Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
31.08.2019 2.318
 
Hinweise:
Länge: 2.214 Wörter
Canon: Inspiriert von Part 10 „Points“, Minute 03:01
(Winters will im See baden gehen. Nixon fängt ihn ab und sie sprechen über ihre Zukunft.)
Timeline: 02. Juli 1945, Zell am See, Österreich

Vorbemerkung:
Um diesem Kapitel folgen zu können, ist es hilfreich, sich zuerst das verlinkte Video anzusehen. Gezeigt wird ein – wie ich finde – sehr schöner Dialog (auf Englisch) zwischen Winters und Nixon, der viel über ihre Beziehung aussagt und der mich zu diesem Kapitel inspiriert hat.

Video: Lewis Nixon und Dick Winters in Episode 10 (4:37 min)



Ich hasse Frühschwimmen!

Der Krieg war vorbei.

Irgendwie hielt Nixon diesen Satz immer noch für einen schlechten Witz. Gleichzeitig musste er zugeben, dass sie sich an einem Ort befanden, wo es sich gegenwärtig so anfühlte, als hätte es überhaupt niemals einen Krieg gegeben.

Es war absurd. Diese himmlische Idylle mit den Bergkämmen der österreichischen Alpen im Rücken und dem blau glitzernden See zu ihren Füßen und den federweichen Betten zum Schlafen. Hinter ihnen lagen düstere Wochen und Monate, in denen sie Dinge gesehen hatten, die wahrscheinlich selbst der literarisch talentierte Harvard-Boy ihrer Kompanie, David Webster, niemals in Worte zu fassen vermochte. Und doch, aller Widrigkeiten zum Trotz, waren sie jetzt hier. In Österreich. In Zell am See. Und der Krieg war vorbei.

Es war absurd. Und wie jedes Mal löste dieser Gedanke bei Nixon ein leises, amüsiertes Schnaufen aus und ließ ihn seinen Flachmann aus der Tasche ziehen, um sich einen Schluck zu genehmigen. Aber nur einen kleinen. Er wollte das mit dem Saufen endlich wieder unter Kontrolle bekommen, wusste jedoch, dass er nicht ganz darauf verzichten konnte, von Zeit zu Zeit, den Sprit und das Leben auf seiner Zunge zu schmecken.

Die Hände links und rechts auf die warmen Holzbohlen gestützt, saß Nixon am äußersten Ende des Steges und badete seine nackten Füße im kühlen Seewasser. Die Hosenbeine hatte er bis zu den Knien aufgekrempelt und seine aufgeschnürten Stiefel neben sich gestellt; die verschwitzten Socken tief hineingestopft.

Mit geschlossenen Augen reckte er sein Gesicht der Sonne entgegen und seufzte. War das Frieden? Am führen Morgen, auf dem sonnenbeschienen Steg eines Sees zu sitzen, den Blick übers glitzernde Wasser schweifen zu lassen und darauf zu warten, dass die Liebe des Lebens zu einem geschwommen kam?

Vermutlich, ja.

„Hey, Nix!“

Eine freundliche Stimme holte Nixon aus seinen Gedanken und ließ ihn zurück auf das Wasser schauen. In langen, eleganten Zügen schwamm Dick auf ihn zu. Er bewegte sich in dem kühlen Nass geschmeidig wie ein Delfin, als wäre dieses Element seine zweite Natur oder er darin geboren.

„Was-- machst Du-- so früh-- hier draußen?“, fragte Winters atemlos, als der den Steg erreichte und packte mit seinen triefnassen Händen nach dem Rand der Bohlen. Die kräftigen Unterarme auf das Holz gestützt, ging im nächsten Moment ein Ruck durch seinen muskulösen Körper und vom Rauschen des Wassers begleitet, stemmte sich Winters aus dem See.  

„Warten.“, antwortete Nixon einsilbig, ursprünglich um Dick zu triezen, aber in Wahrheit, weil ihm Dicks Anblick in selbiger Sekunde die Sprache raubte. Sein rotes Haar war feucht und so kurz getrimmt, dass es aufgrund der Nässe in alle Richtungen abstand. Milliarden kleiner Wassertropfen rannen seinen nahezu nackten Körper hinab. Und wo immer sie seine Sommersprossen kreuzten, wirkten sie wie kleine Brenngläser, die die zarten Sprenkel auf seiner Haut zum Leuchten brachten. Nixon war es absolut unmöglich seine Augen von diesem perfekten Körper zu nehmen.

„Worauf?“, wollte Winters wissen, als er sich neben Lew niedergelassen und sich das Handtuch, das er sich vor dem Schwimmen bereit gelegt hatte, um die Schulter geschwungen hatte.

Ein wenig enttäuscht seufzte Nixon und schaute hinüber zum Ufer des Sees. Er war wegen derselben Sache hier, wie vor einer Woche. Dick hatte ihm immer noch keine Antwort darauf gegeben, ob er das Jobangebot in der Firma von Nixons Familie annehmen und ihn nach New Jersey begleiten würden, wenn dieser lahme Apparat namens U.S. Army endlich mal den Hintern hoch bekam und sie offiziell aus dem Dienst entließ.

Doch diesen Gedanken behielt Nixon vorerst für sich und konterte Dicks Frage mit einem Kommentar, wofür er sich gewiss diesen tadelnden Blick von Dick einfangen würde, den er so sehr mochte. In absolut überzeugtem Ton sagte Nixon: „Ich warte auf General Taylor, der mir eine Ehrenmedaille überreicht und mir zu meinen Lotteriegewinn gratuliert.“

Schelmisch spähte er hinüber zu dem pitschnassen Rotschopf, und tatsächlich, da war er. Dieser Blick in Dicks Augen, für den Nixon auch noch die unsinnigsten Antworten aus dem Ärmel zaubert. Einfach nur, um zu sehen wie Dick sein ernstes Gesicht verlor und etwas ganz normales tat, wie zum Beispiel mit den Augen zu rollen.

Winters schenkte seinem Freund einen abschätzigen Blick und nach einem kurzen Moment unterbrach er den Augenkontakt, ein verräterisches Schmunzeln um seine Lippen.

Wieder wanderte Nixons Aufmerksamkeit vom Steg zum gegenüberliegenden Ufer. Es war genau jene Stelle, wo er Dick vergangene Woche das Angebot gemacht hatte. Das Angebot, für immer an seiner Seite zu bleiben und mit ihm den Rest seines Lebens zu verbringen. Gut, er hatte es anders und vor allem weniger offen formuliert, aber was er gemeint hatte, war ohne Zweifel bei Dick angekommen.

Leise gestand Nixon: „Ich habe auf dich gewartet.“

Winters konnte sehen, wie Lew verlegen den Blick senkte, etwas, was bei dem selbstbewussten Nachrichtenoffizier ganz und gar gewöhnlich war. Er schätzte diese kleinen Momente, in denen Lew es schaffte über seinen Schatten zu springen und etwas über seine Gefühle zu äußern.

Andererseits machte es Winters in diesem Fall auch leicht nervös. Er hatte eine Vorahnung worauf das hier hinauslaufen und welche Frage Lew ihm als nächstes stellen würde. Den unangenehmen Moment vor Augen, fasste Winters nach einem Zipfel seines Handtuchs und rubbelte sich eine Stelle hinter dem Ohr trocken. „Und weiter?“

Nixon schaute auf den Mann neben sich. Lange, muskulöse Beine hingen neben seinen im Wasser, auf den straffen Schenkeln ein weicher, zart rötlicher Flaum. Dann die dunkelblaue Badehose, mit dem kreischenden Adler, dem Abzeichen ihrer Division. Ein flacher, durchtrainierter Bauch, ein Oberkörper, der nicht leugnen konnte durch welche Hölle er gegangen war und eine breite Brust, überzogen mit dem gleichen kupferfarbenem Haar, wie seine Schenkel. Ob Dick sich seiner Schönheit auch nur im Ansatz bewusst war?

„Du… ähm…“, begann Nixon verlegen und ruderte mit seinen Füßen im Wasser, wie ein Kind, das sich schämte die Wahrheit zu sagen, „Du hast dich immer noch nicht entschieden. Wegen des Sache mit New Jersey.“

Also doch, dachte Winters und seufzte schwer.

„Nix…“, es war das erste Wort, das ihm einfiel und für einen langen Moment auch das letzte. Er wusste, dass Lew in dieser Sache nicht locker lassen würde, bis er sich entschieden hatte und dass es aus seiner Perspektive alles ganz einfach wirkte.

Für Winters steckte jedoch mehr dahinter. Nach New Jersey in eine belebte Großstadt ziehen, sein Zuhause, eine friedliche Kleinstadt in Pennsylvania verlassen und von seiner Familie und seinen Eltern viele hundert Meilen entfernt leben – wollte er das?

Klar, wollte er mit Lew zusammenbleiben. Aber auch um den Preis, alle Menschen, die er kannte zu belügen und ein verstecktes Leben hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen zu führen?

„Ich kann das nicht so einfach entscheiden. Ich–“

Frustriert fiel Nixon ihm ins Wort: „Aber es ist schon eine Woche her, dass ich dich gefragt habe!“

„Ich brauche mehr Zeit!“, widersetzte sich Winters und empfand den Druck, den Lew ihm machte als ungerecht. Er war es nicht, der vor der Aufgabe stand, sich zwischen seiner Liebe und seiner Familie zu entscheiden.

„Okay, okay.“, willigte Nixon ein und klang dabei weder überzeugt, noch ernst. In einer schnellen Bewegung hob er seinen linken Arm und fixierte den Sekundenzeiger seiner Armbanduhr. „Wie wäre es mit einer Minute, reicht das?“

Winters zog genervt die rechte Augenbraue Richtung Haaransatz. So unterhaltsam Lews Humor auch war, manchmal wünschte er sich, Lew hätte ein feineres Gespür dafür, wann das Maß voll war und es angebracht war sich zurückzuhalten. War es wirklich so schwer zu erkennen, dass ihm die Entscheidung nicht leicht fiel?

Der Sekundenzeiger machte eine Vierteldrehung, bevor Nixon den Arm wieder sinken ließ. Sein Spaß hatte nicht gezündet und da half es auch nicht, wenn er mit mehr Sarkasmus und Ironie nachtrat. Kränken wollte er Dick auf keinen Fall, ihm zu gestehen, dass er Angst hatte ohne ihn zu sein und dass er nicht alleine in sein altes Leben jenseits des großen Teiches zurückkehren wollte, entwickelte sich indes zu einer echten Herausforderung.

„Tut mir leid.“, sagte Nixon und diesmal klang seine Stimme ehrlich. „Ich…“, er überlegte kurz, „Ich mach mir einfach nur Gedanken.“

Die unerwartet weichen Worte ließen Winters aufhorchen. Er kannte Lew gut genug, um zu wissen, dass bei ihm hinter dem Wort »Gedanken« in Wahrheit »Sorgen« stecken. Wenn Lew sich sorgte, dann weil ihm etwas wirklich Kopfzerbrechen bereitete.  

Behutsam auf den Stimmungswechsel eingehend, fragte Winters: „Worüber?“

Durch Nixons Körper ging ein Stoßseufzer, den er nicht zurückhalten konnte. Er nahm die Hände vom Rand des Steges, stützte sie hinter sich auf und lehnte sich weit zurück. Eine offene Körperhaltung, zu einem offenen Geständnis. Vielleicht half das?

Den Blick hoffnungsvoll in den strahlend blauen Himmel gerichtet, rückte er mit der Wahrheit heraus, ungewiss, was sie für ihn bereit hielt. „Dass Du »Nein« sagst, weil ich es in den letzten Monaten verbockt habe.“

Sein Geständnis klang so furchtbar in seinen Ohren, dass Nixon es keine Sekunde unkommentiert stehen lassen konnte und sofort nachsetzte: „Dick, schau. Ich weiß, dass ich kein Heiliger bin und dass ich manchmal eine richtige Nervensäge sein kann, aber–“ Nixon brach ab und beendete den Satz nur in seinen Gedanken – ich will deine Nervensäge sein.

Mit aller Kraft riss er sich von der malerischen Landschaft los, suchte den Blick von Dick und erlag im gleichen Moment der Schönheit seiner grünen Augen, die ihm jedes weitere Wort aus dem Mund raubten.

Nun saß er fest; der Liebe seines Lebens gegenüber, kurz davor sein Herz zu verschenken und alles was er sah, waren Sanftmut und Freundlichkeit, die ihn sprachlos machten. Da war ein sanftes Lächeln auf Dicks Lippen, als freute er sich über die Worte, die Nixon nicht ausgesprochen hatte und da war ein freundlicher Blick in seinen Augen, als wollte er Nixon auf stumm Weise sagen, dass er all seine Gedanken und Gefühle teilte.

Seinen ganzen Mut zusammennehmend und nicht einen Millimeter von Dicks wunderschönen Augen abweichend, sagte Nixon: „Ich will nicht, dass es endet. Das mit uns.“

Das sanfte Schmunzeln in Dicks Gesicht schmolz zu einem Ausdruck, für den Nixon kein besseres Wort fand als Verliebtheit. Hatte sein kurzes Stoßgebet etwa gewirkt?

Es war Winters ein leichtes die Verwunderung aus Lews Gesicht zu lesen, aber ja, Lew verstand ihn ganz richtig. Er war verliebt. Und Lews ehrliche Worte hatten ihn in der Tat verzückt.

Winters rechnete es ihm hoch an, dass Lew, der die Wahrheit sonst gerne ein Stück zu seinen Gunsten verbog, keinen Hehl daraus machte, was seine Schwächen anbelangte. Er stand zu sich selbst und zu seinen Fehlern, und genau dafür liebte Winters ihn – für seine Authentizität.

Nichtsdestotrotz hatte Lew mit jedem Wort Recht, das er gesagt hatte. Er war eine echte Nervensäge und mit seinem Hang zum Alkohol und all den anderen Lastern, konnte man durchaus sagen, dass er auch kein Heiliger war. Aber war das ein Grund ihn nicht zu lieben? Sich nicht zu seinem Humor, seiner Mischung aus Albernheit und Ernsthaftigkeit, und vor allem zu seiner auffallend starken Körperlichkeit hingezogen zu fühlen?

Winters hatte es schon ein Dutzend Mal erfahren, Lew war ein sehr körperbetonter Mensch, jemand der gerne anfasste und berührte, mal zärtlich und verspielt und mal entschlossen und verlangend. Gerade die letzten Wochen hatten Winters gezeigt, wie ernst es Lew mit ihnen war.

Er hatte sich mehrfach bei ihm für Kleinigkeiten entschuldigt, hatte sein Trinken deutlich reduziert, ihn umschlichen wie eine Katze und wieder angefangen Kontakt zu ihm zu suchen. Sei es das Schulterklopfen zur Begrüßung, eine Hand an seinem unteren Rücken, in irgendeiner Menschenmenge, wo keiner es sehen konnte oder die festen und innigen Umarmungen, die sie wieder begonnen hatten in gestohlenen Momenten zu teilen.

All diese Gedanken zusammennehmend formulierte Winters seine Antwort: „Gib mir noch ein bisschen Zeit, Lew. Ich werd’ mich bald entscheiden.“

Nixon brach den Blickkontakt mit einen Nicken ab. Er hatte verstanden. Dick war nicht grundsätzlich gegen eine Beziehung mit ihm; nur konnte er leider nicht beschleunigen, was seine Zeit brauchte. Ein wenig betrübt ließ Nixon den Kopf hängen und schaute wieder runter auf seine nackten Füße, die im Wasser plantschten.

Neben sich nahm er wahr, wie Dick das Handtuch von seinen Schultern streifte und sich von seinem Platz erhob. Ein tiefes, naturverbundenes Durchatmen war zu hören und Nixon brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Dick sein Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegenstreckte.

„Wie sieht’s aus?“, fragte Winters, die Hände in die Hüften gestemmt, „Ich dreh’ noch ’ne Runde. Kommst Du mit?“

Verblüfft schaute Nixon auf. „Bist Du verrückt?“ In seinen Augen leuchtete tatsächlich ein Anflug von Unglaube. „Ich hasse Frühschwimmen!“

Winters konnte nicht anders als zu grinsen, er hatte Lew mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Den Erfolg seiner kleinen Stichelei voll auskostend, erklärte er: „Wenn ich gewusst hätte, dass Du »Ja« sagst, hätte ich dich nicht gefragt.“

Jetzt war Nixon wirklich baff. Damit hatte er nicht gerecht, dass der stets korrekte und anständige Major Winters ihm ein Fettnäpfchen vor die Nase schob, in das er auch noch prompt hineinlatschte.

Ein kraftvolles Klopfen auf seine rechte Schulter, beendete Nixons Schamgefühl und hinterließ gleichzeitig einen feuchten Handabdruck auf seinem Hemd.

„Wir sehen uns später.“, warf Dick ihm noch zu, bevor er mit einem gestreckten Kopfsprung elegant ins Wasser eintauchte.

Grinsend saß Nixon auf dem Steg und sah Delfin-Dick zu, wie er in langen Zügen hinaus auf den See schwamm. Oh ja, er liebte diesen Mann und er würde um diese Liebe kämpfen. Selbst wenn kämpfen in diesem Fall bedeutete, noch etwas Geduld zu beweisen.
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