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Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
26.08.2018 3.360
 
Hinweise:
Länge:  3.290 Wörter
Canon: Kein direkten Bezug zum Canon
(Diese One-Shot gelidert sich einfach an dieser Stelle in der Rest der Geschichte ein)
Timeline: 13. März 1945, Mourmelon, Frankreich


Erst mal durchatmen.

Mourmelon war zu einer willkommenen Abwechslung für die Soldaten geworden. Nicht weil sie sich darauf freuten, unerfahrene Ersatzleute zugeteilt zu bekommen, haufenweise Trainingsmärsche zu absolvieren und die Zeit mit dem Ausführen anderer nutzloser Befehle totzuschlagen, sondern weil es ihnen schlichtweg seelisch gut tat von der Front wegzukommen. Es nahm etwas von dem Druck und der allgegenwärtigen Angst in Gefahr zu sein; gab der Psyche die so dringend benötigte Pause.

Auch Winters tat es gut wo anders zu sein, weg vom Rhein mit all seinen Erinnerungen. Da war der strenge Frost in Hagenau gewesen, der scharfe Wind auf den Straßen und die bitterkalten Nächte in ungeheizten Räumen halb zerstörter Häuser. Dann sein Zusammenbruch und anschließend das hohe Fieber, begleitet von dem schweren Husten und der langwierigen Lungenentzündung. Der Abstand zu all diesen Dingen kam ihm sehr gelegen und eigenartiger Weise fand Winters ausgerechnet hier in Mourmelon die Zeit über ein paar der Ereignisse aus den letzten Wochen nachzudenken. So zum Beispiel über die aufopferungsvolle Bereitschaft von Lew, der ihn während seiner Krankheit keinen Tag aus den Augen gelassen hatte.

Er wusste, dass er ihm viel zu verdanken hatte und er hatte es nicht vergessen, dieses schöne Gefühl, das Nixon ihm draußen hinter der Hausecke gegeben hatte, als er ihn aufgefangen und im Arm gehalten hatte. Lewis feste Umarmung hatte ihn daran erinnert, dass sein Körper fähig war mehr zu fühlen als nur Müdigkeit und Schmerz in den eigenen Gliedern. Und das hatte besser gewirkt als jede Medizin.

Was Winters jedoch allen verschwieg, war die Tatsache, dass er sich selbst jetzt – sechs Wochen später – noch nicht wieder richtig fit fühlte. Ihm fehlte die Ausdauer. Er kam durch den Tag, erledigte seine Aufgaben gewissenhaft und dachte an alle wichtigen Punkte auf seiner Tagesliste. Doch legte er sich abends zum Schlafen hin, schien die Zeit bis zum nächsten Morgen niemals auszureichen, um seine Kräfte wieder herzustellen.

Dass er sich in der Nacht nicht richtig erholte, wirkte sich auf den folgenden Tag aus. Die schlechte Nacht darauf auf den darauffolgenden Tag und so weiter. Winters hatte seine verschleppte Müdigkeit vor sich hergeschoben, bis es nicht mehr auszuhalten gewesen war. Bis er sein Gewissen davon hatte überzeugen können, dass es besser war eine zusätzliche Pause einzulegen, als einen weiteren Zusammenbruch zu riskieren.

Dennoch war es ihm alles andere als leicht gefallen am frühen Nachmittag seinen Schreibtisch zu verlassen und sich bei seinem Adjutanten Zielinski abzumelden. Er hatte dem zurückhaltenden Mann nicht gesagt wohin er ging, nur, dass – sollte er in zwei Stunden nicht zurück sein – er einen Melder zum Quartier von Captain Nixon schicken sollte.

Zielinski hatte den Befehl mit einem Nicken entgegengenommen und Winters war gegangen, wohl wissend dass sein Adjutant nichts davon ahnte, dass er  sich im Quartier von Nixon schlafen legen würde und der bestellte Melder nur ein Notfallwecker war, sollte er nicht rechtzeitig wach werden.

* * * * *

Nixon war auf dem Weg zu seinem Quartier.

Er hatte eine lange Nacht vor sich und musste sich auf die Operation „Varsity“ vorbereiten, an der er in den kommenden Tagen als Beobachter teilnehmen sollte. Aber bevor er sich in die Pläne dieser umfangreichen Luftlandeoperation einarbeitete und seinen Körper mit der richtigen Mischung aus Whiskey, Kaffee und Zigaretten am Laufen hielt, brauchte er noch etwas anderes. Er brauchte eine Mütze Schlaf.

Der Nachmittag hatte gerade erst begonnen und in Nixons Augen war es die beste Zeit, um sich unbemerkt für ein Nickerchen zurückzuziehen. Niemand würde ihn, einen Nachrichtenoffizier des Regimentsstabes, mitten am Tag in seinem Quartier vermuten.

Die Aussicht allein und ungestört zu sein, ließ ihn zufrieden Schmunzeln und in der Absicht sein Zimmer zu betreten, öffnete er die Tür. Nixon gefror, noch bevor er den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. In seinem Bett lag jemand!

Das Schmunzeln auf seinem Gesicht verstarb in der gleichen Sekunde, in der er den zugedeckten Körper auf seiner Matratze liegen sah. Einen Moment stand Nixon einfach nur da und starrte wie versteinert auf den Rücken der schlafenden Person. Als er seine Fassung wiedergefunden hatte, war er drauf und dran mit der Faust gegen die Tür zu hämmern, um den Eindringling auch ja mit dem verdienten Schrecken aus den Federn zu jagen, als ihm im letzten Augenblick der rostrote Hinterkopf auffiel. Langsam ließ er seine Hand wieder sinken. War das etwa…?

Von einer plötzlichen Neugier gepackt, betrat Nixon den kleinen Raum und schloss die Tür so leise wie möglich hinter seinem Rücken. Seine Augen waren vollkommen fixiert auf den roten Haarschopf, der auf seinem Kissen ruhte.

Eine Haarfarbe wie diese gab es kein zweites Mal und Nixon kannte ihre feinen Nuancen mittlerweile in- und auswendig. Im Winter waren die Haare deutlich dunkler, hatte – so wie jetzt – eine rostrote, fast schon braune Färbung. Aber im Sommer, wenn sie viel Zeit in der Sonne und unter freiem Himmel verbrachten, blichen die Haare stark aus, wurden Kupferrot, manchmal sogar leicht orange.

Nixon bezweifelte, dass Dick auch nur im Entferntesten ahnte, dass er solche äußerlichen Details an ihm wahrnahm. Und ein bisschen wunderte es ihn auch selbst, dass er so viel über seinen Freund wusste. Vermutlich hätte er sogar aus seinem Gedächtnis eine Karte zeichnen können, an welchen Stellen Dick pünktlich zur Saison Sommersprossen bekam. Zumindest was je Körperpartien betraf, die er bis jetzt zu Gesicht bekommen hatte.

Auf leisen Sohlen schlich Nixon um das Bett herum, um Dick nicht zu wecken und dennoch einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen. Was er kurz darauf sah, füllte sein Herz mit einer lang vergessenen Freude. Dick hatte sich seine olivgrüne Army-Decke bis über die Schulter gezogen. Er schlief tief und fest, und das mit so entspannten Gesichtszügen und einem so gleichmäßigem Atem, dass es Nixon ein warmes Lächeln ins Gesicht zauberte.

Unzählige Stunden hatte er an Dicks Krankenbett gesessen und ihn dabei beobachtete, wie er gegen das Fieber und den Husten abgekämpft hatte. Und jetzt, Wochen später, wurde er mit diesem friedlichen Anblick belohnt. Was für ein Geschenk!

Bedacht darauf keinen unnötigen Laut zu machen, ließ Nixon sich in Zeitlupe auf der Bettkante nieder, den Blick weiter auf Dicks schlafendes Gesicht gerichtet. So viele Male hatte er seine Züge schon studiert; die schmalen, geschwungenen Augenbrauen und die leichten Falten um die Mundwinkel, die nie ganz verschwanden. Er konnte sich einfach nicht sattsehen daran. Für ihn hatte Dick etwas Unberührtes und Makelloses. Das hieß nicht, dass er als Soldat mit seiner Waffe im Krieg unschuldig geblieben war, es bedeutete für Nixons einfach, dass Dick etwas an sich hatte, um das er ihn beneidete: Reinheit.

Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Und was Nixon schon seit langem vermutete, kein liebloses Elternhaus. Dick war definitiv kein Kind von Traurigkeit. Ganz im Gegensatz zu ihm, der von seinem Vater ignoriert und von seiner vielbeschäftigten Mutter ständig ans Kindermädchen weitergereicht worden war. Am Ende hatte „Little Lew“ jedes Mal bei den Hausangestellten in der Küche einen Platz gefunden und oft auch ein paar Süßigkeiten zur Aufmunterung erhalten. Bis irgendwann seine Mutter aufgetaucht war und ihn ermahnt hatte, sich nicht mit der Unterschicht  abzugeben.

Es waren die Jahre gewesen, in denen Nixon gelernt hatte, die Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft zu beurteilen. Überraschend schnell hatte er eine Abneigung gegen die Haltung seiner Eltern und deren Freunde entwickelte und war aus dieser intoleranten und mit Geld übersättigten Welt so früh wie möglich ausgebrochen. Er hasste die da oben  und noch mehr hasste er es, selbst von Geburt an ein Teil dessen zu sein.

Was Nixon sich wünschte, waren Aufrichtigkeit, Anerkennung und Gemeinschaft; keine Champagnerglas schwenkende Heuchelei auf einem Empfang der gehobenen Klasse. Und es war schon eine seltsame Begebenheit, dass er ausgerechnet mitten im Dreck und zwischen den Männern der Easy-Kompanie etwas davon gefunden hatte.

Der raue und oft kratzige Umgangston unter den Soldaten erschien ihm tausendmal menschlicher und unverfälschter, als jeder Wimpernschlag der besseren Gesellschaft aus der er stammte. Er mochte ihre schroffe Herzlichkeit und liebte diese unvergleichliche Art von Humor, die man nur im Krieg und zwischen Soldaten fand. Was das betraf, befand Nixon sich am schönsten Ort, denn er sich vorstellen konnte.

Ein tiefes Seufzen holte ihm in die Gegenwart zurück. Das Seufzen war vom Bett gekommen, besser gesagt von Dick, der sich im Schlaf auf den Rücken gedreht hatte. Mit leicht geöffnetem Mund und beschleunigtem Herzschlag glitten Nixons Augen über den zugedeckten Körper, der sich ihm so unerwartet offen darbot.

Es war ein verlockender Anblick und seine Gedanken begannen unwillkürlich zu rasen; kehrten zurück zu dem Morgen, als er Dick in Holland einen Streich gespielt und es in einer wilden Kissenschlacht geendet hatte. Zurück zu der bitterkalten Nacht im Wald von Foy, die sie eng aneinander gekuschelt in seinem Schützenloch verbracht hatten. Zurück zu den vielen Stunden, die er an Dicks Krankenbett Wache gehalten und sich gewünschte hatte ihm noch einmal so nah sein zu können. Und zurück zu dem bewegenden Moment hinter der Hausecke, als Dick ihm mit seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Arme gefallen war.

Nixon konnte den Drang keine Sekunde länger unterdrücken. Er musste  ihn berühren. Nervös tauchte er mit seiner Hand unter die Wolldecke und tastete sich langsam über das Laken.


Winters wusste wo er war. Er lag in einem Bett – einem Bett, das eigentlich Lew gehörte. Sein Bewusstsein hatte sich noch nicht entschieden, ob es vollständig erwachen oder lieber zurück in den Tiefschlaf sinken wollte, dennoch waren da verschiedene Dinge, die er von seiner Umgebung mitbekam.

Er fühlte die wohltuende Wärme zwischen seinem bekleideten Körper und der Decke, die er sich von Lew geborgt hatte. Genauso wie das weiche Kissen in seinem Nacken, das bis eben seine Wange gestreichelt hatte. Und da war noch etwas. Etwas, dass er zuerst nicht zuordnen konnte. Es lag ruhig auf seinem Bauch, hob und senkte sich mit jedem seiner Atemzüge und verströmte gleichzeitig eine angenehme Wärme; heiß und intensiv wie die einer Wärmflasche.

Winters wusste, dass ihn diese Berührung eigentlich sofort hätte aus dem Schlaf reißen müssen. Doch seine erhöhte Wachsamkeit, die ihm – wie jedem Soldaten an der Front – zur zweiten Natur geworden war, wurde diesmal von seinem Unterbewusstsein ausgebremst. Da war diese innere Stimme, die ihm versicherte, dass es in Ordnung war, wenn er einfach nur hier lag, die Augen weiter geschlossen hielt und das schöne Gefühl auf seinem Bauch genoss.  

Als hätte er in Gedanken mit der Wärmequelle kommuniziert, bewegte sie sich plötzlich, strich aufwärts über seinen straffen Bauch, den Oberkörper hinauf, bis sie schließlich auf seiner rechten Brust stoppte. Winters konnte spüren wie die wohltuende Wärme eine Handbreit unter seinem Schlüsselbein in seinen Körper überging. Und irgendwo aus dem Nichts schien die Gewissheit zu kommen, dass es sich bei der Wärmequelle tatsächlich um eine menschliche Hand handelte und dass diese Hand zu einem Menschen gehörte, der ihm sehr vertraut war.

Winters hatte eine Weile gebraucht, aber inzwischen hatte er feine Antennen für Lews Gegenwart entwickelt. Normalerweise nahm man den ausgesprochen redefreudigen und aufgeweckten Stabsoffizier durch seine laute und tiefe Stimme wahr sobald er einen Raum betrat. Nixon war jemand, der immer schnell mit irgendwem in ein Gespräch verwickelt war. Er schien nahezu jeden im Stab zu kennen. Auch wer bei wem, wie viele Spielschulden hatte und wer gerade verbotener Weise mit einer der einheimischen Frauen anbandelte, wusste er genau. Eben ein echter Nachrichtenoffizier, bestens informiert über alles und jeden – auch über die kleinen Spitzfindigkeiten und Sticheleien in den eigenen Reihen. Dazu kamen seine Leidenschaft für starken Kaffee und guten Tabak, sowie sein Hang zum Alkohol, über den Winters lieber nicht zu viel nachdachte.

Aber Lew hatte auch eine ruhige Seite. Eine Seite die Besorgnis zeigte und die verletzlich war. Genau dieser Seite war Winters begegnet, als er schwer krank gewesen war und sein Freund jede freigeschaufelte Minute an seinem Bett gesessen hatte. Er hatte sich von der ersten Sekunde an wohl damit gefühlt ihn bei sich zu wissen. So wie jetzt.

Winters war indessen wach genug, um sich genüsslich unter der Decke zu rekeln. Lews warme Hand ruhte weiterhin auf seiner Brust und alles was er sich in diesem schönen Moment wünschte, war ihn ebenfalls zu berühren.


Unerwartet spürte Nixon eine Berührung an seinem Bein und blickte erschrocken an sich hinab. Die Hand von Dick war unter der Decke hervor getaucht, hatte seinen Oberschenkel gestreift und lag nun zu seinem großen Erstaunen auf seinem Knie. Er konnte sich nicht erinnern, dass Dick ihn je zuvor so intensiv berührt hatte. Es war nur eine Hand, aber sie lag auf seinem Knie!

Zögerlich und vor allem aufgeregt, begann Nixon mit seinem Daumen über Dicks Brust zu streichen und den weichen Stoff von seinem Hemd über seine Haut zu reiben. Es dauerte nicht lang bis sich im Gegenzug die Hand auf seinem Knie in Bewegung setzte und zärtliche Finger anfingen sanfte Kreise zu ziehen. Nixons Blick wechselte nervös zwischen Dicks Brust und seinem eigenen Knie hin und her. Er war sich bewusst darüber, dass sie sich hier auf eine Weise berührten, wie zwei Männer es nicht tun sollten. Nur ob Dick sich dessen auch bewusst war, wusste er nicht.

Der Griff um sein Knie wurde unverhofft fester und mit angehaltenem Atem sah Nixon in Dicks Gesicht. Was er dort fand, beraubte ihn jeden Zweifels, der andere Mann könne seine Gefühle nicht teilen. Die Augen entspannt geschlossen, zeichnete sich ein überaus zufrierendes Lächeln auf Dicks Lippen ab.

Es erschrecke Nixon zu realisieren, dass Dick nicht mehr schlief und es hier schon lange nicht mehr um das Austauschen harmloser Zärtlichkeiten im Dämmerschlaf ging. Und noch viel mehr erschreckte ihn, dass Dick an ihrem verspielten Kontakt offensichtlich Gefallen fand. Niemals hätte er erwartet seine Zuneigung so offen erwidert zu bekommen.

Winters genoss das Streicheln auf seiner Brust, und es war ihm unmöglich das glückliche Grinsen abzustellen, von dem genau wusste, das es mitten auf seinem Gesicht stand. Vielleicht war das hier nicht richtig, aber es war zu gut, um es nicht zu tun. Noch ein paar Runden drehte seine Hand über Lews Knie, bevor er anhielt und ein tiefes und gelöstes Seufzen von sich gab.  

„Richtig“, hauchte Nixon, „erst mal durchatmen.“ Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Er hatte sich fest vorgenommen nichts zu alledem zu sagen, aus Sorge es könnte diesen wunderbaren Moment zwischen ihn kaputt machen. Zu oft hatte er es in der Vergangenheit erlebt, dass einer ersten vorsichtigen Annäherung doch ein Rückzieher gefolgt war, nachdem er den Mund aufgemacht hatte.

Hätte es in Winters noch einen Teil gegeben, der nicht richtig wach gewesen wäre, die vertraute Stimme von Lew hätte dies ganz bestimmt geändert. Noch etwas träge öffnete er die Lider und blinzelte ein paar Mal, bevor er den Kopf auf die Seite drehte und Lewis in die Augen sah.

Ein leuchtend grünes Augenpaar blickte Nixon an und urplötzlich verspürte er den Wunsch sich mit aufs Bett zu legen, ganz nah an Dick gekuschelt, um sich noch einmal für fünf Minuten mit ihm umzudrehen. Ein kleiner gestohlener Augenblick voller Wärme und Geborgenheit – das war alles was er wollte.  

Winters las den Blick seines Freundes wie ein offenes Buch. Und was er auf den aufgeschlagenen Seiten lesen konnte, verunsicherte ihn zu gleichen Teilen wie es ihm schmeichelte. Es war dass, was er schon lange vermutet hatte. In Lewis schlummerte eine tiefe Sehnsucht nach Berührung; nach Berührung mit ihm.

Das Pflichtgefühl holte Winters aus seinen Gedanken zurück und in dem Bewusstsein, dass man ihn zurück an seinem Schreibtisch erwartete, nahm er seine Hand von Lews Knie. Gleichwohl wollte er ihn nicht loslassen, ohne ihm gezeigt zu haben, dass ihm dieser Kontakt etwas bedeutet. Seine Hand zurück unter der Decke, ließ er sie rauf zu seiner Brust wandern.

„Danke fürs Wecken.“, waren die ersten Worte, die ihm gedämpft über die Lippen kamen.

Nixon spürte für einige Sekunden einen festen Griff um seine Finger und war glücklich. „Gern geschehen.“, antwortete er leise. Dass Dick ihm in die Augen sah, ihn gleichzeitig berührte und sogar mit ihm sprach, deutete er als himmlisches Zeichen. Dies war vielleicht der beste Tag seit Monaten und sein Wunsch zu Dick ins Bett zu steigen, flammte heftiger auf als zuvor.

„Wie spät ist es?“, wollte Winters wissen, während er sich unvermittelt aufsetzte und Lews Hand nahezu automatisch von seiner Brust rutschte. Er hatte es gesehen, dieses seltsame Leuchten in Lews Augen, das ihn zutiefst verunsichert hatte. Einem Reflex folgend hatte Winters sich nach der Uhrzeit erkundigt, um die für ihn unangenehme Situation aufzulösen.

Die unvorhergesehene Frage brachte Nixon vollkommen aus dem Konzept und es dauerte einen Moment bis er prüfend auf seine Armbanduhr schaute. „Gleich sechszehnhundert.“, antwortete er in gewohnt militärischer Form und hatte keinen Schimmer was diese Frage hier und jetzt zu suchen hatte.

„Ich muss los.“, sagte Winters knapp und schlug voller Tatendrang die Decke zur Seite. Entschlossen schwang er die Füße aus dem Bett und setzte sie neben die von Lew auf den Boden.

Nixons himmlisches Gefühl platze so lautlos wie eine kleine Seifenblase. Er konnte einfach nicht glauben, dass ihre schöne Begegnung so schlagartig vorbei sein sollte. Verständnislos sah er wie Dick in seine bereitgestellten Stiefel schlüpfte und fühlte dabei wie etwas in ihm zerbrach. Es war nur ein winziger Teil, aber es tat weh und es hinterließ ein Gefühl herber Enttäuschung.

„Warum?“

„Weil in wenigen Minuten ein Melder an deine Tür klopfen wird, um mich zurück an den Schreibtisch zu holen.“, antwortete Winters sachlich und bewahrte sich seinen freundlichen Ton. Er wollte Lew nicht enttäuschen, wirklich nicht. Aber ungeachtet des Gefühlschaos, das in ihm tobte, war es für ihn an der Zeit zu gehen. Ohne eine Sekunde zu vergeuden, schnürte er sich den ersten Stiefel zu.

„Dein Wecker?“, schlussfolgerte Nixon.

Winters schmunzelte. „Konnte ich ja nicht wissen, dass Du das übernimmst.“, antwortete er und warf Lew diesmal einen kurzen Seitenblick zu, bevor er sich seinem zweiten Paar Schnürsenkel widmete.

„Dann frag mich doch einfach beim nächsten Mal.“, kam es von Nixon und er wusste selbst nicht ob sein Worte nun ein Vorwurf oder doch ein ernst gemeintes Angebot waren.  

Winters schmunzelte erneut. Hatte er da gerade einen Hauch von Eifersucht aus Lews Worten herausgehört?

Nixon wartete immer noch auf eine Antwort, als er sah wie sich Dick von der Bettkante erhob, nach seiner Feldjacke über dem Bettpfosten griff und zur Tür ging. „Dick?“, rief er ihm verletzt nach und konnte kaum abwarten bis er sich umgedreht hatte. Bevor das alles hier auseinanderbrach und er sich später einredete, diese Begegnung sei nur ein weiterer Tagtraum gewesen, musst er ihm eine Frage stellen. Mit ernster Miene fragte Nixon: „Was ist der Grund dafür, dass Du dich ausgerechnet in mein Bett gelegt hast?“

Winters verharrte regungslos auf der Stelle. Er konnte Lew nicht die Wahrheit sagen. Auch wenn er es definitiv verdient hatte. Ausweichend antwortete er: „Es war eben frei.“ Mit heftigen Gewissensbissen wandte er sich ab.

„Dick!“, rief Nixon ein zweites Mal und diesmal deutlich aufgewühlter. Er wusste, dass er Dick nicht davon überzeugen konnte zu bleiben, wollte ihn aber auch nicht gehen lassen, ohne eine ehrliche Antwort erhalten zu haben.

Einen Augenblick stand Winters wortlos in der Tür und sah in das enttäuschte Gesicht von Lew. Sein Gewissen hatte verdammt nochmal recht! Er war ihm etwas schuldig. Wenn er so für Lew empfand, wie er es nun mal tat, dann hatte dieser auch ein Recht drauf das zu erfahren. „Weißt Du, Lew“, begann Winters und suchte nach den richtigen Worten, „dein Bett ist das unbequemste, in dem ich je gelegen habe, aber...“ Sein Blick fiel auf die Wolldecke am Fußende und auf seiner Brust glaubt Winters noch einmal die warme Hand von Lew zu spüren. „Aber“, räumte er mit weicher Stimme ein, „es erinnert mich an dich und gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.“

Erleichtert hauchte Nixon die Luft aus, von der er nicht wusste, dass er sie angehalten hatte. Mit dieser Antwort konnte er leben. Sogar sehr gut. Ein sanftes Lächeln auf den Lippen ließ er Dick gehen.


AN:
Da es zu diesem OS keinen direkten Bezug zum Canon gibt, war es mir auch nicht möglich hier ein schönes Video rauszusuchen. Aber keine Sorgen, beim nächsten Kapitel ist reichlich Bildmaterial dabei. *Hände reib*
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