Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
01.05.2019 4.849
 
Hinweise:
Länge: 4.728 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 9 „Why We Fight“, Minute 19:30
(Nixon hat auf der Straße einen Wutanfall und wirft frustriert seinen Helm weg.)
Timeline: 05. April 1945, auf dem Weg nach Bayern, Deutschland

Vorbemerkung:
Auch hier gibt es das Video am Anfang. Es ist dasselbe wie im letzten Kapitel, allerdings geht es hier an einer anderen Stelle los und wer möchte darf diesmal gerne bis zum Ende schauen. (Die Szene, die Nixon und Winters betrifft endet etwa bei 4:03 min.)

Video: Lewis Nixon runs out of Whiskey (6:07 min) 19.04.2020 - Video ist leider nicht mehr verfügbar. *schnief*



Alles, nur nicht meinen Hund!

Es war das schönste Gefühl auf der Welt – blau zu sein. Wenn er betrunken war, schien sein Leben trügerisch-traumhaft perfekt. Sein Körper war frei von Schmerz, seine Seele eingehüllt in flauschige Watte und sein Geist kam endlich zur Ruhe. Am Anfang war es genau so gewesen. Alles lag dann hinter einem sanften Schleier und nur zu gerne hatte er der Versuchung nachgegeben und war dahinter abgetaucht.

Doch es gab auch Nebenwirkungen. Nicht diese Kleinigkeiten, wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Konzentrationsstörungen. Daran hatte er sich gewöhnt. Auch seine fehlende motorischen Beherrschung, die tauben Finger und ein sich drehender Raum machten ihm nichts mehr aus. Sie waren verlässliche Anzeichen dafür, dass er sich auf dem Weg in seinen nächsten Vorrausch befand. Gesellten sich noch Sprachverlust und Doppelbilder dazu, wusste er, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er in eine selige Bewusstlosigkeit fiel.  

Aber seine Gedächtnislücken, die machten ihm zu schaffen.

Nach dem Aufwachen nicht zu wissen, wo er war und wie er ins Bett gekommen war, jagte ihm insgeheim eine Heidenangst ein. Er verwendetet eine immense Energie darauf sich zu erinnern und die sich häufenden Lücken zu stopfen – ohne Erfolg. Also versuchte er zumindest sein zweitgrößtes Problem zu lösen. Wo bekam er neuen Stoff her?

Nixon war es keineswegs entgangen, er trank mehr als zu Beginn des Krieges. Wo früher ein Glas gereicht hatte, brauchte er heute drei bis vier und was er damals mit einer halben Flasche erzielt hatte, bedurfte heute mehr als einer ganzen. Er führt im Kopf eine genaue Liste und wusste immer in welchem Versteck, noch wie viele Reserven lagerten. Er hatte das unter Kontrolle. Wirklich!

Nur heute eben nicht. Heute machte er eine Ausnahme.

Zum Teufel noch mal! Es gab ja auch tausend gute Gründe für diese Ausnahme. Ohne triftigen Grund hatte er seinen dritten Fallschirmsprung überlebt. Anschließend hatte er sich dermaßen volllaufen lassen, dass die betreffende Nacht wohl auf ewig ein Kapitel seiner Gedächtnislücken füllen würde. Nicht zu wissen, was passiert war, hatte zu einem Zerwürfnis mit dem Mann geführt, zu dem er sich mehr hingezogen fühlt, als zu irgendjemanden sonst. Er hatte sich auf einer überfluteten Straße geprügelt. (Immerhin diese Erinnerung war geblieben.) Dick redete seitdem kaum mehr ein Wort mit ihm. Die anderen Offiziere gingen ihm mehr und mehr aus dem Weg. Colonel Sink saß ihm mit den Einsatzplänen für den nächsten Truppenvorstoß in Nacken. Und seine Frau, Kathy, hatte ihn kürzlich in einem Brief über ihre Scheidungsabsicht in Kenntnis gesetzt. Ach ja, und dann war da noch dieses kleine Übel, namens  »Zweiter Weltkrieg« und er mitten drin, im Zentrum von Europa. Er war ein echter Glückspilz!

Darüber hinaus war die Gelegenheit günstig. Auf ihrem Weg Richtung Alpen, hatte sie irgendwo zur Nacht Halt gemacht. Hätte Nixon die richtige Karte zur Hand gehabt, hätte er sogar sagen können, wo genau. Er hatte sich gewiss eine Markierung gemacht. Aber wo war bloß die Karte hingekommen? Sie hatten einige Häuser geräumt und besetzt, um einen sicheren Platz zum Schlafen zu haben. Ein Dach über dem Kopf, vier Wände, eine abschließbare Tür und ein eigenes Bett. Paradiesische Verhältnisse für einen Abend voller Ausnahmen.

Hier lag er also, alle Viere von sich gestreckt auf seinem Bett, die zweite Flasche angebrochen auf dem Nachttisch und in Erwartung eines weiteren Vollrausches. Ein Klopfen an der Tür rüttelte Nixon aus seiner Lethargie.

Er griff nach der Flasche. Trank einen Schluck.

Wieder klopfte es. Doch keine Einbildung.

Reichlich unkoordiniert erhob er sich von seinem Bett und schwankte zur Zimmertür. Vielleicht war es ein Läufer mit einer eiligen Nachricht oder doch nur ein milchgesichtiger Gefreiter, der sich in der Tür geirrt hatte.

„Nix, bist Du da?“, drang es vom Flur. „Hier ist Dick.“

Erschrocken hielt Nixons Hand vor dem Türknauf an. Nein, bitte nicht Dick, dachte er und rollte mit den Augen. Er hätte doch mit Harry das Quartier tauschen sollen, immerhin hatte der das Glück nicht mit Dick im gleichen Haus untergebracht zu sein.

Nixon hatte keine Ahnung, was ihn die Tür öffnen ließ, das letzte Überbleibsel seines Gewissens oder doch seine fortgeschrittene Gleichgültigkeit allem und jeden gegenüber, aber er tat es. Schnell drehte er den Knauf herum und wandte sich rasch wieder von der Tür ab. Es gab keinen Grund Dick mit einer Geste hineinzubitten, auf seinen Blick zu treffen, ihm in die Augen zu schauen. Nach allem was passiert war, fehlte ihm dazu einfach der Mumm.

Hinter sich hörte er Dick den Raum betreten und konnte gar nicht schnell genug zum Bett zurückkommen, um die Flasche vom Nachttisch zu nehmen und sie außer Sichtweite zu stellen. Warum diese Geheimnistuerei? Alte Angewohnheit? Ober war das etwa Scham, was er nach all seinen Abstürzen und Fehltritten empfand?


Zurückhaltend betrat Winters das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Was er erblickte entsprach im Groben dem, was er erwartet hatte. Ein reichlich angetrunkener Lew zwischen allerlei Karten, Notizen und Aufzeichnung, die kreuz und quer auf dem Bett, dem Fußboden und dem Schreibtisch verteilt lagen, plus seine zerstreuten Habseligkeiten, ein überfüllter Aschenbecher und eine schlecht versteckte Flasche Whiskey, von der Winters mit Sicherheit sagen konnte, dass sie nicht die einzige in diesem Zimmer war. Dieser Mann war das reinste Chaos und dieser Raum eindeutig das Schlachtfeld seines ganz persönlichen und einsamen Kampfes gegen einen Feind namens VAT 69.

Winters fühlte sich unwohl und wusste nicht wohin mit seinen Händen. Ungeschickt versuchte er sie in seine Hosentaschen zu stecken, zog sie jedoch gleich wieder hinaus. Er hatte keine Ahnung wie er beginnen sollte. Vollkommen unerwartet nahm Lewis ihm den Einstieg ab.

„Also“, fragte er in schroffem Ton, „was willst Du?“ Desinteressiert stand Nixon am Schreibtisch, griff nach einem Stoß Papier und tat so als würde er sie in ihrer Reihenfolge ordnen. Ohne Dick eines Blickes zu würdigen, kommentierte er: „Wenn’s schnell geht, macht nichts. Ich muss noch arbeiten.“

Winters’ Augen wanderten ein zweites Mal durch den Raum und wäre die Situation nur halb so angespannt gewesen, hätte er vielleicht mit einem neckenden »Das kann ich sehen« geantwortet. Doch er konnte nicht.

Eben auf seinem Zimmer hatte er sich noch zuversichtlich gefühlt, dieses längst überfällig Gespräch hinter sich zu bringen. Er hatte Zeit zum Nachdenken gehabt. Genug Zeit um zu der Entscheidung zu finden, dass er irgendwie damit würde weiterleben können, dass seine Freundschaft zu Nix zerstört war, wenn er sich nur ein einziges Mal dazu überwand ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.

Deswegen war er heute Abend hier. Er wollte Lew sagen, was er fühlte und wie er empfand, für ihn – auch auf die Gefahr hin, damit einen neuen Wutanfall bei Nixon auszulösen und von ihm aus dem Zimmer geworfen zu werden. Würde es so kommen – Winters hatte das in seinem Kopf mehrmals durchgespielt – dann, so hatte er sich überlegt, würde er mit einem reinen Gewissen den Schlussstrich unter ihre Beziehung ziehen.  

Nixon sortierte noch immer seine Zettel und Winters versuchte es mit einer Antwort. „Ich…“, er musste sich räuspern. „Ich wollte dir mein Beileid wegen dem Brief von Kathy aussprechen.“

So viel zu seinem Plan. Winters war schon immer ein schlechter Lügner gewesen und was er gerade gesagt hatte, entsprach nicht mal im Ansatz seinen Beweggründen. Seine Anteilnahme hingegen war echt, also baute er darauf, dass Lew dieses kleine Ausweichmanöver übersah.
In aller Förmlichkeit ergänzte er: „Es tut mir leid um deine Ehe.“

„Mir nicht.“, schoss Nixon zurück.

„Sie ist deine Frau.“

„Bald nicht mehr.“

Die sture Arroganz mit der Lew die Realität ausblendete, bereitete Winters Kopfschmerzen.

„Und euer Kind?“, unternahm er einen letzten Versuch.

Nixons Händen begannen zu zittern. Er hatte jedes Blatt bereits zum dritten Mal angefasst. „Ist bei ihr wohl besser aufgehoben, als bei einem Seu–“, Nixon verstummte, seine Hände mit einem Mal verkrampft. Leise sprach er den Satz zu Ende: „Als bei mir.“

„Aber der Hund!“, rief er plötzlich laut. Das Papier raschelte in seinen Händen. „Das nehme ich ihr übel. Den hätte sie mir ruhig lassen können!“

Winters bemerkte ein leichtes Schmunzeln um seine Lippen. Ja, richtig. Der Hund. Schon am Vormittag hatte Lew sich darüber aufgeregt und bei ihrer Abreise eine riesen Szene gemacht. Er hatte wild auf der Straße rumgebrüllt und vor aller Augen seinen Helm auf den Boden gedonnert.

Winters war dabei gewesen und trotz allem was zwischen ihnen vorgefallen war, hatte er sich bemüht Lew zurück auf den Teppich zu holen und etwas von seinem hitzigen Temperament zu puffern. In gewisser Weise war es ihm gelungen. Lew hatte die gesamte Fahrt über hinter ihm im Jeep gesessen, geschmollt und geschwiegen.

„Aber egal.“, schnaufte Nixon und legte endlich – endlich – die Zettel aus der Hand. „Ein Major Winters kommt nicht ohne Grund mitten in der Nacht. Also erzähl’ schon, weswegen bist Du hier?“

Dass war der Nixon, den er kannte. Das gewiefte Schlitzohr, dem man nichts vormachen konnte. Selbst betrunken hatte er Winters’ humpelnde Ablenkung enttarnt und es irgendwie fertig gebracht ihrem Gespräch eine zweite Chance zu geben. Dabei war sein Ton lange nicht so schroff gewesen, wie zu Beginn. Diesmal war es eine ehrliche Frage gewesen. Und genauso ehrlich entschied sich Winters zu antworten.

„Möchtest Du tanzen, Lew?“


Über den Raum legte sich eine unbeschreibliche Stimmung. Für einen langen Moment stand Nixon einfach nur da, unfähig zu glauben, dass Dick ihm eine so absurde Frage gestellt hatte.

„Tanzen?“, wiederholte er ungläubig, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte und hoffte immer noch darauf sich verhört zu haben. Bevor er Dick eine Chance zum Antworten einräumte, fuhr er lautstark fort: „Sag mal, bist Du jetzt völlig übergeschnappt? Wir stecken mitten in diesem gottverfluchten Krieg, übernachten in einem Kaff, wo jeder dahergelaufene Bauer ein Nazi sein könnte und Du fragst mich nach–“

Hastig fiel Winters ihm ins Wort: „Ich will bei dir sein!“

Nixon verstummte, unfähig etwas anderes zu tun, als auf Dick zu schauen, der so aussah, als könnte er selbst nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. So stand sie da, gestrandet im Chaos und ohne ein Wort auf den Lippen. Es war wie an dem Abend, auf der regennassen Straße – und doch ganz anders. Es war die Spannung zwischen zwei Menschen, die an dem Punkt standen, an dem die Welt begann sich um sie drehen.

Winters wusste nicht, was in diesem Augenblick in Nixons Kopf vorging und er würde es auch nie erfahren, wenn er nicht endlich Ordnung in seine wirren Aussagen brachte.

„Erinnerst Du dich?“, fragte er vorsichtig und hob hoffnungsvoll die Augenbraue. „Du hast das zu mir gesagt. In der Nacht nach Versity.“

Von Nixon kam keine Antwort. Auch keine Zurückweisung. Er stand einfach nur da, der Mund offen und die Augen geweitet. Im Raum war es so still, das Winters sich kaum traute zu atmen. Darauf gefasst alles zu verlieren, sprach er aus, was sich auf ewig als eine der schönsten Erinnerungen in sein Gedächtnis eingeprägt hatte.

„Du hast mich umarmt, Lew. Ich hab’ deine Hände auf meinen Körper gespürt. Wir haben getanzt. Erinnerst Du dich?“ Winters’ Gesicht durchzogen tiefe, kummervolle Linie und innerlich betete er, dass dort irgendwo etwas war, an das Lew sich erinnern konnte. Er durfte nicht alles vergessen haben.

In Nixons Kopf überschlugen sich die Gedanken. Traumbilder mischten sich mit der Wirklichkeit, Erinnerungen wischten Fantasien von der Leinwand seines Geistes und alles was er tun konnte, war auf der Stelle zu verharren und Dick unentwegt anzustarren. Er war weit davon entfernt, den besagten Abend als »rekonstruiert« zu bezeichnen, aber das Wesentliche, das, was ihm einfach keine Ruhe gelassen hatte, war just in diesem Augenblick zurück an seinen Platz gerückt worden. Sie hatten getanzt.

Er glaubte nicht, dass seine Zunge ihm gehorchen würde, als er versuchte, diese eine Silbe über die Lippen zu bringen, die so dringend aus ihm hinaus wollte.

„Ja.“, keuchte Nixon heiser und fand nach einem Schlucken seine Stimme wieder. „Ja, Dick. Ich möchte tanzen.“


Lews Worte brachten eine solche Erleichterung über Winters, dass er sich augenblicklich bewegungsunfähig fühlte. Es war, als hätte sein Glück Wurzel geschlagen und ihn an genau diesem Fleck, mitten im Zimmer festwachsen lassen. Hilflos sah er runter auf seine Füße, nur um beim Aufschauen festzustellen, dass Lew längst den ersten Schritte auf ihn zugemacht hatte.

Ihre Blicke trafen sich und verschmolzen zum Gravitationszentrum ihrer Welt.

Eine schier übermenschliche Kraft zog Nixon in ihren Bann und ließ ihn eilig den Raum durchschreiten. Bis er plötzlich vor Dick stoppte, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, ihn nicht so frontal in die Arme nehmen zu können. Die Vorstellung fühlte sich in seinem Kopf einfach nicht richtig an. Verdammt, brauchte er etwa eine Anleitung, um nachzulesen wie man jemanden umarmte? Verwirrt von dem großen Widerspruch in sich, schaute er zu Dick auf.

Ein warmes Schmunzeln legte sich um Winters’ Lippen, genauso warm, wie das Gefühl, das von seinem Herz Besitz ergriffen hatte. Er war hier hergekommen, um Lew etwas zu geben oder viel mehr anzubieten. Einen Tanz. Und jetzt sah Lew ihn auf diese besondere Weise an, die haargenau spiegelt, was er empfand. Er wollte das hier auch, aber bei der Frage nach dem wie überschwemmte ihn eine große Unsicherheit. Mit lautem Herzklopfen wagte Winters einen Versuch.

Er ließ Lew nicht aus seinem Blick, als er langsam die Arme ausstreckte und einladend nach seinen Händen griff. Sie fanden einander, wie zwei Magnete, die sich auf natürliche Weise anzogen. So vereint, konnte Winters nicht anders, als aus vollem Herzen zu lächeln. Umgehend las er die Verwunderung auf Lews Gesicht und das gehauchte „Was?“ auf seinen Lippen.

Er antwortete mit einer Geste. Machte einen halben Schritt zurück ohne Lew loszulassen und drehte sich um ihn mit der Geschmeidigkeit eines Tanzpartners, bis er hinter seinem Rücken stand. Was folgte, kam mit einer solchen Natürlichkeit über Winters, dass er nicht glauben konnte, dass er es zum ersten Mal tat. Er berührte Lews Seiten und ließ seine Hände testweise über eine kleine Stelle streichen, bevor er ihnen zutraute, sich ihren eigenen Weg zu suchen. Sie fanden ihn. Und ehe sich Winters versah, hatte er mit seinem Körper zu Lew aufgeschlossen und ihn in eine innige Umarmung gezogen.

Bilder flackerten durch Nixons Geist. Bilder eines Engels. War das ein Traum oder eine Erinnerung? Es kümmerte ihn nicht. Was für ihn zählte, war ganz allein seine unverhoffte Wiedervereinigung mit Dick. Es war alles wonach er sich gesehnt und was er geglaubt hatte, für immer verspielt zu haben.

Dick spürte, dass der Kontakt, den er anbot nicht nur willkommen, sondern sehnlichst erwartet worden war. Dennoch war das alles so neu für ihn, dass er sich vergewissern wollte, es richtig zu machen.

„Gut so?“, hauchte er in Lews Ohr und genoss es ihm dabei mit seinem Gesicht näher zu kommen.

Er hörte das Aufatmen in Lews Stimme. „Ja. Sehr.“

Zu seiner Überraschung legte Lew im nächsten Moment den Kopf zurück und lehnte sich an seine Schulter. Winters konnte sehen, dass er die Augen geschlossen hatte, das Gesicht vollkommen entspannt. Zufrieden schmunzelte er. Das war es, was er sich gewünschte hatte. Ein entspannter Lew. In seinem Arm.

Seine nächste Bewegung kam mit derselben Natürlichkeit wie seine Umarmung. Winters begann zu treiben und in sanften Bögen zu schwingen. Lew, sicher und gehalten in seinem Arm, ging einfach mit und er verlor sich selbst in der Vollkommenheit des Augenblicks. Es war das Gefühl, von dem Winters angenommen hatte, dass es nie zurückkommen würde. Das Gefühl, dass der Krieg und alles um sie herum nicht mehr existierte, und es nur noch Lew und ihn gab.

Im Wunsch auch den letzten Tropfen dieser Glückseligkeit auszukosten, neigte Winters den Kopf und legte seine Wange an Lews Schläfe, der sich augenblicklich enger an ihn schmiegte. Ihre tiefe Sehnsucht nacheinander, verbunden mit dem innigen Kontakt, sorgten für ein warmes Kribbeln in Winters’ Bauch. Instinktiv hielt er Lew noch ein klein wenig fester. Er war sich sicher, dass Lew seinen Atem auf der Haut spüren konnte, als er leise sagte: „War ein anstrengender Tag für dich.“

Winters spürte, wie sich Lew für einen kurzen Moment versteifte, als würde eine unangenehme Erinnerung ihn durchlaufen und hörte das trockene Schlucken in seiner Kehle, bevor er krächzend antwortete: „Ja.“

Tröstend weitete Winters seine Bewegungen aus, schwang in weichen, ausladenden Kreisen und bewegte sich doch keinen Millimeter von der Stelle. Die Augen seelenruhig geschlossen, stand er da, seine Arme um das geschlungen, was sein Herz schon so lange begehrte.

„Ich…“, begann Winters und spürte, dass er den Satz, mit den drei kleinen Worten nicht zu Ende bringen würde. „Ich möchte es dir einfach nur etwas leichter machen.“ Gott allein wusste, was für eine hübsche Untertreibung das war. Er wollte so viel mehr. Aber ein Teil von ihm war noch nicht bereit für so viel Offenheit, also blieb es bei dieser liebevollen Halbwahrheit.


Nixon schmunzelte. Dicks Worte waren Balsam für seine Seele, genau das, was er mit dem Alkohol immer gewollt und nie erreicht hatte. Dankbar ließ er sich tiefer in die starken Arme sinken, die ihn hielten und reckte den Kopf, wie ein Kätzchen, dass sich danach sehnte, gekrault zu werden. Die Reibung zwischen ihren Gesichtern jagte einen aufregenden Schauer durch seinen Körper.

Getragen von einem himmlischen Rausch, hauchte er: „Tust Du, Dick. Tust Du.“ Seine starken Emotionen, der viele Alkohol, ihr verspielter Tanz – das alles war zu viel für Nixon. Der Raum um ihn herum fing an sich zu drehen, aber er hatte keine Angst zu fallen. Sein Engel war bei ihm und er diesmal wahrhaft eingehüllt in seine starken, schönen Schwingen. Ihm konnte nichts passieren.

Das Gefühl der Geborgenheit, das Nixon durchströmte, war sagenhaft. Es war all das Kämpfen, all das Zweifeln, all die Hoffnungslosigkeit und die Entbehrungen wert. Und plötzlich wurde er sich bewusste, dass er in dieser Beziehung nicht nur nehmen, sondern auch etwas geben wollte. Dem sanften Wiegen ihrer beiden Körper folgend, hob Nixon seine Hände, die bis jetzt untätig geblieben waren und suchte nach den Stellen, wo Dicks Arme seinen Oberkörper fest umschlossen hielten. Er fand sie und begann zärtlich darüber zu streichen. Dieser Engel hatte nicht nur samtweiche Flügel, sondern auch wunderschöne, warme Händen. Wer immer ihn geschickt hatte, musste es wirklich gut mit ihm gemeint haben.

Nixon umfasste eines der Handgelenke, bis er den schnellen Puls unter der Haut spüren konnte und rieb gleichzeitig mit seinem rauen Daumen über den zarten Handrücken. Augenblicklich spürte er den Druck, mit dem sein Körper an Dicks gepresst wurde und hörte hinter sich ein lautes, unstetiges Atmen, voller Leidenschaft und zurückgehaltener Begierde. In diesem Moment wusste Nixon, dass er gewollt wurde. Und das alleine reichte ihm.

Er ließ das Handgelenk nach einem bestätigenden Drücken los und folgte mit seinen anderen Finger seinem Daumen. Dicks Hand begann zu antworten. Fingerkuppen begannen verspielt einander zu ertasten und zu erkunden. Sie strichen über Nägel, fuhren über verschorfte Knöchel und glitten über die feinen Härchen auf den ersten und zweiten Fingergliedern.  

Die aufsteigende Wärme in seinem Rücken, war längst zu einer wohligen Hitze geworden. Etwas, von dem Nixon sich wünschte, dass es für Rest der Nacht anhielt. Sein Hinterkopf ruhte an einer verlässlichen Schulter, er wurde gehalten, war entspannt und hatte seit dem Beginn ihrer Umarmung nicht einmal die Augen geöffnet. Das hier war etwas zum Fühlen, nicht zum Sehen. Und es war echt. Dick war tatsächlich hier, bei ihm. Er konnte ihn berühren, ihn anfassen. Keine Illusion, kein Tagtraum.

Es war eine beinah unbewusste Bewegung, als Nixon sich irgendwann einladend zur Seite neigte, die starken Linien an seinem Hals frei zugänglich. Für einen kurzen Moment, war die Luft erfüllt von einem lauten Atem, der vor Erregung zitterte. Und dann waren sie da. Lippen. Lippen, die an seinem Hals verweilten. Nicht so wie seine, die an jenem Abend feucht und vielleicht ein bisschen zu forsch gewe– Gott, er konnte sich erinnern! Er hatte Dick in dieser Nacht nicht bloß im Arm gehalten und mit ihm getanzt. Er hatte ihn geküsst.

Nixon durchfuhr es wie ein heißer Blitz und wäre der Griff von Dick in diesem Moment nicht so unbeschreiblich stark und seine Lippen bereits an seinem Hals gewesen, er hätte sich in seinem Arm umgedreht und ihn vor Freude auf den Mund geküsst. Langsam atmete er aus und sein eigener Atem begann zu zittern, als er sich ganz auf das Gefühl einließ.

Dicks Lippen waren… anders. Sie fühlten sich fantastisch an, lagen einfach nun auf seiner Haut und  wurden zusammen mit einer Nase gegen seinen Hals gedrückt. Jeder Atemstoß von Dick fühlte sich wie ein warmer Regenschauer an und Nixon war drauf und dran den Verstand zu verlieren. Wenn sich bereits ein Kuss so gut anfühlte, wie würde es sich dann erst anfühlen, wenn sein Engel ihn bei der Hand nahm und mit ihm fliegen ging?


Winters war drauf und dran jeden vernünftigen Gedanken hinter sich zu lassen. Er konnte – und er wollte – sich nicht länger zurückhalten. Nicht, wenn Lew so offen zu ihm war, sich in seinen Arm schmiegte, mit ihm tanzte und ihm ein solches Angebot machte. Was er in diesem Augenblick in der Nase und auf seinen Lippen hatte, war so intensiv, dass er nicht daran glaubte jemals ein Wort dafür zu finden.

Willig legte Winters seine Lippen auf eine andere Stelle an Lews Hals. Dann auf noch ein. Und noch eine. Er atmete. Er stöhnte. Er seufzte. Und plötzlich hatte er einen Puls unter seinen Lippen. Schnell, lebendig und absolut betörend. Und er saugte sich daran fest. Hastig und stoßweise ging sein Atem, hob und senkte sich seine Brust so deutlich, dass er sich sicher war, dass Lew es im Rücken spüren konnte. Seine Arme waren längst in einem stählernen Griff um Lews Oberkörper geschlungen, fernab von dem Gedanken, ihn jemals wieder freizugeben.

Immer wieder atmet Winters ein und aus, und glaubte nicht daran jemals genug von diesem Gefühl, diesem Mann, bekommen zu können. Lewis roch und schmeckte nach einer Seite des Lebens, von der er niemals gekostet hatte. Zigaretten… Alkohol… Leichtsinn… Das Leben herausfordern. Es darauf ankommen lassen. Jetzt, all diese Eindrücke auf Einmal zu erleben, berauschte ihn zu gleichen Teilen, wie es ihn überforderte.

Das Nächste, was Winters spürte, war eine Hand – Lews Hand – die sich an seine Wange legte. Er hätte eigentlich annehmen wollen, dass sie sein Feuer weiter anfachte, doch das tat sie sich. Ganz behutsam strich sie über seine Haut und seine glatt rasierte Kieferpartie. Der sanfte Kontakt beruhigte ihn, fing ihn ein, auf seiner wilden Jagd ohne Ziel. Sein Atem wurde ruhiger, seine Herzschlag langsamer und irgendwann lösten sich seine feucht gewordenen Lippen von Lews Hals.

Die Augen seit Minuten vertrauensvoll geschlossen und plötzlich von einer ungeahnten Erschöpfung überfallen, suchte Winters Halt bei Lew. Ihr hitziger Moment war vorüber. Und alles was ihm auf der Zunge lag, war diese eine Silbe, die er liebevoll seufzte: „Luhh...“


Nixon schmunzelte beim Klang seines Kosenamens. Nur Dick konnte ihn mit so viel Sehnsucht aussprechen. Als Antwort streichelte er ihm noch einmal über die Wange und genoss das Gefühl von Dicks schwerem Kopf, der sich müde bei ihm angelehnt hatte. Der enge Kontakt war wunderschön, doch Nixon hatte nicht ohne Grund eingegriffen und die Sache entschleunigt.

Ihm war schlecht; schwindelig vom vielen Alkohol, den er getrunken hatte. Immerhin, er hatte mehr als eine ganze Flasche intus, genug um jeden Nichttrinker ins Koma zu versetzen. Dazu bahnten sich fiese Kopfschmerzen und ein flaues Gefühl in seinem Magen an. Aber vielleicht kam das bloß von dem Auf und Ab seiner Emotionen? Hoffentlich. Es lag Ewigkeiten zurück, dass er sich auf Grund von zu viel Alkohol übergeben hatte.

Um es nicht noch schlimmer zu machen, bremste Nixon ihren Tanz, bewegte sich langsamer und in kleiner werdenden Kreisen, und hielt seine Augen gegen den aufkommenden Schwindel geschlossen. Seine warme Hand ruhte nach wie vor an Dicks Wange, doch die melancholischen Wellen in ihm ebbten nicht ab. Er fühlte sich schuldig.

Der Whiskey machte ihn von innen taub, nahm ihm einen Teil seines Kummers, an dem er glaubte sonst ersticken zu müssen. Aber da war noch etwas anderes, das Nixon brauchte und einfach nicht bekam. Nähe. Wärme. Liebe. Immer wieder hatte er versucht sich diese Dinge selbst zu geben, sein Herz und seinen Verstand zu überlisten und ihnen vorzugaukeln, dass es kein Mangel in seinem Leben gab.

Doch selbst das Einschlafen mit einer leeren Flasche im Arm, konnte ihm nicht das Gleiche geben, wie von Dick umarmt zu werden. Er verdiente diese Zuwendung im Grunde nicht mal. Wer war er den schon? Er war ein depressiver, selbstzerstörerischer Draufgänger, dem alles egal war und der sich fortwährend in Sarkasmus und Alkohol flüchtete.

Nixon schluckte. Seine Selbsterkenntnis schmeckte bitter und er verspürte den Wunsch sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Dick war so ein guter Mensch und er so ein selbstgefälliges Arsch. Schuldbewusst ließ er Dicks Wange los und nahm seine Hand runter.

Nixons Stimme klang rau und traurig als er sagte: „Dick, es tut mir leid.“

„Was tut dir leid, Lew?“, fragte Winters ohne ihren Tanz zu unterbrechen. Er hatte sich einfach dem langsamen Rhythmus angepasst.

„Dass ich schon wieder getrunken habe.“, gestand Nixon. „Ich bin betrunken.“

Winters wählte seine Worte weise und doch ehrlich. „Ich weiß.“ Sein Tonfall war warm und frei von jedem Vorwurf. „Aber deswegen lass ich doch noch lange nicht los.“

Reumütig jaulte Nixon auf: „Dig…“ Die aufrichtige Zuneigung war unerträglich. Er wusste nicht wohin damit. Umgehend wurde er getröstet.

„Schhh…“, machte Winters und lockerte seinen Griff soweit, dass er Nixon zusätzlich streicheln konnte. „Ich bin ja hier.“

Lew war sturztrunken, wieder einmal, roch nach Schweiß und Schnaps, aber Winters glaubte nicht, dass ihn das jemals davon abhalten würde ihn im Arm zu halten. Lew war zu liebenswert und gleichzeitig zu zerbrechlich, als dass er nicht alles gegeben hätte, um ihm beizustehen.

„Ich will auch bei dir sein.“, bekräftigte Winters seinen Gedanken. „Mehr als alles andere.“

Als Antwort erhielt er ein Seufzen und fühlte, wie sich Lew in seinem Arm schwerer machte. Mit diesem Mann eng umschlungen irgendwo in einem Raum zu stehen und sich im Arm zu wiegen, war das beste Gefühl, das Winters kannte.  

Er würde hart dagegen ankämpfen müssen, sich nicht zu ihm ins Bett zu legen, sollte Lew ihn heute Nacht darum bitten. Gott, er wünschte sich wirklich, er könne bleiben. Wünschte sich, er hätte die Kraft, dieses heillose Durcheinander um sie herum aufzuräumen und sich anschließend mit Lew aufs Bett zu legen, ihn zu halten und mit ihm einzuschlafen. Aber Winters wusste, er konnte nicht. Noch nicht.

„Lew?“

Leise drang die Frage an sein Ohr. „Hmm.“

Winters hielt einen Moment innen, verzweifelt auf der Suche nach einem Weg, die Stimmung nicht gewaltsam kaputt zu machen. „Ich… Ich will das hier nur ungerne unterbrechen, aber ich kann nicht die ganze Nacht bleiben.“

Zu seiner Überraschung verspannte sich der Körper in seinem Arm nicht, noch zuckte er bei den Worten erschrocken zusammen. Er hatte eigentlich erwartet, dass Lew sich an ihm festklammern und alles dafür tun würde, ihn zum Bleiben zu überreden. Doch das tat er nicht.

Nixon hatte es kommen spüren, das Ende dieser schönen Begegnung, und er hatte nicht mehr die Kraft sich dem zu widersetzten. Die Nebenwirkungen seines Rauches waren nicht besser geworden und wenn er ehrlich war, dann stand er nur noch aufrecht, weil Dick hinter ihm stand. Er musste sich dringend aufs Bett legen und schlafen – wenn er denn konnte. Es würde eine hundeelende Nacht werden, etwas, das er lieber alleine durchstand.

„Ich weiß.“, antwortete Nixon zustimmend und bat dennoch um Aufschub, „Nur’n paar Minuten noch.“

Winters willigte ein, ohne etwas zu sagen. Alles was er tat, war seine Umarmung zu intensiveren, Lews Körper noch einmal fest an seinen zu ziehen und seiner eigenen tiefen Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Mit geschlossenen Augen stand er da, wiegte Lew in seinen Armen und wünschte sich die kostbaren Minuten mit ihm würden nie vergehen.

Es wurde ein langer Abschied und er enthielt alles, wonach Nixon sich sehnte. Eine sichere und schützende Umarmung, voller Wärme und Zuneigung. Den Wunsch, im Grunde nicht loslassen zu müssen. Und die tiefe Gewissheit, dass es ein nächstes Mal geben würde. Dass Dick zurückkommen würde. Zu ihm.

Zum Schluss spürte Nixon einen Kuss, zärtlich und verweilend in seinem Nacken, dem sanft gehauchte Worte folgten. „Versuch zu schlafen, ja?“

Müde nickte er und wurde sich der fließenden Bewegung bewusst, mit der Dick sich zurückzog. Er verließ ihn, aber das war okay. Heute Abend war ausnahmsweise einmal alles okay… Als er das Türschloss hinter sich leise klicken hörte, wagte Nixon es langsam die Augen zu öffnen. Er war umgeben von Chaos, aber sein Herz sah zum ersten Mal vollkommen klar.
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