Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
06.06.2020 1.957
 
Hinweise:
Länge: 1.732 Wörter
Canon: Nach Part 10 „Points“, (Post-Canon)
(Nixon und Winters fahren gemeinsam mit der »Wooster Victory« nach Hause.)
Timeline: 12. November 1945, vor dem Hafen von NYC, Vereinigte Staaten

Vorbemerkung:
So, meine lieben Freunde! Nun ist es also tatsächlich soweit und ich darf – oder muss? – euch das letzte Kapitel dieser Geschichte ankündigen. Nach genau 3 Jahren habe ich hier mein Ziel erreicht und zu Ende gebracht, was ich angefangen habe.

Was jetzt noch aussteht (außer dem letzten Kapitel) ist ein großer Dank an euch! Für eure Treue beim Lesen, eure Geduld, wenn ich mal Wochen und Monate mit dem Schreiben pausiert habe, und nicht zuletzt für eure tollen und motivierenden Reviews (>50!!), die vergebenen Sterne (12) und die Favoriten-Einträge (14)! Schön, dass ihr dabei wart, ich euch unterhalten konnte und wir uns so rege ausgetauscht haben.

Und jetzt, nehmt euch die Zeit, taucht noch einmal ein und genießt die finale Szene mit Lew & Dick.



Hast Du wirklich dieselbe Richtung?

Die erste Zigarette am Morgen schmeckte nach Vertrautheit, ebenso wie nach Abschied. Es war ein komisches Gefühl wieder auf See zu sein. Zu wissen, dass Europa und der Krieg nun hinter ihnen lagen und sie tatsächlich in wenigen Stunden im Hafen von New York City einlaufen würden; vorbei an der Freiheitsstatur, die sie damals auch bei ihrer Ausschiffung passiert hatte.

Einer inneren Routine folgend schnippte Nixon die Asche über Bord und sah gedankenverloren über das Wasser. Er stand an der Reling, weit vorne auf der Backbordseite, wo das Wummern der Schiffsmotoren und das Rauschen des Wassers kaum zu hören waren. Es war noch vor Sonnenaufgang und der Himmel war von einem schwer zu beschreibenden grau verhangen; nicht wirklich dunkel, nicht richtig hell.  

Vor acht Tagen waren sie an Bord der »Wooster Victory« gegangen; dem Schiff, das sie zurück in die Staaten bringen sollte. Zurück in das Leben, das er an manchen Tagen hässlicher fand als den Krieg. Da war seine Mutter, die im ewigen Ehestreit mit dem Vater lag. Ein Vater, der für nichts anderes Augen hatte als seine Firma. Und eine jüngere Schwester, die ähnlich wie er, zwischen den Stühlen saß, aber auf der anderen Seite.

Geld hatte nie eine Rolle gespielt. Es gab das große Anwesen der Nixons in New Jersey, das Sommerhaus in Kalifornien an der Westküste, das große Segelboot unten in Florida und noch ein halbes Dutzend anderer Domizile, die der Familie gehörten. Was es nicht gab, waren Herzlichkeit, Zuneigung und das Gefühl von Zusammenhalt.

All das waren Dinge, die Nixon – jedweder Widrigkeiten zum Trotz – im Krieg gefunden hatte. Dinge, die ihm seine Kameraden gezeigt hatten, aber auch Dick, in den er sich ungelogen bis über beide Ohren verliebt hatte. Und wären da nicht diese dunklen Schatten am Horizont gewesen, denen sie entgegen schipperten, dann hätte Nixon der Gedanke an seine große Liebe jetzt bestimmt zum Schmunzeln gebracht.

Stattdessen führte er seine Zigarette ein weiteres Mal zum Mund und schloss seine Lippen in einer schmalen Linie darum. Viel zu lange zerbrach er sich schon den Kopf darüber, ob Dick es wirklich mit ihm in New Jersey auf die Dauer aushalten würde. Was sie gehabt hatten, drüben in Österreich und Europa, die privaten Momente, die vielen geteilten Zärtlichkeiten und letzten Endes auch Küsse, würde schwer wiederzuerlangen sein.

Ein Doppelleben aufbauen und führen? Für ihn kein Problem, er war es gewohnt sich anders zu geben, Gefühle zu überspielen und Verletzlichkeit zu kaschieren. In einer gefühllosen Familie lernte man so was schnell. Aber ob Dick damit klarkommen würde, wenn er erst mal einen Job im Familienunternehmen hatte?

Mit einem rostigen Quietschen ging hinter Nixon das Schott zu den unteren Decks auf.

„Hier steckst Du also“, vernahm er eine Stimme in seinem Rücken und konnte nicht anders, als bei dem leicht entnervten Unterton zu schmunzeln. „Ich hab’ dich schon überall gesucht.“, fügte Winters hinzu, schloss das Schott und trat zu Nixon an die Reling.

„Und ich hab’ auf dich gewartet.“, antwortete Nixon schlagfertig, schnippte ein weiteres Mal die Asche über Bord und drehte sich zu Dick um. Das war er – der Mann den er liebte, mit dem er zusammen sein und den Rest seines Lebens verbringen wollte. Kein Zweifel.

„Hier?“, fragte Winters leicht verwundert und wies mit einer kurzen Geste aufs Wasser, „Hier draußen?“

Nixons Schmunzeln wurde für einen Moment breiter, bevor er zu einer sachlichen Lässigkeit wechselte. „Wo sonst sollte man sich auf der Jagd nach einem Sonnenanbeter auf die Lauer legen?“

„Hm“, machte Winters unbeeindruckt und blickte in den trüben Himmel auf, „das leuchtet natürlich ein.“ Als er kurz darauf wieder zu Lew schaute, sprangen viele kleine Fältchen um seine Augen. „Wenn’s dir hier draußen nicht zu sonnig ist?“, begann er ihn zu necken.

„Na.“, winkte Nixon ab und entledigte sich der aufgerauchten Zigarette, die spontan über Bord ging. „Es lässt sich aushalten.“

Winters antwortete mit einem schweigenden Lächeln, wie es lauter in Nixons Brust nicht hätte schlagen können.

Dann fielen sie in der Tat in ein einvernehmliches Schweigen und blickten gemeinsam über das Wasser und zum Horizont, der sich allmählich aufhellte. Schulter an Schulter standen sie an der Reling, die Unterarme auf dem taubedeckten Handlauf aufgestützt. Und Nixon hatte tatsächlich Mühe seine Hände bei sich zu behalten und nicht nach denen von Dick zu greifen.

Als prinzipientreuer Major, der er immer noch war, hatte er jeden auffälligen Kontakt an Bord untersagt. Eine Regelung, der Nixon sich nur widerwillig gebeugt hatte. Und so ganz, hatte er sich daran auch nicht halten können.

Natürlich hatte er Gelegenheiten gefunden oder geschaffen, in denen er Dick unauffällig berühren konnte. Sei es in der langen Schlange bei der Ausgabe des Essens oder im dichten Gedränge des bordeigenen Casinos. Das Schiff war voller Männer, die – wenn man es geschickt anstellte – ausreichend Sichtschutz für die ein oder andere Berührung boten.

Doch spürte Nixon dem Kribbeln in seinen Fingern nach, dann war das längst nicht genug. Er konnte es kaum erwarten, Dick das Gästehaus auf ihrem Anwesen zu zeigen und dort hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen endlich ungestört mit ihm zu sein. Es gab so verflucht vieles, was er mit Dick tun wollte, wenn sich nur endlich die Gelegenheit dazu bot.

Angestachelt von seinen Fantasien schielte Nixon hinüber zu Dick. Nur zu gerne hätte er gewusst, was im Kopf dieses Mannes vor sich ging.


Das Gesicht in den eisigen Novemberwind haltend, starrte Winters hinaus auf das Wasser und hing seinen Gedanken nach. Für ihn war das Gefühl den Krieg hinter sich zu haben, immer noch nicht real. Und er wusste ganz genau, dass er wie alle anderen mehr daraus mitnahm, als Abzeichen, Orden und seinen militärischen Rang.

Da waren tiefe Freundschaften gewachsen. Verbindungen, die größtes Leid zu lindern vermochten, im Angesicht von Todesgefahr zu scherzen wussten und die nicht einfach aufbrechen würde, nur weil sie wieder in der Heimat waren.

Was ihn im Speziellen betraf, war da auch Liebe gewachsen. Die Liebe für einen anderen Mann, wie er es sich nie vorgestellt hatte. Ebenso wenig konnte er sich vorstellen, diesen Sachverhalt seiner Familie zu erklären. Was bedeutete, dass Lew – wenn er eines Tages auf Dicks Eltern treffen würde – nicht mehr sein würde, als ein guter Kamerad und Freund.

Dass Lew für ihn viel mehr war, hatte Winters ihm schon unzählige Male gesagt und auch gezeigt. Zuletzt kurz bevor sie auf das Schiff gegangen war, und er sich in einem sicheren Hotelzimmer mit einem langen und fieberhaften Kuss von ihm verabschiedet hatte. Nicht auszudenken, dass sie das für die nächsten acht Tage unterlassen mussten.

Jetzt waren sie fast da, würden in weniger als zwei Stunden in New York City einlaufen und hätten zum ersten Mal nach über drei Jahren wieder ihre Heimat vor Augen. Für Winters war es in der Tat seine Heimat, die ihn erwartete. Bei Lew hingegen, war er sich nicht so sicher.

Eine unbestimmte Zeit war verstrichen, als Winters ihr Gespräch wieder aufnahm. „Und“, begann er vorsichtig, „freust Du dich wieder nach Hause zu kommen?“

Ohne seinen Blick vom Wasser zu lösen, erwiderte Nixon: „Ehrlich Antwort?“

„Immer.“

„Ich freu mich, dass Du dabei bist.“

Es bedurfte eines feinen Gehörs, um die Betonung von Dicks Person herauszuhören, ebenso wie die Tatsache, dass es eine ausweichende Antwort war. Entsprechend gab sich Winters nicht mit Lews Aussage zufrieden und studierte sein Gesicht mit jenem Blick, von dem er wusste, dass Lew ihm nachgeben würde.

„Okay, schön!“, protestierte Nixon, der den bohrenden Blick von Dick nach kürzester Zeit nicht mehr ertrug. „Ich freu mich, dass Du dabei bist, aber nicht auf die Stadt Nixon in New Jersey.“ Beleidigt schob er nach: „Die geht mir am Arsch vorbei.“

Winters kniff für einen Moment die Augen zusammen. Er mochte es überhaupt nicht, wenn Lew so derbe fluchte und wünschte sich dann immer die Ohren schließen zu können. Zumal er ihn in diesem Fall nicht verstand. Was war so schlimm daran, die Menschen wiederzutreffen, die man liebte; die Familie, zu der man – wenn überhaupt – über lange Zeit nur per Brief Kontakt gehabt hatte?  

Mit mahlenden Kiefern und starr auf den Horizont gerichteten Blick, stellte Nixon fest, dass er Dick eine Erklärung schuldig war. Wenn er es ihm jetzt nicht sagte, dann würde es vielleicht keine weitere Chance geben. Entschlossen es über die Lippen zu bringen, aber auf der Suche nach den richtigen Worten noch unentschlossen, fing Nixon an: „Weißt Du, Dick... mein Zuhause... Also der Ort, von dem ich komme, wo ich aufgewachsen bin, der...“

Nixon stockte, wohl wissend, dass er Dicks ungeteilte Aufmerksamkeit und Geduld auf seiner Seite hatte. Ermutigt fuhr er fort: „Es ist nicht so wie dein Zuhause. Jedenfalls nicht, wenn all das stimmt, was Du mir über deine Kindheit und Jugend erzählt hast.“

„Du musst dich deines Zuhauses nicht schämen.“, hakte Winters beruhigend ein. „Ich nehme es so, wie es kommt.“

Nixon schüttelte den Kopf. „Dass meine ich nicht, Dick.“, entgegnete er und rang mit sich, seine größte Sorge – die einzig wirklich große Sorge, die er seit dem Kriegsende hatte – laut auszusprechen. „Es geht darum, dass meine Familie dich vermutlich nicht mögen wird und–“ Jetzt oder nie, flüsterte sich Nixon zu und sprang ins kalte Wasser: „Dass Du mich dann auch irgendwann nicht mehr mögen wirst.“

Mit diesen offenen Worten und dem kurzen Gedanken, sich bei der falschen Antwort über Bord zu stürzen, löste Nixon seinen Blick vom Horizont und sah zu Dick; die tiefschürfende Angst in jedem seiner Gesichtszüge lesbar.

„Luh...“, seufzte Winters und seine Miene schmolz augenblicklich zu einem weichen Ausdruck von Fürsorge und Güte; jenen Dingen, von denen er genau wusste, dass Lew sie in seinen schwachen Momenten am meisten brauchte. „Das wird nicht passieren. Ich habe mich für diesen Weg entschieden und ich werde ihn auch gehen. Mit dir. Egal was sich uns in den Weg stellt.“

Die Worte zeigten Wirkung. Dennoch räumte sie nicht alle Zweifel aus und so vergewisserte sich Nixon: „Wirklich?“

„Wirklich.“, bestätigte Winters.

Jetzt tauchten ein vertrautes Schmunzeln ins Lews Gesicht auf und Winters konnte nicht anders, als es zu erwidern. Er würde wirklich alles tun, um die Beziehung mit Lew fortzuführen. Zufrieden und glücklich wandte er sich wieder dem Wasser zu.

Es war gerade wieder angenehm ruhig zwischen ihnen geworden, als Lews Stimme die Stille erneut unterbrach. „Und Du hast wirklich dieselbe Richtung wie ich?“, wollte er wissen.

Winters lächelte und die ersten durchbrechenden Strahlen der aufgehenden Morgensonne brachten seine Sommersprossen zum Glitzern. Dann ergriff er Lews Hand und sagte voller Zuversicht: „Wo immer Du mich hinführst.“


♦  Ende  ♦
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A.N.
Und für alle, bei denen jetzt eine Abschiedsträne rollte – hier – gibt es noch einmal eine kleine Zugabe. Nicht aus meiner Feder, aber von mir übersetzt. Eine wunderbar explizite Slash-Szene mit Winters und Nixon, wie sie sich in dieser Geschichte sicherlich einige von euch gewünscht haben. ;-)
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