Tränen, Schicksal und Träume

GeschichteAllgemein / P12
Dr. Alexander Kahnweiler Dr. Martin Gruber Dr. Vera Fenrich Elisabeth Gruber Hans Gruber Lilli Gruber
04.06.2017
18.08.2018
22
19404
3
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Reifen quietschen als der Pickup der Bergwacht vor der Praxis anhält, wo Dr. Roman Melchinger und Dr. Martin Gruber gerade bei ihrem ersten Kaffee zusammen sitzen. "Martin, Einsatz an der Ellmauer Halt. Absturz im Klettersteig. " Martin Gruber springt eilig zu seinem Bruder ins Auto. "Roman übernimmst Du bitte?" ruft er noch über die Schulter, als Hans Gruber schon den Motor aufheulen lässt und eilig zum Treffpunkt mit dem Helikopter fährt. "Weißt Du Näheres?" fragt Martin, während er sich die im Auto deponierte Bergwachtsjacke und die Bergstiefel anzieht. "Ein junges Mädel hat die Bergwacht alarmiert, dass ein Klettersteiggeher mehrere Meter abgestürzt ist. Mehr weiß ich auch noch nicht." Als die beiden mit der Crew im Helikopter sitzen sucht Hans mit dem Fernglas das Wandstück in dem der Unfall passiert ist ab. Was er sieht, lässt seinen Puls in die Höhe gehen. "Martin, da oben, schau mal, auf 11 Uhr." Nun nimmt auch Martin das Fernglas und  sucht nach der angegebenen Stelle. Er sieht einen leuchtend gelben Fleck, der bei genauerem Hinsehen als ein Kletterhelm zu identifizieren ist. Als er das Fernglas scharf einstellt kann er erkennen, was seinen Bruder erregt hat. Eine Person mit einem blauen Hemd, und einer grauen Hose liegt auf einem kleinen Band ca. 10 Meter unterhalb des abgesicherten Steiges. Eine zweite Person, von der Statur her vermutlich eine junge Frau oder ein Kind, mit gelbem Helm, rotem T-Shirt, und orangefarbenem Rucksack befindet sich irgendwo zwischen dem Klettersteig und dem Verunfallten. Martin kneift die Augen zusammen. Da ist ein dünnes Seil, an dem sie hängt, oder genauer, an dem sie sich zu dem Verunfallten abseilt. Meter für Meter nähert sie sich, bis sie den kleinen Vorsprung erreicht und, nun für die beiden Brüder nicht zu erkennen, mit dem Seil hantiert, und irgendetwas am Felsen befestigt. Nun quert sie zu ihm herüber, beugt sich über ihn und was dann passiert ist für die beiden ebenfalls nicht zu erkennen. An einem Landeplatz oberhalb der Unfallstelle lässt der Pilot die beiden aus dem Helikopter aussteigen, und Hans Gruber bereitet das Abseilmanöver für beide vor, als ein markerschütternder Schrei durch die Stille hallt.

Nun eilen die Beiden am Seil hinunter, um am Unglücksort ein schreckliches Bild vorzufinden. Der erste Verletzte ist mittlerweile wieder zu Bewusstsein gekommen, in Panik, der Blick irrt unfokussiert umher, in seiner Hand ein Stein, mit der anderen zerrt er an den sichernden Schnüren, die das junge Mädchen vorher professionell verknotet und an einem Haken fixiert hat. Einige Meter tiefer, kopfüber, hängt sie im Seil, gehalten durch eine Prusikschlinge, die durch den plötzlichen Sturz zugezogen hat. Der zierliche Körper nach hinten gekippt, Blut läuft aus einer Platzwunde an der Schläfe, die der Helm nicht schützen konnte.

Hans schaut sich kurz um, und entscheidet, die von ihr bereits gesetzten Sicherungspunkte zu verwenden. "Professioneller Standplatzbau, Martin. Kümmerst Du Dich um ihn, ich gehe zu ihr hinunter?" Ohne viele Worte hängt Martin seine Sicherung um und geht auf den Verletzten zu, der nun auch ihn mit dem Stein bedroht. "Bleiben Sie weg. Lassen Sie mich in Ruhe." "Hören Sie, ich bin Arzt, sie sind schwer gestürzt, haben sie Schmerzen?"  "Sie sollen gehen, es geht mir gut." Martin versucht einen Schritt auf den Verunfallten zu zu machen, muss dann aber auf Armeslänge entfernt stehen bleiben, um nicht ebenfalls von dem Stein getroffen zu werden. Auch auf die Entfernung kann er erkennen, dass der Man eine große Platzwunde am Hinterkopf hat und seine Pupillen nicht gleichgroß geöffnet sind. "Sie haben eine Kopfverletzung, lassen mich das wenigsten verbinden  - dann lasse ich sie in Ruhe." Der Mann schein einen Moment zu überlegen, zerrt dann wieder an den Schnüren, und sinkt plötzlich in sich zusammen. Mit einem Schritt ist Martin bei ihm und überprüft Puls und Atmung. Über Funk fordert er eine sofortige Bergung an. "Ich brauche die Vakuum-Matratze und die Trage und eine weitere Person hier unten, sagt in Hall Bescheid, dass wir ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bringen. Die sollen den OP vorbereiten!" Zeitgleich legt er dem Mann ein Stiffneck an, legt anschließend einen Zugang und bereitet eine Intubation vor. "Hans, wie sieht es bei Dir aus? " ruft er seinem Bruder zu. "Sie ist bewusstlos, aber stabil. Ich habe die Wunde steril abgedeckt und verbunden und ihr einen Stiffneck angelegt. So wie es aussieht keine weiteren äußeren Verletzungen." Inzwischen sind die geforderten Dinge bei Martin angelangt und zusammen mit einem weiteren Kollegen wird der Mann transportfähig gemacht und zusammen mit Martin über die Winde des Helikopters  geborgen und nach Hall transportiert. Zurück bleiben Hans und Moritz mit der jungen Patientin, die nun ebenfalls transportfertig gemacht wird. Unterdessen übergibt Martin seinen Patienten an Alexander Kahnweiler. "Martin, was bringst Du diesmal?" "Unfall im Klettersteig. Sturz ohne Helm, schweres Schädel-Hirn-Trauma. War zunächst bewusstlos, dann kurz bei Bewusstsein, desorientiert und aggressiv, seitdem wieder bewusstlos."  "Dann ab ins CT, würde ich sagen." Martin nickt. "Ich muss wieder los. Wir haben noch eine zweite Person in der Wand. Während Alexander mit dem Patienten in Richtung des CTs verschwindet, eilt Martin zurück zum Heliport und lässt sich zurück zum Unfallort bringen, wo die Trage mit dem jungen Mädchen bereits für die Windenbergung vorbereitet worden ist.
Nun hat auch Martin Gelegenheit, sich einen Eindruck von der Patientin zu verschaffen. Sie ist nach seiner Schätzung vielleicht 15 Jahre alt, sehr schlank und gut trainiert, hat schulterlange braune Haare, und weist bis auf die Platzwunde keine äußeren Verletzungen auf. Der Puls ist regelmäßig, wenn auch mit 48 Schlägen in der Minute sehr langsam, der Blutdruck niedrig aber stabil bei 80 zu 60. Während er ihr einen Zugang legt beginnt sie sich zu regen und öffnet schließlich die Augen. Martin beugt sich über sie, und sein Blick trifft ihren. Für einen Moment hat er das Gefühl, diese Augen schon einmal gesehen zu haben. "Bleibt ruhig. Du bist gleich im Krankenhaus" formulieren seine Lippen. Aber der Lärm des Helikopters lässt keine Kommunikation zu. Er spürt ihre Panik und legt beruhigend seine Hand auf ihre während er ihr mit der anderen Hand über die Wange streicht. Doch sie zerrt nun an den Gurten, versucht sich zu winden, mit weit aufgerissenen Augen sieht sie ihn angstvoll an... "Martin, gibt ihr was zur Beruhigung. Mach schon." hört Martin seinen Bruder über den Sprechfunk der Kopfhörer.  Langsam zieht Martin seine Hand von ihrer zurück und sucht aus dem Medikamentenkoffer ein Beruhigungsmittel heraus, das er auf einer Spritze aufzieht. Als sie aus dem Augenwinkel die Spritze sieht beginnt sie sich noch mehr zu winden und die Geräte schlagen Alarm, als der Puls weit über 180 hinaus jagt. Martin spritzt das Mittel in den gelegten Zugang und fasst abermals ihre Hände und schaut ihr in die Augen, die nun mit Tränen gefüllt sind und ihn ungläubig anschauen. Sie sieht seine Lippen sich bewegen, und diesmal kann sie die Worte erahnen, diesmal dringen sie zu ihr durch: "Ruhig, ich bin da, es ist alles OK, entspann dich." Sie greift seine Hand fester während eine wohlige Wärme ihren Körper durchflutet und sie sich in die Tiefen einer Bewusstlosigkeit  gleiten lässt.
Review schreiben