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Tränen, Schicksal und Träume

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dr. Alexander Kahnweiler Dr. Martin Gruber Dr. Vera Fenrich Elisabeth Gruber Hans Gruber Lilli Gruber
04.06.2017
12.02.2021
24
21.191
4
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18.08.2018 1.279
 
Hallo liebe Leser,
nun kommt ein Kapitel, das schon lange in meinem Kopf herumschwirrt. Sozusagen einer der Meilensteine in der Geschichte. Ich bin gespannt, ob es Euch genauso gefällt wie mir...?!

Und nun, viel Spaß beim Lesen!

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Martin und Klara kamen am frühen Nachmittag in Innsbruck an, und fuhren dann den schmalen, verschlungenen Pfad zu dem etwas abseits oberhalb der Stadt gelegenen Internat hinauf. Der grüne Mercedes ächzte ein wenig angesichts der steilen und engen Kehren, während das alt-ehrwürdige, matt-beige verputzte Haus im Stil einer Jugendstil-Villa mit zahlreichen ornamentalen Stukkaturen langsam näher kam. An der Einfahrt klingelte Martin, und das Tor öffnet sich langsam, um dem Gefährt Einlass zu gewähren.

Vor dem Eingang, einer großen, schweren Eichentür, hilet Martin an. "KLara, Du wartest hier auf mich?" Klara nickte zaghaft. "Danke, Martin." Martin legte ihr seine Hand auf die Schulter und drückte sanft beruhigend zu. "Bis gleich." Mit diesen Worten stieg er aus dem Auto und ging die wenigen Stufen zum Eingang empor, öffnete die Tür, die sich dann mit enem satten Klang wieder hinter ihm schloss.

Bereits im Flur wurde er von einer Dame mittleren Alters empfangen. Sie wirkte kalt. Streng und kalt, eine zierliche Person, fast schon ungesund ausgemärgelt, mit leicht ergrauten Haaren, eng zu einem Knoten nach hinten gebunden, graue Augen in einer bewegungslosen Mimik. Ihre Kleidung war elegant, aber leblos. Eine graue Hose, eine weiße Bluse und ein graues Jacket. Sie streckte Dr. Gruber die Hand entgegen. "Herr Gruber. Rasmeier. Wir hatten telefoniert." Martin erwiderte den steifen, kühlen Händedruck kurz. "Frau Rasmeier, wie schon gesagt, möchte ich Klaras Sachen abholen, die sie während der nächsten 3 Monate benütigen wird." "Folgen Sie mir bitte." Mit kurzen, schnellen Schritten und einem unnatürlich geraden Oberkörper - unwillkürlich wurde Martin an den Spruch des "verschluckten Besens" erinnert - ging sie eine Wendeltreppe hinauf, die in der zweiten Etage in einem kühlen Gang ohne Tageslicht endete. Hier hinein bog sie ab, bis sie schließlich vor einer kleinen Tür stehen blieb und diese öffnete. "Bitte, nehmen sie mit, was sie benötigen." Martin betrat die kleine Kammer, vielleicht drei mal drei Meter, mit einem einfachten Bett, einem Schreibtisch, und einem kleinen Bücherregal sowie einer kleinen Kommode - alles aus billigstem weißen, folienüberzogenen Holz. In dem Bücherregal standen einige Schulbücher, ansonsten war es leer. Auf dem Schreibtisch stand ein Stiftehalter mit einigen Stiften, ein Block lag daneben. Auch der Kleiderschrank war im wesentlichen leer. Nur einige Schuluniformen, und ein Paar normale Alltagskleider und ein Paar Turnschuhe waren vorhanden. Keine persönlichen Dinge, keine Fotos, keine Stofftiere - nichts. Martin drehte sich um. "Das ist nicht ihr Ernst, oder? Wo sind denn Klaras andere Sachen? und überhaupt - wieso ist ihr Zimmer hier oben und nicht dort, wo die andern Mädchen wohnen?" Frau Rasmeier zuckte mit den Schultern. "Das sind Klaras Sachen. Auf Anraten einer befreundeten Psychologin habe ich alle Dinge, die Klara an ihre Eltern erinnern, entfernen lassen. Sie war aggressiv, hat sich dauernd mit den anderen Kindern angelegt. Daher auch das Einzelzimmer hier oben. Es ist alles nur zur ihrem besten." Martin Grube kochte innerlich. "Wo sind Klaras Sachen, Frau Rasmeier.? Ich denke, sie wissen, dass ich sie wegen Diebstahls anzeigen kann, wenn sie mit nicht auf der Stelle alles aushändigen, was Klara gehört." An ihrer veränderten Körperhaltung - die Schultern hatten sich nun leicht nach vorne gekrümmt - konnte man erkennen, dass die Sache ihr nun doch etwas unangenehm wurde. "Ich habe unseren Hausmeister beauftragt, die Dinge in Kisten zu packen und zur Wohlfahrt zu geben." antwortete sie leise. Martin wurde laut. "Sie sind doch nicht mehr normal! Wo ist ihr Hausmeister?" Frau Rasmeier war nun gänzlich erbleicht. "Er müsste im Badezimmer auf dem Stock tätigt sein."

Martin stürmte aus dem Raum und ließ die Frau einfach stehen. "Sie hören von meinem Anwalt, Frau Rasmeier. Am besten packen sie noch heute ihre Sachen und reichen die Kündigung ein. Das ist wirklich unglaublich!" rief er noch über die Schulter, bevor er in den bezeichneten Raum hineinstürmte. Ein älterer Mann war gerade dabei, die Siphons der Waschbecken neu abzudichten. Als der die Schritte hörte, wandte er sich um und stand auf. Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. "Sie sind bestimmt wegen der kleinen Klara Zimmermann da, oder? Ich habe mich schon gefragt, wann endlich jemand herkommt und diesen Zuständen ein Ende setzt." Martin, der gerade zu einer weiteren Schimpftirade ansetzen wollte, hielt verdutzt inne. "Woher..." Der alte Mann schüttelt den Kopf. "Kommen sie mit." er ging aus der Tür hinaus und die Treppen weiter hinauf bis auf den Speicher. Mit einem Schlüssel öffnete er einen der Holzverschläge und bat Martin einzutreten. "Das hier sind die Sachen von Klara. Sie war so ein liebes Mädel, mit so einem netten Vater - ich hätte doch niemals ihre Sachen weggegeben, auch wenn der Drachen das gerne gehabt hätte..." Martin sah sich erstaunt und erleichtert um. Hier standen mehrere Kisten, säuberlich gepackt, mit Kleidung, Büchern, Sportsachen, einer Stereo-Anlage, Laptop, und all dem, was man in einem Kinderzimmer an Dingen erwarten würde. "Danke." war das einzige Wort, das er herausbrachte.  Der ältere Mann ging zielstrebig auf einen der Kartons zu und holte einen Schuhkarton hervor, den er vorsichtig öffnete und Martin reichte. "Das hier möchte Klara bestimmt als erstes wiederhaben. Das war wohl ihre Schatzkiste." Martin sah in den nun geöffneten Karton hinein. Zuoberst lag ein kleines Büchlein auf dem ein Edelweiß klebte, betitelt in zarter Handschrift "Tourenbuch 2015", darunter lagen einige Fotos, die sie mit ihren Eltern zeigte, einige von ihrem Vater auf Expeditionen, kleine Steine, die sorgfältig nach ihrer Herkunft beschriftet waren, ein Karabiner, fast schon durchgeschliffen, und ein Medaillon an einer silbernen Kette. Es war mit zarter Emaille verziert, ein Strauß Vergissmeinnicht. Martin zögerte einen Moment, bevor er das Medaillon öffnete. Darin war ein Bild ihrer Eltern, und eine Gravur im Deckel. "Für Daria von Papa. Möge die Sonne über Deinem Lebensweg leuchten!" Sanft schloss er das Medaillon wieder und legte es zurück in die Kiste.  Er schaute noch kurz in die anderen Kisten, bis er zuoberst einen schönen Teddy mit Knopf im Ohr entdeckte, den er ebenfalls an sich nahm. "Können Sie mir helfen, die Kisten in meinem Auto zu verladen?" Der Mann nickte. "Ist Klara unten?" Nun nickte Martin. "Ja." Strahlend sah der Mann ihn an. "Ich würde mich gerne verabschieden. Sie wusste nicht, dass ich die Sachen aufgehoben habe. Aber immerhin konnte ich ihr ab un zu mal ein Stück Schokolade oder ein Paar Kekse zustecken. Wissen sie, ich kannte ihren Vater, bin mit ihm zusammen früher in die Berge gegangen, da war er noch ein kleiner Bub und ich als Ausbilder beim ÖAV. Frau Rasmeier hat ihn gehasst, weil er unseren früheren Schulleiter so unterstützt hat, dass er damals überhaupt diese Position bekommen hat - und diesen Hass hat sie nun an seiner Tochter ausgelebt." Martin schaut in die gütigen grünen Augen des Mannes. "Das wird nun ein Ende haben. Eine Freundin von mir ist Anwältin und wird sich um die Sache kümmern."

Dankbar legt der Mann seinem gegenüber die Hand auf die Schulter. "Sie haben das Herz am rechten Fleck. Passen Sie gut auf Klara auf." Martin nimmt sich nun eine der Kisten und legt die kleinere Kiste und den Teddybären obenauf. "Das werde ich, lassen sie uns gehen." Und damit verlässt er den Speicher und trägt die erste Kiste hinunter zum Auto.
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