Dear little Brother

von RamonaXX
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Captain Lewis Nixon Major Richard D. Winters
06.06.2017
06.06.2020
20
66.447
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Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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08.04.2018 3.762
 
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Länge:  3.661 Wörter
Canon: Angelehnt an Part 7 „The Breaking Point“, Minute 09:15
(Winters sitzt mit Nixon im Kommandoposten, seine Augen sind rot unterlaufen und zittert heftig.)
Timeline: 26. Dezember 1944, Bastogne, Belgien


Das Wetter macht deinem Namen alle Ehre.

Als Kind hatte Nixon in New Jersey mal einen Winter erlebt, in dem für mehrere Wochen die Schule ausgefallen war. Der Schnee hatte sämtliche Straße verstopft, das öffentliche Leben komplett zum Stillstand gebracht, sich an den Häuserwänden bis zu den Fensterbänken aufgetürmt und sogar einige alte Dächer in der Stadt einstürzen lassen. Ganz zu schweigen von dem zugefrorenen Hafen und der lahmgelegten Industrie. Viele Arbeiter hatten für Tage zuhause bleiben müssen und keinen Lohn erhalten.

Am Alltag auf dem Anwesen der Nixons hatte das Schneechaos vergleichsweise wenig geändert. Sein pflichtversessener und strenger Vater war weiterhin jeden Tag ins Büro gefahren – egal wie lange es dauerte – um seinen Aufgaben als Vizepräsident der „Nixon Nitrierungswerke“ nachzukommen und den Laden, wie er selbst sagte, am Laufen zu halten. Das gute Dutzend der Hausangestellten war fortwährend damit beschäftigt die Geh- und Fahrwege des weitläufigen Grundstücks freizumachen, sowie das herrschaftliche Haus ausreichend zu beheizen. Und seine Mutter, Doris, hatte wegen des Unterrichtsausfalls kurzerhand einen Privatlehrer engagiert und ihn zu Hause unterrichten lassen. Schöne Bescherung!

All diese Kindheitserinnerungen stiegen jetzt in Nixon auf, wo er mit einer glimmenden Zigarette in der Hand zwischen den schneebedeckten Tannen stand und sich ihre aktuelle Lage vergegenwärtigt. Das zweite und dritte Bataillon lagen seit Tagen in der Nähe von Bastogne eingegraben im Wald, mit dem Blick auf die kleine Stadt Foy. Und man konnte ohne zu übertreiben sagen, dass im belgischen Forst Blizzard ähnliche Zustände herrschten. Wie zur Bestätigung dieses Gedankens leckte Nixon mit der Zunge über seine Schneidezähne und stellte wieder einmal fest, dass die kalte Luft schmerzhaft am Zahnfleisch brannte. Noch war der Befehl zum Angriff nicht gekommen, aber er hatte keine Zweifel daran, dass er kommen würde. Bis dahin mussten sie hier ausharren, ohne ausreichend Schutz gegen die Witterung, mit wenig Winterbekleidung und –  was das schlimmste war – mit zur Neige gehenden Rationen und wiederholten Artillerieangriffen der Deutschen.

Vergessen waren die schönen Tage in Mourmelon und die unterhaltsamen Kurztrips nach Paris und Remis. Das hier war kräftezehrender und zermürbender als alles zuvor. Und dass Nixon als Stabsoffizier in dieser Lage praktisch die Hände gebunden waren, ärgerte ihn am meisten. Sie konnten von Glück sagen, wenn die Jeeps zur medizinischen Evakuierung durchkamen. Aber Nachschub? Fehlanzeige. Der einzige Weg den er sah, sich hier draußen nützlich zu machen, war ein Auge auf jene Männer zu haben, die es mit der Fürsorge für die anderen etwas übertrieben, was seinen Freund Winters ohne Umschweife auf Platz der Liste setzte. Gedankenversunken führte Nixon seine Zigarette zum Mund und inhalierte sehnsüchtig den Rauch, als könne er ihn von innen heraus wärmen.

Er hatte es seit Tagen beobachtet, den fortschreitenden Abbau von Dick mit seinen zitternden Händen, der blassen Gesichtsfarbe, den blauen Lippen und den rot unterlaufenen Augen. Ihm erging es in dieser eisigen Kälte keineswegs anders, aber er  war wenigstens noch so schlau sich zur Nacht in sein tief gegrabenes Schützenloch zurückzuziehen, es mit einer Zeltplane abzudecken und so zumindest etwas wärmer zu schlafen. Selbst wenn »wärmer« in diesem Fall nicht frostfrei hieß.

Winters hingegen war partout nicht davon abzubringen die Nächte im Kommandoposten zu verbringen, um für die Männer rund um die Uhr ansprechbar zu sein. Grundsätzlich hätte Nixon dem nicht widersprochen, aber die Tatsache, dass ihr Kommandoposten nicht mehr als ein notdürftig zusammengezimmerter Unterstand war, ließ ihn seine Meinung ändern. Eine löchrige Plane, festgebunden an zwei Bäumen und mit einigen Balken abgestützt, dazu noch ein paar aufgeschichtete Sandsäcke, die hart wie Stein gefroren waren und ein klappriges Feldbett – das war alles, was Winters zur Verfügung stand. Ein weiteres Mal zog Nixon nach Wärme verlangend an seiner Zigarette und behielt den Rauch so lange wie es ging den Lungen.

Seinen sicheren Platz im Schützenloch aufzugeben und sich zu Dick zu gesellen, war für ihn keine Lösung, da er seinem Freund im Kommandoposten unmögliche die Art von Fürsorge angedeihen lassen konnte, die er sich in seinen Gedanken ausmalte. Dick brauchte Schlaf. Richtigen, für den Körper überlebenswichtigen Schlaf und kein schlotterndes vor sich hin Dämmern in einem zugigen Kommandoposten, weil vielleicht irgendwer erscheinen und Meldung machen konnte. Diesen Job konnte auch ein anderer Offizier für eine Nacht übernehmen. Und Nixon würde dafür Sorge tragen, dass das auch passierte. Grimmig schnippte er den Stummel seiner aufgerauchten Zigaretten in den Schnee und ging.

* * * * *

Fröstelnd hockte Winters im Kommandoposten auf seinem Feldbett und versuchte trotz der sich nähernden Abenddämmerung wach zu bleiben. Seine Finger waren schon vor Stunden taub geworden und seine Augenlider fühlten sich so schwer an, dass er glaubte, an seinen Wimpern würden große Eiszapfen hängen. In dem Versuch das Gefühl in seine Finger zurückzubekommen, hob Winters die ineinander gelegten Hände an die Lippen und pustete seinen Atem hinein.

Es half nicht.

Auch das anschließende Reiben der Handflächen führte zu keiner spürbaren Verbesserung. Notgedrungen vergrub er die Hände tief in seinen Taschen und zog gleichzeitig die Schultern hoch. Der kratzige Stoff, der sein Ohrläppchen streifte, erinnerte ihn daran, dass er zu denjenigen gehörte, die sich glücklich schätzen dürfte bei dieser starken Witterung mit einem Mantel ausgestattet zu sein. Wobei allein das schon ausgereicht hätte, ihm ein so schlechtes Gewissen zu machen, dass er freiwillig darauf verzichtet und dennoch die Nächte im Kommandoposten verbracht hätte.

Winters wollte nicht den barmherzigen Samariter spielen oder sich wie der ehrwürdige Nikolaus aufführen und seinen Mantel in zwei Teile zerreißen. Alles was er wollte, war seine Männer nach besten Kräften zu unterstützen und ihre Moral möglichst hoch halten. Und das würde ihm nur gelingen, wenn er als ihr kommandierender Offizier mit gutem Beispiel voran ging und ihnen bewies, dass es durchaus möglich war dieser eisigen Kälte zu trotzen.

In den ersten Tagen und Nächten war sein Plan aufgegangen und es hatte auch ein paar vergleichsweise milde Nächte gegeben, in denen er tatsächlich Schlaf im Kommandoposten hatte finden können. Doch inzwischen hatte er sich eingestehen müssen, dass sein Plan mäßig intelligent – Lew hatte es am Nachmittag »selten dämlich« genannt – war und seine Kräfte so gut wie aufgebraucht waren. Er hatte nicht viel entgegenzusetzen gehabt, als sein Freund vor ein paar Stunden zu ihm gekommen war und solange auf ihn eingeredet hatte, bis er sich bereit erklärt hatte, die kommende Nacht mit ihm in seinem Schützenloch zu verbringen.

Winters wusste, dass Lew es nur gut meinte, dennoch war er sich nicht sicher, ob er nicht doch lieber hier bleiben sollte, um näher bei den Männern zu sein. Sicher, sie alle froren in diesem gottverdammten Wald auf die gleiche Weise. Keines der Schützenlöcher war wärmer oder kälter als das andere. Aber er verspürte nun mal das Pflichtgefühl ihnen zu zeigen, dass er sich nicht vor der Kälte drückte; dass er bereit war, mit ihnen an ihrer Seite zu frieren.

„Dick?“

Eine unerwartete Stimme weckte Winters aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und sah Lew, gefolgt von Harry den Unterstand betreten. Keinen der beiden hatte er kommen hören.

„Hey Dick.“, wiederholte Nixon mit sorgenvollem Blick als er vor ihm stand und fragte, „Bist Du soweit?“

Winters starrte wortlos an Lew vorbei, ebenso an Harry, der sich dezent im Hintergrund hielt. Alles was er für einen Augenblick wahrnahm, war der rieselnde Schnee, der rund um den Unterstand fiel. Winters brauchte einen Moment, um sich von diesem hypnotisierenden Bild zu lösen und seinem Freund ins Gesicht zu schauen. Dann sagte er träge: „Ich weiß wirklich nicht, ob das eine so gute Idee ist, Lew.“

Ging das schon wieder los?  Fragte Nixon sich in Gedanken, schaffte es aber seine aufkommende Erregung niederzukämpfen. Er würde Dick jetzt hier raus holen und wenn er ihn dafür eigenhändig niederringen und zu seinem Schützenloch schleifen musste!

Ungeduldig antwortete Nix: „Ich schon. Und nun komm, Harry übernimmt für diese Nacht.“ Entschieden griff er nach Dicks Arm und zog ihn auf die Füße. Seinen Freund vor sich stehen zu haben, ließ ihn sofort etwas lockerer agieren. Mit einen süßem Sarkasmus in der Stimme meinte Nixon: „Keine Sorge, Dick. In wenigen Stunden bist Du wieder hier und kannst dich weiter in diesem tropischen Paradies sonnen.“

Harry, der am Eingang des Kommandopostens stand, unterdrücke erfolglos ein Lachen.

Unfähig die Quelle des Lachens zu orten, sagte Winters zu Nixon: „Das ist nicht lustig, Lew.“

„Sollte es auch nicht sein.“, gab Nixon automatisch zurück und warf Harry einen kurzen Blick zu. Dass Dick nicht einmal mehr in der Lage war ein Kichern richtig zuzuordnen, verstärke seine Sorge mindestens um das Zehnfache. Sein Freund war vollkommen übermüdet, gefährlich unterkühlt, in seiner Wahrnehmung ganz offensichtlich beeinträchtigt und steuerte – soweit Nixon das beurteilen konnte – auf den totalen Kollaps zu. Wenn es denn schon dazu kommen musste, dachte er bitter, dann sollte es wenigstens in seinem Arm passieren und nicht hier!

Harry war beim Anblick des verwirrten Winters das Lachen im Hals steckengeblieben. So sehr neben der Spur hatte er seinen vorgesetzten Offizier noch nie erlebt. Eigentlich hatte er diesen gradlinigen Mann noch nie neben der Spur erlebt – und wollte es sich auch nicht vorstellen. Er konnte sehen wie Nixon dicht bei Winters stand, die Hände sicher um seine Oberarme gelegt, bemüht seine Aufmerksamkeit bei sich zu halten und dabei leise zu ihm sprach. Es war Harry nicht möglich genau auszumachen was Nixon sagte, Fakt war jedoch, dass er ihn noch nie so ernst und eindringlich hatte reden sehen.

Zum Teufel nochmal! Sie alle froren sich hier die Ärsche ab. Tagsüber schneite es ununterbrochen und nachts wurde es so höllisch kalt, dass die Wolldecke, unter die man sich – im besten Fall links und rechts von einem zitternden Kameraden flankiert – gedrängt hatte, zu einer steifen Pappe gefror. Sah man dann am nächsten Morgen das erste Tageslicht, war man froh die Nacht überlebt zu haben; bis man sich das erste Mal versuchte zu bewegen.

Allmählich wurde Harry ungeduldig. Nixon und Winters hatten sich noch keinen Millimeter bewegt. Was dauerte da so lange? Mit dem Drang, die Sache zu beschleunigen, ging er auf die beiden zu. „Nun haut schon endlich ab.“, sagte Harry mit einem Kopfnicken in Richtung Schneegestöber. „Ich pack das.“

„Siehst Du, Dick“, sagte Nixon und fokussierte den verwirrten Mann vor sich, „genau das, was ich sage. Harry macht das schon.“

Von Winters kam bloß ein zaghaftes Nicken, ehe sein schwerer Blick wieder auf den Boden fiel und er  instinktiv anfing nach einem Schlafplatz zu suchen. Er war todmüde und ihm war so kalt, dass er sich am liebsten hier und auf der Stelle zusammengerollt hätte, um einzunicken und nie wieder aufzustehen.  

„Okay.“, meinte Nixon auf Dicks Nicken hin und wandte sich an Harry. „Und Du passt heute Nacht auf wie ein Schießhund. Ich verlass mich auf dich. Und schick uns einen Melder, wenn es etwas Dringendes gibt.“ Mit diesen Worten zog Nixon seinen Freund widerstandslos Richtung Ausgang.

Irritiert sah Harry den beiden nach. „Uns?“

Nixon hat Dick bereits erfolgreich vor den Kommandoposten gezerrt, als er sich noch einmal umdrehte, um Harrys Frage zu beantworten. „Ja, uns!“, wiederholte er mit einer Sicherheit in der Stimme, die jedes Missverständnis ausschloss. „Oder glaubst Du etwa ein Captain Winters bleibt für eine Nacht in seinem Schützenloch, nur weil man ihn dazu überredet hat? Irgendwer muss ja aufpassen, dass dieser vorbildliche Offizier sich nicht Hals über Kopf wieder in die weiße Pracht stürzt.“

Harry grinste verschmitzt und verabschiedete sich mit einem freundlich-lasch, salutierenden Gruß. Eigentlich hatte Nixons spitzfindige Pointe – die ohne Zweifel ein Scherz gewesen sein musste – klar gemacht, dass jede weitere Bemerkung überflüssig war. Aber wenn es etwas gab, dass sich ein Harry Welsh nicht verbieten ließ, dann war es sein Hang zu spöttischen Bemerkungen. Unverhohlen rief er den beiden nach: „Schlaft schön! Und träumt was Süßes.“

Nixons Mundwinkel hoben sich. Dieses Schlitzohr! Das würde er ihm nicht durchgehen lassen. Irgendwie schaffte er es eine Hand von Dicks Körper loszueisen, der deutlich mehr Führung brauchte als erwartete, und den Arm in die Luft zu heben. Am Auflachen von Harry konnte Nixon ausmachen, dass der andere Offizier seine frivole Geste zur Kenntnis genommen hatte.

* * * * *

Winters ließ sich von Nixon zu dessen Schützenloch bringen. Wie er es dabei schaffte einen Fuß vor den anderen zu setzen, wusste er selbst nicht. Seine Füße fühlten sich ebenso taub an wie seine Finger. Alles tat ihm weh. Die Beine. Die Arme. Der Kopf. Er wollte nur noch sich hinlegen und schlafen, egal wo.

Wenige Schritte vor seinem Loch hielt Nixon an. „Warte hier.“, sagte er zu Dick und ließ ihn, wenn auch nur ungern, los. Dann ging er in die Hocke und begann den Neuschnee von der Plane zu wischen, damit beim Aufdecken nicht alles hinein fiel. Im Handumdrehen hatte Nixon sein Schützenloch freigelegt und war hinein gesprungen. Auffordernd streckte er Dick beide Hände entgegen. „Komm hier rüber.“

Winters kletterte mit Lews Hilfe ins Loch und als er drin war, musste er sich eingestehen, dass die hart gefrorenen, erdigen Wände um ihn herum etwas überaus Tröstliches hatten – sie hielten den bitterkalten Wind fern. Frostfrei würde er hier auch nicht schlafen, aber die Aussicht überhaupt zu schlafen, statt verkrampft und zitternd im Wind auf einer Pritsche zu liegen, war es allemal wert sich auf Lews Angebot einzulassen.  

„Leg dich hin.“, forderte Nixon und räumte eilig ein paar Sachen beiseite, bevor er seine Taschenlampe anknipste und das Loch wieder mit der Plane abdeckte. Ordnung war noch nie seine Stärke gewesen und so war es auch nicht verwunderlich, dass Dinge, wie sein Kochgeschirr, sein Helm, seine Karten und Aufzeichnungen, sowie eine angebrochenen Whiskeyflasche und haufenweise Schokoladenpapier überall verstreut lagen.

Winters blinzelte schläfrig, legte seinen Helm ab und ließ sich umgehend auf die Seite kippen, die Arme dicht an den Körper gepresst. Es verlangte ihm eine immense Kraft ab, nicht sofort einzuschlafen. Gleichwohl war er noch wach genug, um unter sich etwas Weiches zu spüren; hier und da ein wenig pieksig, aber insgesamt doch weich. Es war wirklich verflucht komfortabel hier, dass musste er zugeben.

Nixon hatte in den letzten Tagen kaum etwas zu tun gehabt und sich deshalb – wie viele andere Männer auch – mit dem Ausbau seines Schützenlochs beschäftigt, um in dieser eintönigen Landschaft aus Schnee, gefrorener Erde und immer gleichen Tannenbäumen nicht komplett überzuschnappen. Der Boden seines Lochs war nun mit einer isolierenden Schicht aus dünnen Tannenzweigen ausgelegt und mit einer halb zerfetzten Wolldecken bedeckt, damit nicht jede Nacht seine lebenswichtige Körperwärme in den gefrorenen Boden gesogen wurde. Eine Annehmlichkeit, die jetzt nicht nur ihm zu Gute kam.

Entschlossen seinen Plan bis zum Ende durchzuziehen, fing Nixon an seinen Mantel aufzuknöpfen, um dann mit seiner Feldjacke und seinem Hemd fortzufahren. Als er fertig war, krabbelte er zu Dick, um bei ihm das gleiche zu tun.

Benommen und unfähig sich zu rühren, starrte Winters auf die zwei großen Hände, die seine Arme vom Körper wegzogen und sich ungefragt daran machten seine warme Kleidung zu öffnen. „Mir ist aber kalt.“, protestierte er mit schwacher Stimme, brachte es jedoch nicht fertig Lew aufzuhalten.

„Mir auch.“, entgegnete Nixon und ließ sich nicht stoppen. Er begann selbst zu schlottern während er Dicks Kleidung öffnete und im Versuch der ganzen Aktion etwas Humorvolles zu geben, kommentierte er: „Das Wetter macht deinem Namen wirklich alle Ehre. Hättest Du nicht Summers heißen können? Dann hätten wir es jetzt vielleicht warm.“

Winters war verwirrt. Dass Menschen im Fieberwahn manchmal unsinniges Zeug redeten, wusste er. Aber passierte das auch bei Unterkühlung? Reichlich durcheinander nahm er einen weiteren Anlauf zu verstehen, was hier vor sich ging. Erst hatte Nix ihm aufgedrängt eine Nacht mit ihm in seinem Loch zu verbringen und jetzt sah es so aus, als würde er ihn absichtlich erfrieren lassen wollen. Mit einem entsetzlichen Schauer auf der Haut und taub gefrorenen Lippen stotterte Winters: „W-was t-tust Du da, Nix?“

„Nah was wohl?“, fragte Nixon, der inzwischen Dicks Brust, wie seine eigene, bis auf das weiße Unterhemd freigelegt hatte. „Glaubst Du wirklich es macht Sinn Körperwärme teilen zu wollen, wenn ein halbes Dutzend Schichten aus Klamotten dazwischen ist?“

Mit leicht geöffnetem Mund starrte Winters seinen Freund an als er es endlich begriff. Oh nein, das war keine gute Idee. Wirklich nicht.

Nixon hatte sich auf der freien Stelle neben Dick auf den Rücken gelegt. Die eisige Kälte im Schützenloch wog tonnenschwer auf seiner beinah entblößten Brust und wenn Dick sich nicht gleich auf ihn legte, würde er ebenfalls eine bedrohliche Unterkühlung bekommen.

Ein Blick zur Seite verriet ihm warum nichts geschah. Der Schein seiner Taschenlampe, die zwischen ihnen lag, reicht aus um Dicks Züge im Halbdunkeln fehlerfrei lesen zu können. Nixon hatte über die Zeit gelernt in das Gesicht seines Freundes zu blicken und zu wissen, was in seinem Kopf vorging. Ein genervtes Seufzen verdrängend meinte er: „Du bist ein echter Sturrkopf, Dick. Weißt Du das eigentlich?“

Winters sah im Schein der Lampe wie große Dunstwolken aus warmer Atemluft vor Lews Gesicht aufstiegen. Der Mann musste wirklich noch einiges an Körperwärme zu Verfügung haben. Ein Teil von ihm wollte ja, sehnte sich sogar danach, aber durfte er das wirklich?

„Dick“, wiederholte Nixon mit Nachdruck, „jetzt schmeiß schon endlich dein verdammtes Schamgefühl über Bord und komm her.“

Die Hand, die ihn in dieser Sekunde am Kragen packte und entschieden zu sich zog, reichte aus, damit Winters sich in Bewegung setzte. Peinlich berührt ließ er sich auf Nixons halb entkleideten Oberkörper zerren und schloss unfreiwillig Kontakt mit ihm. Irgendwo in der hintersten Ecke seines Verstandes war Winters klar, dass er sich dieser Sache kein bisschen zu schämen brauchte. Es war völlig normal, dass Kameraden im Feld bei solch extremer Witterung näher zusammenrückten. Mehr noch, es war sogar töricht dies nicht zu tun. Überall entlang der Linie hockten die Männer zu zweit oder zu dritten in ihren Löchern, hielt sich mit sarkastischen Sprüchen und malerischen Erzählungen von Zuhause bei Laune und bewahrten sich gegenseitig vor dem Erfrieren.

Wenn Winters genau in sich hinein horchte, dann war es gar nicht sein Verstand, der dieser Sache vehement widersprach – es war irrsinniger Weise sein Herz. Es war dieses sonderbare Gefühl, wenn er mit Lew zusammen war, sehr nah  mit ihm zusammen war. Sei es, dass sie während einer Besprechung Schulter an Schulter standen, dass sie einander aufmunternd die Hand auflegte, dass sie sich mit einem wissenden Blick tief in die Augen sahen oder dass sie in einem ungesehenen Moment albern wurde und wie Brüder miteinander rangelten. Seit er dieses Gefühl zum ersten Mal in seinem Körper ausgemacht hatte, fragte er sich, wie er damit umgehen sollte und fand doch keine Antwort darauf.

„Hier“, sagte Nixon, griff nach Dicks Händen und schob dessen eiskalte Finger links und rechts in seine warmen Achseln, „pack deine Hände da hin.“

Die glühende Hitze brannte förmlich auf Winters’ Haut, trotzdem war das Gefühl so schön, dass es seinen Widerstand unwiderruflich zum Schmelzen brachte. Leise atmend er aus und ließ sich auf die Situation ein, bereit Lew uneingeschränkt zu vertrauen. Willig rückte er näher, bis er von Kopf bis Fuß auf Nixon lag und senkte dann seinen Blick, um nach einem Platz zu suchen, wo er seinen Kopf ablegen konnte. Als Winters mit seiner eisigen Haut die Wange von Lew berührte, glaubte er die richtige Stelle gefunden zu haben. Von Müdigkeit und Erschöpfung gekennzeichnet nuschelte er: „Du hast ein warmes Gesicht.“

„Ich rasier’ mich ja auch nicht.“, antwortete Nixon, angenehm überrascht von dem plötzlich engen Kontakt und log, „Mein Bart wärmt mich.“ Niemals hätte er erwartet, dass das hier tatsächlich passieren würde – ein Richard Winters, der in seinem Arm Zuflucht vor der bitteren Kälte suchte, der mit ihm kuschelte und das so nah, dass es ihm dieses unsagbar gute Gefühl bescherte. Nixon atmete tief ein und wenngleich die frostige Luft in seinen Lungen stach, war er glücklich über das Gewicht das auf seinem Körper lastete und über die aufkommende Wärme, die er sowohl auf als auch in  seiner Brust spürte.

Winters hatte seinen Kopf an Nixons Wange angelehnt und das Gesicht an seinem Hals vergraben; der wärmste Ort, den er hatte finden können. Ihm waren längst die Augen zugefallen und seine innere Stimme sagte ihm, dass er in Sicherheit war und dass Lewis alles tun würde, sie beide durch die Nacht zu bringen. Ein letzter Gedanke keimte in Winters auf und formte sich auf seinen Lippen zu zwei gedämpfte Silben, bevor er in einen gnädigen Schlaf abdriftete: „Danke, Lew.“

Nixon konnte fühlen wie sich Dick an ihn schmiegte, so fest und innig wie noch nie zuvor und es war ein gottverflucht himmlisches Gefühl. Für einen winzigen Augenblick war er der Überzeugung, dass alles, was er jemals in seinem Leben gewollte hatte, hier in seinen Armen lag. Es war etwas, an dass er schon oft gedacht hatte. Etwas, dass er sich in seinen Tagträumen immer wieder vorgestellt hatte. Er wusste nicht mehr, wann er damit angefangen hatte so über Dick zu denken und von ihm zu träumen. Aber er wusste, dass es ihn glücklich machte, wenn Teile davon in Erfüllung gingen. So wie jetzt.

Mit einem flachen Seufzen versuchte Nixon sich zu entspannen. Er wusste, dass er heute Nacht nicht so leicht in den Schlaf finden würde wie Dick, der gerade eingenickt war. Er wollte schlafen, ganz bestimmt wollte er das, aber etwas würde ihn davon abhalten. Und er wusste verflucht nochmal, dass es Dick sein würde, der ihn davon abhielt. Nicht weil er schnarchte, zitterte oder unangenehm roch. Auch nicht weil er sein Nase wie einen Eiszapfen in seinen warmen Hals bohrte oder weil die kalten Hände in seinen Achseln ihm im schlimmsten Fall eine gefährliche Rippenfellentzündung bescherten. Sondern einfach nur, weil er da war. So nah. Bei ihm.

Eine kräftige Böe rauschte durch den dunklen Wald und blies Milliarden feinster Schneeflocken von den hohen Tannenzweigen, die sich an anderer Stelle wieder setzen.

Andächtig lauschte Lew dem heulenden Wind, der über ihr abgedecktes Schützenloch hinwegfegte. Es war das gleiche Jaulen, wie in jener Nacht als das Schneechaos in New Jersey begonnen hatte. Am nächsten Tag war die Sonne aufgegangen, hatte hoch am Himmel gestanden und den gefallenen Schnee überall zum Glitzern gebracht. Voller Vorfreude hatte Lew sich von einem der Hausmädchen in seine Winterkleidung helfen lassen und war vor die Tür gestürmt, um in der weißen Pracht zu toben und zu spielen, wie es alle Kinder gerne taten.  

Es war ein unvergesslicher Winter gewesen.


AN:
Wie versprochen gibt es hier wieder ein Video zur Untermalung. Man sieht darin Lipton, der bei Winters im Kommandoposten vorbeischaut und ihm Bericht erstattet. Auch wenn Winters in dieser Szene recht fit ausschaut, sieht man doch, dass der Kommandoposten kein guter Platz zum Übernachten ist.
Video: Lipton Leads Up (2:18 min)
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