konnte Nixon unmöglich warten. Die unnatürlich straff gespannte Stelle an seiner Stirn würde ihn bis dahin längst in den Wahnsinn getrieben haben! Verdammt, konnte man diese unnützen Fäden nicht einfach rauspulen, ein Pflaster drüber kleben und gut?

Nixon hatte sich das nötige Material für diese kleine Do-It-Yourself Operation zum Teil aus dem Nachschub an Sanitätsmaterial zusammengeschnorrt, der heute Vormittag eingetroffen war. Eine feine Pinzette, ein paar frische Wattetupfer und – aus den Restbeständen der Easy – ein Fälschen mit einem traurigen Rest Desinfektionsalkohol. Alles wollte er seinen Leuten dann doch nicht wegnehmen und sein Vat 69 Whiskey war ihm definitiv zu schade als dass er ihn sich über die Stirn gegossen hätte. Als Skalpell zum Durchtrennen der reißfesten Fäden musste die Klinge seines Bajonetts herhalten; einmal mit Alkohol übergossen und das Feuerzeug drangehalten – fertig.

Nun lag alles griffbereit vor ihm auf dem Tisch und in seiner typischen Ungeduld fing Nixon an mit seinen unsauberen Fingernägeln an den Nahtstellen zu knispeln. Vielleicht kam er ja doch ohne das Messer aus? Energisch machte er sich mit dem Nagel seines Zeigefingers über den ersten Knoten her.

Außer einem fiesen Ziehen in seiner Stirn erreichte er jedoch nichts. Ein gereiztes Kurren kam aus seinem Mund: „Agrr..“ Dieser verdammte Spiegel war einfach zu klein! Nixon legte den Kopf zur Seite und probierte einen anderen Winkel. Wieder entglitt ihm sein Spiegelbild und zeigte ihm Ausschnitte von seinem Gesicht, die er gar nicht sehen wollte. „Verfluchte Scheiße!“, schnaubte er gereizt.

In seinem Rücken öffnete jemand die Zimmertür. Nixon machte sich nicht die Mühe sein Tun zu unterbrechen um zu sehen wer gerade im Begriff war den Raum zu betreten; er hatte eine Vorahnung.

„Was machst Du denn hier?“, lautete die berechtigte Frage mit der Winters seinen Freund begrüßte.

Nixon – vertieft in sein Spiegelbild – antwortete sarkastisch: „Oh, danke für den herzlichen Empfang.“

Kopfschüttelnd kam Winters näher, warf einen kurzen Blick auf die Utensilien, die über den Schreibtisch verteilt lagen und nahm Nixon kurzerhand den Spiegel weg.

„Hey!“, rief dieser und langte nach dem Objekt wie ein aufständisches Kind, dem man gerade sein Spielzeug weggenommen hatte.

Vollkommen unbeeindruckt legte Winters seinen Rasierspiegel auf den Nachttisch und setzte sich Nixon gegenüber auf die Bettkante. „Also?“, fragte er mit sturer Beharrlichkeit, „Was suchst Du mitten am helllichten Tag in meinem Quartier?“ Eigentlich war diese Frage beim Blick auf den Schreibtisch hinfällig aber Winters stellte sie trotzdem.

Ein weiteres Schnauben entwich dem vor einigen Wochen zum Captain beförderten Nachrichtenoffizier. „Ich will diese verfluchten Fäden loswerden. Das Jucken macht mich irre. Was immer Gene da zusammengetackert hat, hätte meine Großmutter mit ihrer Stopfnadel besser hinbekommen!“

Um Winters Mundwinkel legte sich ein selten gesehenes Schmunzeln. Ein vor Ungeduld platzender Lewis Nixon war immer wieder unterhaltsam. „Das glaub’ ich gern.“, antwortete er ruhig. Auch Winters war von Colonel Sink zum Captain befördert und damit nicht nur offiziell, sondern auch dem Rang nach zum Kompaniechef der Easy aufgestiegen.

Von den stichelnden Worten zusätzlich gereizt, rubbelte Nixon mit der flachen Hand unüberlegt heftig über seine Wunde und machte seinem Ärger Luft: „Diese verdammte Wunde! Und diese Scheißfäden! Und dieses –“

„Hey, hey, Nix!“, rief Winters dazwischen und packte nach dem Arm seines Freundes, doch da war es bereits zu spät.

Als Nixon inne hielt und seine Hand runter nahm, sah er leicht verwischte, rote Schlieren auf seiner Handfläche. „Oh shit.“, entwich es ihm tonlos. Fragend sah er zu Winters auf: „Blute ich? Ich blute, stimmt’s?“

„Ja.“, sagte dieser, unfähig seinen entnervten Ton zu kaschieren. Manchmal war Lewis wie ein kleines Kind und gelegentlich – so wie jetzt – sogar noch schlimmer.

„Oh, Mist.“, stöhnte Nixon und suchte die Schuld bei Sani Roe, „Ich hab doch gesagt, dass auf Eugenes Nähkünste nichts zu geben ist.“

Winters schüttelte kaum merklich den Kopf. Auf das Wesentliche konzentriert, hatte er sofort nach den Wattetupfern gegriffen und begonnen einen davon auf Lewis’ aufgekratzte Stirnwunde zu pressen. War sein Freund eigentlich auch so eine Dramaqueen, wenn er mit sich allein war oder nur wenn er Publikum hatte, vor dem er spielen konnte? Winters würde es wohl nie rausfinden.  

Nixon grummelte weiter vor sich hin, irgendwas von blöder Kratzer, verdammte Kugel und Scheißkrieg. Er musste einfach Dampf ablassen. Ein bisschen zu Fluchen bot da eine gute Möglichkeit. Das andere Ventil, das bei ihm wahre Wunder wirken konnte, war schlicht die Anwesenheit von Dick. Nixon war gewiss kein Feigling aber er hatte mehr Laster und Schwächen als die meisten, und wenn ihm mal wieder eine seiner kleinen Kerben drohte zum Verhängnis zu werden, tat es gut einen Richard Winters um sich zu haben hinter dem er Deckung suchen konnte.

Der erste Tupfer war vollgesogen und Winters ersetzte ihn mit einer schnellen Bewegung durch einen neuen. Es war nicht so, dass die Wunde übermäßig stark blutete, aber es hörte eben nicht sofort auf. „Ich glaube übrigens nicht“, begann er nach einer Weile, erleichtert darüber, dass Nixon schwieg, „dass es an Eugenes Fähigkeiten liegt. Er hat mein volles Vertrauen und ich bin dankbar, dass die Easy einen so guten Sani hat.“ Ohne das es eine ernst gemeinte Frage war, fügte Winters hinzu: „Vielleicht hättest Du nicht mit so viel Gewalt über die Wunde reiben sollen, Lew?“

Nixon verzog bei diesen Worten den Mund zu einer sauren Miene. Die bittersüße rhetorische Art mit der Winters ihn neckte, war eines der Dinge, die er insgeheim so sehr an ihm mochte. Auch wenn seine Stirn brannte und es nur drei Finger waren, die sein Freund dagegen presste, verspürte Nixon nicht den Wunsch ihm diese Aufgabe abzunehmen. Der Kontakt, so seltsam das auch war, hatte etwas Beruhigendes, etwas Angenehmes. Es ließ Nixons Zorn verrauchen und ihn ruhiger werden bis er schließlich in gewohnter Stimmlage fragte: „Hat es aufgehört?“

„Lass mal sehen.“, meinte Winters und nahm vorsichtig seine Hand weg.

„Und?“, wollte Nixon ungeduldig wissen, „Wie sieht’s aus?“

Nach einem prüfenden Blick antwortete Winters: „Sieht gut aus. Soll ich dir mit dem Rest helfen?“

Nixon nickte, dankbar für das Angebot.

„Okay“, sagte Winters und legte den zweiten blutigen Tupfer aus der Hand, „Dann aber diesmal bitte ohne Shakespeare-Darbietung. Das hier ist kein Drama und Du bist nicht König Lear.“

Sofort holte Nixon aus und boxte Winters freundschaftlich gegen den Arm. „Hör auf damit!“, forderte er, „Du benimmst dich ja wie meine Mutter.“

„Gelegentlich komm’ ich mir auch so vor.“, gab Winters heiter zurück und parierte den zweiten Schlag, der von Nixon kam. Nach einem kurzen Gerangel wurden die zwei wieder ernst und Winters gab seinem Freund Anweisungen: „Setz dich hier rüber und halt still.“

„Ja, Mama.“, sagte Nixon gespielt unterwürfig und gehorchte.

Kurzerhand hatten die beiden Männer die Plätze getauscht. Es machte Winters das Versorgen der Wunde deutlich leichter, denn er hatte nicht nur besseren Zugriff auf die Utensilien auf dem Tisch, sondern Nixon saß auf der Bettkante auch ein gutes Stück tiefer als er, was es ihm ersparte beim Arbeiten nach oben schauen zu müssen. Mit der gebotenen Ruhe und Sorgfalt – die Nixon wohl niemals aufgebracht hätte – reinigte Winters mit Hilfe des restlichen Alkohols die Wunde, wischte das festgetrocknete Blut ab und begann die Fäden zu ziehen. Enden, die bereits lose waren, zupfte er behutsam mit der Pinzette raus. Andere Nahtstellen, die noch verknotete waren, trennte er zuvor mit der scharfen Schneide des Bajonetts auf.

Nixon sagte während der ganzen Prozedur kein Wort. Er ließ es einfach mit sich geschehen. Zum einen, weil er Dick uneingeschränkt vertraute und zum anderen, weil er Gefallen an diesem warmen Gefühl fand, dass sich in ihm breit machte. Es war nicht viel; eigentlich nur ganz wenig – aber es war da, diese wohltuende Gewissheit, dass sich jemand um einen kümmerte, sich sorgte. Winters werkelte so dicht an seiner Stirn und über seinen Augen, dass sich Nixons Lider beinah reflexartig schlossen. Unerwartet wurde das warme Gefühl stärker. Er spürte die Finger von Dick in seinem Gesicht, wie sie ganz vorsichtig über seine Haut tasteten, ja darauf bedacht die Wunde nicht wieder zum Bluten zu bringen. Sanfte Berührungen wie diese waren eine Seltenheit im Krieg. Es erinnerte Nixon unweigerlich an zu Hause, an seine Frau Katherine und an ihr gemeinsames Kind; an die vertraute Geborgenheit, die dort allgegenwärtig zu sein schien – jedenfalls vor langer Zeit.  

Winters drehte sich in regelmäßigen Abständen dem Schreibtisch zu, wo er die mit der Pinzette gezogenen Fäden auf einem kleinen Häufchen ablegte. Es überraschte ihn als er sich Nixon wieder zuwandte und dieser plötzlich seine Augen geschlossen hielt. Dass sein Freund bereits begonnen hatte sich zu entspannen, war ihm nicht entgangen aber so, mit seinen geschlossenen Augen hatte Lewis’ Gesicht wirklich etwas Friedliches. Winters mochte diesen Anblick; die ungeordneten schwarzen Haare, der dunkle Bart, die weichen Augenbrauen. Er konnte sich hundertprozentig sicher sein, dass genau dieses vertraute Gesicht nach einem Kampf hinter seinem Rücken auf ihn wartete, sobald der letzte Schuss gefallen war. Die Angst, die durch seinen Körper gezuckt war als er Nixon hatte vor zwei Tage zu Boden gehen sehen, war unerträglich groß gewesen. Im Nachhinein war ihm bewusst geworden, dass es jenes Gefühl gewesen war, das ihn hatte wissen lassen, dass Nixon für ihn weit mehr als nur seine dringend benötigte Rückendeckung war. Er gab ihm mehr als nur die Kraft, die er brauchte um mit seinen Männern nach vorne zu gehen und zu kämpfen. Viel mehr.

Der letzte Faden war gezogen. „So“,  verkündete Winters und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, „Fertig.“

Nixon schlug die Augen auf und hob die Hand um seine Stirn zu befühlen.

„Na, na!“ Winters griff nach seinem Arm. „Du willst doch nicht, dass es wieder anfängt zu bluten.“

Einsichtig ließ Nixon seine Hand sinken, wandte jedoch protestierend ein: „Ich will aber wissen wie das jetzt aussieht.“

„Dann hättest Du dich eben woanders treffen lassen müssen.“

„Oh, bitte entschuldige.“, fauchte Nixon. Seine bärbeißige Laune kehrte mit einem Schlag zurück. „Du hast vollkommen recht, ich hätte es so wie Du in Carentan machen sollen und mir in die Wade schießen lassen.“

Wie gewöhnlich verlor Winters nichts von seinem ausgeglichenen Gemüt und blieb ganz bei seinem in sich ruhenden Tonfall als er erklärte: „Erstes war es nicht die Wade, sondern das Schienbein. Und zweites habe ich mich nicht anschießen lassen. Das war ein Querschläger.“

Nixon schnaubte verächtlich. „Ja, sicher.“ Sein Blick fiel auf den Nachttisch und er nahm den kleinen Rasierspiegel in die Hand um darin die Arbeit seines Freundes zu begutachten. Die juckenden Fäden waren alle verschwunden, an seiner Stirn haftete weder Blut noch Schorf, nur der Wundrand war noch sichtbar gerötet. Ein Schmunzeln durchzuckte Nixons Mundwinkel. „Fast so gut wie meine Großmutter.“, frotzelte er anerkennend.

„Danke für das Kompliment.“

Die beiden Männer tauschten einen amüsierten Blick aus und Nixon gab Winters den Rasierspiegel zurück.

„Und Du bist wirklich nur wegen dem hier hergekommen?“, fragte Winters und legte den Spiegel nachdem er ihn noch einmal hochgehalten hatte zurück in die Schreibtischschublade mit seinen anderen persönlichen Gegenständen.  

„Ich brauch’ so ein Teil halt nur gelegentlich.“, gab Nixon zurück und strich sich bedeutungsvoll über die Wange. Seine rauen Bartstoppel machten dabei ein kratziges Geräusch unter seiner Handfläche.  

„Schon klar.“, antwortete Winters, „Wenn ich daran denke, schenke ich dir einen zum nächsten Geburtstag.“

„Sehr witzig.“, konterte Nixon. Er erhob sich von der Bettkante und ging zur Tür. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um. „Danke, Dick.“

„Nichts zu danken.“, antwortete Winters und dachte im Stillen: Pass gut auf dich auf, Kumpel.


AN:
Die Szene in der Nixon der Helm vom Kopf geschossen wird, habe ich in einem zusammengeschnittenen Video entdeckt. Wer mag, kann ja mal reinschauen. Es ist nur ein ganz kurzer Ausschnitt aus den über 8 Minuten.
Video: Band of Brothers - Funny Moments (8:46 min)
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