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Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
13
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.06.2018 4.799
 
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Länge:  4.682 Wörter
Canon: Inspiriert von Part 8 „The Last Patrol“, Minute 07:20
(Lipton hat in Hagenau eine Lungenentzündung und wird von seinen Kameraden umsorgt.)
Timeline: 05. Februar 1945, Hagenau, Frankreich


Ich hab dich.

Nixon hätte sich ohrfeigen können. Er hatte die Anzeichen im Nachhinein alle gesehen. Doch er hatte nichts unternommen. Wieso zur Hölle hatte er nicht rechtzeitig reagiert?

Alle Anwesenden waren gleichermaßen entsetzt gewesen, als ihr Bataillonskommandeur während der Lagebesprechung das Bewusstsein verloren hatte. Aber niemandem war der Anblick des in sich zusammengesackten Körpers so nah gegangen wie Nixon. Fast schon panisch war er auf Dick zu gestürzt und hatte vergeblich versucht ihn durch heftiges Tätscheln seiner Wange zurückzuholen. Ohne Erfolg.

Dann war alles ganz schnell gegangen und Nixons Erinnerungen daran, wie die anderen eine Trage organisiert und Doc Roe gerufen hatten, bestanden ausschließlich aus verschwommenen Bildern; so sehr hatte er unter Schock gestanden. Der Vorfall lag inzwischen einige Wochen zurück, aber beim Gedanken daran, schnürte es ihm immer noch die Kehle zu. Nie zuvor in seinem Leben hatte Nixon eine solch übermächtige Angst empfunden.

Und auch jetzt schwebte er in ständiger Sorge um seinen Freund. Der kranke Dick füllte nahezu jede Minute seiner Gedanken und es fiel Nixon zunehmend schwer sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Verbissen versuchte er seine mangelnde Aufmerksamkeit dadurch zu kompensieren, dass er mehr Alkohol trank, in der Hoffnung so einen kühlen Kopf zu behalten. Aber wirklich hilfreich war das auch nicht.  

Verglichen damit war es eine große Erleichterung zu wissen, dass momentan sowohl die Easy-Kompanie als auch das gesamte Regiment praktisch im Luxus lebten. Mitte Januar waren sie in Hagenau einmarschiert; einem kleinen, französischen Städtchen nahe des Rheins, dass den Männern, die den gesamten Dezember hindurch, wie wilde Tiere in diesem gottverfluchten Wald gehaust hatten, ausgesprochen viel zu bieten hatte. Warmes Essen, überdachte Unterkünfte und heiße Duschen gab es hier. Wer besonders viel Glück hatte, bekam sogar ein der stockbefleckten Matratzen ab. Im Vergleich zu hart gefrorener Erde als Schlafuntergrund, ein echter Komfort.

Dennoch war der Krankenstand beunruhigend hoch. Viele der Männer hatte die Zeit in und um Foy an ihre Grenzen geführt. First Sergeant Lipton beispielsweise hatte es bei ihrer Ankunft niedergestreckt. Mehrere Tage hatte er gegenüber vom Kommandoposten in einem kleinen Haus gelegen und sein Fieber auskuriert.  

Nixon hatte keine Zeit gehabt ihm einen Krankenbesuch abzustatten, zu viel gab es zu planen, zu besprechen und zu organisieren. Dann war Dick zusammengebrochen und Nixons Aufgabenliste hatte sich binnen kürzester Zeit verdreifacht. Dass Lipton wieder genesen war, hatte er von Ron erfahren, der ihm letzte Woche mit den Worten »Für den Major« eine zusätzliche Decke gegeben hatte. Der gute Sparky wusste eben wie man sich kümmerte.

Jetzt war Nixon ein weiteres Mal auf dem Weg zu Dick. Mindestens zweimal am Tag schaute er bei seinem kranken Freund vorbei, um sich über seinen Gesundheitszustand zu informieren, ihn auf dem Laufenden zu halten und – das kam eigentlich noch davor – sich selbst eine kurze Verschnaufpause zu erlauben. Der Druck, der auf seinen Schultern lastete, wog gefühlt mehr als eine dreiviertel Tonne.

Nixon hatte gerade das Haus betreten, als ihm der Sanitäter der Easy-Kompanie unvermittelt in die Arme lief. „Hey, Gene.”, grüßte er formlos und scherte sich wie üblich nicht um die verschraubten Anredeklauseln, die die Dienstvorschriften vorsahen.

„Captain Nixon, Sir.“, erwiderte Eugene korrekt und blieb, in Anbetracht der Tatsache, dass der Captain den Blickkontakt zu ihm hielt, stehen.

„Und?“, fragte Nixon, ohne die Unsicherheit aus seiner Stimme verbannen zu können. „Wie geht es ihm?“

Es bedurfte keiner Sekunde um zu erraten, nach wem sich der Captain erkundigte. „Unverändert, Sir.“, sagte Eugene und rückte den Gurt seiner Sanitätstasche zurecht. „Der Major ist über den Berg, aber er braucht Ruhe. Viel Ruhe.“

Die letzten zwei Worte hatte er gezielt betont, um auch wirklich nochmal zu unterstreichen, dass das Penizillin zwar das Fieber gebrochen, Winters jedoch nicht seine Leistungsfähigkeit zurückgegeben hatte. Genau diesen Dialog hat er bereits ein Dutzend Mal mit dem nervösen Captain geführt und allmählich wurde es ihm zum Ärgernis. Er hatte schließlich noch andere Patienten zu versorgen.

Nixon nickte leicht und gab ein nachdenkliches Murmeln von sich. Er spürte, dass Gene seine Fragerei lästig war, wollte ihn aber auch nicht gehen lassen, ohne noch einmal bestätigt zu bekommen, dass Dick auch ganz sicher außer Gefahr war.

„Hören Sie, Captain“, begann Eugene, der erkannt hatte, dass er hier nur herauskam, wenn er sich den Mund fusselig redete, „Die Temperatur des Majors ist normal. Und er hat vorhin sogar etwas gegessen. Das ist ein gutes Zeichen. Ein sehr gutes Zeichen.“

Er hatte wirklich keine Ahnung, was er noch tun sollte, um diesen Mann zu beschwichtigen. Winters war eindeutig auf dem Weg der Besserung, wer aber mit jedem Tag schlechter aussah, war der Captain, der ihm gerade gegenüber stand. Keiner den Eugene kannte, wagte es darüber zu sprechen, aber so ziemlich jeder wusste es – das zwischen Nixon und Winters war etwas besonders. Auf welche Weise, darüber gab es sicher mehr als einhundert Theorien. Fakt war, der Captain litt mit dem kranken Major auf eine Weise, die zu Spekulationen führte.

Nixons Herz hatte bei der frohen Botschaft sofort einen Hüpfer gemacht. Jetzt würde er Gene erst recht nicht gehen lassen! Überstürzt wollte er wissen: „Un-un-d wann wird er wieder auf den Beinen sein?“

Eugene hätte sich am liebsten die Haare gerauft. Dieser Captain war anhänglicher als ein Kind am Rockzipfel seiner Mutter. „Das weiß ich nicht, Sir.“, antwortete er wahrheitsgemäß und zählte innerlich bis drei, um wieder runter zu kommen.

So schnell wie Nixons Hoffnung entflammt war, war sie auch einem Strohfeuer gleich verglüht. Er stieß ein Seufzen aus und rieb sich mit der Hand über den dichten Bart an seinem Kinn. Versunken starrte er den Flur entlang, bis zu dem Zimmer wo Dick lag.

„Wissen Sie was“, sagte Eugene, dem endlich eine Idee gekommen war, wie er den Captain abschütteln konnte, „Sie können etwas tun, um den Prozess zu beschleunigen.“ Unverzüglich sah er wie das Leuchten in die Augen von Nixon zurückkehrte. „Gehen Sie zu dem Major, bleiben Sie eine Weile bei ihm und achten Sie darauf, dass er viel trinkt, wenn er aufwacht.“

Eugene wusste, dass er Winters keinen Gefallen damit tat, ihm den bemutternden Nixon auf den Hals zu hetzen. Andererseits befreite es ihn von dieser Klette und gab ihm die nötige Freiheit seinen ursprünglichen Aufgaben nachzukommen. Und das war gewiss im Interesse des Majors.  

Noch bevor Nixon eine Antwort hatte formulieren können, war der junge Mann mit der Rot-Kreuz-Binde am Oberarm in Richtung Tür verschwunden. Er fand sich alleine auf dem weiten Flur wieder und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Sanitäter ihn ausgetrickst hatte. Seine Sorge um Dick war ohne Frage der wundeste Punkt den er besaß. Aber er konnte nichts dafür. Das Ganze ging ihm einfach an die Nieren.

* * * * *

Auf Zehenspitzen betrat Nixon das Krankenzimmer und schlich sich zum Bett. Es war nicht mehr als eine fleckige Matratze auf dem staubigen Fußboden, aber es war die beste Matratze, die er hatte finden können. Selbst ein Kissen hatte er aufgetrieben.

Drumherum standen allerlei Dinge, die Dick in den vergangenen Tagen seiner Krankheit gebraucht hatte und Nixons Blick fiel für einige Sekunden auf das leere Kochgeschirr nahe dem Kopfende. Dann wanderten seine Augen hinüber zu seinem schlafenden Freund. Es war ein furchtbarer Anblick für ihn. Und hätte es auch nur ein kleines bisschen geholfen, hätte er freiwillig und auf der Stelle seinen gesamten Vorrat an VAT 69 weggeschüttet.

Von einem tiefen Seufzen begleitet, ließ Nixon sich nieder. Endlich war er allein, allein mit Dick. So schwer es ihm auch fiel ihn leiden zu sehen, so sehr genoss er die Ruhe, die er an seinem Krankenbett fand – fernab des täglichen Trubels und den tausend Entscheidungen, die er noch zu treffen hatte.

Es war keineswegs so, dass Nixon nicht belastbar und entscheidungsfähig war, im Gegenteil, er beherrschte beides erstklassig. Nun die Rolle in der er diese beiden Anforderungen Zurzeit erfüllen musste, entsprach so gar nicht seinem Charakter. Er war gut darin – sogar verdammt gut darin – Dick den Rücken freizuhalten und ihn gegen jede Schikane zu verteidigen, die aus den oberen Reihen und vom Regimentsstab kam. Was ihm hingegen gar nicht lag, war, sich vor einen Richard Winters zu stellen und ihn gegen das Abzuschirmen, was frontal auf sie zukam.

Dazu kamen seine Schuldgefühle, an denen sich nicht das Geringste geändert hatte. Nixon war davon überzeugt, er hätte viel früher etwas tun müssen, hätte das Husten, die bleiche Gesichtsfarbe und die Kopfschmerzen über die Dick in den Tagen vor seinem Zusammenbruch geklagt hatte, viel früher in Verbindung bringen sollen. Verdammt nochmal, er war Nachrichtenoffizier! Der Erfolg einer ganzen Einheit hing davon ab, dass er Hinweise und Informationen richtig zusammenpuzzelte und ausgerechnet bei dem Mann, der ihm am nächsten stand, hatte er auf ganzer Linie versagt.

Mitleidsvoll und mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn ruhte Nixons Blick auf dem schlafenden Mann. Schweiß und Fieber hatte die sonst so ordentliche Frisur von Dick in ein heilloses Chaos verwandelt und der nachwachsende, stoppelige Bart tat sein Übriges dazu, die so vertrauten Züge seltsam fremd erscheinen zu lassen. Nixon verspürte plötzlich den Wunsch, Ordnung in das Durcheinander zu bringen und streckte seine Hand aus. Behutsam strich er über Dicks Haaransatz und konnte nicht verhindern, dass sein Handrücken mehrmals über Dicks kratzige Wange fuhr, bevor er sich zurückzog.

Die Berührung brachte Ruhe in Nixons aufgewühlte Gedanken. Erleichterung ging durch seinen Körper. Es waren genau diese Momente, für die er immer wieder das Krankenbett seines Freundes aufsuchte. Er wollte für ihn da sein, sich kümmern, wiedergutmachen, was er verbockt hatte. Und vor allem wollte er selbst Trost finden.

Dick war in der Vergangenheit immer für ihn dagewesen, wenn er jemanden gebraucht hatte, hinter dem er in Deckung gehen konnte, wenn seine sensible Seite durchkam oder er einfach nur kein Versteck für seinen Alkohol fand und am nächsten Morgen doch wieder jemanden brauchte, der ihm mit einem freundlichen Tritt aus den Federn holte. All das tat Dick immer wieder für ihn. Und bei Gott, er hätte die Freundschaft zu diesem wunderbaren Mann nicht verdient, wenn er nicht wenigsten etwas von dieser Fürsorge zurückgab.

Winters nahm im Halbschlaf eine Veränderung wahr. Etwas war über sein Gesicht gehuscht, hatte Stirn und Wange berührt. Gut möglich, dass es ihr Sanitäter Eugene gewesen war, der einen kurzen Check durchgeführt hatte.

Von dem Gefühl geplagt, nicht müde genug zu sein, um wieder fest einschlafen zu können, nahm Winters einen tiefen Atemzug, in der Absicht richtig wach zu werden. Sein Brustkorb kribbelte unangenehm. Gene hatte ihm erst vor wenigen Tagen beglückwünscht die Lungenentzündung überstanden zu haben und aus dem Gröbsten raus zu sein. Dennoch fühlte er sich schlapp; hatte wiederkehrende Kopfschmerzen, taube Finger und ein Schweregefühl in den Beinen, dass einfach nicht vorrüberging. Das normale Atmen verursachte keine andauernden Schmerzen mehr, aber es tat weiterhin weh, besonders bei langen und tiefen Atemzügen wie diesem.

Als das fiese Kribbeln in seiner Brust abgeklungen war, ließ Winters den Kopf zur Seite kippen und versuchte die Augen zu öffnen. Jeder Teil seines Körpers fühlte sich unfassbar schwer an, wodurch er seinen halbherzigen Versuch nach zwei, drei Lidschlägen wieder aufgab. Die wenigen Sekundenbruchteile hatten dennoch gereicht, um ein verschwommenes Bild seiner Umgebung wahrzunehmen. Der Mann an seiner Seite war definitiv nicht Eugene. Ihr Sanitäter hatte ein junges, meist glatt rasiertes Gesicht. Die Gestalt, die jetzt an seinem Bett saß, trug eindeutig einen Vollbart; einen dichten, schwarzen Vollbart. Winters kannte nur eine Person, der die Vorschriften der Army zum Thema äußeres Erscheinungsbild des Soldaten dermaßen schnurz waren.

„Lew?“

Es war nicht mehr als ein flaches Stöhnen, aber es zog augenblicklich Nixons gesamte Aufmerksamkeit auf sich. „Ja, Dick.“, sagte er hastig und griff instinktiv nach seiner Hand. „Ich bin hier.“

Winters’ Mundwinkel hoben sich zu einem leichten Schmunzeln. Er war froh, dass Lew an seiner Seite war. Und auch wenn es seine Stimme überhaupt nicht zuließ, wollte er sich mit ihm ein wenig unterhalten. Zumindest wünschte er sich, dass, wenn er hier schon erschossen wie ein Hund lag, er wenigstens der schönen und vertrauten Stimme von Lew lauschen konnte. Eine bessere Medizin für sein seelisches Wohlbefinden gab es nicht.

Winters schluckte und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen: „Ich hab gehört“ – Er musste kurz pausieren – „Du magst meinen Job nicht?“

„Verdammt“, stöhnte Nixon auf, „ich hasse deinen Job! Meine Aufgabenliste ist ein Stück Papier, das von hier bis nach Berlin reicht.“

Genau für diese übertriebenen und doch ehrlichen Sätze liebte Winters die Gespräche mit seinem besten Freund. Und wenn seine schmerzende Brust es zugelassen hätte, hätte er gerne über Lews Worte gelacht. Stattdessen musste er unwillkürlich Husten.

Nixon griff beim ersten Röcheln sofort nach der Feldflasche, die neben dem Bett stand, schob eine Hand in Dicks Nacken, um seinen Kopf zu stützen und setzte den Rand der Falsche an seine Lippen.

Winters trank, mühsam und in kleinen Schlucken. Er fühlte sich besser, seit das Fieber vorüber war, aber sein Körper war nach wie vor schwach. Zu schwach um mehr zu tun, als hier zu liegen, zu atmen und gelegentlich zu essen und zu trinken.

Während Nixon die Flasche hielt und Winters beim Trinken beobachtete, sprach er weiter: „Es wird Zeit, dass Du das Bataillon wieder übernimmst. Auf mich hört dieser wilde Haufen einfach nicht.“ Als er sah, dass Dick nicht mehr schluckte, setzte er die Flasche wieder ab und ließ Dicks Kopf vorsichtig zurück aufs Kissen gleiten.

Das Wasser hatte gut getan. Nicht nur weil es den Hustenreiz gelindert, sondern auch weil es Winters etwas wacher gemacht hatte. Durch halb geöffnete Lider sah er hoch zu Lew und fand den Blick in sein unrasiertes Gesicht überaus tröstend und beruhigend. Aber vielleicht war es auch Lews Hand, die erneut auf seiner lag, die ihm dieses gute Gefühl bescherte.  

Winters hielt Nixon für intelligente genug, seine Hand rechtzeitig dort wegzunehmen, sollte sich jemand an der Tür ankündigen. Ein Captain, der bei seinem Major am Bett saß und Händchen hielt, war kein guter Anblick. Es gab ohnehin schon Getuschel unter den Männern.

Das Denken strengte Winters an und in dem Wunsch ihr Gespräch am Laufen zu halten, stellte er keuchend seine nächste Frage: „Wie geht es den Männern?“  

„Och“, begann Nixon in gewohnt lockerem Ton, „denen geht’s gut.“ Heiter erklärte er: „Die Jungs dreschen fröhlich Bälle über den Golfparcours, filtern mit den Mädchen am Strand und schlürfen Cocktails in der Sonne.“

Winters’ Stirn legte sich in Falten. „Nix…“, stöhnte er angestrengt, die Augen zusammengekniffen.

„Schon klar.“, erwiderte Nixon und erkannte, dass Dick für Späße dieser Art wohl doch nicht aufgelegt war. Mit sachlicher Stimme gab er die Fakten zum Besten: „Warmes Essen und ausreichend Schlaf heben wie üblich die Moral. Die Männer erholen sich gut, Dick.“  

Ein neues Husten kämpfte sich seinen Weg durch die noch nicht voll ausgeheilten Lungen und Winters war froh, als Lew ein weiteres Mal mit der Flasche kam, um das Brennen in seinen Hals mit kühlem Wasser zu betäuben. In seinem Kopf hämmert es und wenn nicht die Kopfschmerzen überwogen, dann war es der Schmerz in seinen Gliedern. Mühevoll rang sich Winters nach dem Trinken eine neue Frage ab: „Neuigkeiten?“ Er hätte gerne in ganzen Sätzen gesprochen, aber es ging nicht.

„Neuigkeiten?“, wiederholte Nixon leicht irritiert.

„Befehle“, ergänzte Winters und wurde zur nächsten Zwangspause gedrängt, „von Colonel Sink?“

„Nichts Wesentliches.“, antwortete Nixon in einem Ach-das-meinst-Du-Tonfall. „Er scheißt den halben Stab zusammen, weil die ihre Sachen nicht auf die Reihe kriegen. Berichte werden nicht rechtzeitig fertig, Informationen werden nicht weitergereicht, bla, bla, bla. Der übliche Wahnsinn. Ohne dich läuft der Laden einfach nicht richtig rund, Dick.“ Nixon schmunzelte und mit einem Mal fiel ihm tatsächlich noch eine interessante Neuigkeit ein. Mit einer Gleichgültigkeit, wie nur er sie besaß, ließ er das Thema Sink fallen und wandte sich dem Wesentlichen zu. „Aber viel besser ist die Geschichte von Hoobie.“

Winters verstand kein Wort. „Häh?“

„Ja“, bestätigte Nixon, „die ganze Kompanie ist verrückt nach Hoobie.“

Für Winters war immer noch nicht klar, worum es ging. Seine Stimmbänder überanstrengend krächzte er: „Wer ist Hoobie?“

Jetzt stand ein ehrliches Grinsen in Lews Gesicht. „Ohh, Hoobie ist ein Welpe.“, verkündete er stolz. „Webster und Liebgott habe ihn zwischen den Trümmern in einem der ausgebombten Häuser gefunden.“

„Ein Welpe?“, fragte Winters irritiert und konnte nicht glauben, dass Nixon ihn mit solch einer Belanglosigkeit behelligte; wenngleich ihm seine Schwäche für Hunde durchaus bekannt war.

„Ja“, antwortete Nixon eifrig und war mit einem Mal in seiner Begeisterung kaum zu bremsen, „irgendeine struppige Straßenkötermischung. Du solltest die Jungs mal sehnen, werden alle ganz weich und stürzen sich wie die Glucken auf dieses putzige Tierchen. Selbst wenn der Kleine mal in die Sachen von Luz pisst, fällt kaum ein böses Wort.“

Wie aus dem Nichts fuhr ein heißer Blitz aus Gliederschmerzen durch Winters’ Körper aus und als das stechende Gefühl über seinen höchsten Punkt drüber weg war, stöhnte er leise: „Ich kann’s mir lebhaft vorstellen. Und warum nennen sie ihn Hoobie?“ Das waren eindeutig zu viele Worte auf einmal gewesen. Winters erhielt prompt die Quittung für seinen Redefluss – ein lautes, raues Husten.

Nixons Lächeln verschwand sekundenschnell. Besorgt griff er nach der Feldflasche, aber als er sah wie Dick den Kopf schüttelte, ließ er sie doch stehen und beantwortete stattdessen seine Frage: „Ich nehme an, sie haben den Welpen Hobbie getauft, wegen Hoobler. Die Jungs vermissen ihn.“

„Hmm.“, kam es bloß von Winters, der aufgehört hatte zu husten und seinen Stimmbändern den Gefallen tat und schwieg. Er hatte eigentlich schon viel zu viel geredet, aber aufgeben wollte er die Konversation mit Nixon auch nicht. Seine Gedanken wanderten zurück zu ihrer Zeit im Wald bei Foy. Von dem starken Schmerzen abgelegt, erinnerte Winters sich nur mühsam daran, dass Hobbler einer der Männer gewesen war, die sie dort verloren hatten. Ein Unfall mit einer nicht gesicherten Waffe hatte ihn das Leben gekostet.

Nixon blickte in das abgekämpfte Gesicht seines Freundes und spürte diesmal etwas anderes in sich aufsteigen. Kein Gefühl der Schuld, dafür aber – und das war für ihn eindeutig schlimmer – die Furcht, Dick könne es vielleicht nicht schaffen. Egal was Eugene ihm vorhin erzählt hatte, er selbst hatte es oft genug erlebt, dass Männer, gute kräftige Männer, die schon auf dem Weg der Besserung waren, doch noch mit beiden Füßen ins Grab gestiegen waren. Allein der Gedanke, dass er diesen Krieg möglicherweise ohne Dick zu Ende führen musste, ängstigt ihn. Dabei war diese Angst total irrsinnig. Es konnte jeden von ihnen täglich erwischen. Also warum ausgerechnet davor Angst haben, dass eine verdammte Lungenentzündung sie für immer trennte?

Mit aller Macht wehrte sich Nixon gegen die Vorstellung, Dick zu verlieren und versuchte sich selbst aus dem Dreck zu ziehen. „Und was ist mit dir? Soll ich doch noch anfangen mir Sorgen zu machen?“, fragte er ironisch und nur um herunterzuspielen, dass er sich bereits wahnsinnige Sorgen machte.

Winters hatte das Kribbeln in seiner Brust und das Brennen in seinem Hals schon wieder erfolgreich verdrängt, als sein Versuch etwas zu erwidern erfolglos scheiterte. Alles was er zustande brachte, war ein lang anhaltendes, schweres Husten, das ihn sich krümmen und auf die Seite Rollen ließ.

In Nixon brach unverzüglich die zurückgehaltene Panik aus. Ohne zu zögern hob er Winters’ Oberkörper von der Matratze, nahm die Feldflasche zur Hand und flößte ihm etwas von dem Wasser ein. Nach einigen Schlucken setzte er kurz ab, um Dick Luft holen zu lassen, schüttete dann aber, den zitternden Mann in seinem Arm haltend, ungefragt weiter nach.

„Lew.“, keuchte Winters als ihm eine zweite Atempause zugestanden wurde, „Es reicht.“

„Nichts da.“, erwiderte Nixon und klang dabei wie eine unbelehrbare Oberschwester, die bereits genau wusste, was ihren Patienten gut tat. „Gene hat gesagt, Du musst viel trinken.“

So gut er konnte wehrte Winters sich gegen die aufgezwungene Flüssigkeitszufuhr. Er versuchte sich wegzudrehen, erreichte damit aber nur, dass ihm das Wasser übers Gesicht und auf die Matratze lief. Nixons Bemutterung war wirklich nicht leicht beizukommen. Warum musste auch ausgerechnet eine so unbelehrbare Oberschwester an seinem Bett Krankenwache halten?

„Lew!“, versuchte Winters es ein zweites Mal, der Kragen seiner Kleidung schon reichlich mit Wasser getränkt. „Hör auf!“

„Aber –“

„Es reicht!“

Als sein begriffsstutziger Freund endlich nachgab, erklärte Winters aufgebracht und mit mehr Kraft in der Stimme, als er sich selbst zugetraut hätte: „Ich muss pissen! Verdammt nochmal.“

„Oh.“, kam es verblüfft von Nixon und seine Miene nahm entschuldigende Züge an. Diese Wortwahl war selbst für einen verärgerten Richard Winters ungewöhnlich drastisch.

* * * * *

Draußen vor dem Haus wehte ein eisiger Wind und Nixon konnte Dick gar nicht so schnell um die nächste Hausecke lenken, wie er es bereute sich auf diesen dämlichen Vorschlag eingelassen zu haben. Er kapierte es einfach nicht. Was um Himmelswillen war so schlimm daran in ein leeres Gefäß zu pinkeln? Selbst im Flur hatte sie noch darüber diskutiert, aber Dick hatte sich standhaft geweigert die rostige Blechdose zu benutzen, die Nix ihm gereicht hatte.

Jetzt waren sie also draußen.

Nixon hatte sich einen Arm von Dick über die Schultern gelegt und stützte ihn gleichzeitig im Rücken, damit er nicht das Gleichgewicht verlor. Allein ihn auf die Füße zu stellen, war schon ein Akt gewesen und hatte mehr als zwei Versuche gebraucht. Ganz zu schweigen von den drei Stufen am Eingang, die sie hatten überwinden müssen. Als sie endlich hinter der Hausecke in den Windschatten tauchten, ließ Nixon den kranken – und in seinen Augen ebenso starrköpfigen – Mann vorsichtig aus seinem Griff gleiten.

Instinktiv suchte Winters Kontakt mit der Hauswand, um ja auf den Beinen zu bleiben. Er wusste, es war eine dumme Idee zum Pinkeln vor die Tür zu gehen, aber nach den vielen Tagen und Nächten in dem kleinen Zimmer sehnte er sich einfach nach ein paar Minuten an der frischen Luft; selbst wenn diese bitterkalt und frostig war.

Ungehalten sah Nixon seinen Freund an der Wand lehnen. Das hier war dämlich. Dämlich und überflüssig. „Bitteschön“, sagte er schroff, „da wären wir.“ Kaum dass die Worte seinen Mund verlassen hatten, meldete sich sein Gewissen. Auch wenn er Dicks Wunsch als hirnrissig betrachtete, er war immer noch sein Freund. In gemäßigtem Ton ergänzte Nixon: „Beeile dich bitte wenn’s geht ein bisschen. Ich will nicht, dass Gene uns erwischt und ich mir anhören muss, warum ich dich raus in die Kälte geschleppt hab’, okay?“

Noch während Lew sprach hatte Winters seine Hände nach vorne genommen, den Knopf seiner Hose geöffnet und versuchte gleiches nun mit dem Reißverschluss. Doch seine Finger waren nach wie vor taub und das Gefühl in seinen Fingerspitzen reichte für so feine Handbewegungen einfach nicht aus.

Leise gestand er: „Ich kann nicht.“

„Was?“, kam es von Nixon, der sich nicht sicher war, ob er ihn richtig verstanden hatte. „Du kannst nicht…?“

„Ich krieg die Hose nicht auf.“

Einen kurzen Moment verharrte Nixon. Dann warf er einen kalkulierenden Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass ihn auch ja niemand sah. Anschließend trat er wortlos neben Dick und half ihm mit einem diskreten Handgriff das Problem zu lösen.

„Danke.“, murmelte Winters und ließ seine Hand in die nun offene Hose gleiten.

Unbeabsichtigt fiel Nixons Blick auf Dicks Schritt. Sollte er stehen bleiben und seinen Freund zur Sicherheit im Auge behalten? Oder sollte er einen Schritt zurücktreten und ihm mehr Privatsphäre zugestehen?

Irgendwie gelang es Winters sich von der Hauswand abzudrücken und ohne fremde Hilfe frei zu stehen. Das Wasserlassen tat weh; sorgte für ein starkes Ziehen in seiner Leistengegend und Schmerzen in den Nieren, dennoch verschaffte es ihm Erleichterung. Es dauerte nur wenige Sekunden und als er fertig war, lehnte er sich vollkommen erschöpfter wieder an die Hauswand, gegen die er gerade gepinkelt hatte. Sein ganzer Körper schmerzte, jeder Muskel brannte – besonders in den Beinen – und in seinem Schädel pochte es gewaltig. Mit geschlossenen Augen ließ Winters seine Stirn gegen die kalte Wand kippen.

Nixon tat der Blick in Dicks von Schmerzen gezeichnete Gesicht mehr weh als er zugeben konnte. Zu sehen, wie er sich hier draußen quälte, war für ihn noch hundertmal schlimmer, als ihn schlafend und mit Fieber in seinem Bett zu beobachten. Doch was Nixon am meisten zusetzte, war die Tatsache, dass er nichts tun konnte um es besser zu machen.

Winters’ Gleichgewichtssinn hatte sich soeben verabschiedet. Alles was ihn noch aufrecht hielt, war die Hauswand, die er mittlerweile mit seinem Kopf, seiner Schulter und seinem herabhängenden Arm berührte. Er würde es unmöglich wieder ins Haus schaffen. Die Gliederschmerzen wurden jede Minute schlimmer und das Atmen fiel ihm mit jedem Zug schwerer. Er brauchte jetzt dringend seinen Freund. Verwirrt und nach Hilfe bettelnd, stöhnt er dessen Namen: „Lew?“ Und noch ein zweites Mal: „Lew?“

Die leise Stimme riss Nixon aus seinen Gedanken. Überrascht von Dicks plötzlicher Orientierungslosigkeit antwortete er: „Ich bin hier, Dick. Direkt neben dir.“ Entschieden legte er ihm zur Bestätigung die Hand auf die Schulter.

Es war die Information, auf die Winters stillschweigend gehofft hat. „Luuh…“, wiederholte er in einem schwachen Wimmern und löste sich mit seiner letzten Kraft von der Hauswand, um sich umzudrehen. Ohne eine Rückversicherung ließ Winters sich nach vorne kippen; ganz gleich ob er auf dem Boden landen würde oder doch wie beabsichtigt in Lewis’ Arm.

„Woah!“, stieß Nixon aus, als Dick drohte zu fallen und er ihn auffangen musste. „Vorsicht.“ Mit dem nötigen Kraftaufwand gelang es ihm den erschlafften Körper aufzurichten. Dennoch war nicht daran zu denken, ihn wieder auf die eigenen Füße zu stellen, geschweige denn ihn loszulassen.

Winters war überglücklich und dankbar, dass sein schwacher Körper gehalten wurde. Er schwankte gefährlich nah an der Grenze zur Bewusstlosigkeit und über den Punkt, dass er es mit seinem Vorhaben zu weit getrieben hatte, war er längst drüber hinweg. Einzig und allein, die Gewissheit sich in Lews Arm zu befinden, ließ ihn noch gegen das Schlottern in seinen schmerzenden Knien ankämpfen. Gerne hätte er seine Arme um Lews Nacken gelegt, um mehr Halt zu haben. Doch so knapp wie er vor dem Zusammenbruch stand, erschien es ihm als ein Ding der Unmöglichkeit seine kribbelnden Glieder überhaupt anzuheben.

Nixon spürte wie sein Partner tiefer sackte. Reflexartig fasste er nach. Er stand Dick genau gegenüber und nutzte diese Position, um sich nacheinander beide Arme von Dick auf seine breiten Schultern zu legen. So war es deutlich besser und es fiel ihm erheblich leichter das zusätzliche Gewicht auszubalancieren.

Er hielt Dick schon einen Moment im Arm und war bereits am Überlegen, wie er ihn alleine zurück ins Haus kriegen sollte, als ihm einfiel, dass Dick sich zu ihm umgedreht hatte, ohne vorher seine Hose zu schließen. Es war eine ähnliche Situation wie am Anfang, nur dass Nixon diesmal handelte ohne zu zögern. Langsam ließ er seine Hände zwischen ihre beiden Körper gleiten und tastete sich vor. Mit größtmöglicher Behutsamkeit umfasste er Dicks Penis – der sich überraschend warm und weich an fühlte – und schob zurück an seinen Platz, bevor er die Hose schloss.

An seiner Schulter hörte er Dick leise Stöhnen.

„Sorry“, raunte Nixon, „ich weiß, mein Hände sind kalt.“

Winters hatte keinen Schimmer was vor sich ging und allein der Stimme von Lew zu folgen, war Schwerstarbeit für ihn. Noch einmal stöhnte er in dem Versuch etwas zu sagen.

„Ist schon okay, Dick.“, sagte Nixon beruhigend und hob seine Hand. Intuitiv begann er Dick über den Rücken zu reiben, ihn spüren zu lassen, dass er da war und auch ganz bestimmt nicht wegging. „Ich hab dich.“, flüsterte Nixon leise und gefühlvoll, das Gesicht von Dick ganz nah an seinem warmen Hals. „Ich hab dich, Bruder.“

Es war der Moment, in dem er Begriff, dass seine Zuneigung zu Dick eine Tiefe hatte, für die das Wort Freundschaft  nicht ausreichte. Dick war für ihn viel mehr als ein Freund. Und selbst das Wort Bruder, wie Dick es einmal verwendet hatte, erschien ihm nicht ausdrücken zu können, was ihre Beziehungen wirklich ausmachte. Kein einziges Wort, das Nixon durch den Kopf schoss, wollte zu dem passen, was er hier und jetzt in sich fühlte.

Dass Lewis ihn hielt war eine erhebliche Erleichterung für Winters. Er fühlte sich im Arm von Lew so sicher und geschützt, als würde eine gute Macht all das Übel von ihm abhalten und ihn verlässlich gegen den Rest der Welt abschirmen.

Sanft intensivierte Lewis seine Umarmung und holte Dick näher an seinen Körper ran. Er wollte ihn nicht nur schützen, sondern auch wärmen. „Komm.“, sagte er nach einer Weile, seine Lippen ganz nah an Dicks Ohr. „Ich bring dich wieder rein.“


AN:
Auch hier müsst ihr leider auf ein Video verzichten. Ist aber nach dem langen Lesegenuss zu verkraften, oder etwa nicht?
Ansonsten habe ich noch etwas anderes für euch. Geht mal zurück auf das erste Kapitel. Dort findet ihr jetzt als ersten Punkt im Inhaltsverzeichnis einen Link, der euch zum Coverbild der gesamte Geschichte führt. (Ich habe dafür aus der Folge 8 „The Last Patrol“ einen Screenshot gemacht und mich dann mit einem Bildbearbeitungsprogramm daran ausgetobt.)
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