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Seelenräuber

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
05.06.2017
19.12.2020
18
44.259
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05.06.2017 2.177
 
Mit nur wenigen, langsamen und lauten Schlucken war mein voller Krug Rum komplett leergetrunken. Leergetrunken, naja, so kann man das nicht nennen, da das meiste mir zu den Mundwinkeln entflossen ist und nun von meinem grauen Bart tropft. Genüsslich rülpsend knallte ich den Krug der Dame vor den Tresen und wedelte mit meinem Finger in der Luft.
„Einmal nachfüllen, M'Lady!“ Ich musste leicht aufstoßen, der bitter sauere Geschmack von Erbrochenem schlich mir die Kehle hoch bis zu meiner Zungenspitze, doch ich konnte es unterdrücken. Ich war eindeutig außer Form, das ein oder andere Saufgelage hätte mir gut getan, doch hier sitze ich, in einer alten Hafentaverne in Havana, allein.
Havana... wie war ich nochmal hier hergekommen? Die Zeit und der Alkohol haben meinen Verstand grauer werden lassen als meinen Bart. Ich sah gierig hin, als die Dame den Korken der Flasche aufploppte und mir den Krug bis zum Rand füllte.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen, alter Mann!“
Mit müdem Blick sah ich vor mich, die junge Dame, bestimmt noch nicht mal zwanzig Jahre alt, stützte sich mit beiden Armen an die Theke und sah mich an. „Bist du neu hier? Oder bist du mir hier nur noch nie aufgefallen?“
Meine Augen fielen halb zu, deswegen konnte ich kaum gerade sehen, in Verbindung mit meinem stolzen Alter und dem Krug voll Teufelszeug konnte ich kaum mehr sehen als eine verschwommene Silouette, doch ich konnte dennoch erkennen, um was für ein Prachtbild von einem Weib es sich handelte.
Ich seufzte laut und schob meinen Krug beiseite, dennoch vorsichtig, damit nicht ein einziger Tropfen dem Rand entwich und auf dem hölzernen Tresen landete.
„Also erzähle, warum bist du hier ganz allein?“ Sie sah mich mit freundlichen Augen an, soweit ich das erkennen konnte. Ihre Stimme klang herrlich, jedoch klang für mich jedes Geräusch wie die Stimme eines Engels, wenn man nur die Geräusche von Trunkbolden, Kanonenfeuer und die gequälten Schreie verlorener Seelen gewohnt war, auch wenn das alle schon so viele, viele Jahre her war.
„Ich... Ich bin ein Niemand. Versorge mich einfach mit Rum und Bier und du wirst deine Ruhe haben.“ Ich verschränkte meine Arme auf der Theke und legte meinen Kopf darauf ab, mein Hut rutschte dabei leicht zur Seite.
„Bist du ein Pirat?“ Fragte mich die junge Frau. Ich schüttelte meinen Kopf, der auf meinem Armen lag, langsam hob ich ihn wieder.
„Nein, das bin ich nicht. Aber ich war es einmal.“ Ich nahm einen Schluck aus meinem Krug, jedoch nur einen kleinen. Mein Körper schüttelte sich kurz, dann schob ich den Krug wieder beiseite. „Weißt du, ich war einst so wie du, junges Fräulein! Ein einfacher Arbeiter in einer schmuddeligen Taverne. Zumindest bis... er auftauchte. Er und seine Crew.“
Ich merkte schon, ich habe das Interesse der jungen Dame geweckt. Sie kam um den Tresen und saß sich an den Hocker neben mir. Ich kicherte.
„Eine Meute von Bastarden. Verstoßene, Sklaven, Diebe, Seelenräuber.“ Die Dame neigte ihren Kopf. „Seelenräuber?“ Ich nahm noch einen Schluck. „Aye. Seelenräuber. Die gefährlichsten der Meere. Und ich, nun ja...“ Ein weiterer Schluck. Je mehr ich trank, desto weiter bekam ich den Drang zu erzählen. „Ich war einer von ihnen. Teil der blutrünstigsten und gnadenlosesten Seelenräuber Crew die es auf allen Meeren nur gab.“
Ich trank auch den letzten Schluck meines Kruges aus und knallte ihn auf die Theke. Mühselig versuchte ich, mich erstens nicht zu übergeben und zweitens nicht  vom Hocker zu fallen. War es vor vierzig oder dreißig Jahren? Ich konnte mich nicht erinnern, die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen. So eine Taverne war es, wo ich sie getroffen hatte. Die Seelenjäger. Wie alt war ich denn? Achtzehn? Neunzehn? Zwanzig? War auch egal, jedenfalls war ich ein einfältiger Jungspund. Ich arbeitete in einem schäbigen Lokal, wie war der Name? Der Versunkene Norwege oder irgendwie so. Dummer Name, das kann ich nur immer wieder beteuern, doch wir hatten kein schlechtes Geschäft.
„Hey, Marley! Schmeiß noch ne Runde Bier für uns!“
Diese Worte hörte ich oft. Stammkunden waren oft Piraten und allgemein niederes Gesindel, die hier ihre Beute versoffen. Bier, Rum, Met, hier gab es alles, was den Leuten zu ihrem Rausch verhalf. „Alistair! Eine Tankladung Rum für meine Jungs!“
Alistair war der Inhaber, ich war sein Barjunge. Ein alter Knacker voller Erfahrung, er wusste, wie man mit Piraten umzugehen hat. Je betrunkener sie waren, desto zufriedener waren sie, doch so wurden sie auch aggresiver. Alistair scheute sich jedoch keineswegs davor, ihnen ein wenig Verstand wieder einzuprügeln.
Gewalt kam und ging, das war die Welt, die ich gewohnt war. Das Klavier klimperte, die Kundschaft trank und lachte, bei dem Geräuschpegel konnte man auch genausogut Kanonier auf einem Schlachtschiff sein. Doch all der Lärm verstummte, als sich die Tür öffnete.
Ich werde diesen Anblick bis heute nicht vergessen, bestimmt wird er mich auch im Tod noch heimsuchen.
Dieser junge Mann, schneeweiße Haare, er fletschte seine spitzen Zähne, der Speichel lief ihm den Mundwinkel hinunter, der müde Blick in seinem weinroten Augen.
Unter seinem schwarzen Mantel konnte man deutlich die beiden Pistolen an den Holstern an seiner Hüfte erkennen. Auch das Emblem auf seinem schwarzen Hut war unverkennbar. Es waren Piraten, was hier nichts ungewöhnliches war, doch etwas an diesen Piraten war anders. Der Raum blieb still, ich konnte genau erkennen, wie sich die Augen der anderen Gäste mit Furcht füllten, auch panisches Atmen konnte vernommen werden.
Der junge Mann mit den weißen Haaren trottete an die Theke, das Klappern seiner Stiefel auf dem Holzboden waren das einzige, was die Stille durchbrach. Doch er war nicht allein, dicht hinter ihm ein großer, dürrer Mann. Auffällig waren seine feuerroten, leuchtenden Haare, sowie sein einfältiges Schmunzeln. Wiederrum dicht hinter ihm, ich konnte es selbst nicht glauben, der fetteste Pirat, den ich je gesehen hab. Ich fragte mich, wie er überhaupt durch die Tür passte.
Um zu laufen, musste er seinen kompletten Körper drehen, um so einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Sein Hemd, falls man das so nennen konnte, war nur am obersten Knopf zugeknöpft, direkt unter seinem dreifachen Kinn. Sein fetter Wanst war entblößt, auf dem sich unzählige Narben abbildeten. Der Rest der Leute, die die Taverne betraten, sahen jedoch aus wie einfaches Gesindel. Kanonenfutter, Deckschrubber, ersetzbar.
Doch ihre Präsenz war es, die es selbst mir eiskalt den Rücken hinunterschoss. Kaum war auch der letzte von ihnen im Raum, suchten die anderen schnell das weite. Einige rannten fast hinaus, andere standen nur langsam und behutsam aus.
Ihre Hände waren dabei die ganze zeit an den Griffen ihrer Säbel und Pistolen. Irgendwann war auch der letzte verschwunden, die neue Crew dominierte die Taverne. Ich wusste, das waren keine einfachen Piraten. Der weißhaarige, offensichtlich der Captain, lehnte sich mit einem Arm auf den Tresen und sah mich und Alistair frech grinsend an. Den Speichel zog er dabei laut schlürfend seinen Hundwinkel hinauf.
„Ein Fass Rum für mich und meine Jungs!“ Er ließ einen kleinen Beutel auf den Tresen fallen, der beim Aufprall laut schepperte. Wortlos öffnete Alistair diesen und schüttete den Inhalt auf das Holz. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Gold. Das waren Goldmünzen, die klimpernd und scheppernd ein kleines Häufchen auf der Theke bildeten. Alistair schluckte laut und klopfte mir mit der Rückhand auf die Brust.
„Marley, sieh zu, dass du unseren Gästen so viel servierst, wie sie wollen.“
Ich zitterte, Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn.
„Halt!“ Schrie ich, ich wusste nicht, was ich tat. „Wer seid ihr?“ Wieder herrschte Stille. Der Captain sah mich mit seinen gelangweilten, weinroten Augen direkt an. Er fauchte leicht, fletschte die Zähne. Er hob seinen Arm, ich machte mich bereit, mich zu wehren, doch er nahm nur seinen Hut ab und legte ihn auf die Theke. Unter seinem Hut trug er ein schwarzes Kopftuch, unter dem seine weißen Haare hervorsahen.
„Sieh dir dieses Emblem an, Minjung.“ Dieses Emblem, es sah aus wie eine Seele, die ein einfäliges Grinsen im Gesicht hatte. Der Captain klopfte sich mit dem Finger an die Stirn. „Klingelt da was?“ Ich wusste nicht warum, aber mein Herzschlag wurde immer schneller, mein Atem schwerer. „Nein, Sir!“ Mein Gegenüber zuckte nur mit den Achseln.
„Nun ja, nicht weiter schlimm. Wir sind auch nur hier, um etwas zu trinken, also zack zack!“ Er drehte mir den Rücken zu, pflanzte sich an einen Stuhl an einem Tisch und überkreuzte seine Beine darauf. Weit streckte er seine Arme aus und rief in die Runde.
„Rum für alle! Trinkt, bis ihr umfallt!“ Die Meute jubelte und schrie, ich gab die ersten Krüge aus, die innerhalb weniger Sekunden in einem wilden Saufgelage gekippt wurden. Die Flaschen Bier wurden geleert, die Krüge Met gesoffen, es wurde gerülpst und gepöbelt, auch der Captain und seine zwei Handlanger soffen unsere Vorräte halb leer, der Fette trank gleich aus acht Krügen gleichzeitig. Sie lachten, amüsierten sich, doch mir war das dennoch nicht geheuer.
„Hey, Junge!“ Damit war ich gemeint, der Captain wank mich zu ihm, mein Herz rutschte mir in die Hose. Zögerlich schlenderte ich zu ihrem Tisch und musste dabei dem ein oder anderen Trunkbold ausweichen. Torkeld stand der Captain auf und legte lachend seinen Arm um meine Schulter.
„Wie heißt du, Minjung?“ Ich konnte kaum mein Gleichgewicht halten, er war völlig abgeschossen.
„Marley. Marley Albarn.“
Antwortete ich zögernd. Der Captain lachte. „Du bist ein guter Junge, Marley! Hier, nimm nen Schluck!“ Er schwang den Krug in meine Richtung, mein Gesicht und Kleidung wurde in Rum getränkt. Angewidert stieß ich ihn beseite.
Der dicke lachte nur in einem dumpfen Ton, der lange grinste spöttisch und goss sich sein nächstes Bier in den Rachen. „Hey, lasst den kleinen in Ruhe!“ Alistair kam mir zur Seite und hielt mich zurück. „Hab dich nicht so, alter Mann! Trink lieber auch nen Schluck!“
Er hielt ihm den Krug vor die Nase, doch dieser lehnte ab. „Ich weiß sehr wohl, wer ihr seid.“ Alistairs Stimme war kalt. „Die Marine hat saftige Kopfgelder für euch ausgezeichnet.“ Der weißhaarige lachte hämisch.
„Aye!“ Er stand auf und streckte seine Arme zur Seite aus. „Wir sind Seelenräuber, gegen uns sind diese normalen Piraten nur elendes Gesindel! Ein müder Haufen von Halunken!“ Mein Herz blieb für einen Moment stehen.
„Seelenräuber...“ Dieses Wort, es löste in mir ein Gefühlt tiefster Verunsicherung aus. „Ihr... Ihr seid die Art von Piraten, die die Seelen von Menschen sammelt?“ Der Captain lachte erneut. „Aye! Aber keine Sorge,  wir haben es nur auf die Marine abgesehen. Naja, hin und wieder ein Handelsschiff ist auch mal dabei, yarhahahah!“ Ich ballte meine Fäuste.
„Das ändert nichts daran, dass ihr tötet, um zu töten! Das ist gegen den Piraten Code!“ Ganz schnell wurde es wieder still im Raum, alle Augen waren auf mich gerichtet. Mein Atem wurde schneller, ich wusste, das zu sagen war ein Fehler.
„Willst du damit sagen, wir wären ehrenlos?“ Er nahm langsam eine Hand an seine Hüfte. Zitternd wich mein Blick von seinen roten Augen an seinen Pistolenholster und wieder zurück. Die anderen Beiden an seinem Tisch standen bedrohlich auf, doch er hielt sie mit einem Handzeichen zurück. „Du willst wohl auch unbedingt Teil unserer Sammlung werden.“
Er leckte sich genüsslich über die Lippen.
„Deine Seele ist bestimmt viel köstlicher als dieses zweitklassige Gesöff.“ Mein Herz pochte immer stärker. Zitternd griff ich hinter meinen Rücken an den Dolch, den ich an meinem Gürtel verborgen hielt. Doch es war wohl zu offenslichtlich, ich war unvorsichtig.
Ich konnte sehen, wie sein Blick nur kurz zu meiner Hand wich, kurz darauf löste sich ein Schuss.
Der Geruch von Schwarzpulver erfüllte den Raum. Wieder war Stille. Ich konnte es selbst nicht glauben, ich habe es irgendwie geschafft, meinen Dolch schnell genug zu ziehen und mit ihm gegen die Pistole zu schlagen, damit der Schuss abgeleitet wurde.
Ich konnte mich selbst nicht mehr kontrollieren, mit einem lauten Schrei stach ich nun auf den Captain ein, doch mein Hieb traf auf etwas metallisches. Ich sah meine Reflektion in der Klinge, an die ich meinen Dolch presste.
Ich sah mich selbst in der rot grau gezackten Reflektion der Schneide Was war das? Ein Schwert? Nein es war... es war sein Arm!
Zitternd erhob ich meinen Blick und sah dem Captain in seine müden Augen. Ich sah seinen Arm entlang, sein Arm... er war... er war ab dem Ellenbogen eine gebogene Schneide, die er vor sich hielt. Weinrot und grau, in einem gezackten Muster.
Keinen Moment später hörte ich das Klacken, als jeder einzelne Mann seine Pistole auf mich richtete. Mein Atem geriet außer Kontrolle, ich verlor das Gefühl in meiner Hand und meine Waffe fiel klappernd auf den Boden.
„Wer... wer seid ihr?“ Fragte ich mit schwacher, zitternder Stimme. Die Hand des Captains leuchtete hell auf und nahm wieder die Gestalt seiner Hand an, die schnell in seiner Manteltasche verschwand. Langsam, ganz langsam erhob ich meinen Blick und sah dem Captain in die Augen. Das Emblem auf seiner Mütze fiel mir dabei besonders auf.
„Wir...“
Er schlürfte den Speichel seine Mundwinkel hoch.
„Wir sind die Crew der Crimson Scythe. Mein Name...“
Dieser Name sollte mich noch bis heute wie einen Fluch verfolgen.
„Mein Name ist Captain Soul Eater.“
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