Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
23.03.2019 3.919
 
Hinweise:
Länge: 3.758 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 9 „Why We Fight“, Minute 17:17
(Nixon ist auf der Suche nach Alkohol und wirft eine Schaufensterscheibe ein.)
Timeline: 29. März 1945, Stürzelberg, Deutschland

Vorbemerkung:
Hey Leute! Ja, es hat ein Weilchen gedauert, bis es hier weiter geht. (Vier Monate, um genau zu sein. *Augenrollen*) Aber nun bin ich zurück und mit mir auch Lew & Dick... Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem neuen Kapitel.

Und wer einen guten Einstieg sucht, ist mit dem folgenden Link bestens beraten. Aber nicht weiter schauen, als bis zur zweiten Minute – sonst wird’s ein Spoiler für das nächste Kapitel! Tipp: Wenn’s aufgehört hat zu regnen, einfach Video abbrechen und Kapitel lesen.

Video: Lewis Nixon runs out of Whiskey (6:07 min) 19.04.2020 - Video ist leider nicht mehr verfügbar. *schnief*



Nicht ohne meinen VAT 69!

Seinen Helm unter den Arm geklemmt, packte er widerwillig nach dem Handlauf der Treppe. Er hatte  sich regelrecht dazu zwingen müssen. Obwohl es ihm immer noch lieber war hier drinnen zu sein als draußen, wo es seit dem Vormittag Hunde und Katzen regnete.

Regenwasser tropfte vom Saum seiner Feldjacke und wässriger Schlamm löste sich bei jedem Schritt aus dem Profil seiner Stiefel. Sein Blick fiel nach unten. Die Holztreppe unter ihm war dreckig und rutschig. Unzählige Stiefelpaare waren hier auf und ab gelaufen. Auch für ihn war es nicht das erste Mal.

Seit drei Tagen kostete es Winters immer mehr Überwindung Lewis in seinem Quartier aufzusuchen. Aber er war darauf angewiesen, musste weiterhin mit ihm zusammenarbeiten und sich austauschen über die Lage des Bataillons, die Pläne im Regiment und die laufenden Operationen. Nur nicht über diese Nacht im Kaminzimmer und das, was dort passiert war. Zwischen ihn.

Es hatte Winters kalt erwischt, wie schnell Lew in seine alte Rolle zurückgefunden hatte. Als hätte sein Totalabsturz einen Schalter in ihm ungelegt, verhielt er sich so normal wie eh und je. Er scherzte mit den anderen Offizieren. Er machte seinen Job. Er trank.

Doch Winters war überzeugt hinter diesen Schutzwall blicken zu können. Lewis litt – genau wie er. Wobei Lews Leiden vermutlich noch ein wenig größer war als seines, denn er war nicht betrunken gewesen und wusste haargenau, was an dem Abend passiert war. Jeden Tag, jede Stunde, jede zweite Minute ging es Winters durch den Kopf, wie unbeschreiblich nah sie sich gekommen waren und wie sagenhaft gut er sich dabei gefühlt hatte. Er konnte es einfach nicht verdrängen, geschweige denn vergessen, wie er in Lews Schlafzimmer verharrt und an seiner persönlichen Schwelle gestanden hatte, bereit alles hinter sich zu lassen. Es kam ihm unwirklich vor. Wie ein Traum, der sich einfach zu real anfühlte, um ein Traum zu sein.

Und was das Schlimmste von allem war, dass Winters, wann immer er Lew dieser Tage in die Augen schaute, nicht mit Sicherheit sagen konnte, woran dieser sich noch erinnerte. Wusste Lew, dass er ihn innig umarmt und lange festgehalten hatte? Dass er ihn mit seinen Lippen zärtlich im Nacken berührt und ihm Dinge ins Ohr geflüstert hatte? Dass er von ihm ins Bett gebracht worden war und er beim Einschlafen seine Hand gehalten hatte? Oder war all das in Nixons getrübtem Bewusstsein untergegangen? Fortgespült vom heftigen Rausch des Alkohols.

Die Ungewissheit machte Winters fast verrückt, jagte ihm ein Gefühl aus Scham und Kälte über den Rücken. Auf seltsame Weise fühlte er sich nackt in der Gegenwart von Lew. Ungeschützt und verletzlich, als hätte er etwas von sich gegeben, das er nicht hätte geben sollen. Es war ein Zustand, der für ihn mit jeder Begegnung unerträglicher wurde.

Das Einzige, was Winters gesichert wusste, war, dass Lew sich für die geschriebenen Briefe bedankt hatte. Natürlich nicht wörtlich und in einer Form, die der Sache angemessen gewesen wäre, sondern mit einem flotten Spruch, der einerseits bewiesen hatte, dass er angetrunken war und anderseits, dass es ihm unangenehm war, die Briefe nicht selbst verfasst zu haben. Aber immerhin, er hatte sich bedankt. Und hätte er es nicht getan, Winters hätte auch damit leben können. Es hätte seinen ohnehin übermenschlichen Kummer nicht mehr nennenswert gesteigert. Schlimmer als jetzt – als von dieser peinigenden Ungewissheit gemartert zu werden – konnte es nicht werden.

Winters hatte das Ende der Treppe erreicht und sein Magen sich zu einem festen Knäuel verhärtet. Ihm war überhaupt nicht wohl. Und das Gefühl wurde auch nicht besser, als er den langen Flur entlang schritt. Nach dem Abendessen und der folgenden Stabsbesprechung war er von Sink in ein längeres Gespräch verwickelt worden, während Lew, den Schein der Normalität wahrend, zu einer Pokerrunde gebeten hatte. Jetzt musste er einige Punkte mit ihm abstimmen und ihn über Sinks Pläne informieren.

In der Annahme eine rauchende, trinkende und heitere Runde vorzufinden, betrat Winters das Kaminzimmer. Der Konten in seinem Bauch löste sich. Der Raum war leer. Bis auf eine Person.

„Harry?“, fragte Winters testweise und war sich nicht sicher, ob der Mann am Tisch wach war oder schlief.

Der blonde Lockenschopf gehörte eindeutig zu Harry Welsh, aber die Art wie er die Arme auf dem dunklen Eichenholztisch gekreuzt und seinen Kopf darauf abgelegt hatte, ließ darauf schließen, dass er ohne Bewusstsein war. Prüfend kam Winters näher.

„Harry.“, wiederholte er etwas lauter.

Keine Reaktion.

In seinem besten militärischen Befehlston adressierte Winters seinen Offizier, laut und deutlich aber ohne Aggressivität. „Lieutenant Welsh!“

Die Schnapsleiche erwachte zum Leben. Mit einem erschrockenen Laut fuhr Harry auf. „Ja, Sir! Anwesend.“

Der Ausruf hatte seine Lippen verlassen, bevor er sich orientiert und die Stimme jemanden zugeordnet hatte. In Hab-Acht-Stellung und gleichzeitig gegen den Schwindel ankämpfend, sah Harry sich um. Als er Winters erblickte, entspannten sich seine Gesichtszüge.

„N’Abend. Major.“, grüßte er grinsend und selbst wenn seinen Worten kein beschwipstes Hicksen folgte, war es unübersehbar, dass er schwer betrunken war. Harry war nicht oft betrunken – verglichen mit Nixon – aber wenn, dann richtig. Und immer auf diese lustige, heitere Weise, die man keinem Besoffenen wirklich übel nehmen konnte.

Winters schenkte ihm ein genügsames Lächeln und wäre Harry nüchtern gewesen, hätte er erkannt, dass es Winters’ Art war ihm zu signalisieren, dass er ihn in diesem Zustand nicht ernst nahm.

„Keine Pokerrunde heute?“, fragte Winters und deutete auf den Tisch, der vom Gegenteil zeugte – leere Schnapsgläser, Kaffeetassen, überfüllte Aschenbecher und diverse Spielkarten. Er war auf der Suche nach Nixon und da Harry der Einzige schien, der von ihrer Pokerrunde übriggeblieben war, musste er langsam vorgehen, wollte er nicht, dass sich der betrunkene Mann in seinen Erinnerungen verstrickte.

„Doch, doch.“, kam es von Harry, der sich bei einem Blick auf den Tisch erinnerte. Träge hob er den Arm und langte ungeschickt nach einer Flasche, die auf dem Tisch stand. Er hatte Durst. „Poker hat’s gegeben“, fuhr er fort, als er den Scotch endlich zu fassen bekam, „und der gute Sparky hat mal wieder alles abgeräumt. Verdammter Mistkerl!“

Die Flasche in den Händen haltend, starrte er auf das Etikett und im nächsten Moment zu Winters, als wüsste er nicht mehr, was er mit dem Scotch eigentlich wollte und wie die Falsche überhaupt in seine Hände gekommen war. „Der hat geschummelt, ganz sicher. Ich schwör’.“  

Erneut begrenzte Winters seine Antwort auf ein schlichtes Lächeln. Ein betrunkener Harry Welsh war wirklich eine Klasse für sich; ohne Frage handhabbar, aber eben auch ohne jede Logik. Und nein, er würde ihm nicht sagen, dass die Flasche in seiner Hand leer war. Sachte schupste Winters den nächsten Gedanken im benommenen Geist des Mannes an. „Und wo sind die anderen?“

Den Blick wieder auf die Flasche gesenkt und die Stirn in tiefe Falten gelegt, erklärte Harry: „Also, wo sich Captain-ich-reiß-alles-an-mich-Speirs befindet, weiß ich nicht. Aber er und… eh…“ Harry stockte und dachte einen Moment nach. Es war deutlich zu erkennen, dass es ihn anstrengte.

„Lipton!“, rief er schließlich lauter als nötig und schien von sich selbst überrascht. „Ja, Sparky und Lip sind zusammen weggegangen. Keine Ahnung wohin, aber es sah so aus als hätten sie noch was vor.“ Bei diesen Worten kicherte Harry. Speirs und Lipton? Zusammen? Was für eine alberne Idee.

Winters versuchte geduldig zu bleiben. Wenn Harry wusste, dass Speirs und Lipton zusammen gegangen waren, dann konnte er sich hoffentlich auch daran erinnern, was Nixon dazu bewogen hatte ihre Runde zu verlassen.  

„Und Captain Nixon?“, wollte er wissen.

„Oh.“, entfuhr es Harry und zum ersten Mal zeigten seine Züge so etwas wie Besorgnis. „Dem ist der Stoff ausgegangen, fürchte ich. Ist losgezogen, sich neuen besorgen.“ Harry hat den Satz kaum beendet, da lag seine Aufmerksamkeit auch schon wieder auf der Flasche in seiner Hand. Wie war die bloß dort hingekommen? Und wieso war Nix überhaupt gegangen, wenn es noch ausreichend Schnaps gab? Mit einem geräuschvollen Plopp zog Harry den Korken.  

Diesmal lächelte Winters nicht. Alles was er von sich gab, war ein ernsthaftes Nicken. Wie sehr er dabei die Zähne aufeinander biss, blieb sein Geheimnis. Nixon ohne Nachschub und das zur Nacht, in einem deutschen Ort, bei strömenden Regen? Das war keine glückliche Konstellation. Der Knoten in seinem Magen kam zurück.

„Gönnen Sie sich etwas Schlaf, Lieutenant Welsh.“, sagte Winters in gesunder Milde, als Harry die leere Flasche an seine Lippen ansetzen wollte.

Sofort ließ dieser den Scotch sinken und hob die andere Hand zu einem laschen, salutierenden Gruß. „Jawohl, Sir.“, sagte er mit gespielten Ernst und war von seiner Darbietung derart belustig, dass er sofort anfing zu lachen.  

Wäre seine Gedanken nicht schon vor einer Minute aus dem Raum gestürmt, um Nixon zu suchen, hätte Winters vermutlich geschmunzelt. Einen letzten Blick auf Harry werfend, entschied er sich seinen Gedanken nachzueilen. Wer wusste, was Nixon in seinem Zustand alles fähig war anzustellen. Oder schlimmer noch, was ihm passieren konnte.

Harry war noch immer am Glucksen, als er mit einem Seitenblick feststellte, dass Winters drauf und dran war ihn allein zu lassen. Umgehend schluckte er seinen Humor herunter und rief ihm nach: „H-hey, Dick!“

Winters drehte sich um, alarmiert von dem Unterton, in Harrys Stimme. „Ja?“

Für einen langen Moment war es unangenehm still im Raum. Harry schien nach den passenden Worten zu suchen.

Winters wartet.

„Nixon, er...“, begann Harry schließlich und hatte wieder diesen besorgten Ausdruck im Gesicht. „Er is’ in keiner guten Verfassung. Jemand sollte nach ihm sehen.“

Winters nickte knapp. „Ich weiß, Harry. Danke.“ Mit diesen Worten verließ er das Kaminzimmer.

* * * * *

Zurück auf der dunklen Straße, stand Winters einen Moment unter dem Dachüberstand des Hauses und ging in sich. Wo konnte Lewis sein?

Er hörte das laute Prasseln um sich herum und in seine Nase zog ein intensiver Geruch nach Regen, als würde er mitten in einem Monsun stehen. Wo ging ein Alkoholiker hin, wenn er neuen Schnaps brauchte?

Eine Reihe von Möglichkeiten durchspielend, sank Winters’ Blick vor die Stufen des Hauseingangs. Nachdenklich beobachtete er, wie die vielen Regentropfen die Pfützen zum Tanzen brachten und hektische Kreise in ihnen zeichneten, die sich gegenseitig auslöschten. Dann hatte er eine Eingebung. Entschlossen zu handeln, setzte er seinen Helm auf und trat unter dem Dachüberstand hervor.

Er brauchte gar nicht weit zu gehen, bis ein eingeschlagenes Schaufenster ihn anhielt. Die Scheibe gehörte zu einem Ladengeschäft und es wunderte ihn, dass weit und breit keine Militärpolizei zu sehen war. Vielleicht waren sie schon wieder abgezogen oder aber der Vorfall lag bereits länger zurück. Dann wäre das Geschäft – das sich bei einem genaueren Blick als Apotheke herausstellte – allerdings verwüstete und ausgeräumt worden. Niemand, der im Krieg noch ganz bei Verstand war, ließ eine Apotheke ungeplündert. Mit einer unguten Vorahnung setzte Winters seinen Weg fort.

Zwei Straßen weiter kam ihm ein großer Truck entgegen. Das PS-starke Ungetüm kämpfte sich mit schnaufendem Motor durch die Wassermassen und veranlasste ihn beim Vorbeifahren einen rettenden Sprung zur Seite zu machen, um einer ungewollten Schlammdusche zu entgehen. Dort entdeckte er sie; eine vertraute Silhouette auf der anderen Straßenseite, die just in diesem Moment einen glühenden Zigarettenstummel wegschnippste.

Ungeachtet der Tatsache, dass er sich irren konnte, brüllte Winters quer über die Straße, gegen den starken Regen an: „Nixon!“

Die Silhouette blieb stehen und wandte sich um.

Gott sei Dank, durchlief es Winters. Nach einem kurzen Blick nach links und rechts, trabte er zügig über die Straße, wobei das Platschen seiner Stiefel in dem gewaltigen Rauschen des Regens unterging.

Nixon war im ersten Moment wie erstarrt und wusste nicht wie er reagieren sollte. Er hatte sich eindeutig nicht verhört, soviel stand fest. Dennoch hatte er nicht erwartet, ausgerechnet ihm hier draußen über den Weg zu laufen.

„Dick?“, fragte Nixon ungläubig. Aber bevor er eine Antwort erhielt, wurde er am Ärmel gepackt und von der Straße unter die Arkaden gezogen.

„Nix!“ Der Ton war ungewohnt harsch. „Was zur Hölle geht hier vor?“

Wie bitte? Hölle? Hatte Richard Winters wirklich gerade geflucht?

Nixon fiel es schwer den Worten zu folgen. Eben noch mit sich und seiner Suche nach etwas Alkoholischen allein, fand er sich plötzlich einem aufgebrachten Major gegenüber, der »was genau« von ihm wollte?

„Sag nicht, Du hast das Schaufenster eingeschlagen?“

Ahh, dachte Nixon und versuchte vergebens sich das Grinsen zu verkneifen. Darum ging es also. Um diese Lappalie, ehrlich? Deswegen machte Dick so einen Aufstand und lief ihm durch einen Jahrtausendregen hinterher, weil er – in dem Glauben, es handele sich bei den Flaschen um Schnaps – die Schaufensterscheibe einer Apotheke eingeschlagen hatte?

Winters las die Antwort zweifelsfrei aus dem Gesicht seines Freundes und gestand sich ein, eine stille Wut wegen Lews unvernünftigem Verhalten im Bauch zu haben. Von Colonel Sink wegen seiner Trunkenheit degradiert zu werden, damit ließ sich fertig werden, aber sollte Nixon von der Militärpolizei verhaftet werden, waren ihm endgültig die Hände gebunden.

Mit einem leichten Ruck befreite sich Nixon von der Hand, die noch auf seinem Arm ruhte. Der strenge Blick von Dick gefiel ihm gar nicht. Er war zufrieden damit gewesen, die Pokerrunde zu verlassen. Die Gesellschaft der anderen hatte seine Stimmung nicht heben können und sich betrinken, dass tat er immer noch bevorzugt allein.

Schnodderig wies er Dick in die Schranken. „Was weißt Du schon!“

„Nix!“, zischte Winters scharf und durch zusammengebissene Zähne. „So was kannst Du nicht machen. Wenn dich jemand sieht, dann –“

„Dann was?“, platzte Nixon wütend dazwischen, ein böses Funkeln in seinen Augen. Er hatte wirklich keine Lust auf diese Diskussion. Und noch viel weniger hatte er Lust auf Dick. Es war ohnehin schwierig ihn jeden Tag zu sehen und mit ihm zusammenzuarbeiten, nachdem er sich nach „Versity“ so hart abgeschossen hatte, dass die Nacht nur noch aus Bruchstücken in seiner Erinnerung bestand.

Er wusste, Dick war bei ihm gewesen, aber die Details fehlten ihm. Und dass er ihn tagein tagaus mit diesem betrübt-fürsorglichen Blick musterte, macht es kein bisschen besser. Es bereitete Nixon Magenschmerzen, sich nicht erinnern zu können und irgendwie musste er dieses quälende Feuer in sich löschen. Eine Flasche zu finden und sich darin zu verkriechen, hielt er für die beste Lösung – hatte es doch in der Vergangenheit dutzende Male funktioniert.

Das anhaltende Schweigen und Anstarren zwischen ihnen schien physische Kräfte zu entwickeln und defensiv machte Winters einen Schritt zurück. Wer war dieser Mensch, dem er hier gegenüberstand? War das wirklich noch Lewis Nixon?

Einen kurzen Augenblick verharrte Nixon noch in der angespannten Situation, dann drängte er sich an Dick vorbei. Er konnte diesem Mann, in dem sich alle seine Hoffnungen und Ängste, sowie Sehnsüchte und Alpträume vereinten, keine Sekunde länger in die Augen schauen.

Doch Winters war schneller. Zielsicher packte er Lew ein zweites Mal am Ärmel und zog ihn zurück unter die Arkaden. Er konnte ihn so nicht gehen lassen, nicht in dieser aufgeheizten Stimmung, wo alles zwischen ihnen ungeklärt war und er befürchtete, dass Lewis heute Nacht noch eine ernste Dummheit beging.

Als er den Blickkontakt zu Lew erfolgreich erzwungen hatte, wandelte sich sein fester Griff  in eine leichte Berührung. „Lew, bitte.“ Winters’ Stimme war nicht mehr als ein verzweifelter Appell, der all seine tiefen Emotionen an die Oberfläche trug. „Wir müssen reden.“

Den physischen Kontakt zu unterbrechen, war leicht. Dem Blick auszuweichen, fiel Nixon um einiges schwerer. Da gab es so vieles, was er diesen grünen Augen dringend sagen wollte. Worte, die ihm in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen waren und von denen er genau wusste, dass er sie niemals über die Lippen kriegen würde. Binnen Sekunden kehrte sein Groll zurück und gewann abermals die Oberhand. Wütend schnaubte Nixon: „Das denke ich nicht!“ Mit beiden Händen stieß er Dick von sich weg.

Der Stoß war so kraftvoll, dass Winters der Helm vom Kopf rutschte. Geschockte von der Attacke blinzelte er. Dies war nicht die erste Auseinandersetzung mit Lew, aber es war das erste Mal, dass er dabei handgreiflich wurde.

Gefangen in den Nachwirkungen sah Winters, wie Lewis seinen ziellosen Weg auf der überschwemmten Straße fortsetzte und nicht zurückblickte, bis von irgendwoher die Kraft kam, die er brauchte, um seine Starre abzuschütteln und ihm nachzulaufen. Jetzt die Brücken einzureißen, mit all den Gefühlen und den unausgesprochenen Gedanken zwischen ihnen, würde ihm das Herz brechen.

„Nix!“, rief Winters aus vollem Hals. „Warte!“

Nixon hielt an.

Absolut regungslos stand er da, im Regen, auf einer dunklen und verlassenen Straße. Warum nur hatte er angehalten? Seine innere Stimme? Ein letzter Teil in ihm, der sich mehr nach Dick sehnte, als dass er sich selbst hasste? Doch kaum, dass Dick ihn eingeholt und sich ihm in den Weg gestellt hatte, war dieser Gedanke wie ausradiert. Was blieb waren Selbstverachtung und das Gefühl von Wertlosigkeit.

„Auf was, Dick?“, bluffte Nixon. „Auf was soll ich warten?“ Der Regen rann ihm in Strömen übers Gesicht. Lief ihm über die Augenbrauen, tropfte von seiner Nase, seinem Kinn. Wild gestikulierend schrie er weiter. „Darauf, dass mein nächster Tag der letzte ist? Darauf, dass dieser Scheißkrieg endlich vorbei geht? Oder vielleicht, dass dieser verfluchte Regen irgendwann aufhört?“

Winters war wie betäubt. Alles, was er für einen Moment wahrnahm, war dieser Mann, der lichterloh in Flammen stand und das viele Wasser um sie herum, das nichts davon löschen konnte. Lewis hatte sich verändert und das nicht erst in den vergangenen Tagen. Führer hatte Winters geglaubt eine gemeinsame Basis mit Lew zu haben, etwas, auf das er sich immer verlassen konnte. Doch jetzt, ein dreiviertel Jahr nach ihrer Landung in der Normandie, war nichts mehr davon übrig.

Nixon erhielt keine Antwort und ihn seiner überschäumenden Rage, die sich irgendwo entladen konnte, sah er nur noch eine Möglichkeit. Lieber war er allein und unglücklich, als gefangen in der Nähe dieses Menschen, der immer unerreichbar für ihn bleiben würde. Es würde besser sein so. Für sie beide. Bereit alle Leinen zu kappen, schmetterte er Dick seine Worte an den Kopf.

„Verpiss dich, Dick und lass mich allein! Ich. Brauch. Dich. Nicht!“

Da war ein Schwanken. Innerlich. Zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber es löste einen Wirbelsturm aus. Winters fühlte, wie etwas seinen Körper von oben bis unten durchlief. Er war erschüttert. Vielleicht sogar verletzt. Da war dieses furchtbare Stechen in seiner Brust und alles was er ihm entgegenzusetzen hatte, war diese eine Silbe, die ihm immer dann über die Lippen kam, wenn sein Herz so viel mehr fühlte, als seine Worte auszudrücken vermochten.

„Luh...“

Nixon bekam von alldem nichts mit. Weder von dem Schaden, den seine Worte anrichteten, noch von der Silbe, die ihm nachgeflüstert wurde oder dem gebrochenen Menschen, den er zurückließ. Er hatte sich endgültig frei gemacht von diesem Richard Winters und wollte jetzt nur noch weg von hier.

Doch weit kam er nicht. Seine Füße trugen ihn keine zehn Meter, bevor er stolperte, das Gleichgewicht verlor und auf die überschwemmte Straße stürzte. Sekundenschnell sogen sich seine Hosenbeine und die Ärmel seiner Jacke mit dem schlammigen Wasser voll. Die widerliche Brühe durchnässte sein Haar, brannte in seinen zusammengekniffenen Augen und fand auch ihren Weg in seinen Mund, wo sie einen Geschmack hinterließ, der bei ihm das Bedürfnis auslöste, sich zu übergeben. Das war das Ende. Sein Ende.

Nixon war sich nicht sicher, ob er sich das Rufen seines Namens in dem Starkregen einbildete, aber während er noch dabei war sich zu orientieren, spürte er bereits eine starke Hand an seinem Oberarm, die ihn in eine bestimmte Richtig zog. Dick. Er wollte ihm aufhelfen. Aber unten allen Dinge, die Nixon jetzt nicht wollte, standen die Hilfe von Dick und ganz besonders seine Berührung an erster Stelle.

Es traf Winters nicht unvorbereitet, als aus der gut gemeinten Geste plötzlich ein Gerangel wurde. Ein Teil von ihm hatte mit Gegenwehr gerechnet, nur nicht mit so heftiger. Nixon wehrte sich nicht bloß gegen die Hilfe und wand sich aus seinem Griff, nein, er ging tatsächlich auf ihn los und begann nach ihm zu schlagen.

Einen angetrunkenen Mann gleicher Statur zu überwältigen, hätte für den erfahrenen Ringer eigentlich kein Problem sein sollen, doch das Glück war mit den Dummen. Es war Zufall, als Lewis’ Faust in Winters’ Gesicht landete.

Der unerwartete Treffer hatten ihrem Gerangel ein Ende bereiten und die beiden voneinander getrennt. Lewis’ Schlag war nicht stark genug gewesen um Winters’ Standfestigkeit zu gefährden, aber immer noch stark genug, dass er den Mund öffnete und sich seinen schmerzenden Kiefer massierte. Wie konnte dieser Mann nur so selbstzerstörerisch sein und dabei alles in seiner Umgebung mitreißen?

Keuchend stand Nixon da und spuckte eine Mischung aus Regenwasser, Dreck und Schlamm auf die Straße, seinen verwirrten Blick unentwegt auf Dick gerichtet. Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und anschließend durch sein nasses Haar. Was hatte er getan?

Für einen Moment wünschte sich Nixon, er hätte den Treffer eingesteckt. Er hätte es mehr als verdient gehabt. Für seine Dummheit, seine Ignoranz und seine Selbstsucht. Es war das, wogegen er in den letzten Tagen so verzweifelt angetrunken hatte.

Jedes Mal, wenn Dick ihn angesehen hatte, hatte er den Wunsch verspürt ihn zu fragen, was in der Nacht passiert war, denn da waren Bilder und Sinneseindrücke in seinem Kopf, die einfach keinen Sinn ergaben. Er brauchte Dick, um seine Erinnerung zusammenzusetzen, doch seine Furcht vor der Wahrheit hatte ihn jedes Mal gestoppt und seine Chance auf eine klare Antwort hatte er mit diesem Faustkampf endgültig verwirkt.

Die Reue stand Lew unmittelbar in sein verdrecktes Gesicht geschrieben und Winters zweifelte nicht eine Sekunde an dem, was er sah. Lew hatte ihn nicht schlagen wollen. Nicht wirklich. Das Gute in dem Mann direkt vor Augen, tat Winters das einzige, bei dem er sich immer sicher in ihrer Beziehung gefühlt hatte – er ging auf Lewis zu.

Mahnend hob Nixon die Hand und hielt seinen ausgestreckten Arm wie ein Schutzschild vor sich. „Bleib weg von mir!“, rief er Dick durch den Regen zu und machte gleichzeitig einen Schritt nach hinten. Mochte sein Herz auch etwas anderes wollen, er ging lieber alleine und wehenden Fahnen unter, als Dick mit sich zu reißen. Das hatte dieser gütige Mensch einfach nicht verdient.  

Winters hätte nie für möglich gehalten, dass ein kaputtes Herz – sein Herz – ein zweites Mal brechen konnte. Die gegen ihn erhobene Hand und die Aufforderung sich fernzuhalten, waren schlimmer als der Faustschlag ins Gesicht und nahmen ihm jede Fähigkeit sich zu rühren. Nie zuvor war Lew so zurückweisend, so gefühlskalt, so verletzend zu ihm gewesen.

Nixon hatte erreicht was er wollte, Dick hielt sich von ihm fern. Sein Innerstes schmerzte dabei auf eine Weise, die ihn sich nach seinem Whiskey sehnen ließ. Mit dem Gedanken an das beruhigende Brennen in seiner Kehle, das ihn empfangen würde, fiel es Nixon beinah leicht den Arm sinken zu lassen und sich umzudrehen.

Er ging einfach los, durch die Dunkelheit, den endlosen Regen, die überflutete Straße. Und er wusste gesichert, dass Dick ihm diesmal nicht folgen würde.
Review schreiben