Mord in Ardry End

GeschichteKrimi, Romanze / P12 Slash
Inspektor Jury Melrose Plant Sergeant Wiggins
04.06.2017
04.06.2017
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3.058
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04.06.2017 3.058
 
Titel: Mord in Ardry End
Serie: Martha Grimes‘ Inspector Jury Romanreihe
Autor: Lady Charena / Feb. 2003
Charaktere: Richard Jury, Melrose Plant, Ruthven, Martha, Superintendent Pratt, Inspektor McAllister, Mindy, Marshall Trueblood, Alfred Wiggins
Rating:pg12, slash
Worte: 3064
Beta:T’Len

Summe: Melrose Plants nervende Tante Agatha wird ermordet.

Disclaimer: Bei dieser Story handelt sich um nicht-kommerzielle Fanfiction, es wird keine Verletzung von Urheberrechten beabsichtigt. Die Charaktere wurden von Martha Grimes geschaffen.


Zuerst erschienen in Nostalgie 2 – Ein Fanzine zur guten alten Zeit


Das Klopfen – nein, Hämmern – gegen die Tür riss ihn aus dem Schlaf. Ein. „Mylord, Mylord!!“ folgte. War das nicht Ruthvens Stimme? Unmöglich, entschied Melrose und blinzelte müde. Sein würdevoller Diener würde doch niemals an die Tür hämmern und schreien. Wie spät war es überhaupt? War es draußen etwa schon hell? Faul schloss er die Augen wieder. Vermutlich war es gestern Abend doch ein bisschen zu viel gewesen, aber das Geschwafel seiner Tante war nur mit einer gehörigen Dosis Whiskey zu ertragen. Er hatte nun mal nicht Richard Jurys Engelsgeduld, der stundenlang freundlich nickend und lächelnd mit ihr plauderte. Apropos Richard Jury...
 
Dieser angenehme Gedanke wurde von Ruthvens aufgeregter Stimme unterbrochen. „Mylord, es ist etwas Schreckliches geschehen!!“
 
Seufzend schlug Melrose die Augen auf. Sein Diener stand blass und händeringend vor dem Bett. „Was ist den Ruthven?“, fragte er gähnend. „Hat Martha heute keine Rosinenbrötchen zum Frühstück gebacken?“
 
„Mylord... ihre Tante...“
 
Melrose ächzte. „Bitte, Ruthven. Agatha kann ich so früh morgens nicht ertragen.“ Er zog sich die Decke über den Kopf. „Das wissen Sie doch. Wimmeln Sie sie ab.“
 
„Das wird leider nicht möglich sein, Mylord.“ Ruthven schien zu seiner würdevollen Haltung zurückgefunden zu haben. „Sie ist tot.“
 
Neben Melrose rappelte sich Richard Jury auf und strich sich das zerzauste, dunkle Haar aus dem Gesicht. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zu schlechten Scherzen neigen, Ruthven“, meinte er trocken.
 
„Ich bedauere, Superintendent“, entgegnete der Diener steif. „Es ist kein Scherz. Ich werde dafür sorgen, dass niemand die Bibliothek betritt, bis Sie dort sind, Sir.“ Er entfernte sich und kurz darauf war die Tür zu hören, die dezent ins Schloss fiel.
 
Melrose stöhnte auf, als ihm Jury die Decke weg zog. „Hat er wirklich gesagt, dass Agatha tot in meiner Bibliothek liegt?“
 
„Ja“, entgegnete Jury knapp und griff nach seinen Kleidern.
 
Gähnend sah Melrose ihm zu. „Und das glaubst du?“ Er angelte mit dem Bein nach der Decke. „Das ist bestimmt wieder einer von Truebloods kindischen Scherzen. Falls du es nicht gemerkt hast, er ist immer noch eifersüchtig. Es wundert mich nur, das sich Ruthven für so was hergibt...“
 
„Dann tue ich Marshall den Gefallen und werde mal in der Bibliothek nachsehen“, unterbrach ihn Jury lächelnd. „Es ist ohnehin schon fast zehn Uhr. Möchte Eure Lordschaft nicht auch langsam aus dem Bett kriechen?“
 
Melrose warf ihm sein Kissen an den Kopf und knurrte etwas unverständliches. Als sich die Tür hinter Jury schloss, drehte er sich auf die Seite und schob sich dessen Kissen unter den Kopf. „Marshall, soso“, murmelte er. Sie in aller Frühe aufzuschrecken, dafür würde Trueblood büßen... Die Tür wurde erneut aufgerissen, als er gerade am Einschlafen war.
 
„Melrose, ich glaube, du solltest jetzt doch aufstehen.“
 
Verwundert über den ernsten Klang, den Jurys Stimme angenommen hatte, setzte sich Melrose auf. „Was...?“
 
„Es ist keiner von Truebloods Scherzen, Melrose, deine Tante wurde erschossen. In deiner Bibliothek.“
 
„Häh?“ Bevor Melrose das verdaut hatte, war Jury bereits wieder verschwunden. Er schüttelte den Kopf, stand dann auf und griff seufzend nach seinem Morgenmantel. Das sich Richard zu so etwas her gab, ging nun wirklich zu weit. Er verknotete den Gürtel des Morgenmantels und fuhr sich mit den Fingern durch sein wirres, blondes Haar. Ihn so aus dem Bett zu jagen... Er schlüpfte in seine Pantoffeln und schlurfte aus dem Schlafzimmer, Richtung Bibliothek.
 
Er war noch gut fünf Meter davon entfernt, als er die aufgeregten Stimmen hörte, die daraus hervor drangen. Melrose runzelte die Stirn. Hatte sich etwa der ganze Haushalt verschworen? Er stieß die Tür auf und trat ein. Richard befragte gerade Ruthven. „Was zum Teufel ist eigentlich los?“, fragte er genervt.
 
Richard wandte sich zu ihm um – und gab dabei den Blick auf Tante Agatha frei, die zusammengesunken in einem der Louis-quinze-Sesseln saß, die Melrose’ Mutter so geliebt hatte.
 
„A-Agatha?“, fragte Melrose.
 
„Sie ist tot. Soweit ich das sagen kann, schon seit mehreren Stunden.“ Richards warme, braune Augen blickten ihn mitfühlend an. „Vielleicht wartest du besser in der Küche, Martha macht dir bestimmt einen Tee.“ Er trat zu ihm und legte ihm kurz die Hand auf den Arm.
 
„Klar.“ Wie betäubt drehte Melrose sich um und verließ das Zimmer. Zwischen ihm und seiner Tante hatte alles andere als Liebe geherrscht und oft genug hatte er sich gewünscht, dass sie ihm jemand vom Hals schaffen würde – aber doch nicht so! Unschlüssig stand er einen Moment auf dem Flur. Dann wandte er sich in Richtung des Schlafzimmers, um sich anzukleiden. Er hatte keine Lust, der Polizei von Northants im Morgenmantel gegenüber zu treten.

 
* * *

 
„Allmählich kommt es mir wirklich seltsam vor, dass Sie immer in Long Piddleton sind, wenn ein Mord geschieht, Superintendent.“ Das letzte Wort betonte Superintendent Pratt so, dass es fast wie eine Beleidigung klang.
 
Richard Jury lächelte entwaffnend. „Ich mache gerne bei meinen Freunden Urlaub.“
 
„Damit meinen Sie wohl vor allem Mr. Plant“, flocht Inspektor McAllister ein und warf einen verächtlichen Blick auf Melrose, der ungewöhnlich schweigsam in einer Ecke saß.
 
„Genau“, entgegnete Jury freundlich und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte seit geraumer Zeit auf so etwas gewartet, da er MacAllisters Ansichten bereits zur Genüge kennen gelernt hatte, als man vor einigen Jahren in Truebloods Antiquitätengeschäft eine Leiche fand...
 
Pratt warf seinem Assistenten einen warnenden Blick zu und steckte sein Notizbuch ein. „Ich denke, das war’s erst mal“, meinte er. „Bleiben Sie in der Stadt.“
 
„Ich habe nur noch bis zum Ende der Woche Urlaub“, entgegnete Jury. „Racer wird nicht...“
 
„Er wird bestimmt Verständnis haben, wenn Sie Lord Ardry in dieser schweren Zeit zur Seite stehen wollen.“ MacAllister konnte sich eine abschließende, bissige Bemerkung nicht verkneifen.
 
Jury blickte ihn an und sein Gesicht verriet wie immer nicht, was er dachte. „Sicher“, entgegnete er unverbindlich.
 
„Schluss jetzt, Mac“, wies ihn Pratt zurecht. „Es ist genug.“
 
MacAllister drehte sich auf dem Absatz um und stapfte aus der Küche, in der sie sich versammelt hatten. Pratt sah zuerst Jury, dann Melrose an, zuckte mit den Schultern, was vielleicht als Entschuldigung gedacht war und folgte dem Inspektor mit einem kurzen Gruß.
 
Jury wandte sich an Ruthven und Martha, die Superintendent Pratt bereits befragt hatte und wechselte einige leise Worte mit ihnen. Ruthven nickte, legte seiner Frau die Hand auf den Arm und verließ mit ihr die Küche. Dann trat Jury zu seinem schweigenden Freund. „Melrose?“ Als der nicht aufsah, ging Jury vor ihm in die Hocke. “Alles in Ordnung?” Er legte ihm die Hand aufs Knie.
 
Melrose nickte. „Wo ist Mindy?“
 
„Mindy?“, wiederholte Jury verblüfft.
 
„Mein Hund“, erwiderte Melrose unerwartet scharf. „Erinnerst du dich nicht?“
 
„Natürlich erinnere ich mich an Mindy“, meinte Jury sanft. „Ich habe sie nicht gesehen, vielleicht ist sie draußen.“
 
Erst jetzt sah Melrose auf. Seine intensiv grünen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. „Mindy verlässt das Haus nur, wenn ich sie mit Gewalt hinaus zerre. Sie schläft immer vor dem Kamin in der Bibliothek.“
 
Jury zuckte mit den Schultern. „Sie war nicht mehr dort, als ich eintraf. Vielleicht hat Ruthven sie raus gelassen und sie hat sich irgendwo verkrochen.“

„Sie muss den Mörder gesehen haben.“
 
„Aller Wahrscheinlichkeit nach - ja. Aber sie kann uns leider nichts sagen.“ Damit betrachtete Jury das Thema offenbar als abgeschlossen. „Bist du in Ordnung?“, fragte er noch einmal.
 
Melrose lächelte matt. „Ich fühle mich fast, als wäre ich mit Schuld an ihrem Tod. Ich meine...“, er brach ab und fuhr sich mit einem kurzen, nervösen Lachen durch die Haare. „Ich habe mir so oft gewünscht, sie würde aus Ardry End und aus meinem Leben verschwinden – und jetzt...“ Er verstummte endgültig. Unruhig stand er auf, schob sich an Jury vorbei und wandte sich einer Reihe blankpolierter Kupfertöpfe und –pfannen zu, die dort an der Wand hingen.
 
„Ich verstehe.“ Nach einem winzigen Moment des Zögerns erhob sich Jury und folgte ihm. Er trat dicht hinter ihn, aber ohne Melrose zu berühren. „Das ist nichts Ungewöhnliches“, sagte er leise. „Aber du bist bestimmt nicht Schuld daran. Wünsche töten nicht, Melrose.“ Er umarmte ihn. „Du nimmst jetzt erst einmal ein schönes, langes Bad, ich habe Ruthven schon Bescheid gegeben. Dann essen wir zusammen und anschließend sehen wir weiter. Einverstanden?“
 
Melrose wandte sich zu ihm um. „Ist das eine polizeiliche Anordnung?“, fragte er. In seinen Augen blitzte ein Lächeln auf.
 
„Wenn es sein muss.“ Jury zog ihn enger an sich.
 
Melrose lachte. „Ich beuge mich Scotland Yard“, entgegnete er, beugte sich vor und küsste Richard. Dann entwand er sich dessen Armen und verließ die Küche.
 
Jury stand einen Moment reglos und sah ihm nach. Dann griff er nach dem schnurlosen Telefon auf der Anrichte.
 

* * *
 

„Melrose, alter Kämpe! Na, wie haben Sie den fürchterlichen Schock überstanden?“
 
Melrose zuckte zusammen, als hinter ihm plötzlich eine laute Stimme ertönte.

Er drehte sich um. Marshall Trueblood stand in aller Pracht – und wohl aus Gründen der Pietät – in ungewohnt gedeckten Farben vor ihm, eine schwarze Sobraine in der Hand. Melrose erwiderte auf die sowieso eher rhetorisch gemeinte Frage nichts, sondern beobachtete, wie Trueblood sich neugierig umblickte.
 
„Wo versteckt sich der Super?“, fragte er und ließ sich auf dem Queen-Anne-Sofa nieder.
 
„Unterwegs“, entgegnete Melrose knapp. Im Moment war ihm so gar nicht nach seichtem Geplänkel mit dem Antiquitätenhändler.
 
Trueblood zupfte seinen Schal zurecht. „Nun, wir waren nicht immer einer Meinung, ich und die liebe alte Agatha - Friede ihrer Asche – doch ich glaube, sie wird mir fehlen.“
 
Melrose unterdrückte ein Lachen. Diese Worte gerade von Trueblood – der sozusagen Sparringpartner seiner Tante gewesen war – zu hören, war fast zu viel. Jurys Eintreten enthob ihn einer Antwort.
 
Richard nickte Trueblood zu, der ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, trat zu Melrose und stellte sich neben ihn. „Mindy ist wieder aufgetaucht und lässt sich von Martha in der Küche versorgen.“ Truebloods Lächeln nahm etwas an Intensität ab, als Jury die Hand auf Melrose’ Schulter legte, bevor er sich an ihren Besucher wandte. „Wie mir scheint, sind die Buschtrommeln bereits aktiv.“
 
Trueblood zuckte mit den Schultern und strich affektiert sein Haar zurück. „Sie wissen doch, wie es in einem kleinen Ort wie Long Piddleton zugeht. Jeder erfährt alles sofort. Mrs. Oillings tauchte zum Putzen in Agathas Cottage auf und traf dort auf die Polizei.“ Er zündete sich eine neue Sobraine an – diesmal in Lindgrün. „Und haben Sie schon einen Verdächtigen, Richard?“
 
Jury lächelte. „Wo waren Sie denn heute Nacht zwischen zwei und drei Uhr, Marshall?“, fragte er.
 
Trueblood verschluckte sich am Rauch. „Was?“, krächzte er. „Sie verdächtigen doch nicht etwa mich?“ Er wedelte den Rauch weg und drückte seine Sobraine in einem Murano-Aschenbecher aus.
 
Jury hob entschuldigend die Hände. „Das war nur ein kleiner Scherz. Außerdem führt Superintendent Pratt die Ermittlungen.“ Er legte den Arm um Melrose und weidete sich an dem verblüfften Gesichtsausdruck, den Marshall Trueblood nun zeigte. Vermutlich hatte er eine quasi öffentliche Demonstration ihrer Beziehung – die ohnehin in Long Piddleton kein Geheimnis mehr war – nicht erwartet. „Ich habe Urlaub.“ Er hatte die Andeutungen und Sticheleien langsam satt.
 
„Äh – ja, sicher. Natürlich“, beeilte sich Trueblood zu versichern, nachdem er sich etwas erholt hatte. Er stand fahrig auf. „Na, dann will ich mal nicht länger stören. Wir sehen uns.“ Dann ergriff er förmlich die Flucht.
 
Jury wandte sich Melrose zu. „Du hast nichts gegessen.“
 
„Lässt du mich von Martha überwachen?“, fragte Melrose trocken. Er löste sich von Jury, nahm eine Zigarette aus seinem silbernen Etui und zündete sie an. Dann goss er sich aus der schweren Kristallkaraffe einen Whiskey ein.
 
Jury fiel auf, dass seine Hände leicht zitterten. Das ganze ging Melrose näher, als er wahrhaben wollte. Er trat zu ihm, nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es achtlos ab. Dann zog er ihm die Zigarette aus dem Mund und ließ sie ins Glas fallen.
 
„Hey, was soll das?“, protestierte Melrose. „Seit du Nichtraucher bist...“ Mehr kam nicht über seine Lippen, denn genau in diesem Moment legte Richard die Hände um sein Gesicht und verschloss sie ihm mit einem Kuss.
 
Schließlich wich er ein wenig zurück, um Atem zu schöpfen.
 
„Wofür war das?“, fragte Melrose leise.
 
„Du bist nicht allein in diese Sache, Melrose“, entgegnete Jury. „Also sprich’ mit mir.“
 
Melrose zuckte mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Ich fühle mich mies.“ Er strich sich durchs Haar und lächelte fahrig. „Das ist völlig verrückt. Ich dachte immer...“ Er verstummte.
„Du dachtest – was?“, hakte Jury sanft nach.
 
„Ich dachte immer, ich würde erleichtert sein, wenn sie eines Tages stirbt. Ich weiß, das ist nicht nett“, verteidigte er sich, als hätte Jury ihm einen Vorwurf gemacht.
 
„Sie hat dir das Leben auch nicht gerade leicht gemacht“, warf Jury ein, doch Melrose achtete nicht darauf.
 
„Aber jetzt fühle ich mich einfach nur mies, dass ich sie immer so schlecht behandelt habe.“
 
„Melrose.“ Jury ergriff ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. „Das ist eine völlig normale Reaktion. Ich habe das schon oft erlebt. Aber du bist deswegen kein schlechter Kerl.“
 
Das erste echte Lächeln an diesem Tag erschien auf Melrose’ Lippen. „Kennst du mich denn so genau?“
 
„Ja“, entgegnete Richard Jury ernst. „Und ich bin von Scotland Yard. Wir irren uns nie.“

 
* * *

 
„Sie hätte ich hier nicht erwartet, Wiggins.“ Jury musterte verblüfft seinen Sergeant.
 
Alfred Wiggins hüstelte und wühlte nach seinen Hustenbonbons. „Sir... Also der Chief fand... ich sollte Ihnen hier ein wenig zur Hand gehen.“
 
Jury lächelte. „Sie sollen mich also im Auge behalten.“
 
Wiggins ließ die Zellophanhülle zustimmend knistern, als er eine neue Packung aufriss. „Wie geht es Mr. Plant?“, fragte er dann und steckte sich ein Bonbon in den Mund.
 
„Im großen und ganzen nimmt er es gut“, antwortete Jury nachdenklich. „Wiggins - wann haben Sie zum letzten Mal Urlaub gemacht?“
 
„Sir?“, fragte der verblüfft, denn Urlaub bedeutete für Wiggins für gewöhnlich Familienbesuche. Er zog eine Schachtel aus der Tasche, drückte zwei Tabletten in die Hand und schluckte sie trocken.
 
„Ja. Northans ist um diese Zeit sehr reizvoll.“
 
„Ich verstehe nicht ganz...“
 
Jury seufzte. „Schon gut“, meinte er dann. „Es war nur so eine Idee. Essen Sie heute mit uns zu Abend, Wiggins? Ich bin sicher, Melrose freut sich auch.“
 
Wiggins strahlte. „Sehr gerne, Sir.“ Begeistert schob er sich etwas Gartenrauke in die Nase, um seine verstopften Nebenhöhlen zu befreien.

 
* * *

 
Sie hatten sich gerade erst der Suppe gewidmet, als Ruthven die Ankunft von Superintendent Pratt und Inspektor MacAllister ankündigte.
 
„Guten Abend, die Herren. Sergeant“, grüßte Pratt jovial. MacAllister bedachte sie nur mit verächtlichen Blicken. „Tja, unsereins hat nicht immer Zeit für ein Dinner. Ich möchte auch nicht lange stören.“ Er wandte sich an Melrose. „Sagt ihnen der Name Teddy etwas?“
 
Überrascht blickte Melrose auf. „Ja, so heißt eine Freundin meiner Tante. Ich kenne allerdings ihren richtigen Namen nicht. Agatha hat sie vor kurzem besucht, weil ihr Mann gestorben ist.“
 
„Wussten Sie, dass sie am Abend vor dem Tod Ihrer Tante in Long Piddleton eintraf?“
 
Jury schob seinen Stuhl zurück. Der Ton, in dem Pratt seine Fragen förmlich abschoss, gefiel ihm überhaupt nicht. Pratt sollte wirklich professionell genug sein, seine persönlichen Ansichten nicht in seine Arbeit einfließen zu lassen. Doch noch hielt er sich zurück. „Nein, das wussten wir nicht.“
 
Pratt gestattete sich ein schmallippiges Lächeln. „Wie wir inzwischen herausgefunden haben, ließ sie sich von einem Taxi geradewegs zu Lady Ardrys Cottage bringen. Dort kam es offenbar zu einem Streit und „Teddy“ verließ das Cottage. Sie wurde im Dorf von verschiedenen Personen gesehen. Später in der Nacht kehrte sie zurück, brachte ihre Tante dazu, sie hierher zu führen und tötete sie dann.“

„Aber warum?“, fragte Melrose. Er war sehr blass geworden.
 
„Ihre Tante...“ Zum ersten Mal zögerte Pratt. „Ihre Tante hatte offenbar herausgefunden, dass besagte Dame ihren Ehemann beseitigt hat und zwar mit einer Überdosis seines Herzmedikaments. Man ging allerdings davon aus, er hätte sie versehentlich eingenommen – also ein Unfall. Ihre Tante hatte wohl während ihres Aufenthaltes etwas herausgefunden, mit dem sie ihre Freundin erpressen wollte.“ Pratt räusperte sich. „Zum eigentlichen Tathergang hat die Dame bislang nur vage Angaben gemacht, aber offenbar versuchte Lady Ardry, sich mit Schmuck freizukaufen, den sie hier in Ardry End holen wollte. Aus diesem Grund kamen die Damen mitten in der Nacht ins Haus. Ihre Tante hatte wohl einen eigenen Schlüssel?“
 
Melrose nickte. Er sah auf seinen Teller.
 
„In der Bibliothek gerieten Lady Ardry und ihre Freundin wohl erneut in Streit, worauf diese Ihre Tante erschoss. Die Waffe gehörte ihrem verstorbenen Gatten.“
 
„Ich verstehe nicht, dass wir sie nicht gehört haben. Und erst den Schuss...“ Jury blickte Pratt an.
 
Der räusperte sich erneut. „Sie haben doch selbst ausgesagt, dass Sie beide am Abend reichlich getrunken hatten. Zudem... liegt Mr. Plants Schlafzimmer in einem anderen Flügel. Und was den Schuss betrifft – er wurde durch ein Kissen abgefeuert.“ Pratt schwieg einen Moment. „Noch Fragen?“
 
Jury sah Melrose an, doch der blickte noch nicht auf. „Im Moment nicht“, meinte er. „Vielleicht komme ich morgen in Ihrem Büro vorbei, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
 
„Wie Sie wünschen, Jury. Dann stören wir nicht länger. n’Abend, die Herren.“ Pratt tippte sich an den Hut und ging, MacAllister folgte ihm mürrisch.
 
Die drei beendeten das Dinner schweigend.
 

* * *
 

„Das ganze kommt mir immer noch vor wie ein Roman von Polly Praed. So verworren.“
 
Jury drehte sich auf die Seite, um den neben ihm liegenden Melrose anzusehen. „Ich verstehe, was du meinst. Morgen sehen wir bestimmt klarer, wenn ich erst einmal Einsicht in die Akten hatte.“
 
Melrose sagte nichts. Er fuhr fort, an die Decke zu starren.
 
„Was denkst du?“, fragte Jury nach einer Weile.
 
Melrose sah ihn an. „Ich frage mich, ob sie mir wohl fehlen wird.“
 
Richard streckte die Hand nach ihm aus, strich mit den Fingern langsam von Melrose Schulter tiefer, über die nackte Brust. „Es ist nichts falsches daran. Und wenn es so ist, dann lass es mich wissen“, sagte er leise. „Ich werde da sein.“
 
„Richard?“ Melrose umschloss Jurys Hand.
 
„Ja?“
 
„Ich... habe dir noch nie gesagt, was du... mir bedeutest.“
 
Jury lächelte. „Das ist nicht notw...“
 
„Doch, das ist es“, unterbrach ihn Melrose. „Ich denke, ich liebe dich, Superintendent.“ Er lächelte und zog Jury an sich.
 
 
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