Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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06.06.2017 3.093
 
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Länge:  2.983 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 2 „Day of Days“, Minute 44:22
(Winters trifft in der letzten Szene dieser Folge auf Nixon. Sie unterhalten sich miteinander.)
Timeline: 6. Juni 1944 (D-Day), Normandie, Frankreich


Sei vernünftig. Lass los.

Über das kleine französische Städtchen Sainte-Marie-du-Mont, dessen Namen sich kaum jemand merken konnte oder wollte, senkte sich langsam die Nacht. Es war der Abend des 6. Juni 1944.

In den Straßen drängelten sich die Silhouetten von Soldaten, Jeeps und Lastwagen parkten dicht an dicht und überall hörte man entweder Stimmen, Fußgetrappel oder das dröhnende Rattern und Klappern von Panzerketten, die sich durch die engen mit Kopfstein gepflasterten Straßen schoben.

Das zweite Bataillon – bestehend aus der Dog-, der Easy- und der Fox-Kompanie – hatte sich über die Seitenstraßen verteilt um ihr Lager aufzuschlagen. Viel Zeit blieb den Männern nicht sich auszuruhen und etwas zu essen bevor es weiter Richtung Süden ging. Aber eine warme Mahlzeit und ein bisschen Schlaf hatten schon so manchem Soldatenherz und dessen Besitzer neue Kraft verliehen.

Winters war todmüde. Seine Finger waren dick und geschwollen, die Muskeln in den Oberschenkeln brannten vom vielen Sprinten und in seinem Rücken machte sich ein fieses Ziehen bemerkbar. Die letzten zwanzig Stunden steckten ihm tief in den Knochen.

Noch vor Sonnenaufgang war er mit seinem Fallschirm unter starkem Beschuss aus einem Flugzeug gesprungen und in einer unvorstellbaren Kriegsszenerie wie durch ein Wunder heil zu Boden gesegelt. Was sich danach ereignet hatte, war Schlag auf Schlag gegangen.

Zuerst war Winters auf den Fallschirmjäger John Hall aus der Able-Kompanie gestoßen. Was schon mal bewies, dass der Pilot das Signal zum Abspringen nicht bei den korrekten Koordinaten gegeben hatte, da Winters zur Easy-Kompanie gehörte.

Später hatten sich einige vertraute Gesichter aus der Easy dazu gesellt. Auch sie waren in dem heillosen Chaos nicht dort abgesprungen, wo sie sollte. Immer größer war die Gruppe um Winters geworden und gemeinsam hatten sie sich ihren Weg durch die ungewisse und von Feuer und Licht erhellte Nacht gebahnt.

Nach dem Überfall auf eine Pferdekutsche mit deutschen Soldaten, bei dem sie dringend benötigte Waffen erbeuteten, war die Gruppe bis zum Morgengrauen marschiert. Sie waren mehr als sieben Kilometer von ihrem ursprünglichen Zielort entfernt gelandet und Winters guter Orientierungssinn erwies sich als überaus hilfreich um wieder auf Kurs zu kommen.

Bevor sie am späten Vormittag in einer winzigen Ortschaft auf weitere Teile des zweiten Bataillons getroffen waren, hatten sie noch ein kleines Gehöft abseits der Straße durchquert. Ein toter Fallschirmjäger, der mit seinem Fallschirm wie eine Marionette an Fäden im Baum hing und einige von Artilleriegeschossen getroffen Rinder, die aufgeplatzt und stinkend in der Sonne lagen – waren die einzigen Dinge, die Winters klar und deutlich in Erinnerung blieben.

Im sporadisch eingerichteten Hauptquartier am Sammelort hatte hektische Betriebsamkeit geherrscht. Noch immer war der Kompaniechef der Easy, Lieutenant Meehan, als vermisst gemeldet und wie es die Regeln in einem solchen Fall vorschrieben, rückte Winters als dienstältester Zugführer nach. Ohne zu zögern hatte er seine nächsten Befehle entgegengenommen.

Ihm war die Aufgabe zugeteilt worden mit der stark unterbesetzten Easy-Kompanie eine Batterie deutscher Artilleriegeschütze auszuräumen, die fortwährend auf die Landungstruppen am Strand von Utah Beach feuerten. Mit gerade einmal 12 Männern – darunter auch John Hall – war Winters am Mittag ausgerückt um die gut geschützt Stellung zu eliminieren. Die kleine Gruppe hatte Erfolg gehabt, wenn auch mit einem Verwundeten und einem Toten.

Zurück im Hauptquartier war Winters seinen Bericht und seine Einschätzungen mit dem Bataillonskommandeur durchgegangen. Dieser war sehr zufrieden mit ihm gewesen.

Ihr Einsatz hatte sich gelohnt, denn bereits am Nachmittag waren auf der Hauptstraße des Ortes die Panzer und Versorgungsfahrzeuge aus der Landezone am laufenden Band vorbei gerollt. Und wie der Zufall es so wollte, war Winters in genau jenem Moment auf die Straße getreten als sein Freund Lewis Nixon auf einem der Panzer vorbei kam. Er war aufgesprungen und mit Nix bis in den frühen Abend weiter ins Landesinnere gefahren.

Und nun war er hier, in Sainte-Marie-du-Mont.

Winters war noch immer nicht dazu gekommen sich den Dreck aus dem Gesicht zu waschen, geschweige denn etwas zu essen oder sich sonst irgendwie um sich selbst zu kümmern.

Vor nicht mal fünf Minuten war er noch bei seinem Zug gewesen, hatte sich nach dem Befinden seiner Männer erkundigt und ihnen eine gute Nacht gewünscht. Die Jungs hatten es doch tatsächlich fertiggebracht auf der Ladefläche ihres Lasters ein Feuer zu machen, den Inhalt mehrerer Rationsdosen in einem Munitionsbehälter zusammenzukippen und das Ganze zu erhitzen.

Es hatte unter der Plane des Lasters so abscheulich gestunken, dass Winters nicht eine Sekunde daran gedacht hatte sich dazu zu gesellen. Seine Männer waren wohlauf und mit dieser Gewissheit konnte er sie beruhigt sich selbst überlassen.

Jetzt, wo er zum ersten Mal seit seinem Absprung tatsächlich durchatmen konnte, wurde Winters bewusst, wie erschöpft er eigentlich war. Ein saures Magenknurren, das seine Speiseröhre hoch kroch, erinnerte ihn daran, dass er mit Ausnahme von einem Stück Schokolade und zwei trockenen Crackern in den vergangenen zwanzig Stunden nichts Nahrhaftes zu sich genommen hatte. Zu wenig getrunken hatte er vermutlich auch, selbst wenn seine beiden Feldflaschen leer waren. Dehydration wäre eine plausible Erklärung für den dumpfen Schmerz in deinem Hinterkopf, dachte Winters und schlenderte weiter planlos durch die Gassen.

Er ging einfach nur des Gehens wegen, denn trotz seiner Übermüdung war er immer noch viel zu wach um sich irgendwo niederzulassen und wirklich eine Pause zu machen. Außerdem ersparte ihm das Umherstreunen, dass ihn irgendjemand bei seinem lächerlichen Versuch beobachtete eine Dose mit Büchsenfleisch zu öffnen. Wie zum Teufel noch mal bekam man diese Dinger auf?

Im Grunde wusste Winters wie es ging, aber seine geschwollenen Finger, die sich taub und unbeweglich anfühlten, wollten ihm motorisch einfach nicht mehr gehorchen. Verfluchtes Ding!

„Hey, Dick!“, rief eine Stimme hinter ihm.

Winters drehte sich überrascht um. Es war Nixon. Auch er schien noch nicht dazu gekommen zu sein sich den Dreck und die Erde aus dem Gesicht zu waschen. Allerdings wirkte die verschmierte Tarnung in der Kombination mit seinen schwarzen Haaren und den dunklen Bartstoppeln irgendwie natürlich.

„Darf ich?“, fragte Nixon, der Dicks Problem mit einem Blick begriff und ihm freundlich die Hand entgegenstreckte.

Kommentarlos reichte Winters die Dose an seinen Freund und setzte mit ihm an der Seite seinen unbestimmten Weg fort.

So kannte Nixon seinen Freund; verkopft, mit kaum einer erkennbaren Regung im Gesicht und ohne ein Wort zu viel auf den Lippen. Es hatte ihn einigen Zeit gekostet, aber irgendwann hatte er angefangen auch aus diesem nicht vorhandenen Mienenspiel etwas über Dicks Gemütszustand herauszulesen. Der Mann war wie ein Puzzle, dessen Teile man nur anhand der unterschiedlich geformten Kanten zusammensetzen konnte, denn ein Motiv, an dem man sich hätte orientieren können, gab es nicht!

In den vergangenen drei Jahren war Nixon recht gut darin geworden „blind“ zu puzzeln. Und dass Dick nicht mal mehr eine Dose aufbekam, zeigte ihm, dass sein Freund wirklich erholungsbedürftig war. Vielleicht konnte er einen Teil zu Dicks Entspannung beitragen, wenn er einfach ein Stück mit ihm ging und sich dabei mit ihm unterhielt.

„Ich hab’ dich heute auf der Fahrt gar nicht danach gefragt“, begann Nixon locker und machte sich zeitgleich an der Dose zu schaffen, „Wie war dein D-Day?“

Wäre Winters nicht Winters gewesen, dann wäre ihm wohl bei dieser laxen Fragen ein zynisches Schnauben entwichen. Doch nahezu jeder Art von emotionaler Regung war es vorbehalten irgendwo in seinem Inneren zu verhallen, anstatt nach außen zu dringen. Nichtsdestotrotz tat es ihm gut, dass Nix diese Frage stellte als wäre sie etwas vollkommen harmloses, wie die Frage ob er gut geschlafen hatte oder ihm das Essen schmeckte. Mit etwas Verzögerung antwortete Winters: „Ich hab heute einen meiner Männer verloren.“

„Oh.“, kommentierte Nixon. Seine Betroffenheit war echt. „War das beim Angriff auf die deutsche Geschützbatterie?“, fragte er weiter und hatte die Dose so gut wie offen.

Winters nickte.

„Das tut mir leid.“, entgegnete Nixon, „Wie hieß der Pechvogel denn?“

„Hall.“, antwortete Winters, „John Hall. Er war Funker bei der Abel-Kompanie.“

Und wieder ein auffällig geformtes Puzzleteil, dachte Nixon. Dick Worte zu entlocken, war praktisch unmöglich. Zeigte man aber Geduld – sehr viel Geduld – dann kam es vor, dass er von ganz allein zu reden anfing.

„Hier, bitte.“, sagt Nixon und gab Dick die geöffnete Dose zurück.

Winters nahm sie ihm ab, machte aber keine Anstalten seinen Löffel herauszukramen und etwas zu essen. Stattdessen öffnete er den Mund um etwas zu sagen, doch herauskam nur ein Seufzen, das seine Lippen wieder verschloss.

Warum Hall? Warum nicht einer der Männer aus der Easy-Kompanie? Gab es dafür einen Grund? Hatte er eine falsche Entscheidung getroffen den jungen Soldaten mitzunehmen? Wenn er ihn nicht mitgenommen hätte, hätte es dann jemand anderen erwischt?

Durch Winters’ Kopf rauschten Sätze im Konjunktiv. Hätte… Sollte… Könnte…

Nixon sah ihm an, dass er mit seinen Gedanken weit weg war und mit sich und dem Tod von Hall haderte. Leise sprach er Winters an um ihn aus seiner Trance zu wecken: „Dick?“

Keine Reaktion.

„Hey Dick.“, wiederholte Nixon lauter.

Schließlich reagierte Winters darauf, dass jemand seinen Namen sagte. Er blieb stehen und warf der betreffenden Person einen Seitenblick zu.

„Willst Du gar nichts essen?“, fragte Nix mit leicht besorgtem Unterton.

Winters schüttelte den Kopf, ihm war die Lust aufs Essen vergangen. Ohne einen Kommentar hielt er seinem Freund das Büchsenfleisch hin.

Einem Reflex folgend griff Nixon zu, fragte sich aber im selben Moment was er eigentlich damit sollte und warf die Dose kurzerhand achtlos über die Schulter.

Winters war inzwischen weitergegangen.

„Hey Dick!“, rief Nixon und eilte ihm nach. Es war der Punkt an dem seine Geduld am Ende war. Er konnte warten, dass konnte er wirklich. Aber was er nicht konnte, war seinem besten Freund dabei zusehen, wie der seinen Kummer stillschweigend in sich hineinfraß.

Entschieden packte Nixon Winters am Arm und drehte ihn zu sich herum. „Nun hör mir mal zu“, sagte er straff und schaute Dick ermahnend an, „der Tod von Hall geht nicht auf deine Kappe. Er mag zwar deinem Kommando unterstanden haben, aber Du bist es nicht gewesen, der ihn getötet hat. Wenn Du also unbedingt deswegen in Selbstmitleid baden willst, dann bitte. Aber vorher solltest Du wenigstens ’was essen und trinken, verstanden?“

Winters schien die Gleichgültigkeit in Person zu sein. Ohne eine Spur von Abwehr oder Verteidigung in der Stimme fragte er: „Hast Du schon mal den Tod eines Kameraden zu verantworten gehabt?“

„Natürlich nicht!“, fuhr Nixon auf, „Ich bin –“

„Nachrichtenoffizier“, vollendete Winters den Satz, „sehr richtig. Also schreib mir gefälligst nicht vor, wie ich damit umzugehen habe!“ Bei den letzten Worten war seine Stimme doch ein wenig lauter geworden. Es hatte gereicht um Nixon für einen Moment sprachlos zu machen und Winters nutzte die Gelegenheit ein paar seiner Gedanken loszuwerden, auf denen er schon seit Stunden rumkaute.

„Während der Ausbildung in England“, begann er und fand schnell zu seinem gewohnten Ton zurück, „da haben wir das tausendmal durchgespielt. Die Gruppe mit den roten Armbinden gegen die mit den blauen. Taktisches Fortbewegen, Gefechtsaufstellung, alles haben wir trainiert, wieder und wieder. Bis irgendwann der Major die Übung unterbrochen hat und drei Soldaten als Verwundete aus dem Spiel genommen hat. Aber genau diese drei Männer waren am nächsten Tag wieder vollkommen unversehrt dabei.“

Winters fühlte wie seine steigende Frustration und Unzufriedenheit von innen gegen seine bröckelige Fassade drückte. Es fehlte ihm an so vielen Kleinigkeiten – er hatte Hunger, er hatte Durst, sein ganzer Körper tat ihm weh, er war unfähig gewesen eine verfluchte Dose aufzubekommen, quälte sich mit Selbstvorwürfen und dann war da auch noch Nix, der den Finger genau in die Wunde legte – Winters fiel es unsagbar schwer die Kontrolle zu behalten. Und so entlud sich seine angestaute Wut in einem weiteren Schwall von Worten, die er lauter aussprach als er es beabsichtigt hatte: „Das hier ist kein Spiel, Nix. Das hier ist echt! Und die Toten treten auch nicht in der nächsten Runde wieder an.“

Boom!, dachte Nixon und stellte sich in seinem Kopf ein Explosionsgeräusch vor. So klang das, wenn ein unterzuckerter und restlos übermüdeter Richard Winters aus der Haut fuhr. Es passierte so selten, dass es ihm jedes Mal aufs Neue einen Schauer über den Rücken jagte. Gleichzeitig brachte es ihn innerlich zum Schmunzeln, war es doch die Bestätigung dafür, dass unter Winters’ harter Schale ein weicher, verletzlicher Kern schlummerte.

Nun lag es an Nixon Schadensbegrenzung zu betreiben und alles wieder in geordnete Bahnen zu lenken – oder zumindest das meiste. „Mein Kommentar war dumm, bitte entschuldige.“, sagte er ruhig und suchte mit seinen warmen, braunen Augen die von Dick.

Wow, ging es Winters durch den Kopf, dieser beruhigende Blick. Sein Freund konnte auf eine Art und Weise schauen, die selbst dem treuesten Hund Konkurrenz machte. Von einer Sekunde auf die nächste fühlte er sich besser. „Is’ schon gut.“, nahm Winters die Entschuldigung an und wurde wieder selbstkritisch, „Ich zerbrech’ mir zu viel den Kopf darüber.“

Er wusste, dass Nixon im Grunde recht hatte, sich mit dem Tod von Hall zu belasten, half ihm nicht weiter. Weiterzumachen ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben, erschien ihm aber auch nicht als das Richtige. Es war ein echtes Dilemma und Winters war dankbar dafür seinen Freund jetzt bei sich zu haben. Mit dem Wunsch Nixons wohltuende Gesellschaft noch etwas länger zu genießen, fragte er: „Gehst Du noch ein Stück mit mir?“

Mit einem versöhnlichen Gesichtsausdruck stimmte Nixon zu.

Schweigend gingen die zwei Männer noch eine Weile nebeneinander her. Es war die Art von Konversation, die Winters am liebsten hatte. Nixon an seiner Seite zu haben, glich ihn aus. Seine Nähe war wie ein Katalysator für all die Dinge, die ihn bewegte und mit denen er haderte.

Nach einiger Zeit nahm Winters den Faden noch einmal auf. „Ich hätte wirklich nicht erwartet“, sagte er nachdenklich, „dass es so schwer ist, den ersten toten Soldaten unter’m eigenen Kommando zu vergessen.“

Nixons Antwort war nicht mehr ein verständnisvoller Blick. Er hatte es im Gefühl, dass Dick einfach nur reden wollte und dass er mit seiner Ausführung noch nicht am Ende war.

Seinen Gedanken freien Lauf lassend fuhr Winters fort: „Vor allem weiß ich nicht, was mich mehr ängstigen soll. Dass ich sein Gesicht vielleicht nie vergessen werde oder dass ihm noch weitere Gesichter folgen werden.“

Die Augenbrauen von Nixon wanderten nach oben, er blies die Backen auf und ließ die Luft wieder entweichen. „Schwierige Frage.“, sagte er anerkennend und nickte. Einem eingeschliffenen Bewegungsablauf folgend griff Nixon in die Jackentasche seiner Uniform, holte einen silbernen Flachmann hervor, schraubte die Flasche auf und genehmigte sich einen Schluck bevor er sie anschließend wieder an ihrem vertrauten Platz verstaute.

„Gibt es eigentlich Neuigkeiten von Lieutenant Meehan?“, fragte er interessiert und nicht zuletzt um von seiner Trinkgewohnheit abzulenken. Winters gab selten einen Kommentar dazu ab, aber wenn, dann kränkte es Nixon weit mehr als er bereit war zuzugeben. Sich alternativ nach dem Verbleib des Kompaniechefs der Easy zu erkundigen, erschien ihm nur vernünftig.  

Winters durchschaute das Ausweichmanöver sofort und konterte: „Das fragst ausgerechnet Du als Nachrichtenoffizier.“ Amüsiert schüttelt er den Kopf und vollendete seine Antwort: „Aber nein, ich habe nichts von ihm gehört.“

„Das heißt, Du bist jetzt Kommandant der Easy-Kompanie?“, schlussfolgerte Nixon.

„So sieht es wohl aus.“, gab Winters zurück. Er wollte dieses leidige Thema endlich beilegen. Seine Männer hatten ihn auch schon mehrfach nach Meehan gefragt. Es war anzunehmen, dass er den Absprung nicht überlebt hatte. Vom Zugführer zum Kompaniechef, so schnell konnte das gehen. Winters würde sich der Aufgabe stellen, selbstverständlich. Aber für den Moment wollte er nicht darüber nachdenken.

Geschickt lenkte er das Gespräch wieder in eine für ihn angenehme Richtung und stellte seinerseits die Frage mit der Nixon ihre Konversation eröffnet hatte. „Ich hab dich fast vergessen zu fragen“, begann Winters den zaghaften Anflug eines Schmunzeln um die Mundwinkel, „Wie war dein D-Day?“

In Nixons Gesicht war die Erheiterung über diesen gekonnten Schachzug deutlich offensichtlicher. Richard Winters konnte auch ein echter Rhetoriker sein. „Anstrengend.“, gab Nixon zurück und bemühte sich um einen erschöpften Tonfall.

„Du bist die halbe Stecke von Utah Beach auf einem Panzer mitgefahren.“, entgegnete Winters sachlich, „Was soll daran anstrengend sein?“

Aus Nixons Schmunzeln wurde ein herzliches Lächeln, was den anderen Mann kurzzeitig ansteckte.

Die beiden Offiziere hatten derweil ein natürliches Hindernis erreicht. Sie waren in eine Sackgasse gelaufen, an deren Ende ein schmaler Trampelpfad einen Erdwall hinauf führte. Ohne zu zögern, stracksten sie die steile Böschung hoch und fand sich auf einem schaurigen Aussichtspunkt wieder.

Vor ihnen erstreckte sich die brennende Normandie, die sich mit grellen Flammen gegen den schwarzen Nachthimmel abzeichnete. Wie kleine Glühwürmchen stiegen Salven der Flakgeschütze in den Himmel auf, Explosionen rollten als rote Feuerbälle über den Horizont und über allem lag das gewaltige Donnern der feindlichen Artillerie, vermischt mit dem hellen Rattern von Maschinengewehren. Seite an Seite standen sie dort, während das grauenhafte Schauspiel als leuchtende Schatten über ihre verdreckten Gesichter tanzte.

Nixon überkam bei diesem Anblick der Wunsch zu gehen. Der Krieg würde morgen auch noch da sein. Er legte seinem Freund zum Abschied die Hand auf die Schulter und gab ein hörbar erschöpftes Schnaufen von sich.

Winters wusste um die Bedeutung dieser Geste. Er fühlt ganz genau dasselbe. Ohne ein weiteres Wort ließ er seinen Freund ziehen.

Nixon hatte den abschüssigen Pfad bereits wieder betreten als er sich noch einmal umdrehte und zu Winters’ Rücken aufblickte. „Ich finde übrigens nicht, dass Du Hall vergessen solltest.“, rief er so laut, dass er sich sicher sein konnte, dass Dick in gehört hatte. „Sein einfach nur vernünftig.“, fuhr Nixon fort, „Und lass ihn los.“ Mit diesen Worten verließ er den Erdwall.

Winters blieb noch eine Weile auf dem Aussichtspunkt und hockte sich ins feuchte Gras. Nun war er wirklich bereit sich auszuruhen. Er hatte zwar immer noch nichts gegessen, aber seine Kopfschmerzen waren zurückgegangen; etwas, dass es ihm deutlich leichter machte zu entspannen.

Mit einem tiefen Seufzen lies Winters seine letzten Sorgen raus und erlaubte sich diesen besonderen Moment. Er schaute auf den feuerroten Horizont und lauschte dem gewitterartigen Grollen der Artilleriegeschosse in der Ferne. Etwas tief in seinem Inneren war dankbar, dass auch der längste Tag irgendwann einmal vorbei ging.

Winters schwor sich in dieser Nacht, dass er den Krieg überleben und sich eines Tages auf einem friedlichen Fleckchen Erde zur Ruhe setzen würde.


AN:
Das Original-Gespräch zwischen Winters und Nixon habe ich leider nicht als Video gefunden. Dafür die Szene, in der Winters seine Leute auf dem Lastwagen besucht und sich als Abstinenzler zum Trinken verleiten lässt. (Enthält keine Kampfszenen oder Kriegshandlungen!)
Video: Szene aus Part 2 „Day of Days“ (1:46 min)
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