Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
10.11.2018 9.371
 
Hinweise:
Länge:  8.981 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 9 „Why We Fight“, Minute 09:05
(Winters findet Nixon beim Frustsaufen, die beiden trennen sich im Streit.)
Timeline: 26. März 1945, Stürzelberg, Deutschland

Vorbemerkung für Tindomiel:
Liebe Maggie, beim Schreiben dieses Kapitels habe ich oft an dich gedacht! Ich hoffe Du druckst es dir wieder aus (*zwinker*) und dass es sich so liest, wie der einst von dir erwähnte Seidenschal: fließend und weich.

Vorbemerkung für alle:
Bevor es losgeht, muss ich noch ein paar Worte loswerden, denn dieser Teil meiner One Shot Serie liegt mir besonders am Herzen. Es ist der Grund warum ich mir all die vorangegangenen Szenen überhaupt ausgedacht habe.

Um jedem Leser zu zeigen, was ich meine, habe ich mich entschlossen das Video zu diesem One Shot an den Anfang zu setzen. Es ist in meinen Augen die gefühlvollste Szene zwischen Winters und Nixon in der gesamten Serie. Was hier passiert, hat mich erkennen lassen welche Möglichkeiten dieses Pairing bietet, aber auch was das Kernproblem ihrer Beziehung ist.

Ich gebe zu, dass es ein One Shot mit verbrecherischer Überlänge geworden ist. Aber ich bin zuversichtlich, dass er die Fähigkeit hat jeden Leser zu berühren und auf eine wundervolle Reise mitzunehmen – sofern dieser die Zeit dazu findet.

Wer über dies hinaus die Zeit hat, dem empfehle ich sich das Video vor dem Lesen zwei- oder dreimal anzuschauen und mal bewusst auf Mimik und Gestik der beiden zu achten. Man kann wirklich viel über ihre Beziehung lernen. Und jetzt wünsche ich euch viele intensive Momente mit Lew & Dick.

Video: Nixon demoted (3:17 min)



Überlebendenschuld

Winters fühlte sich schuldig. Das Gespräch mit Lewis am späten Vormittag war alles andere als so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte.

Wieder und wieder hatte er ihre Unterhaltung im Kopf durchgewälzt und versucht herauszufinden, was schief gelaufen war. Schlechte Nachrichten zu überbringen, war nie eine angenehme Aufgabe, aber es gehörte nun mal zu seinen Pflichten. Selbst wenn es bedeutete, dass er seinen besten Freund von seiner Degradierung unterrichten musste.

Er hatte mit vielem gerechnet, nur nicht damit, dass Lew derart abgestumpft und gleichgültig reagieren würde. Hätte er ihn angebrüllt, sich maßlos über Colonel Sink ausgelassen oder gar mit einer leere Flasche um sich geworfen – all das hätte er verstanden.

Doch Lewis Nixon war nicht der Typ, der bei schlechten Nachrichten explodierte und an die Decke ging – nicht mehr. Er war zu jemandem geworden der Schreckensbotschaften mit einem zynischen Lächeln aufnahm, um sich gemeinsam mit ihnen und seinen anderen Sorgen über eine Klippe zu stürzen, die einem Flaschenhals entsprach.

Zu seinen anderen Sorgen gehörte in diesem Fall, dass er es am Morgen bei der Operation „Varsity“ als einer von nur drei Fallschirmjägern aus ihrem Flugzeug geschafft hatte, bevor es abgeschossen worden war. Wie Lew weiter berichtet hatte, war unter den Toten auch der kommandiere Offizier der Einheit, mit dem er kurz vor dem Start noch den Platz getauscht hatte, damit dieser weiter hinten bei seinen Männern sitzen konnte.

Für Lew hieß das, dass er sich nun, zusätzlich zu dem reumütigen Gefühl dem Tod entkommen zu sein, damit befassen musste, Briefe an die Hinterbliebenen gefallener Soldaten zu schreiben, die nicht einmal offiziell seinem Kommando unterstanden hatten; geschweige denn, dass er ihre Namen kannte.

Seinen Schrecken über Lews knappes Überleben hatte Winters im ersten Moment verdrängt und versucht für ihn da zu sein, ihm zuzuhören und sein Bedauern auszudrücken. Doch er war mit seinen Worten auf eine Wand aus Granit gestoßen, an der ebenso wie sein Mitgefühl auch die Nachricht über Lews Degradierung abgeprallt war. Rasch hatte er eingesehen, dass es keinen Sinn gehabt hatte weiter mit Lew zu diskutieren und war den geordneten Rückzug angetreten.

Nun war der Tag vergangen und Winters’ Gedanken kreisten immer noch um Lew. Er machte sich Sorgen, große Sorgen. Als er das Haus verlassen hatte, war Lew alles andere als nüchtern gewesen. Gott, er konnte sich gar nicht daran erinnern, wann er ihn das letzte Mal wirklich nüchtern erlebt hatte. Heute jedenfalls hatte er am helllichten Tag gewaltig einen sitzen gehabt und es stand vollkommen außer Frage, dass er sich den Nachmittag hindurch bis in den Abend hinein weiter betrunken hatte. Und genau das, ließ Winters keine Ruhe.

* * * * *

Es war weit nach Mitternacht als Winters zu dem Haus zurückkehrte, wo er Lew am Vormittag mit seinem Whiskey allein gelassen hatte.

Leise öffnete er die Tür und betrat den Eingangsbereich. Das Haus war still und dunkel. Einen kurzen Moment lauschte Winters, dann stieg er die geschwungene Treppe in den ersten Stock hinauf, ungewiss was ihn dort erwartete.

Auf der ersten Etage war das Licht gedämpft. Der Flur über den er schritt, lag im Halbdunkeln und das Durchgangszimmer, welches zum großen Salon mit dem Kamin führte, war wie bei seinem letzten Besuch nur von der Lampe auf dem Tisch erhellt.

Winters nahm an, dass es ihn hätte überraschen sollen, das Kaminzimmer mit den holzvertäfelten Wänden und dem großen Esstisch aus poliertem Eichenholz leer vorzufinden, doch das tat es nicht. Nixon war keiner, der seinen Rausch öffentlich zur Schau stellte. Er verkroch sich für gewöhnlich, wenn er getrunken hatte. Und er verkroch sich gut. Vollkommen in sich ruhend stand Winters da und studierte den Raum, der vor ihm lag.

Im Kamin brannte nach wie vor ein Feuer. Leise knisternd zeichnete es sein flackerndes Lichtspiel an die umliegenden Wände und füllte den Raum dabei mit einer Wärme, die dazu einlud es sich bequem zu machen. Sämtliche Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen und die antike Standuhr auf der anderen Seite gab ein für die Ewigkeit bestimmtes, gleichmäßiges Ticken von sich; ihre schwarzen Zeiger auf zwanzig vor eins.

Gerne hätte Winters von dem Spruch Gebrauch gemacht, dass von Lewis jede Spur fehlte. Doch dem war nicht so. Die Spuren seines Rauches waren überall verteilt, besonders auf dem Tisch. Dort standen mehrere benutzte Gläser, diverse angebrochene Whiskeyflaschen und drei Aschenbecher, von denen einer maßlos überfüllt war. Außerdem hatte sich ein Haufen wild durcheinander geratener Papiere dazugesellt.

Von den Flaschen wusste Winters gesichert, dass sie nicht alle aus dieser Nacht stammten. Seit das Bataillon dieses Haus besetzt hielt, veranstaltete Nixon regelmäßig Pokerabende, an denen sich die anderen Offiziere rege beteiligten. Der gleiche Umstand hatte vermutlich auch die Aschenbecher gefüllt, da Nixon bei weitem nicht der einzige war der rauchte. Aber die Papiere – es waren Briefbögen, um genau zu sein – die waren neu.

Winters hatte gerade einen neugierigen Schritt auf den Tisch zu gemacht, als er hinter sich das Rauschen von einer Wasserleitung in der Wand hörte. Vermutlich eine Toilettenspülung. Nur wenige Augenblicke später wurde irgendwo auf dem dunklen Flur eine Tür zugeschlagen und ein flegelhaftes, unmanierliches Aufstoßen war zu hören. Begleitet von dem Geräusch knarrender Holzdielen näherte sich ein Besucher.  

Auf das Schlimmste gefasst, drehte Winters sich um.

„Dick?“ Die Stimme von Nixon klang überraschend nüchtern, als er das Kaminzimmer betrat. „So spät noch wach?“ Ohne sich ernsthaft für eine Antwort zu interessieren, schlurfte Nixon zum Tisch und kratzte sich dabei schmatzend am Bauch. Langsam hatte er den Pegel von Gleichgültigkeit erreicht, nach dem er sich sehnte.

Wortlos aber mit einem kalkulierenden Blick folgte Winters seinem Freund. Lew sah nicht viel schlechter aus als am Vormittag. Seine Hosenträger hingen schlaff herab, sein Hemd war einen Knopf weiter geöffnet als es nötig gewesen wäre und er war immer noch auf Socken unterwegs. Ein trauriger Anblick, der durch die Art wie er sich auf seinen Stuhl neben dem Kamin plumpsen ließ nur noch verstärkt wurde.

Winters’ konstantes Schweigen entfaltete derweil seine Wirkung und nach einem weiteren Moment geduldigen Wartens schaute Nixon flüchtig zu ihm herüber. Sein schwarzes Haar war zerwühlt und seine Wangen vom Trinken leicht gerötet. Als suchte Winters nach einem verlässlichen Hinweis auf seinen Geisteszustand fokussierte er für Sekunden seine unterlaufenen Augen, unentschlossen ob er Lew damit tadeln wollte oder nicht. Dann bemerkte er in spitzem Ton: „Das gleiche könnte ich dich fragen.“

„Pfhh!“ Nixon schnaubte abfällig und neigte den Kopf zur Seite. „Ich war schon immer der ausdauerndere Nachtschwärmer von uns beiden. Geb dir keine Mühe mich schlagen zu wollen.“

Mit einem Gefühl der Überlegenheit griff Nixon nach einer der Flaschen und schenkte sich ein. Er brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass Dick ihn dabei mit Argusaugen beobachtete. Und es ärgerte ihn, dass er das Zittern seiner Hand beim Einschenken nicht verbergen konnte. Vielleicht war er doch noch nicht auf seinem Level. Unsanft stellte er die Flasche aus der Hand, hob das Glas an seine Lippen und kippte den Whiskey in einem Zug hinunter. Mehr. Er brauchte mehr. Viel mehr.

Die Wärme im Zimmer war inzwischen so unerträglich, dass Winters es in seiner Feldjacke nicht mehr aushielt. In einer ruhigen Bewegung streifte er sich das schwere Kleidungsstück von den Schultern und hing es ordentlich über die nächste Stuhllehne, seine Arme in einer drohenden Geste darauf aufgestützt. Er wusste, dass es vermutlich kaum einen Eindruck auf Lewis machen würde, aber wenn ihm niemand die Stirn bot und ihn zurechtwies, würde es niemals besser werden mit seiner Trinkerei. Und eine Degradierung von Colonel Sink reichte da bei weitem nicht aus. Im Gegenteil, sie gab ihm nur noch weitere Gründe sich volllaufen zu lassen.

In diesem Sinne war schlagen genau der richtige Ausdruck. Wenn es auch nur den Hauch einer Chance gegeben hätte, Lew dadurch zur Besinnung zu bringen, dann hätte Winters es vermutlich auch übers Herz gebracht mit ihm zu kämpfen. Aber diese Option erschien ihm von vornherein als zu verzweifelt und aussichtslos. Also versuchte er es mit etwas, in dem er weit besser war. An Nixons Gewissen – von dem er wusste, dass es existierte – appellierend fragte Winters voller Bitterkeit und Ironie: „Du bist und bleibst Captain Lewis der-VAT-69-Liebhaber Nixon, nicht wahr?“

Nixon begann amüsiert zu nicken, während er sein Glas nachfüllte. Eine Moralpredigt war jetzt das letzte was er brauchte. Dick wollte einen Kampf? Den konnte er bekommen. „Stimmt genau.“, bestätigte er mit einem selbstüberschätzenden Lächeln. „Das bin ich.“ Als würde er ein Orakel in der Hand halten, hob er das Glas auf Augenhöhe, drehte es leicht im flackernden Licht des Kaminfeuers und starrte verträumt in die Flüssigkeit. Stolz verkündetet Nixon: „Ich bin wie ein Liebhaber zu meinem Whiskey – leidenschaftlich und verlangend.“

Winters traute seinen Ohren nicht. Er konnte nicht glauben, dass sein Freund sich mit solch einer Dreistigkeit selbst in die Tasche log. Seinen Standpunkt in aller Schärfe deutlich machend korrigierte er ihn: „Du bist unkontrolliert und abhängig, Nix. Und Du solltest endlich damit aufhören.“

„Scheiße Dick!“, fuhr Nixon auf und pöbelte drauflos. „Und Du solltest endlich anfangen!“ Langsam sank er zurück in seinen Stuhl und nahm beleidigt einen Schluck von seinem Whiskey. So schnell würde er sich nicht geschlagen geben.

Nein, dachte Winters im Stillen und ließ resigniert die Stuhllehne los, während er beobachtet, wie Lew sich hinter seinem Glas verkroch. Selbst wenn die Aussicht bestanden hätte ihm Vernunft einzuprügeln, er hätte sich nicht dazu überwinden können Lew auch nur ein einziges Mal zu schlagen. So sehr ein Teil von ihm sich das auch wünschte, es war bereits hart genug ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen und zu sehen, wie sehr er darunter litt.

Unerwartet nahm Nixon das Gespräch wieder auf, den Blick tief in seinen Whiskey versenkt. „Ich meine, schau’s dir doch mal an.“ Seine Stimme hatte einen niedergeschlagenen Ton angenommen. „Das Trinken is’ne tolle Sache.“ Als würde er mit seinem Getränk, statt mit Dick sprechen, fuhr er fort: „Flugzeuge mit guten amerikanischen Jungs werden einfach so vom Himmel geschossen. Du kommst als einer der Glücklichen ohne einen Kratzer da raus und am Ende erscheint sogar noch dein bester Freund bei dir, um dir zu erklären, dass das einzige, was es ein bisschen erträglicher macht, etwas ist, das dich abhängig werden lässt und mit dem Du aufhören sollst.“ Über seine eigenen Worte traurig lächelnd schüttelte Nixon den Kopf. „Nein, Dick. Ich werd’ nicht aufhören.“

Winters war mit seinem Latein am Ende. Er hatte keine Ahnung was er darauf antworten sollte. Es war genau dieselbe festgefahrene Situation, in der sie schon am Vormittag gesteckt hatten. Und was das abgeschossene Flugzeug betraf, so hatte er längst klargemacht, dass er den Tod dieser jungen Männer keinesfalls für unehrenhaft oder gar wertlos hielt.

Betrübt leerte Nixon sein Glas und schaute zum anderen Ende des Tisches. Zum ersten Mal an diesem Abend schafft er es Dicks Anblick für mehr als nur ein paar Sekunden zu ertragen. Und alles was er sah, war Reinheit. Das glatt rasierte Gesicht, der akkurate Haarschnitt und die tadellos sitzende Uniform. Dieser Mann war gestriegelt von der Sohle bis zum Scheitel und das mitten in der Nacht. Und er? Er war stockbesoffen, laberte den letzten Scheiß und stank vermutlich nach Schweiß, Alkohol und Zigarettenrauch. Er verdient es nicht mit seinem düsteren Schatten im Glanz dieses Engels zu stehen. So sehr er sich auch danach sehnte, Dick war einfach zu hell, zu strahlend.

Die Art wie Lew ihn ansah, ließ Winters’ Magen sich zusammenziehen. Noch nie hatte er diese zugegeben hübschen, dunkelbraunen Augen mit solch einer Mischung aus Verzweiflung, Verlangen und Vergötterung auf sich ruhend gefunden. Er wollte Lew nicht belehren, er wollte ihm helfen. Nur hatte er selbst keinen Schimmer, wie er das anstellen sollte.

Mit einem schlechten Gefühl wandte Winters sich aus dem Blick, dem er nicht standhielt und begann verlegen über den Kragen seiner Feldjacke zu streichen. Was sollte er jetzt tun? Nach Ablenkung suchend ließ er seine Augen am Rand des polierten Eichentisches entlang wandern und stoppte unvermittelt als ihm die Papiere wieder auffielen. Leise fragte er: „Sind das die Briefe?“

Bevor Nixon die Chance bekam etwas zu sagen, ertönte ein tiefer Glockenschlag von der antiken Standuhr. Der dumpfe Ton schien für Sekunden den Raum zu füllen und den Moment zwischen den beiden Männern einzufrieren. Es hatte eins geschlagen.

Das Echo noch in den Ohren, antwortete Nixon, seine Stimme trotzig und voller überschäumendem Frust: „Ich wünschte, ich könnte sagen es wären Anfänge davon.“ Er war schlecht im Schreiben solcher Briefe, unterirdisch schlecht, eigentlich sogar hundsmiserabel. Wie schrieb man einer Mutter, dass ihr geliebter Sohn als Fallschirmjäger in den gottverfluchten Tod gesprungen war ohne je das Flugzeug verlassen zu haben?

Aufbrausend machte Nixon seinem Ärger Luft. „Scheiße ist das!“, fluchte er laut und wies mit einem Kopfnicken auf die zum Teil beschriebenen Seiten. „Alles scheiße.“, wiederholte er etwas weniger lautstark und schenkte sich zur Beruhigung einen weiteren Whiskey ein.

Winters wusste wie schwer es war solche Briefe zu schreiben. Er hatte das oft genug selbst tun müssen. Aber in seinen Augen hatten die Familien ein Recht darauf zu erfahren, dass ihre Söhne, Brüder, Ehemänner und Väter ehrenvoll im Kampf gefallen waren. Vielleicht war das eine Möglichkeit, wie er Lew aufrichten konnte, indem er ihm mit den Briefen half? Entschlossen sich Lews Anfänge anzusehen, kam er um den Tisch herum.

Wäre er allein gewesen, hätte nicht mehr viel gefehlt und er wäre am Tisch eingeschlafen. Doch Nixon war nicht allein und die Tatsache, dass Dick sich in diesem Augenblick auf ihn zu bewegte, ließ ihn trotz der alkoholischen Gefühlsdämpfung, die er sich über den Tag angetrunken hatte, nervös werden. Er wollte ihn jetzt nicht so nah bei sich haben. Nicht, wenn er nur kam, um sich seine lausige Arbeit anzusehen und es darauf hinauslief, dass er ihm sagte, was er ohnehin schon wusste. Er würde die Briefe von vorne schreiben müssen. Mit einem schummerigen Gefühl im Schädel rückte Nixon seinen Stuhl zurück und flüchte zum Kamin.

Winters sagte nichts zu dem plötzlichen Zurückweichen, nahm es jedoch beunruhigt zur Kenntnis. Es war überhaupt nicht Lews Art vor ihm in Deckung zu gehen. Mit seinen schlanken Fingern schob Winters ein paar der Seiten auseinander und ließ seine Augen über die Zeilen gleiten. Die Schrift war kaum zu entziffern, ganze Passagen waren unleserlich und voller Fehler, Absätze halb oder ganz durchgestrichen und die Wortwahl alles andere als angemessen. Winters war überzeugt davon, dass es im gesamten Regiment niemanden gab, der so gut Karten lesen, erfassen und deren gesamte Topographie im Kopf behalten konnte wie Lew. Aber etwas in Worten auszudrücken, gehörte eindeutig nicht zu seinen Stärken.

Sorgenvoll hob Winters den Kopf und sah hinüber zum Kamin. Wie eine Statur stand Lewis reglos davor und starrte in die Flammen, den Ellenbogen auf dem schweren Sims abgestützt und in der anderen Hand sein Whiskyglas. Was hatte Lew doch gleich am Vormittag zu ihm gesagt? Er hatte in diesem gesamten Krieg nicht einmal seine Waffe abgefeuert, keinen einzigen Schuss. Möglicherweise ging es heute Nacht gar nicht um die Briefe und auch nicht um die toten Männer oder das abgeschossene Flugzeug.

Vielleicht ging es um Lew.


Die glühenden Holzscheite mit den züngelnden Flammen, der intensiven Wärme und dem leisen Knistern hatten eine tröstliche Wirkung auf Nixon, wenngleich nichts davon ihm bei seiner Frage weiterhalf. Warum war er nicht auch draufgegangen, so wie die anderen Jungs? Ratlos schaute Nixon auf sein Glas als würde es die Antwort kennen und leerte es in der Hoffnung auf eine tiefere Erkenntnis. Er war müde. Müde vom vielen Nachdenken. Müde vom vielen Trinken. Und müde von dem Gefühl sich schuldig zu fühlen.

Für einen kurzen Moment überlegte Winters, ob er Lew entgegenkommen und ihn ehrlich fragen sollte, was in ihm vorging. Doch er verwarf diesen Gedanken gleich wieder, wusste er doch genau was ihn herunterzog und seine gesamte Selbstachtung auffraß. Lew in dieser Verfassung zu sehen – mit den glänzenden Lichtreflexen des Feuers auf seinem Gesicht und verzweifelt an seinen Whiskey geklammert – verursachte ein Stechen in Winters’ Brust, für das er keinen Namen hatte. Mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn hauchte er: „Luh…“

Die Haltung von Nixon änderte sich schlagartig, straffte sich in seinem stark betrunkenen Zustand auf eine unnatürlich wirkende Weise. Um sein Gleichgewicht bemüht, trottete er ohne ein Wort zurück zum Tisch und stellte sein Glas hart darauf ab. Dann griff er kommentarlos nach einer der angebrochenen Flaschen und entschied nach kurzem Schütteln, dass der Inhalt es nicht mehr wert war in ein Glas umgefüllt zu werden.

Winters folgte Lew mit seinem Blick, unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Sollte er ruhig pöbeln, fluchen und sich über den Krieg auslassen. All das war hundertmal leichter zu ertragen, als das unbarmherzige Schweigen, mit dem Lew ihn hier und jetzt bestrafte, die Flasche an seine Lippen setzte und sie mit selbstzerstörerischer Gewalt leerte. Winters hatte das grausame Gefühl nicht wegsehen zu können, wie bei einem großen Unglück oder einer Katastrophe, die so einnehmend war, dass sie einem die Kontrolle über den eigenen Körper raubte. Das hier war nicht der Mann, den er am Vormittag verlassen hatte. Das hier war jemand anderes.

Nixon sagte nichts als er die leere Flasche sinken ließ und sich mit dem Handrücken über den feuchten Mund fuhr. Für einen kurzen Augenblick hatte er doch tatsächlich gehofft, Dick würde die Courage besitzen auf ihn zuzukommen und ihm die Flasche aus der Hand zu nehmen. Doch da hatte er sich getäuscht. Traurig hob er den Kopf. Es war ein Blick, der sagen sollte, Es-tut-mir-leid-aber-ich-kann-nicht-anders. Doch Nixon fand nicht die Kraft, die es gekostet hätte Dick bei diesem Gedanken in die Augen zu schauen. Stattdessen starrte er auf sein dunkles Hemd mit der exakten Knopfleiste, die über seinen Oberkörper verlief. Gott, er würde niemals Worte dafür finden, wie sehr er sich wünschte mit diesem Körper in Berührung zu kommen.

Der viele Alkohol entfaltete derweil seine Wirkung und Nixon überraschte es, dass diese so viel stärker ausfiel als er es gewohnt war. Der Raum begann sich langsam zu drehen, Möbelstücke schienen sich zu bewegen ohne dass jemand sie anfasste, alles wurde unscharf und die Umgebung verlor ihr Gleichgewicht. Von einem Moment auf den nächsten hatte Nixon das Gefühl sich nicht länger auf den Beinen halten zu können. Nach Halt suchend torkelte er auf die nächste Wand zu und ließ sich ungebremst dagegen fallen. Sein schmerzender Kopf folgte umgehend, die vor Müdigkeit brennenden Augen geschlossen, noch bevor seine Stirn mit dem Holz kollidierte.

Er war ein Idiot! Ein betrunkener Vollidiot, der…

In diesem Moment glitt die leere Flasche aus Nixons Fingern und kullerte mit ihrem bauchigen Körper geräuschvoll über die Holzdielen, bis sie gegen ein Paar polierter Stiefel stieß.

Winters schaute auf seine Füße und sah über Sekunden hinweg zu, wie die Flasche sich auspendelte. Als sie endlich still lag, bückte er sich und hob sie auf. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Was immer Lew auch dachte, über ihn, den Krieg oder sich selbst, er würde seiner Selbstzerstörung keine Minute länger zusehen. Ruhig und kontrolliert stellte er die Whiskeyflasche zurück auf den Tisch und schaute hinüber zu Lew, der so aussah als würde er jeden Augenblick an der Wand einschlafen. „Du siehst müde aus.“, sagte Winters in einem Ton, der weder anklagend noch überbehütend war. „Was hältst Du davon, wenn ich dich ins Bett bringe?“

Ein kindliches Glucksen war zu hören. „Bett?“ wiederholte Nixon belustigt und auf seinem Gesicht erschien das typische Grinsen eines Betrunkenen, der über einen Witz lachte, den nur er selbst verstanden hatte. Mit geschlossenen Lidern lehnte er an der Wand und kämpfte gegen die Wirkung seines Rausches an. Die Aussicht in ein Bett zu kommen, erschien ihm mit einem Mal sehr verlockend und schläfrig willigte er ein: „Klingt gut.“

„Fein.“, bestätigte Winters, seine Stimme eine Spur weicher als eben. Er nahm es als Zeichen der Versöhnung, dass Lew sich auf seinen Vorschlag einließ und in mildem Ton erklärte er: „Ich räum’ das hier noch kurz zusammen und dann zeig’ ich dir dein Bett, in Ordnung?“ Als Antwort erhielt er ein müdes Brummen. Für einen Moment hatte Winters daran gedacht Lew erst ins Bett zu bringen und sich dann diesem Chaos zu widmen, aber bevor er es vergaß, wollte er wenigstens die Briefe eingesteckt haben. Vielleicht ließen sich ja doch Teile davon verwenden.

Hinter seinem Rücken vernahm Nixon das Rascheln von Papier. Mochte sein, dass der Whiskey ihm sein Gleichgewicht genommen und den Boden unter seinen Füßen zum Schwanken gebracht hatte, aber seine anderen Sinne hatte er ihm nicht vernebelt – sehr zu seinem Bedauern. So blieb es ihm nicht erspart das Schweregefühl in seinen Gliedern zu spüren und die Zerschlagenheit, die sich tief in seine Knochen gesetzt hatte. Auch an der Erdanziehung, die unablässig an seinen schlaffen Armen zog, auf das er endlich nachgab und sich hinlegte, führte kein Weg dran vorbei. Er fühlte sich, als würde sein ganzer Körper nur noch aus Kummer und Schmerzen bestehen. Und da war dieses Hämmern in seinem Kopf, von dem er ganz genau wusste, dass es nicht vom Alkohol kam.

Wieso hat er überlebt?


In Herz und Seele tief verzweifelt und im Rausch des Alkohols gefangen, löste Nixon sich von der Wand. Er brauchte jetzt etwas an dem er sich festhalten konnte. Etwas, das ihn fühlen ließ, dass er noch nicht verloren war.

Ohne Vorwahrung wurde Winters von einer großen Kraft im Rücken getroffen und fing sich reflexartig an der Tischplatte ab. „Hey!“, reagierte er überrascht. Er richtete sich wieder auf, doch sein Protest wurde unmittelbar im Keim erstickt, als er die Hände auf seinem Bauch bemerkte, und zwei Arme sich unerwartet fest um seine Körpermitte zogen. Lewis hatten ihn von hinten umarmt. Ohne ein Wort. Einfach so. Wie aus dem Nichts.

Das nächste was Winters spürte, war ein schwerer Kopf, der sich an seine rechte Schulter schmiegte und ein langes, gelöstes Seufzen, das so tief und natürlich war, dass er deutlich spüren konnte, wie sich Lews Lungen mit Luft füllten und diese wieder entließen. In der ersten Schrecksekunde hatte er noch den Drang gehabt seinen betrunkenen Freund abzustreifen, wie einen im Regen durchnässten Mantel. Doch mit einem Mal konnte er das nicht mehr. Lews Griff war keineswegs so fest, dass Winters sich nicht daraus hätte befreien können, wenn er gewollte hätte, aber genau da lag das Problem. Er wollte es nicht.

Es war als hätte Lew mit seiner Umarmung eine unsichtbare Mauer eingerissen, etwas das schon viel zu lange zwischen ihnen gestanden und sie davon abgehalten hatte aufeinander zuzugehen. Auf diese besondere Art und Weise aufeinander zuzugehen, über die zu sprechen sie so sehr mieden wie der Teufel das Weihwasser. Und jetzt, vollkommen unverhofft im Arm dieses anderen Mannes, wünschte Winters sich nichts sehnlicher als ihn bei sich zu haben.

Nixons Griff wurde inniger, als er spürte, wie sich Dick nach einem Augenblick entspannte und seine steife Haltung sich in Wohlbefinden wandelte. Es war der Himmel auf Erden für ihn. Er hatte keine Ahnung, wie oder warum er das getan hatte. Nur das es heute Nacht sein Leben gerettet hatte, dessen war er sich absolute sicher. Mit geschlossenen Augen lehnte Nixon an Dicks Schulter, hielt die Hände ruhig auf seinem Bauch und spürte wie sich all seine negativen Gedanken und Gefühle in dem engen Kontakt auflösten. Selbst der Schwindel in seinem Kopf schien nachzulassen. Und allem was es dazu bedurfte, war die Nähe dieses Mannes, der ihn schon so lange regelmäßig in seinen Träumen besuchte.

Winters fühlte sich wie in einem Traum. Was er hier in seinem Rücken spürte, war kein volltrunkener Mann, der im Rausch die Kontrolle verloren hatte. Der Mensch, der sich so verzweifelt bei ihm anlehnte und Trost in einer innigen Berührung suchte, hatte nichts mit dem taffen, wortgewandten Schlitzohr von Stabsoffizier zu tun, das Nixon tagtäglich spielte. Das hier war Lew, einfach nur Lew. Und Herrgott nochmal, ja! Er fühlte sich zu diesem zärtlichen Lew hingezogen. Vertrauensvoll schloss Winters die Augen und holte genauso tief Luft, wie Lew es eben getan hatte, der fest Griff von Lew ein angenehmer Druck auf seinen Rippen, die sich unter dem langen Atemzug weiteten.  

Verträumt rieb Nixon seine Wange an Dicks Schulter und konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen als er sein Seufzen spürte. Ihn im Arm zu halten, war das beste Gefühl seines Lebens. Besser noch als das Trinken. Und er hatte keine Hemmungen ihm das hier und jetzt zu sagen. Leise schluckte Nixon und stütze sein Kinn anschließend auf Dicks Schulter, um ihm näher zu sein. In seinen schönen Gefühlen treibend, hauchte er: „Dick?“

Die Antwort kam verzögert, aber sie kam. Und sie hatten den gleichen tiefenentspannten Tonfall in dem er gefragt hat. „Hmh?“

„Das tut gut.“, gestand Nixon. „Es fühlt sich richtig an.“

„Was?“

„Ich will bei dir sein.“

Ein verlegenes Lächeln brach durch Winters’ entspannte Miene. Unsicher ob Lew das ernst gemeint hatte, entgegnete er: „Du bist betrunken, Nix.“

Nixon grinste vergnügt. „Mag sein“, flüsterte er, sein Lippen dicht an Dicks Ohr, „aber Betrunkene und Kinder sagen immer die Wahrheit.“

Eine Woge aus stark alkoholisierter Atemluft streifte über Winters’ Wange, zog in seine Nase und ließ ihn seine Antwort unverzüglich vergessen. Auf eine nie dagewesene Art fühlte er sich angenehm benommen. Als hätte sein Verstand entschieden, dass das hier gut für seinen Körper und seine Seele war und deshalb keiner weiteren Logikprüfung unterzogen werden musste. Sein schöner Traum begann zu driften und mit einem Mal war da eine Bewegung. Ein sanftes Schwingen, das in gleichmäßigem Rhythmus von links nach rechts und wieder zurück ging, fast wie das Wiegen zum Takt einer Musik. Mit der einzigen Ausnahme, dass hier weit und breit keine Musik spielte.

Nixon fühlte eine Gelöstheit, wie noch kein Rausch in seinem Leben, sie ihm hatte geben können. Was kümmerte es ihn noch, wo er die nächste Flasche VAT 69 herbekam, wenn allein eine Umarmung mit Dick eine so viel stärkere Wirkung auf ihn hatte? Gewillt ihn nie wieder loszulassen, atmete er tief ein und folgte dem Kreisen ihrer Hüften, das von ganz allein begonnen hatte. Den Geschmack seines Whiskeys würde er irgendwann vergessen haben, aber der schöne Geruch von Dick, der auf seiner Haut und in seinem Hemdkragen lag, der würde bleiben. Ein weiteres Mal atmete Nixon bewusst ein und wurde sich klar darüber, dass er seinen sehnlichsten Wunsch keine Sekunde länger zurückhalten konnte.

Im Einklang schwingend spürte Winters wie Lew das Kinn von seiner Schulter nahm, sich an seinen Hinterkopf anlehnte und ein warmer Atem, begleitet von einem leisen Seufzen über seine Haut glitt. Das nächste, was er fühlte, war etwas Knautschiges, das in seinen Nacken gedrückt wurde. Winters brauchte einen Moment, bis er begriff, dass Lew seine Nase durch seinen Haaransatz rieb. Und dann kam etwas, was er nicht erwartet hatte. Warm… Und feucht… Und weich…

Sein erster Versuch glich mehr einem zaghaften Auflegen, denn einem vorsichtigen Kuss. Denn trotz der tiefen Verbundenheit, die Nixon spürte, befürchtete er Dick könne zurückweichen, sich aus ihrer innigen Umarmung winden und all die guten Gefühle mit sich nehmen. Als könne er dem irgendwie entgegenwirken, begann Nixon mit seinen Daumen sanft über Dicks Bauch zu reiben und den weichen Stoff zu streicheln. So war es besser.

Winters wusste nicht wann er sich das letzte Mal so entspannt und wohl gefüllt hat. Da war dieser warme Körper, der sich an seinen Rücken schmiegte, ein zarter und scheuer Kuss in seinem Nacken, das angenehme Kraulen auf seinem Bauch und dieses gefühlvolle Wiegen, als würden sie miteinander tanzen. In seiner Selbstwahrnehmung war er immer gut darin gewesen, in schwierigen Zeiten die richtigen Worte zu finden, aber Lew hatte noch nie Trost in Worten gefunden. Es war stets sein Whiskey gewesen, der ihm über die Runden geholfen hatte und Winters hatte lange darüber nachgedacht, was er tun konnte um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dass die Antwort am Ende so einfach sein würde, hatte er nicht gedacht.

„Ich will bei dir sein.“, hörte Winters ein zweites Mal jede Silbe auf seiner Haut und Lews Lippen kamen zurück, selbstsicherer und entschlossener als beim ersten Mal, aber immer noch zärtlich und liebkosend. Er spürte wie Lew mit seinen Bartstoppeln einen Kuss nach dem anderen ganz langsam in seinen empfindlichen Nacken einmassierte und dabei gegen seine Haut atmete, als würde er einen bestimmten Geruch einsauen und festhalten wollen. Es war ein unbekanntes, neues Gefühl für Winters, in das er sich dennoch bedenkenlos hineinfallen ließ. Warum stritten sie sich eigentlich und rangen miteinander um eine so dämliche Sache wie Alkohol, wenn sie eine so schöne Erfahrung teilen konnten?

Das hier war perfekt, wie in seinem besten Traum. Ein helles Licht war gekommen und hatte jeden Schatten von seiner Seele gewischt. Trotzdem glaubte Nixon, dass er es noch ein kleines bisschen angenehmer machen konnte – für sie beiden. Er ließ seine Küsse auflaufen, legte sein Kinn erneut auf Dicks Schulter und lehnte sich wie zu vor bei ihm an, dem Takt ihrer lautlosen Musik folgend. Es war unbeschreiblich schön Dick so nah zu sein, ihn zu halten, seine Atmung zu spüren und ihn im Nacken zu liebkosen – etwas das Nixon sich schon unzählige Male vorgestellt hatte. Aber da gab es noch etwas. Etwas, das er sich um einiges intensiver vorstellte.

Schleichend begann Nixon mit seinen Händen Dicks Bauch und Brust zu erkunden und versuchte sich im Kopf ein genaues Bild seiner Form zu machen. Es war eine seltsame Begebenheit, dass sie sich trotz der gemeinsamen Ausbildung und ihrer langen Einsatzzeit noch nie unter der Gemeinschaftsdusche begegnet waren. Aber so war es, und Nixons Fantasie wusste diese Lücke sehr lebhaft zu füllen. Seine Finger fanden die Knopfleiste von Dicks Hemd und verspielt fing er an die Knöpfe zu umkreisen.

Winters spürte ein angenehmes Gewicht auf seiner Schulter ruhen. Es war ihm noch nie so deutlich aufgefallen, aber Lew war ein paar Zentimeter kleiner als er und um das Kinn auf seine Schulter zu legen, musste er sich ein Stück recken – erstrecht, wenn er keine Schuhe anhatte. Dass Lew aufgehört hatte ihn zu küssen, schmälerte sein Wohlbefinden nicht im Geringsten, da sich das ausgedehnte Streicheln auf seinem Bauch und seiner Brust mindestens genauso schön anfühlte. Es erinnerte Winters an ihre Begegnung vor wenigen Wochen, als Lew ihn schlafend in seinem Bett gefunden und sanft geweckt hatte. Rückblickend bedauerte er, dass sie damals nicht mehr Zeit füreinander gehabt hatte. Dafür war er jetzt hier, ließ sich mit geschlossenen Augen von Lew im Arm halten und kostete jeden Moment ihrer innigen Umarmung aus.

Irgendwo über dem Bauchnabel glaubte Nixon die richtige Stelle gefunden zu haben. Er ließ ein Seufzen erklingen und kaschierte damit die kleine Bewegung, mit der er den Knopf öffnete. Er wollte das hier so sehr, konnte aber nicht mit Sicherheit sagen, dass es Dick genauso erging. Im Kamin rutschten zwei glühende Holzscheite knisternd in die Glut und geschwind schob Nixon seine Hand in das offene Hemd. Er war enttäuscht statt der erhofften nackten Haut, nur den feingerippten Stoff von Dicks Unterhemd zu ertasten, dennoch ließ er es sich nicht nehmen ihren Kontakt intimer zu gestalten. Seine flache Hand leicht gegen Dicks Bauch gedrückt, drängt Nixon in ihrer wiegenden Bewegung nach vorne, ein gehauchtes Stöhnen auf seinen Lippen.

Der Traum von Winters fand unerwartet sein Ende. So sehr er sich auch wünschte noch nicht aufzuwachen, die laute Stimme seines Gewissens war nicht zu ignorieren. Ruckartig schnellten seine Augenlider nach oben. Hier passierten gerade Dinge, die nicht passieren durften. Dinge, die sein Eingreifen verlangten. Vielleicht nicht als Mensch, der sich nach Zärtlichkeit sehnte, sehr wohl aber als Major und Bataillonskommandeur, der eine Führungsverantwortung hatte.

Von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt und doch mit Rücksicht auf Lews Gefühle schritt Winters ein. „Hey...“, sagte er in weichem Ton und umfasste ermahnend Lews Handgelenk. „Ich denke, dass reicht jetzt.“ Entschieden zog er die fremde Hand aus seinem aufgeknöpften Hemd und nahm sie zur Seite. Er wollte Lew nicht zurückweisen – wollte ihn genaugenommen nicht einmal loslassen – konnte ihm aber auch nicht geben, was er suchte.

Nixon war wie versteinert. Er musste die Augen aufmachen und hinsehen, um es zu begreifen. Dick war noch da, genauso wie das Kaminzimmer und alles andere um sie herum, aber etwas hatte sich verändert. Wo war die Musik? Schlagartig wurde ihm bewusst, dass sie aufgehört hatte zu spielen. Ihr Tanz war vorüber und mit ihm sein gesamtes Glück unwiederbringlich zerbrochen. Nixon spürte Panik in sich aufsteigen, bis er sich der Berührung an seinem Handgelenk bewusst wurde. Da war etwas, ein Quäntchen seines Glücks, das blieb.

Auch wenn sein Verstand ihm zu verstehen gab, dass dort nie und nimmer eine Musik gespielt hatte, für Winters fühlte es sich so an, als sei die Schallplatte mit einem scheußlichen Kratzen unterbrochen worden. Er wusste, dass er nicht unschuldig daran war. Genauso wie er wusste, was er als nächstes zu tun hatte. Das warme Handgelenk von Lew sicher umschlossen, erklärte er ruhig: „Ich bring’ dich jetzt ins Bett, ja.“

Es war keine Frage gewesen.

* * * * *

Den verwirrten Lew ins angrenzende Schlafzimmer zu bringen, war ein Leichtes gewesen. Winters hatte ihn einfach hinter sich hergeführt und mit der anderen Hand rasch sein Hemd zugeknöpft, bevor er den Lichtschalter neben der Tür betätigt hatte. Lew war ihm gefolgt wie ein Schaf seinem Hirten.

„Stell dich hierher.“, wies Winters seinen Freund an, der noch geblendet die Augen zusammenkniff, und platzierte ihn an einer Stelle, die ihm günstig erschien. Einen kurzen Moment wartete er ab, um zu sehen ob Lew sich alleine halten konnte, dann ließ er ihn los und begann Vorkehrungen zu treffen. Je weniger Leute auch nur ahnten was hier vor sich ging, desto besser.

Orientierungslos stand Nixon mitten im Zimmer und verfolgte blinzelnd, wie sich Dick mit einer beachtlichen Geschwindigkeit um ihn herum bewegte. Als erstes ging er zur Couch, die vor dem Fenster stand und ließ die schweren Samtvorhänge zugleiten. Dann ging er zum Bett, schaltete die kleine Nachttischlampe ein und schlug das Bettzeug auf. Auf seinem Rückweg löschte er dankenswerterweise das helle Deckenlicht und schloss zu guter Letzt die Tür zum Kaminzimmer. Nixon war sich nicht sicher, ob er all das richtig deutete, aber er zog seine Schlüsse daraus.

Ein sanftes Schmunzeln legte sich um Winters’ Mund, als er Lew im gedämpften Licht mit sich selbst beschäftigt fand. Unschlüssig hatte er den Blick gesenkt und zupfte an seinem Hemd, als wüsste er nicht was er da anhatte oder wie er es aus bekommen sollte. „Warte.“, sagte Winters mit warmer Stimme. „Ich helf dir.“

Ohne zu zögern, trat er vor Lew, zog sein Handgelenk zu sich und begann ihm den Hemdärmel aufzuknöpfen. Er bewegte sich dabei langsam genug, um Lew zu zeigen was er tat und schnell genug, um klar zu machen, dass dies kein Vorspiel war. Winters war weder verärgert noch wütend wegen dem was passiert war. Sie hatten nicht zum ersten Mal über Alkohol gestritten und was diesmal danach gekommen war, hatte er – bis auf diese letzte Sache – in vollen Zügen genossen. Jetzt wollte er nur noch, dass Lew sicher ins Bett kam, wo er seinen Rausch ausschlafen konnte.

„Andere Hand?“, bat Winters höfflich.

Nixon hielt sie ihm hin, wie ein braves Kind, das darauf wartete von seinem Kindermädchen zurechtgemacht zu werden. Er hatte keine Ahnung was er sonst tun oder was er sagen sollte. Das hier war mehr als er erwartet hatte. Er war mit Dick allein, mitten in der Nacht, und das in einem Schlafzimmer hinter geschlossener Tür, wo niemand sie sehen oder hören konnte. Gebannt auf sein Gegenüber starrend wurde Nixon bewusst, dass Dicks Hände zu seiner Brust gewechselt hatten und sich nun schweigend die Knopfleiste von seinem Hemd runter arbeiteten.

Was hier passierte, schien die Erfüllung sämtlicher Dinge zu sein, von denen er bis jetzt nie zu träumen gewagt hatte. Dessen ungeachtet hatte er eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dieser ungeträumte Traum weitergehen – und vor allem – wo er enden sollte! Nixon musste schlucken und seinen kratzigen Hals leeren. Er fühlte sich benommen, aber irgendwie auch erregt. Und es dauerte seine Zeit, bis er den Weg aus seinen Gedanken zurück in seinen Körper fand, um sich an ihrem zarten Vorspiel zu beteiligen.

Winters war so konzentriert mit Lews Hemd beschäftigt, dass er die Berührung nicht kommen sah. Erst das kurze, ruckartige Ziehen, unmittelbar gefolgt von dem metallischen Klimpern, machte ihm klar, dass Lew seinen Gürtel geöffnet hatte. Das war definitiv nicht, was er hatte initiieren wollen! Erschrocken ging er dazwischen.

„Hey!“ Winters schnappte nach Lews Hand und stoppte sie keinen Zentimeter von seinem Schritt entfernt. Im gleichen Maße entsetzt, trafen sich ihre Blicke und Winters realisierte, dass er unnötig fest zugepackt hatte. Nixon war kein Feind, den er abwehren musste. Entschuldigend lockerte er seinen Griff und sagte in deutlich gemäßigtem Ton: „So geht das nicht.“ Langsam zog er Lews Hand von seinem Körper weg, ohne sie jedoch loszulassen. Was hatte er sich nur dabei gedacht?

Fragend sah Winters in Lews Augen und zu seiner Überraschung, war er es selbst, der antwortete. Im Flüsterton sagte er: „Nicht hier. Nicht jetzt.“ Er hatte keine Ahnung, warum er diese Worte hinzugefügt hatte. Als würde es irgendwo und irgendwann in Ordnung sein, dass Lew ihn entkleidete. Ihre gemeinsame Nacht im Schützenloch in Bastogne war die absolute Ausnahme gewesen.

Nixon stand da, wie zur Salzsäule erstarrt. Eben noch warm und geborgen im Schein seines Schutzengels, fühlte er plötzlich eine beängstigende Kälte um sich herum. Sein Blick glitt an Dick vorbei und er glaubte seine Dämonen sehen zu können, wie sie in den Schatten an den Wänden tanzten, seinen Namen zischten, und fauchten. Wenn Dick ihn jetzt losließ, würde eine große Dunkelheit kommen und ihn verschlingen.

Lew stand vor ihm mit unnatürlich geweiteten Augen und einem Ausdruck tiefster Angst im Gesicht. Winters konnte sich nicht erklären, woher mit einem Mal diese Frucht kam. Hatte sein deutliches Stoppsignal ihn so schwer erschüttert? Oder war es doch der hastige Griff um seine Hand gewesen? Was immer es war, Winters wollte es wieder gut machen. Einer Eingebung folgend fing er an seinen Daumen zärtlich über Lews Handrücken zu reiben und ihn zu trösten. Er sollte keine Angst haben. Nicht, wo alles um sie herum so still und friedlich war.

Freundlich neigte Winters den Kopf, in der Hoffnung sein Freund möge ihn ansehen und ihm erklären was los sei. Aber Lew dreht sich weg und in dem abgewandten Gesicht glaubte Winters etwas zu erkennen, das irgendwo zwischen Trübsal und Schamgefühl lag. Lew tat ihm leid. Er wollte weder dass er sich schämte, noch dass er unglücklich war. Sein gesenkte Blick und die hängenden Schultern ließen ein solch schlechtes Gefühl in Winters aufkommen, dass er sich für einen Moment wünschte, Lews Traurigkeit mit einem zarten Kuss auf die Wange wegzuküssen. So wie eine Mutter ihrem süßen, naiven Jungen zeigte, dass sie ihn liebte und für ihn da war, was immer auch seine kindliche Welt ins Wanken brachte. Zum Glück besann sich Winters rechtzeitig. Er musste Lew ins Bett bringen. Jetzt.

Die Schatten und Dämonen waren verschwunden, trotzdem fühlte Nixon eine große Niedergeschlagenheit über sich hereinbrechen. Sein Schutzengel hatte ihn nicht verlassen, hatte ihn aber auch nicht behütend in seine weiten Schwingen eingehüllt. Stattdessen hielt er ihn auf Abstand, ohne ihm zu sagen, was er falsch gemacht hatte. Eine besonders harte Strafe, die er in seinen Augen nicht verdient hatte.

Was nun folgte, kam Nixon seltsam mechanisch vor. Nachdem Dick seinen eigenen Gürtel wieder geschlossen hatte, nahm er den von Nixon in die Hand, öffnete erst die Schnalle, dann Knopf und Reisverschluss der Hose und schob den Stoff von seinen Hüften, bis dieser von alleine nach unten rutschte. Er half ihm beim Aussteigen, achtete darauf, dass er sich nicht in seinen Hosenträgern verhedderte; nüchtern, wortlos und irgendwie steril. Dann öffnete Dick den letzten Knopf von seinem Hemd, das bis eben im Bund seiner Hose gesteckt hatte und streifte es von seinen Schultern, bis die Schwerkraft den Rest erledigte. Nixon begann zu frieren.  

Winters fühlte sich unwohl dabei Lew aus seinen Sachen zu helfen und vermied jeden Blickkontakt. Er wollte ihm nicht das Gefühl geben eine Puppe zu sein, die er auszog, wollte aber auch nicht den Fehler machen noch einmal zu zärtlich zu ihm zu sein und damit Reaktionen hervorzurufen, die er nicht beabsichtigt hatte. Lew für einen Augenblick sich selbst überlassen, bückte Winters sich und hob sowohl die Hose als auch das Hemd auf, um beides locker über die Couch zu werfen. Wären es seine Kleidungsstücke gewesen, hätte er sie ohne Frage ordentlich gefaltet und zur Seite gelegt. Doch Ordnung war noch nie Lews Stärke gewesen und er nicht gewillt offensichtliche Spuren seines Besuches zu hinterlassen.

Danach wandte er sich wieder zu Lew und ohne es zu merken, ließ Winters seinen Blick für einen stillen Moment über Lews Körper gleiten. Halbnackt stand er vor ihm, auf Socken und mit seinen schimmernden Hundemarken um den Hals. Es erinnerte Winters gleich an eine ganze Handvoll Situationen, in denen er Lew so begegnet war. Aber bei keiner einzigen hatte er sich so zerrissen gefühlt wie jetzt. Es fehlte nicht mehr viel, vielleicht ein halber Meter, dann hatte er Lew sicher ins Bett gebracht. Und doch zögerte er den Moment hinaus. Etwas in ihm wollte bleiben, wollte bei Lew bleiben.


Nixon fühlte sich hypnotisiert. Es war ihm weder bewusst, dass er so stark fror, weil er nichts mehr außer seiner Unterwäsche trug, noch, dass er sich in einem heftigen Alkoholrausch befand, der ihn Dinge sehen ließ, die nicht real waren. Die Wände des Zimmers hatten sich aufgelöst und das einstige Blumenmuster der Tapete bewegte sich nun wie die filigranen Äste einer alten Weide in einer leichten Brise. Nixon versuchte sich zu konzentrieren und das Gleichgewicht zu halten, aber je mehr er sich zwang genauer hinzusehen, desto stärker schien das Rauschen der Blätter zu  werden. Er hatte plötzlich keine Ahnung mehr, wie er hier hergekommen war. In diesen Wald… mit Dick…

Nach einer Erklärung suchend blickte Nixon in Dicks Gesicht und als wäre das Rätsel mit dem Wald nicht schon kompliziert genug, drängt sich ihm mit einem Mal die Frage auf, ob man Engel eigentlich berühren durfte? Wie in Zeitlupe hob er seine Hand, um es herauszufinden.

Winters konnte sich nicht bewegen, konnte nicht wegschauen von diesem hübschen Gesicht mit den vollen Augenbrauen und den dunklen Bartstoppeln, die er vor kurzem noch in seinem Nacken gespürt hatte. Der Wunsch sie noch einmal dort zu spüren, kibbelnd und zärtlich, und dabei von Lew gehalten zu werden, wuchs mit jedem Herzschlag. Winters wusste, dass er den Kampf gegen seine Sehnsucht verloren hatte, als sich Lews Hand seinem Körper näherte und er spürte, dass er sie nicht würde abwehren können, wo immer sie ihn auch gleich berührte.

Nixon beobachtete wie Dick in vollstem Vertrauen die Lider schloss, kurz bevor er mit den Fingerspitzen seine Stirn über der rechten Augenbraue berührte. Es war ein magischer Moment zu begreifen, dass sein Engel sich wahrhaftig von ihm berühren ließ ohne zu verschwinden, sich aufzulösen oder ihn zurückzuweisen. Nixons Freude darüber war so groß, dass er fühlen konnte, wie die Erleichterung als überraschtes Zucken durch seinen Mundwinkel ging. Mit dem Wunsch mehr von Dick zu ertasten, ließ er seine Finger rauf zu seinem Haar wandern.

Die Hand in seinem Gesicht war Balsam für seine Seele. Etwas wogegen Winters sich niemals würde wehren können, viel zu schön und zu angenehm war dieser zärtliche und vorsichtige Kontakt. Vollkommen blind spürte er Lews Fingern nach, wie sie erst durch seinen Pony fuhren, dann seine Schläfe hinab streichelten und schließlich ein rauer Daumen seine Augenbraue nachzeichnete, bevor eine warme Hand seine Wange umschloss. Lews Zärtlichkeit weckte Bedürfnisse in Winters, die er tief in sich verborgen hielt; weggeschlossen aus Angst, er würde sich nicht zügeln können. Und wenn diese heiße, intensive Berührung in seinem Gesicht nur noch ein kleinwenig länger anhielt, würde er gewiss tun, was seine wilde Fantasie ihm gerade zeigte.

Es war reiner Glücksfall, dass Nixon im gleichen Moment zu sprechen anfing, in dem Winters sich entschieden hatte seinem sehnlichen Verlangen nach menschlicher Nähe und Geborgenheit nachzugeben.

„Ich hätte nie gedacht“, begann Nixon langsam und mit gedämpfter Stimme, als könne jede zu laut ausgesprochene Silbe sie voneinander trennen, „dass Engel im Sommer rote Haare und Sommersprossen haben. Und im Winter“, sachte strich er ein weiteres Mal über Dicks Schläfe, „auch ohne ihre flammende Mähne und diese kleinen Flecken so hell leuchten.“

Ohne hinsehen zu müssen, hob Winters den Arm und legte seine Hand geschmeidig über die von Lew, ein verzücktes Lächeln im Gesicht. Es war das Liebevollste, was je ein Mensch zu ihm gesagt hatte und für einen Moment hielt sein Lächeln an. Lews Worte wärmten sein Herz und doch waren sie derart überschwänglich und mit Alkohol gesättigt, dass er sich daran erinnerte, dass Lew getrunken hatte – sehr viel getrunken hatte. Zum wiederholten Mal sah Winters sich gezwungen ihn von seinem Körper wegzuziehen, um eine gesunde Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Doch seine Lippen waren schneller als sein Verstand und bevor er sich stoppen konnte, hatte er seinen Mund in Lews warme Handfläche gepresst.

Nixon verschlug es den Atem. Sein Engel suchte Halt bei ihm! Konnte das wirklich sein? Er brauchte einen langen Moment, um zu realisieren, dass es keine Einbildung war. Weder die verzweifelt zusammengekniffenen Augen, noch der schwere Kopf, der sich an seine Hand schmiegte oder das laute Schnauben, das er hörte. Zum ersten Mal Dicks sehnsuchtsvolle Seite zu erleben, war so hell, dass es ihn fast blendet. Wie gebahnt starrte Nixon auf den Kuss, spürte die Kraft, mit der sich Dick an seiner Hand festhielt und die starke Hitze, die in seinen Arm floss. Waren es wirklich Dicks Lippen, die so glühten?

Ein nie zuvor dagewesenes Gefühl durchströmte Winters, ließ sein Herz kräftiger schlagen und ihn für einen langen Augenblick nichts anderes empfinden außer tiefster Glücksseligkeit. Etwas, das er um jeden Preis wieder fühlen wollte. Von jeder Schüchternheit befreit, atmete er gegen die Hand, die er mit seiner eigenen schützend an sein Gesicht presste, bis er sich sicher genug fühlte sich zu lösen. Als sei es Nixon, der sich beruhigen und wieder einkriegen müsse, hauchte Winters: „Schon gut, Luh.“ Seine Lippen waren so nah an Lews Haut, dass er seinen eigenen Atem beim Sprechen spüren konnte. „Du gehörst ins Bett. Wirklich.“ Sachte gab er Lew einen bestätigenden Kuss in die Handfläche, dann sah er auf und nahm ihn an den Händen. „Na komm.“


Nixon konnte fühlen, wie er zur Bettkante geführt wurde und anschließend die leise Aufforderung erhielt sich hinzusetzen. Er folgte ihr ohne Widerrede und hätte niemals sagen können ob es die Schwerkraft oder der sanfte Druck an seinen Schultern war, der ihn in die Waagerechte brachte. Das Kissen unter seinem Kopf jedenfalls war weich und verströmte einen angenehmen Duft, der ihn schläfrig werden ließ. Sein ganzer Körper fühlte sich mit einem Mal ungeheuer schwer und träge an, und irgendwo am Fußende des Bettes konnte er wahrnehmen, wie ihm jemand half seine schmerzenden Beine auf die Matratze zu bekommen.

Das Bett unter Nixon schmolz zu einer Wiege, die ihn sanft in den Schlaf schaukeln würde wie ein neugeborenes Baby. Zufrieden lauschte er dem Rauschen des Waldes, dachte an flauschige Wolken, die unendliche Weite des Himmels und seinen gütigen Schutzengel. Er sehnte sich danach mit diesem schönen Traumbild einzuschlafen, doch da lag dieser Schauer auf seiner Haut. Ein fieses Frösteln, das sich über seine nackten Schultern und Arme zog.

Leise stöhnte Nixon: „Dick?“

„Ja, Lew.“ Winters war überrascht ihn noch einmal sprechen zu hören, lag er doch bereits mit geschlossenen Lidern auf dem Bett und sah so friedlich aus, als würde er nur einen Atemzug vom Schlaf entfernt sein.

„Mir ist so kalt.“, brachte Nixon klagend hervor und blinzelte ein paar Mal. Mit kindlicher Stimme stellte er eine Bitte: „Deckst Du mich zu?“

Für einen langen Augenblick war Winters still und stand verlegen vor dem Bett. Eine solche Frage hatte er nicht erwartet, schon gar nicht von Lew. Dann willigte er ein: „Sicher.“ Geduldig beugte er sich vor und griff nach dem Bettzeug, um Lew zuzudecken. „Hier.“, flüsterte er und zog die Decke etwas höher bis sie Lews Hand berührte, der sich umgehend darin einkuschelte.  

Beim Anblick von Lews eingemummelter Gestalt umspielte ein mildes Schmunzeln Winters’ Mundwinkel. „Gleich wird dir warm.“, sagte er beruhigend. Es berührte ihn, wie zerbrechlich und schutzbedürftig Lew plötzlich war. Fast wie ein kleiner Junge, der sich nichts sehnlicher wünschte als unter den Rock seiner Mutter zu schlüpfen, um sich an ihr warmes, glattes Bein zu schmiegen. Er selbst hatte das oft bei seiner Mutter getan, wenn er sich gefürchtet und Geborgenheit gesucht hatte.

Das war es, was Nixon gebraucht hat. Augenblicklich hörte das Frösteln auf; wurde abgelöst von einer lang ersehnten Behaglichkeit. Die Schwingen seines Engels fühlten sich so weich und geschmeidig auf seiner Haut an. Aber Nixon vermisste ihre Stärke, ihre Kraft. Es war als wäre Dick nicht wirklich bei ihm.

Unfähig sich zu rühren, stand Winters da, den Blick auf Lews beinah schlafende Gestalt gerichtet. Er würde jetzt gehen. Er musste jetzt gehen. Mit aller Macht zwang er sich zur Schlafzimmertür zu blicken. Sie kam ihm Meilen weit entfernt vor. In diesem Moment packte etwas nach seiner Hand, ängstlich und so fest, dass er sich ernsthaft fragte, wie Lews alkoholisierter Körper dazu in der Lage war, eine Kraft so zielgerichtet zu steuern.

„Bitte.“, flehte Nixon. „Bleib hier.“

Winters’ Antwort kam schneller und gewissenhafter, als er erwartet hatte. „Ich kann nicht, Lew.“ Er wusste, dass seine Worte verletzend waren, war im Stillen jedoch dankbar dafür, dass seine Stimme der Vernunft die Kontrolle übernommen hatte. Wenn er jetzt blieb – ein Wunsch, der aller Vernunft zum Trotz tief in ihm schlummerte – würde er Dinge tun, die er später bereuen würde. So groß seine Sehnsucht auch war, er durfte nicht zulassen, dass diese Begegnung für ihn und Lew so endete.

Nixons’ Griff wurde fester und mit dem Blick eines getretenen Hundes sah er auf, sein Gesicht halb vom Kissen verdeckt. „Warum nicht?“, jammerte er. „Warum tust Du immer nur das, was Du willst?“ Seine Stimme stand kurz davor zu brechen, genauso wie sein Herz. Es tat ihm unsagbar weh zurückgewiesen zu werden und er verstand einfach nicht warum Dick ihm das antat. Was war so schlimm daran im Beisein eines Engels einschlafen zu wollen?

Winters brauchte keine Minute um seine Antwort zu formulieren und als er seinen Standpunkt klarmachte, war seine Stimme ruhig und gefasst: „Was ich tue, Nix, ist selten das, was ich will. Was ich tue, ist meistens das, von dem ich weiß, dass es getan werden muss.“ Es war Winters nicht schwer gefallen diese Worte über die Lippen zu bringen, nach ihn zu handeln, stellte ihn hingegen vor eine echte Herausforderung, denn die traurigen Augen, in die er blickte, sagten etwas anderes. Lewis brauchte ihn.  

Seinem Bauchgefühl folgend ging Winters vor der Bettkante in die Hocke und legte seinen Arm mit der umklammerten Hand dicht neben das Kissen auf die Matratze. Dann sah er Lew in die Augen und gab dem Moment Zeit zu wirken. Als er das Gefühl hatte, dass Lew soweit war, sagte er leise: „Schließ deine Augen.“ Wie selbstverständlich kam Lew der Bitte nach und für eine kleine Ewigkeit verlor sich Winters in der Betrachtung seiner langen Wimpern, die sanft nach unten glitten. Er fühlte seine Herz klopfen und brauchte einen Moment seine Stimme wiederzufinden. „Schlaf jetzt.“, wisperte er. „Schlaf und ruh’ dich aus.“

So sehr Winters sich auch wünschte, Lew würde ihn nach diesem zärtlichen Gutenachtgruß loslassen; seine Finger rührten sich nicht. Er wusste, er konnte ihm weder sein kindliches Verhalten übelnehmen, noch ihn für seine Trunkenheit strafen oder gar aufhören sich deswegen immer wieder schützend vor ihn zu stellen. Heute Nacht konnte er nicht einmal seine Hand von seinem Arm lösen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, genoss Winters den Augenblick Lew verliebt anzusehen, ohne selbst gesehen zu werden. Und es dauerte nicht lang, bis er dem Wunsch nachgab ihn zu berühren.

Da war es wieder, dieses gute Gefühl geborgen zu sein. Nixon roch das Kissen unter seinem Gesicht und fühlte die warme Hand, an der er sich festhalten durfte. Sein Schutzengel war bei ihm und selbst wenn er ihn nicht sehen konnte, konnte er spüren, wie er seinen warmen Glanz über seinen Kopf rieseln ließ. Er war sicher. Sicher und geschützt von seinem Engel. Mit diesem seligen Gedanken sackte Nixon weg.

Winters hatte keine Ahnung wie oft er über das dunkle Haar gestreichelt hatte, als er den verzweifelten Griff an seiner Hand sich endlich lösen spürte. Ganz langsam zog er sich zurück und richtete sich wieder auf. Lew schlief, was wollte er mehr? Mit leisen Schritten ging er zur Tür und entschied, dass Licht auf dem Nachttisch anzulassen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Lew vor Sonnenaufgang noch einmal erwachte, sollte er sich nicht in einem dunklen Raum wiederfinden.

Zurück im Kaminzimmer mit dem runter gebrannten Feuer und den Spuren von Nixons Rausch fühlte Winters sich wie betäubt. Es war als hätte man ihn in ein anderes Universum geschubst. War das wirklich alles passiert, woran ihn dieser Raum erinnerte? Ihre sinnlose Diskussion. Die verzweifelte Umarmung. Der verspielte Tanz. Der sanfte Kuss… Und was war mit den Dingen, die gerade in Lews Schlafzimmer geschehen waren?

Mit der Gewissheit, dass ihn niemand sehen konnte, gestand sich Winters einen Moment der Schwäche zu. Erschöpft sank er mit dem Rücken gegen die Schlafzimmertür, deren Knauf er noch festhielt, schloss die Augen und holte tief Luft. Er hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte. Aber er würde sich irgendwie ablenken müssen, wenn er nicht wollte, dass ihn diese Frage heute Nacht auffraß.

Die angehaltene Luft aus seinen Lungen pressend öffnete Winters seine Augen, dann ging er zum Tisch, griff seine Feldjacke von der Stuhllehne, steckte die angefangenen Briefe in eine der Taschen und verließ fluchtartig das Kaminzimmer. Mit weichen Knien stieg er die Treppe ins Erdgeschoss hinab, ein seltsames Kältegefühl um sich. Er hielt es erst für einen Luftzug und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken. Doch dann wurde ihm klar, dass er über jene Stelle rieb, wo Lewis in geküsst hatte. Seine Lippen waren längst fort, aber das gute Gefühl war geblieben.

Manchmal tat er eben doch was er wollte.

* * * * *

Es war spät am Nachmittag als Nixon mit übelsten Kopfschmerzen neben einer brennenden Nachttischlampe erwachte und einen säuberlich verschnürten Stapel handbeschrifteter Briefumschläge daneben fand.


AN:
Selbstverständlich entlasse ich euch nach dieser langen und intensiven Reise nicht ohne ein kleines Nachwort. Inspiriert zu diesem Kapitel hat mich nämlich ein Bild, das ich vor langer Zeit im Netz gefunden habe. Das Original stammt von der wunderbaren Autorin nanuk_dain (von der ich auch die Geschichte „Of Soldiers und Secrets“ übersetze) und sieht so aus: [Band of Brothers] Taking Comfort (Winters/Nixon)

Und dann gibt es da noch eine leicht abgeänderte Version von mir, mit etwas weicheren und verspielteren Konturen. (Für mich spiegelt dieses Bild genau jenen Moment, in dem Lew das erste Mal sagt, dass der bei Dick sein möchte und dieser darauf anspielt, dass er betrunken ist.) Hier: Brothers – Lew & Dick
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