Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
07.07.2019 3.807
 
Hinweise:
Länge: 3.599 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 9 „Why We Fight“, Minute 47:27
(Nixon und Winters haben ein ernstes Gespräch über den Holocaust.)
Timeline: 30. April 1945, die zweite Nacht in Buchloe, Bayern, Deutschland

Vorbemerkung:
Die erste Fassung dieses Kapitels habe ich Ende August 2017 geschrieben. Damals war ich in Wesenberg, Mecklenburg-Vorpommern, um mir die Gedenkstätte von Ravensbrück anzusehen. Ich bin heute der Meinung, dass mich meine Suche nach den Spuren des Holocaust stark beim Schreiben beeinflusst hat. Weshalb ich das Kapitel vor dem Posten auch kaum verändert habe.



Es ist nicht genug!

Winters saß an seinem Schreibtisch und quälte sich nun schon seit Stunden durch die Nacht und einen nicht enden wollenden Stapel aus Papieren. Nicht zu fassen, wie viele Berichte anzufertigen, wie viele Formulare auszufüllen und wie viele Meldungen zu machen waren. Eigentlich hatte er sich inzwischen an den Papierkram als Bataillonskommandeur gewöhnt, aber in diesem speziellen Fall – nun ja. Es war eine Sache Materiallisten zusammenzutragen, Personalbeurteilungen zu schreiben und Beförderungsempfehlungen durchzuwinken. Eine ganz andere Sache war es, das zu dokumentieren und festzuhalten, was sie heute in der Nähe von Landsberg entdeckt hatten.

Frank Perconte und die anderen waren während ihrer Patrouille darauf gestoßen und hatten ihren grausigen Fund sofort im Hauptquartier gemeldet. Als Winters vor dem mit meterhohem Stacheldraht eingezäunten Gelände aus dem Jeep gestiegen war, hatte er verstanden, warum Frank auf der Fahrt nicht hatte in klaren Sätzen beschreiben können, was sie nahe des Waldrandes entdeckt hatten.

Wie beschrieb man ein Lager, in dem hunderte von Menschen ausgehungert bis auf die Knochen eingesperrt und zum Sterben zurückgelassen worden waren? Vielleicht genau so, dachte Winters und hatte Schwierigkeiten, die viel zu klaren Bilder aus seinem Kopf zu bekommen. Aber nicht nur die Erinnerung an die misshandelten und abgemagerten Körper der Häftlinge plagte ihn. Es war vor allem der Gestank. Der Gestank nach Tod und Verderben, nach den verwesenden Leichen, die überall verstreut auf dem Weg gelegen und in den Maschen des Stacheldrahtzaunes gehangen hatten, den er nicht loswurde.

Er hatte es versucht, hatte sich am Abend mehrmals gewaschen und auch seine Kleidung gewechselt, aber der Geruch des Lagers haftete an ihm, als hätte er sich auf ewig in seine Haut eingebrannt. Er hatte gesehen, wie seine Männer nach ihrer Ankunft von den Häftlingen, die noch aus eigener Kraft gehen konnten, weinend umarmt und sogar auf die Wange geküsst worden waren. Andere die zu schwachen waren – und das waren erschreckend viele – hatten einfach auf dem Boden gesessen oder gelegen und voller Dankbarkeit zu ihren uniformierten Befreiern aufgesehen. Einige hatten sogar salutiert.

Gedankenvoll verfasste Winters eine weitere Notiz für seinen Bericht, den er im Morgengrauen beim Regimentsstab einreichen wollte, um weitere Hilfsgüter und besonders medizinische Versorgung bewilligt zu bekommen. An diesem Tag waren seine Männer wahrhaft Befreier gewesen. Die Befreier von einem der vielen Außenlager eines Konzentrationslagers.

Es erschien ihm als der beste Weg mit diesem unfassbaren Grauen fertig zu werden, sich immer wieder zu sagen, dass sie bis zum Äußersten gegangen waren, um so viele Leben wie möglich zu retten. Wasser, Essen, Decken, alles was sie in der Kürze von wenigen Stunden ranschaffen konnte, hatten sie den notleidenden Menschen zur Verfügung gestellt. Doch es war nicht genug gewesen. Und sie waren auch nicht die einzigen gewesen, die solch ein Lager entdeckt hatten. Überall über das deutsche Gebiet verteilt, hatten Einheiten der alliierten Streitkräfte in den letzten Tagen Lager wie dieses gefunden und überall waren die Not und das Leid der Menschen entsetzlich.

Winters war sich sicher, dass keiner seiner Männer heute oder in den nächsten Nächten leicht in den Schlaf finden würde – auch nicht er. Zu grausam, zu verstörend, zu schockierend waren die Erlebnisse aus Landsberg. Sich in seinem Quartier am Schreibtisch bis spät in die Nacht mit den Ereignissen zu befassen und zu versuchen Worte für all das zu finden, war seine persönliche Art das Erlebte zu verarbeiten.


Mit leicht zittriger Hand führte Nixon die Zigarette zum Mund und nahm einen tiefen Zug, sodass die Glut leise knisterte. Hochkonzentriert hockte der Nachrichtenoffizier im Schneidersitz auf seinem Bett, vor sich ausgebreitet eine große Karte des Deutschen Reichs. Mit aller Sorgfalt und Genauigkeit, die sein Job erforderte, hatte er sämtliche größeren Lager eingezeichnet, deren Existenz in den letzten zwölf Stunden bestätigt worden war. Das Ergebnis war erschreckend und verleitete ihn dazu ein weiteres Mal nervös an einer Zigarette zu ziehen.

Die mit Zigarettenstummeln gefüllte Teetasse auf dem Nachttisch zeugte davon, dass er schon eine ganze Weile hier saß und nicht aufhören konnte sich eine nach der anderen anzustecken. Er brauchte das schlicht zur Ablenkung. Eine Zigarette in der linken und seinem Stift in der rechten Hand, hatte Nixon das Gefühl beschäftigt zu sein und etwas Sinnvolles zu tun. Denn genau darum ging es ihm heute Nacht. Er wollte sich mit einer Aufgabe beschäftigen, die ihn davon abhielt, die schrecklichen Eindrücke aus diesem Lager zu nah an sich ranzulassen. Und er wollte gleichzeitig einen Teil dazu beitragen, das Elend dieser Menschen für andere sichtbar zu machen, damit es nicht als eine von den vielen schmutzigen Schweinereien im Krieg unter den Teppich gekehrt wurde.

Er hatte es bereits geahnt, als er zusammen mit Dick vor dem Tor des Lagers gestanden hatte und die Gerüchte, die seit kurzem die Drähte des Nachrichtendienstes heiß laufen ließen, als bewiesen ansehen musste – diese Sache war größer, viel größer, als sie alle gedacht hatten. Verdammt noch mal! Vor wenigen Tagen, hätte keiner von ihnen es für möglich gehalten, dass die Nazis in der Lage wären einen ganzen Teil der Menschheit systematisch auszurotten. Aber sie waren es. Und sie hatte es über Jahre hinweg mit einer mörderischen Präzision getan.

Normalerweise steigerte es Nixons Ehrgeiz, wenn er mit seinem Bauchgefühl richtig lag und den Plänen des Feindes auf die Schliche kam. In diesem Fall allerdings verursachte es eine heftige Übelkeit bei ihm. Hätte es geholfen, er hätte sich liebend gerne übergeben. Doch Nixon wusste, dass das nichts bringen würde, ebenso wenig, wie sich aufs Ohr zu legen und darauf zu hoffen, dass all das nur ein böser Alptraum war, aus dem er morgen erwachen würde.

Sicher, die vielen Kreuze und Kringel, die er in den vergangenen Stunden auf seine Karte gemalt hatte, waren ein Alptraum – aber ein verdammt realer! Das hier war kein Hirngespinst einer durchwälzten Nacht. Es war grausame Wirklichkeit. Und selbst wenn er es sich anders wünschte, für den Moment konnte er kaum mehr tun, als gewissenhafter Zeuge dieses Menschheitsverbrechens zu sein.

Wie konnten Menschen anderen Menschen nur so etwas antun? Sie zu hunderten in beengten, halb in die Erde gegrabenen, fensterlosen Baracken einsperren, sie zu harter Zwangsarbeit treiben, ihnen das Essen entziehen und sie dabei demütigen und foltern? Für Nixon gab es nur eine plausible Erklärung dafür. Die im Lager eingesperrten Menschen, waren in den Augen der Nazis keine Menschen.

Jetzt mit Rachegelüsten und bis an die Zähne bewaffnet loszuziehen und dem Lagerpersonal hinterher zu jagen, war eine natürliche Reaktion; jedoch keinesfalls die richtige. Nixon wusste das. Er war lange genug als Nachrichtenoffizier beim Militär, um die Verwüstung einschätzen zu können, die von solch impulsiven Gegenschlägen ausging. Und was das offizielle Protokoll der Army betraf, so konnte er sich nicht vorstellen, dass es dort einen schlüssigen Eintrag gab, wie sich ein Soldat beim Aufdecken eines Völkermordes zu verhalten hatte. Insofern hegte er doch ein gewisses Verständnis für jene Männer, die sich ihre Pistole schnappen und den Aufsehern aus den Lagern, die nicht geflüchtet waren, einen freundlichen Besuch abstatteten.

Beim Gedanken daran überkam Nixon erneut der Durst, vermischt mit dem Bedürfnis seine starken Gefühle mit Alkohol zu betäuben. Er griff nach seiner Whiskeyflasche, die neben der noblen Teetasse aus teurem Porzellan stand und wunderte sich. Schon komisch, wie nah diese beiden Welten beieinander lagen. Sie hockten hier mit dem Bataillon in einem gutbürgerlichen Städtchen und hatten diverse Häuser in Beschlag genommen, während wenige Kilometer weiter, Menschen auf grausamste Weise zu Tode kamen. Und dann sagten die Einwohner auch noch, sie hätten nichts von alledem gewusst!

Nixon leerte, was noch in der Flasche war, in einem Zug.


Es überraschte Nixon, als er das Zimmer am Ende des Flures erreichte, dass dessen Tür offen stand. Ohne dass es seine Absicht gewesen war, hatte er sich angeschlichen. Er ließ einen langen Moment verstreichen, unentschlossen, wie er sich bemerkbar machen sollte und starrte einfach nur auf Dicks Rücken, der vollkommen in seine Arbeit vertieft an seinem Schreibtisch saß und etwas schrieb. Dann klopfte Nixon sachte mit dem Knöchel seines Zeigefingers gegen den Türrahmen.

Ein wenig zu schnell, um nicht erschrocken zu wirken, drehte Winters sich zur Tür.

„Hey, Dick.“

Sofort legte sich eine gewisse Erleichterung über Winters’ Schreck. Es war Nixon. Seine Stimme klang ungewöhnlich gedämpft, als er fragte: „Darf ich reinkommen?“

„Sicher.“, entgegnete Winters und versuchte es mit einem munteren Lächeln, das ihm zu dieser späten Stunde misslang.

Nixon trat ein, ohne Dick eines weiteren Blickes zu würdigen. Sein Ziel war die Anrichte, auf der eine Flaschensammlung verschiedenster alkoholischer Getränke stand.

Mit aufmerksamem Blick verfolgte Winters, wie Lew sich wortlos durch die Flaschen wühlte, eine nach der anderen in die Hand nahm, das Etikett überflog, dann den Korken rauszog und neugierig an der Flaschenöffnung schnüffelte. Sein Freund sah schlecht aus, so schlecht wie alle Männer nach diesem Tag. Während Winters selbst immer mit gestraffter Haltung ging, um den Männern ein Vorbild zu sein, war Lew derjenige, der aufrecht ging, weil es Teil seiner lebhaften Natur war.

Doch heute hatte der Gang von Lewis nichts Aufrechtes, nichts Lebhaftes. Nichts, das von Zuversicht und Stärke oder gar von Optimismus und seinem unverwechselbaren Humor zeugte. Lew war völlig fertig und er gab sich keine Mühe das zu kaschieren.

Nixon hatte derweil eine weitere Flasche in die Hand genommen und den Korken gezogen. Das Etikett, dessen Aufschrift er in Deutsch nicht lesen konnte, hatte vielversprechend ausgesehen. Als er daran schnupperte, rümpfte er angewidert die Nase. Igitt, süßer Portwein. Gab es in diesem deutschen Haus nichts Härteres?

Er versuchte sein Glück mit einer anderen Flasche. Dabei entging ihm nicht, dass Dick – seinen Stift nervös in den Fingern drehend – ihn vom Schreibtisch aus beobachtet. Dass er hier hergekommen war, um sich neuen Stoff zu besorgen, war die eine Wahrheit. Dass er es nicht länger aushielt allein zu sein, die andere. Er suchte Nähe. Und Gott verflucht, er suchte die Nähe von Dick!

Dabei ging es nicht nur um räumliche Nähe. Nixon hatte vor allem ein großes Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Er und Dick waren sich in den letzten Monaten oft genug unter vier Augen begegnet, um endlich damit aufzuhören, zu leugnen, dass sie Halt an einander fanden und tiefe Gefühle für den anderen hegten.

Für Nixon war die Sache schon seit einer Weile klar – weder Alkohol, noch Zigaretten würden je dieselbe Wirkung auf ihn haben, wie eine Umarmung mit Dick. Nur leider schien der, in seiner steifen Sitzposition auf dem Schreibtischstuhl, dieses Bedürfnis ganz und gar nicht zu teilen. Wenn dieser sture Kerl also nicht gleich zumindest ein Gespräch mit ihm anfing, um diese fürchterliche Stille zu durchbrechen, würde Nixon die Scheißwände hochlaufen!

Winters bekam den Eindruck, dass sein durchdringender Blick unwillkommen war und wandte sich wieder den Papiere auf seinem Schreibtisch zu. Den Deckel einer schmalen Mappe lüftend, blätterte er durch die ersten Seiten, um sich wieder an den Namen ihres nächsten Zielortes zu erinnern.

„Wir...“, begann er zögernd, „Wir brechen morgen früh wieder auf. Es geht nach... äh... Thalem.“

Im ersten Moment glaubte Nixon sich verhört zu haben. Wie bitte? Sie saßen hier mit in der Scheiße, waren mit einem der schwersten Kriegsverbrechen aller Zeiten konfrontiert und alles was dem feinen Herrn Bataillonskommandeur dazu einfiel, war ihr nächster Zielort? Hatte Dick noch alle Tassen im Schrank?

Geflissentlich ignorierte Nixon die Worte und trieb sein Spiel mit den Flaschen weiter. Endlich fand er etwas, was seiner feinen Nasen genügte und das zu Probieren es sich lohnte. Ohne zu zögern setzte er die Flasche, die noch etwa zu einem Drittel gefüllt war, an die Lippen und legte den Kopf in den Nacken. Brandy hatte ihm noch nie besonders gemundet, aber im Vergleich zu Portwein, Cognac und den anderen vorhandenen Spirituosen war es die beste Alternative.

Lew trinken zu sehen, bereitete Winters nur halb so viel Kummer, wie der Gesichtsausdruck den er dabei hatte; die Augen zusammengekniffen und Stirn in tiefe Falten gelegt. Es war ein trauriges Bild und Winters wäre nur zu gerne aufgesprungen, um ihm die Flasche aus der Hand zu nehmen, wenn er gewusst hätte, dass er Lew hätte stoppen können. Sich hemmungslos zu Besaufen – das war doch keine Lösung! Wann würde dieser Idiot das endlich begreifen?

Es überraschte Winters, als Lewis die um viele Züge erleichterte Flasche runternahm, sich mit dem Handrücken über den Mund fuhr und zum allerersten Mal, seit er das Zimmer betreten hatte  etwas sagte.

„Weißt Du“, begann er langsam, „ich hab denen gesagt, die sollen mal die Minibar bei mir auffüllen, aber irgendwie fühlt sich keiner dafür verantwortlich. Schon komisch, nich’?“ Nixon versuchte es mit einem Lächeln, das ihm aber nicht gelingen wollte.

Dicks Miene blieb ohne jede Veränderung und mit gleicher Niedergeschlagenheit fuhr Nixon fort: „Aber vielleicht habe ich auch nur das falsche Zimmer erwischt. Ich meine, wenn ich mir das hier so ansehe“ – er deutete auf die Anrichte – „dann frage ich mich wirklich, wieso der einzige Abstinenzler im gesamten Regiment die größte Bar hat?“

Lew hob den Kopf und Winters traf ein müder Blick aus unterlaufenen Augen, gemischt mit einem gleichgültigen Schulterzucken. Mit weicher Stimme versuchte er Trost zu spenden: „Lew... Wir alle können heute Nacht nicht schlafen. Und–“

„Verflucht, es geht doch gar nicht ums Nicht-schlafen-können!“, unterbrach Nixon ihn harsch. Er wusste selbst nicht so recht, warum er plötzlich laut wurde, aber irgendwoher kämpfte sich da eine riesige Welle aus Wut durch seinen Körper an die Oberfläche.

„Du hast es nicht kapiert, oder?“, fragte Nixon rhetorisch und hätte Dick allein für den Versuch einer Antwort geschlagen oder mit etwas beworfen. Er trank von dem Brandy und ließ die Flasche wieder sinken. „Wir erleben hier die größte Scheiße überhaupt. Und Du… Du schreibtischgeiles Arschloch hängst über deinem Papierkram und machst Berichte fertig!“ Enttäuscht schüttelte Nixon den Kopf. „Was ist bloß los mit dir, hm? Alles fällt auseinander, aber deine Fassade, die steht wie ‘ne eins.“  

Nixon hielt weiter die Flasche fest und konnte fühlen, wie sich seine Hand krampfhaft um den Flaschenhals schloss. Er gab Dick keine Chance zu Wort zu kommen und redete augenblicklich und in zynischem Tonfall weiter: „Der gut, tadellose und unfehlbare Major Winters, der selbst im Angesicht von menschenverachtender Folter und fröhlichem Morden, es nicht verpasst seinen Versorgungsbericht rechtzeitig einzureichen!“

Das war zu viel. Mit der Absicht diesem verletzenden Unsinn Einhalt zu gebieten, wurde Winters laut: „Hör auf damit, Nixon. Es reicht!“  

„Es reicht nicht!“, rief Nixon zurück und steigerte sich in die Worte rein. „Es reicht nicht, was wir getan haben. Es reicht nicht, um die vielen kranken und verhungernden Mensch zu retten. Es reicht nicht, um ihr Leid zu lindern. Und es reicht auch nicht, um die Scheißbilder von diesem verdammten Lager aus dem Kopf zu bekommen. Wenn Du die perfekte Lösung dafür hast, dann bitte, sag sie mir!“

Winters schloss für einen Moment demütig seine Augen und atmete aus. Er wusste, was Lew meinte, er wusste es nur zu gut. Und dennoch, sich von seiner Betroffenheit, von seiner Trauer und auch von seiner stillen Wut derart übermannen zu lassen, wie Lew es gerade tat, kam für ihn nicht in Frage. Er würde diesem Drang so lange wie möglich Widerstand leisten. Nicht, um irgendeine Stärke zu beweisen oder vorzutäuschen, dass man diese grausige Entdeckung einfach wegstecken konnte.

Sondern, um weiterzumachen. Alles worum es ihm ging, war weiterzumachen. Weiter Hilfe zu leisten, weiter seine Männer durch diesen Krieg zu führen und weiter auf einen Sieg hinzuarbeiten, damit sie alle irgendwann wieder nach Hause konnten. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchte er einen klaren Kopf und einen Körper, der dieser gewaltigen Last noch ein klein bisschen länger standhielt.

Als Winters seine Augen wieder öffnete, sah er Lew mit der Flasche an den Lippen und sagte ruhig: „Ich kenne keine perfekte Lösung dafür, Lew. Und ich glaube auch nicht, dass es eine gibt. Alles was ich weiß, ist, dass wir jeder für uns, unseren Weg damit finden müssen.“

Nixon senkte die Flasche und wandte sich schnaubend ab. Dicks Fassade war wirklich makellos. Wo war der Richard Winters, der Verständnis zeigte, der nicht davor zurückscheute, wenn er sich mal wieder wie der größte Mistkerl aufführte, der auf ihn zukam, wenn er betrunken und verzweifelt war und an den er sich anlehnen konnte?

Abermals schüttelte Nixon den Kopf. Diesmal offensichtlich amüsiert, aber mit einem künstlichen Lächeln. „Nein, Dick.“, sagte er kühl, „Nicht jeder für sich. Aber das kapierst Du nicht.“

Von Neuem spürte Nixon Wut in sich hochkochen, die er mit einem weiteren Schluck aus der Flasche zu löschen versuchte. Doch diesmal zielte sein Zorn nicht auf die Erlebnisse in Landsberg ab. Er richtete sich vielmehr gegen sich selbst, auf seine Starrköpfigkeit und sein Unvermögen zum Ausdruck zu bringen, dass alles was er sich hier und jetzt von Dick wünschte ein bisschen geteilte Betroffenheit und eine tröstliche Umarmung waren – ein Tanz.

Ihr Codewort fiel Nixon wie Schuppen von den Augen und es marterte ihn, dass es ihm erst jetzt in den Sinn kam. Wie viel anders hätte diese Begegnung verlaufen können, wenn er einfach an die Tür geklopft und Dick nach einem Tanz gefragt hätte? Von dieser Seite betrachtet, war es eine dumme Idee gewesen, mitten in der Nacht hier herzukommen, in der Erwartung es würde sich schon irgendwie ergeben, dass sie einander umarmten und hielten, bis dieser furchtbare Schmerz des zurückliegenden Tages nachgelassen hatte. Aber jemand, wie der selbstbeherrschte Major würde wohl nie seine Schutzschilde runternehmen und seine Emotionen durchbrechen lassen, wenn man es von ihm erwartete.

Winters wusste nicht, was er auf die letzten Worte von Lew antworten sollte und zog es vor zu schweigen. Er empfand dieses Gespräch als überaus anstrengend und gestand sich ein, dass er lieber zu seinem geduldigen Papier zurückkehren wollte, als sich weiter von Lew vorhalten zu lassen, dass er sämtliche Gefühle von sich wies, um weiter in seiner Rolle als Bataillonskommandeur seine Männer zu führen.

Die Flasche mit dem Brandy hatte Nixon in der Zwischenzeit bis auf einen Bodensatz geleert, während er vergebens auf eine Äußerung von Dick gewartet hatte. War ja zu erwarten, dass da nichts mehr kommen würde, dachte er zynisch und suchte die Schuld nicht zum ersten Mal beim Krieg.

Sowieso war der Krieg an allem schuld! An den Nazis, an Hitler, den Bomben, den zerstörten Städten, an den Konzentrationslagern, dem Gestank der Leichen und den vielen gefallenen oder verstümmelten Kameraden – sogar an seiner Alkoholsucht gab Nixon dem Krieg die Schuld. Und in diesem aufgeriebenen Moment passte mit einem Mal alles für ihn zusammen. Dass es ihm beschissen und hundeelend ging, dass er sich besaufen wollte, dass er die schrecklichen Bilder nicht loswurde, dass er sich nach Dick sehnte und dass dieser ihn mit derselben Unbelehrbarkeit ignorierte, mit der er auch seine eigenen Gefühle abblockte. Überhaupt war einfach alles die Schuld von diesem blöden Krieg. Ach zum Teufel mit dem Scheißkrieg!

Ohne eine Vorwarnung hob Nixon die freie Hand, streckte seinen Arm waagerecht knapp über der Anrichte aus und schob in einer konstanten Bewegung sämtliche Flaschen über die Kante.  

Das Schaben der Flaschenböden auf der Anrichte und das laute Klirren mit dem sie auf den harten Fußboden in tausend Scherben zerbrachen und ihren alkoholischen Inhalt vergossen, war so unerträglich, dass Winters die Augen zusammenkniff, bis es vorbei war.

Nixon fühlte sich nach dieser sinnlosen Tat bedeutend besser. Es hatte alles ohnehin keinen Zweck mehr. Schon morgen würden sie in Talehn oder Talehm oder wie auch immer das hieß, sein. Was sollte er sich da noch mit den Problemen von heute rumärgern?

Als Winters seine Augen wieder öffnete sah er nur noch wie Nixon, mit der leeren Brandy Flasche in der Hand, ihm den Rücken zukehrte und wortlos das Zimmer verließ.


Es war in den frühen Morgenstunden, kurz nach Beginn der Dämmerung, dass Winters auf seinem Bett lag und weinte; das Gesicht fest ins Kissen gepresste, damit niemand sein verzweifeltes Schluchzen und Wimmern hören konnte.

Nachdem Lew gegangen war, hatte sein Körper dem immensen Druck nicht länger standgehalten. Seine Fassade, die ihn sicher am Schreibtisch und bei der Arbeit gehalten hatte, war in sich zusammengefallen, wie ein Kartenhaus bei einem leichten Windhauch. Wobei Lewis eher wie ein Orkan durch sein Zimmer gefegt war.

Ihre Diskussion hatte ein verklemmtes Ventil bei ihm gelöst und ihn daran erinnert, wie es war Gefühle nicht mit seinem schlauen Kopf zu durchdenken, sondern mit seinem Körper zu durchleben. Es war eine furchtbare Erfahrung, die Winters klarmachte, warum er sich so standhaft dagegen gewehrt hatte.

Er erlebte sich selbst mit zitternden Fingern, einem gruseligen, kalten Schauer auf der Haut und im Gefühl der Haltlosigkeit eines nicht enden wollenden Falls gefangen. Die Tränen wollten mit solch einem Druck aus ihm hinaus, dass er kaum noch Luft bekam. Schnappatmend wie ein Fisch auf dem Trockenen und mit glühenden Wangen lag er da, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu rühren.

Es war das dritte Mal in diesem Krieg, dass Winters derart bitterlich und verzweifelt weinte. Das erste Mal war es ihm passiert nachdem er erfahren hatte, dass er einen fünfzehnjährigen, deutschen Jungen erschossen hatte. Das zweite Mal, als ihm klar geworden war, dass Lew die Operation „Varsity“ nur um Haaresbreite überlebt hatte. Und jetzt, nach der Befreiung von Landsberg, das dritte Mal. Dazwischen waren auch Tränen geflossen, aber nie so viele und nie so ungehemmt.

Er hätte Lew nicht wegschicken, ihn nicht gehenlassen sollen. So oft hatten sie während dieses Krieges in düsteren Momenten und an aussichtslosen Punkten Halt ineinander gefunden. Warum ausgerechnet jetzt nicht? Konnte es wirklich sein, dass sie so grundverschieden waren?

Winters hätte sich am liebsten für sein dämliches Verhalten geohrfeigt. Er war so verbohrt, so versessen darauf seine eigene Gefühlswelt immer schön zu deckeln und klein zu halten, während Lew sich unter vier Augen, nicht darum scherte auch nur eine einzige Emotion überzuschminken.

Schniefend wischte Winters seinen Rotz und seine Tränen am Kissen ab und ein feines Lächeln stahl sich über seine Lippen. Lew war so viel stärker als er.


AN:
Den Ort, an dem das Lager einst stand, das von den Männern der Easy-Kompanie entdeckt wurde, habe ich im September 2018 selbst besucht. Heute liegen dort ein großer, unberührter Baggersee und ein winziger Friedhof.
Wer mehr darüber wissen möchte, kann Kapitel 14 von meinem Kalenderprojekt „Nie wieder 14f13“ lesen. Dort findet ihr den vollständigen Erfahrungsbericht. Und wer Bild- und Tonmaterial sucht, das die deutsche Geschichte mit der der amerikanischen Soldaten verbindet, kann diesem Link folgen.
(Bitte schaut euch die dort weiterverlinken Videos nur an, wenn ihr „Band of Brothers“ bereits gesehen habt ODER euch wirklich sicher im Umgang mit schrecklichen Inhalten fühlt.)
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