Der Bogen des Toten

von Fulloath
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
04.06.2017
14.10.2019
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Kapitel 2

Alles oder Nichts


Auf dem Absatz, auf dem der in Eisen und Panzerplatten gehüllte Fremde mit aufgeschlagenem Kopf sein Ende gefunden hatte, war nur wenig Platz. Kaleb hockte sich hin und ging so näher an die Leiche heran. Seine Knie zitterten ebenso sehr wie seine Hand, als Kaleb sie ausstreckte und dann innehielt. Ein flaues Gefühl in seinem Magen verhinderte kurz, dass er zugriff, aber die Gier überkam ihn so stark, dass es ihn selbst überraschte. Solch einen Bogen hatte er noch nie gesehen. Er nahm ihn auf, die Hand des Toten fiel steif auf die Erde zurück und Kaleb tröstete sich, wie jeder Leichenfledderer, damit, dass der Besitzer seine Waffe wohl nicht vermissen würde.
Der Bogen war unglaublich schwer. Kaleb zog ihn näher zu sich und besah sich das Material. Glatt und fast weich fühlte sich seine vom Mondlicht in fahles, bleiches Licht getauchte Oberfläche an. Er war weiß wie Kalk, die filigranen und doch starken Bogenarme schmückten Spitzen aus Zahn oder Knochen, so genau war das für Kaleb in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Mit einem hastigen Blick sah der Dieb sich um, fast als hätte er Angst, hier von Jemandem entdeckt zu werden. Er legte seinen Bogen ab, da er nur eine Waffe auf sicherem Wege den Berg hinunter tragen konnte. Für einen Moment, als er gerade den fremden Bogen auf seinen Rücken schob, fiel ihm der Köcher ins Auge. Zwanzig Pfeile mochte er wohl fassen, und etwa ein Dutzend Pfeile waren auch darin. Der Rest war um den Körper und das ausgefallene, lederartige Material herum verteilt. Kaleb zögerte nicht lange. Einmal hatte er bereits den Skrupel überwunden und so kostete es ihn nicht viel, alles einzusammeln und auch noch seinen Köcher und die mit Gänsefedern bestückten Holzpfeile gegen Besseres einzutauschen.

Sein Vater schlief schon, als er heimkam. Kaleb gab sich die größte Mühe, seinen alten Herrn nicht aufzuwecken. Die Metflaschen auf dem grob gezimmerten Küchentisch ließen ahnen, dass eine Konfrontation mit dem tief von Prinzipien und Rechtschaffenheit geprägten ehemaligen Soldaten Kaleb in Schwierigkeiten bringen könnte. So leise er konnte ging der Bursche nach unten. Obwohl es ohne das Licht des Mondes stockfinster war, konnte Kaleb es vermeiden, gegen die Einrichtungsgegenstände zu stoßen. Es gab nämlich nicht besonders viele - das Haus glich mehr einer Hütte und war nur mit dem Nötigsten eingeräumt, außerdem kannte er sich hier blind aus. In seiner Nische zwischen Vorräten und Werkzeugen angekommen, setzte er sich auf sein Bett. Ihm stand nur eine simple Schlafstatt aus Fellen zu, aber er war zufrieden damit. Der Steinboden sorgte wie immer dafür, dass die sommerliche Schwüle nicht bis in den Keller vordrang, das war das einzig Gute an seinem Schlafplatz. Kaleb wickelte den wertvollen Bogen in eines der Felle seines Bettes und schob ihn dann vorsichtig darunter, bis nach hinten an die Wand. Er legte sich langsam auf das knarzende Holz, streckte sich aus und faltete die Hände auf seinem Bauch. Obwohl er der Meinung war, dass es anders hätte sein sollen, überkamen ihn keinerlei Schuldgefühle oder Gewissensbisse und er wippte zufrieden mit den Füßen, bis er einschlief.

Er schlief lange und fest. Als er erwachte dämmerte es bereits, und Kaleb beeilte sich. Für ihn galt es heute, die Pferde noch vor dem Mittag gefüttert, das Feld gewässert und die Hausarbeit erledigt zu haben, denn der Nachbar würde dann nach Weißlauf fahren um dort seine Erzeugnisse feilzubieten, und auf seinem Wagen war ein Platz für Kaleb reserviert. Sein Vater war nicht da, aber das wunderte den Sohn wenig. Oft wurde er, wenn die eigene Ernte noch ausstand oder bereits eingebracht worden war, von anderen Bauern als helfende Hand hinzugezogen.
Wortlos packte Kaleb seinen in Fell gehüllten Bogen auf den Karren und stieg mit nachdenklichem Blick ebenfalls darauf, um zwischen Weizen, Rüben und Kartoffeln Platz zu finden. Der Nachbar schnalzte mit der Zunge, und die zwei Mähren vorn am Wagen setzten sich schnaubend in Bewegung.
Kaleb hatte nicht viel von seinem Vater geerbt, bis auf sein dunkles Haar und die tief liegenden, immer skeptisch dreinschauenden, ebenso dunklen Augen. Er war nicht so groß, nicht so kräftig und sein Gesicht war weniger grob geschnitten. In handwerklichen Dingen würde er ihm nie das Wasser reichen, weder mit der Hacke, noch mit der Axt oder dem Schwert. Auch unter den anderen Kindern war er immer eher ein Sonderling gewesen, der lieber allein Kaulquappen im Teich beobachtete, als mit den anderen Jungen zu spielen. Woher das kam konnte er sich nicht so recht erklären.
Seine Mutter hatte er nie kennengelernt, sie war im Kindbett gestorben. Von ihr musste er mehr haben, er musste nach ihr kommen. Die Träumerei, für die ihn sein Vater so oft schalt, sein Geschick für den Umgang mit Tieren, seine guten Sinne und seine Vorliebe für das Klettern... das alles passte dem im Ruhestand lebenden Soldaten gar nicht in den Kram.
Ein heftiges Rucken riss ihn aus Gedanken, und das war auch gut so. Kaleb war alles in allem recht zufrieden mit seinem Leben und verfiel nur selten deprimierenden Gedanken. Eigentlich immer dann, wenn er fühlte, dass er nicht hier her passte. Aber dieser Gedanke lag wohl jedem jungen Mann seines Alters nahe.

Callies Vorfreude auf das Turnier hielt sich in Grenzen. Sie besah sich skeptisch ihr Kleid im Spiegel, während auf der anderen Seite der Tür zu ihren Gemächern hastig trippelnde Schritte zu vernehmen waren. Am Hof ihres Onkels herrschte helle Aufregung, Diener und Mägde wuselten herum, Knappen und Pagen bereiteten sich auf ihre Aufgaben vor. Nur ihr, als Hauptgewinn des Tages, war das alles mehr als unangenehm. In Himmelsrand konnten derzeit keine politisch vorteilhaften Ehen mehr geschlossen werden, entweder kooperierten die einzelnen Familien schon gut genug oder es gab bereits ein Paar, das den Frieden aufrecht erhielt. Cyrodiil stand auf einem anderen Blatt, denn für eine Heirat in das Kaiserreich war sie als Nichte des Jarl von Weißlauf nicht adelig genug. Nun aber rückte Callies neunzehnter Geburtstag nahe und ihr Vater hatte beschlossen, sie bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit auf Biegen und Brechen unter die Haube zu bekommen. Das war ihr gleich, schon seit sie klein war hatte sie gewusst, dass eine Heirat aus Liebe für sie nicht zur Debatte stand. Ihre Hand krallte sich in den raschelnden Stoff des Kleides. Callie hatte gedacht, ihr bliebe noch mehr Zeit.

Da die Stadt nicht genug Platz dafür bot, hatte man alles, was es für ein zünftiges Turnier brauchte, vor den Toren aufgebaut. Es gab zwei Tribünen inmitten der kargen Graslandschaft, jede bot etwa einhundert Menschen Platz. Auch wenn er nicht lesen oder schreiben konnte, so hatte Kaleb von seinem Vater den Umgang mit Zahlen gelernt und wusste im Gegensatz zu den meisten Anderen, die mit Rechnungen und Kalkulationen um sich warfen, tatsächlich, wie viele Menschen "einhundert" waren. Er stieg vom Wagen, nahm seinen Bogen an sich und warf sich den Köcher über die Schulter. Mit einem Kloß im Hals sah er zu dem Podest auf, das in der Mitte der linken, zur Sonne gewandten Tribüne prangte. Er hatte nicht gewusst, dass sich die Obrigkeiten ebenfalls zu den Zuschauern gesellen würden.
Ein harter Schlag traf seine Schulter und Kalebs Knie knickten kurz ein, dann aber wandte er sich um und starrte in die Schlitze eines Helmes der Stadtwache, dessen Besitzer die Sonne verdunkelte, da er einen guten Kopf größer war als Kaleb selbst.
"Alle Schützen finden sich im Zelt hinter der Westtribüne ein, der Schuss wird in zehn Minuten abgegeben", wies ihn der nach Met und Schweiß riechende Mann hin, bevor er mit klappernder Rüstung seines Weges ging.
"Nur ein Schuss?", rief er fragend hinterher, doch er erhielt keine Antwort.
Nur ein Schuss, dachte er bei sich und schluckte, Alles oder Nichts.
Kaleb tat, wie ihm geheißen. Er lief an den aufgestellten Zielen vorbei, um das hölzerne Skelett der Tribüne herum und betrat das Zelt, das er vorher nicht einmal bemerkt hatte. Während er drinnen auf einer Holzbank saß, beeindruckt und still den anderen, weit erfahreneren Schützen bei ihren Vorbereitungen zusah und versuchte, nicht in Angstschweiß auszubrechen, trafen draußen die ersten Zuschauer ein.

Geleitet von drei Stadtwachen wurde Callie zusammen mit ihrem Onkel dazu gezwungen, auf einer Bühne Platz zu nehmen, die einem Präsentierteller glich. Dort oben konnte sie alles gut sehen und gesehen werden, denn um nichts anderes ging es heute.
"Bist du bereit?", fragte ihr Onkel eher rhetorisch.
Callie nickte steif und wandte dabei den Blick nicht von der gegenüberliebenden Tribüne ab. Sie fürchtete, man könnte ihr ihren Unmut ansehen.
Ihr Onkel nickte ebenfalls, jedoch zu einer der Wachen, die eine Fanfare hielt. Sein Blick war vielsagend und der Soldat erhob das Instrument, um es fürchterlich laut direkt neben den Callies Kopf erklingen zu lassen. Nachdem der feierliche Ton verklungen war, trat ein Dutzend Schützen aus dem Schatten der Holztribüne hervor, ein Jeder trug edle Kleidung, ein Jeder... bis auf einen. Callie zog eine Augenbraue hoch, beherrschte ihre Gesichtszüge aber sofort wieder. Trotzdem fragte sie sich, mit welchem Recht der Bauernlümmel es wagte, gegen diese ausgesuchten Haudegen anzutreten. Die Teilnahme war offen gewesen, ihr Onkel hatte nur nicht erwartet, dass sich einer seiner Pächter überhaupt einen Bogen leisten konnte.
Aber der Bursche besaß einen Bogen. Und was für einen Bogen.
Callie hörte die geschwollene Rede ihres Onkels über Ehre, Geld und die Hand seiner Nichte nur mit halbem Ohr, ihre Aufmerksamkeit galt vollends der aus bleichem Bein gefertigten Waffe. Sie wirkt fast lebendig, als würde sie das Sonnenlicht in sich aufsaugen... diesen dummen Gedanken verdrängte Callie schnell wieder. Sie schüttelte den Kopf und nahm wieder eine würdevollere Pose ein, vor Begeisterung hatte sie sich in ihrem Stuhl nach vorn gebeugt. Ihre Faszination für Waffen und deren Gebrauch hatte ihr in ihrem Leben noch nie etwas anderes als Spott und verärgerte Blicke eingebracht, deshalb zwang sie sich, dem außergewöhnlichen Bogen keinen Deut mehr Beachtung beizumessen, als es sich für sie ziemte.

Die Schützen um Kaleb herum unterlagen keiner Ordnung, die sie zur Wahrung angemessenen Verhaltens zwang. Sie gafften ganz unverblümt. Im ersten Moment stieg Kaleb die Schamesröte ins Gesicht, er senkte den Kopf und fühlte sich unter der  -wie er dachte- Achtung und Bewunderung seiner Konkurrenten völlig fehl am Platz, doch er bemerkte bald, dass er zumindest mit dem ersten Teil seiner Vermutung völlig falsch lag. Als er an dem ihm zugewiesenen Platz zögernd den Blick hob konnte er in jedem einzelnen zur grimmigen Fratze verzogenen Gesicht lesen, dass Niemand Kaleb zu seinem tollen Bogen beglückwünschen wollte. Im Gegenteil, die Mienen seiner Konkurrenten strotzten vor Neid, Missgunst und Wut, ihre hochnäsigen Blicke verrieten, dass sie unsicher wurden, oder sich fragten, wer für die edle Waffe bis zu diesem Tage bereits sein Leben hatte lassen müssen.
Kalebs Stimmung schwang gänzlich um, er bekam Angst. Der Junge versuchte, sich zusammenzureißen und Konzentration aufzubauen. Entschlossen blickte er auf das Ziel in zweihundert Fuß Entfernung, das sein Pfeil in zehn Jahren nicht einmal streifen würde. Er würde sich blamieren, und das gründlich. Aber das war gut. Vielleicht waren die anderen Schützen danach nicht mehr allzu missgestimmt. Binnen weniger Sekunden hatte sich sein Ziel, der Drittbeste zu werden, völlig in Rauch aufgelöst. Kaleb war ein Feigling und es drängte ihn heim, egal, was der Vater sagen würde, er wollte nur noch einmal mit einem blauen Auge -und dem Bogen, wenn möglich- davonkommen.

Sobald das Zeichen ertönte legten alle Bogenschützen an. Auch Kaleb zog einen Pfeil aus dem mit Schlangenhaut besetzten Köcher und legte dessen Schaft auf seinen Handrücken, links von der Sehne. In einem Chor ächzenden Holzes griffen alle Schützen knapp hinter die Befiederung, zogen die Sehne je nach Stil wie es Kaleb tat bis zur Nasenspitze, oder bis an die Wange. Die Ränge waren still, die Sonne brannte von oben herab und nicht einmal der Wind unterbrach das Konzert der Grillen zu den Füßen Aller. Kaleb wollte verlieren, aber sein Bogen hatte andere Pläne.

Als würde das Tier, dem die Knochen einst gehörten, noch immer nach Beute gieren blitzten die weißen Reißzähne auf, mit denen die Bogenarme besetzt waren. Kurz, bevor er seinen Händen den Befehl geben konnte, die Sehne loszulassen, war es, als wäre er von einer Macht besessen. Blitzschnell korrigierte er selbst seinen Stand, hob den rechten Arm höher, hielt den Rücken gerader und brachte eine Kraft auf, die er nie besessen hatte um die Sehne weiter zurückzuziehen. Kalebs Geist war leer, seine Konkurrenten waren unwichtig, der Jarl Nebensache. Es gab nichts mehr um ihn herum, bis auf das Ziel und den Pfeil. Als hätte er sein Leben lang nichts Anderes getan hielt Kaleb still wie ein Stein, und zum ersten Mal in seinem Leben sah er das Ziel genau vor sich, hinter der Sehne, deren winziger Schatten ihm direkt ins Auge fiel und die mit seinem Arm, der Pfeilspitze und der weit entfernten Zielscheibe eine gerade Linie bildete. Das alles war in weniger als einer Sekunde geschehen, und Kaleb war einer der Letzten, die die Sehne losließen. Er schoss - und traf. Mitten ins Schwarze.
Keine Sekunde später fiel die unsichtbare Kraft von ihm ab wie eine zweite Haut, die er nicht mehr brauchte. Kaleb wurde mit einer Wucht in seinem Körper alleingelassen, die ein Kind aufbrachte, wenn es ein langweilig gewordenes Spielzeug durch den Raum warf und sein rechter Arm verdankte ihm die Überspannung mit starken Schmerzen, die sich bis ins Schulterblatt zogen.

Der Jarl fiel fast vom Glauben ab, als er sah, dass der Hänfling über den er seit seinem Eintreffen auf dem Podest mit seiner Leibwache zu scherzen pflegte einen perfekten Schuss zustande gebracht hatte. Ihm sollte er Callies Hand schenken, auf dass er sie in die hohe Kunst des Ackerbaus einführt? Niemals. Nicht heute, und an keinem anderen Tag, und wenn er auf zwei Meilen Entfernung einen Haufen Taubenscheiße vom Dach der Drachenfeste herunterschoss!
Noch während Jarl Balguuf voller Entsetzen diesen Gedankengang vervollständigt und mit hasserfülltem Blick auf das Feld gestarrt hatte, hatte die Menge zu jubeln begonnen. Das einfache Volk war, seiner Natur geschuldet, von Beginn an auf der Seite des Bauernburschen gewesen und fiel in schallendes Gelächter und überschwängliche Freude aus. Für einen Moment empfand der Jarl einen Anflug von Hilflosigkeit, denn so wie es aussah musste er sein Versprechen einhalten, ob es ihm gefiel oder nicht. Er durfte sein Volk nicht zu erzürnen, und es würde einen Aufstand geben, sollte er dem Burschen aufgrund seiner Herkunft den Preis absprechen.
Mit fragendem Blick sah er zu seiner Nichte, deren Gesicht wie in Stein gemeißelt starr nach vorn blickte. Ihr blondes, kinnlanges Haar wehte im Wind und die blauen Augen glänzten matt. Sie sah nicht begeistert aus und Jarl Balgruuf legte seine Hand auf die ihre, um ihr Trost zu spenden, doch sie entzog sich ihm und wandte den Blick zur Seite ab.
Auf diesem Platz standen Männer. Wahre Männer hoher Ränge und bekannter Namen, die allesamt eine gute Partie für Callie gewesen wären. Der Jarl knirschte mit den Zähnen, als er aufstand und zu verkünden begann, dass die Hand seiner einzigen Nichte nun an den verdreckten Lümmel -selbstverständlich drückte er sich gewählter aus- gegeben wurde. Gerade, als er mit dem feierlichen Teil fertig wurde und auf den Part die Vermählung betreffend zu sprechen kam, warf der künftige Bräutigam etwas ein, das allgemeine Verwunderung und biederes Schweigen verursachte.
"Äh, Entschuldigung!", rief der Bauernbursche laut und Jarl Balgruuf musste zweimal hinsehen, um zu glauben, dass er tatsächlich gerade von einem mit den Armen wedelnden Tölpel unterbrochen worden war.
"Herr Jarl, Entschuldigung, dass ich Euch unterbreche, aber ich ähm... ich glaube ich muss das unterbrechen, immerhin geht es ja auch um mich... oder nicht?", stotterte er und trat vor, etwa auf zehn Fuß Entfernung zum Podest. Dabei allein wäre er beinahe schon auf dem Fell ausgerutscht, das er als Transportschutz für den Bogen genutzt und vorher achtlos fallen gelassen hatte, und danach fast auf die Spitze seines eigenen Bogens getreten. Und nun, da er näher war, machte er nicht unbedingt einen besseren Eindruck. Seine Kleidung war einfach, dreckig und schon oft geflickt, er selbst schien sich die Haare mit der Gartenschere zu schneiden und sein Gesicht war zu fein, um das eines vollkommen reinblütigen Nords zu sein. Er war nicht mehr als ein Junge, keine zwanzig Sommer alt und stand im vollen Gegensatz zu dem edlen Bogen, den er stümperhaft festhielt wie einen Dreschflegel.
Die finstere Miene des Jarl und dessen Schweigen beeindruckte ihn allerdings nicht. Der Junge fuhr fort.
"Ich will nämlich gar nicht heiraten, wisst Ihr, und ich, ich... ich wollte nur den zweiten Preis! Das war Zufall, ehrlich! Normalerweise schieße ich nicht so gut, das war nur Glück!"
Stille hüllte den Platz ein, nur die Grillen legten keinen Wert auf die ausnehmend unschöne Atmosphäre. Sie zirpten weiter um die Wette, während sich die Finger des Jarl in das Holz der Balustrade gruben, die das Podest vom Rest der Tribüne trennte. Die Knöchel seiner Hand traten weiß hervor, obwohl sein Gesicht starr und ausdruckslos blieb. Er setzte sich wieder, atmete durch und hielt seine Stimme unter Kontrolle.
"Du ziehst also ein kleines Häufchen Gold der Hand meiner Nichte vor?"
Der Bursche wurde augenblicklich blass und sah seinen Fehler ein, Angst stand auf seinem Gesicht geschrieben, als von den Tribünen Buh-Rufe ertönten und er einer faulen Kartoffel ausweichen musste. Der Jarl fragte sich, ob die Bauern einzig für derartige Momente faule Erzeugnisse mitbrachten.
"Nein! Nein, Eure Nichte ist sicher eine gute Frau, sie ist hübsch und sie sieht klug aus, wir sind auch etwa im selben Alter, glaube ich. Aber ich bin nicht bereit für eine Hochzeit!"

Alle verstummten, als Callie sich erhob. Ihr Onkel versuchte, sie zurückzuhalten, aber sie schüttelte den Arm, der ihre Hand fasste, mit einer flinken Bewegung ab.
"Dann sagt mir, ihr guten Leute", wandte sie sich an die aufgebrachte Menge. Die Absätze ihrer unbequemen Schuhe klangen laut auf dem hohlen Holz, als sie bis zur Balustrade ging und sich dann unerwartet umdrehte. Ihre Augen strahlte Kälte aus und sie sprach mit ernstem Ton.
"Mit wie viel Gold würdet ihr meine Hand aufwiegen, damit wir dem Knaben geben können, was er wollte, und was er verdient? Denkt daran, sein Preis soll angemessen sein."
Die Tribüne erstarrte kurz, dann versank sie in leises Murmeln, aus dem ab und an eine Zahl zu hören war. Obwohl sich die meisten der Leute wenig mit dem Rechnen befassten konnten doch fast alle mit Geld umgehen, und die Meinungen gingen weit auseinander.
"Was tust du denn, Nichte?", zischte ihr Onkel sie an, aber Callie lächelte nur wissend.
Sie drehte leicht den Kopf und sah aus dem Augenwinkel, wie der Bursche hinter ihr krampfhaft zu überlegen schien, ob er nicht einfach die Beine in die Hand nehmen sollte. Um dem zuvor zu kommen, unterbrach sie selbst das Feilschen und Grübeln des Volkes.
"Ist es nicht schwierig, eine Entscheidung zu treffen, die nur schaden kann? Auf der einen Seite steht der Junge, der wie viele Andere mit dem Nötigsten auskommen muss und sich daher ein kleines Bisschen Reichtum erhofft - auf der anderen Seite steht der Jarl, dessen Ehre wir zwar nicht kränken, dem wir aber auch keine zu hohe Summe nennen dürfen, um ihn nicht Glauben zu machen, wir würden scherzen. Aber wer kann meinen Wert einschätzen, wo mich doch niemand von euch kennt?", fragte sie und meinte es ehrlich. Callie drehte sich zu ihrem Onkel und blickte ihn fest an, ehe sie weitersprach. Sie bezog ihn deutlich in ihre Worte mit ein.
"Ich allein. Das ist die Antwort. Ich allein kann entscheiden, welchen Wert ich habe, denn ich bin kein Vieh, das man zum Markt bringt. Ich bin ein Mensch und empfinde es, mit Verlaub, Onkel, als sinnlos, mich der konservativen Auffassung der nutzbringenden Heirat zu beugen, wenn dadurch niemandem geholfen wird", erklärte sie deutlich und zog sich den Siegelring der Familie vom Finger.
Callie übergab den Ring ihrem Onkel und beendete ihren Rede ungeachtet der fassungslosen Miene des Jarl.
"Ich entscheide, dass ich mit ihm gehe. Das wird kein Verlust für Euch sein, Onkel, und ich tue es freiwillig. Er sieht anständig und von Herzen gut aus, also sorgt Euch nicht."
Sie wollte zur Seite gehen, die Tribüne hinab und auf das Feld hinunter. Als Balguuf, wie er es oft zu tun pflegte wenn sie aus der Reihe tanzte, ihren Arm packte, glaubte sie kurz, dass alles vorbei wäre. Dass sie wieder in ihre Gemächer geschleift, gekämmt, gewaschen, in ein neues Kleid gesteckt und beim nächsten Turnier erneut als Hauptpreis angeboten würde.
"... Du bist ein Dickkopf. Wenn dein Vater noch hier wäre, würde er dich vor aller Augen übers Knie legen", knurrte Balgruuf und sah seine Nichte streng an.
Diese lächelte und verkündete nickend: "Ich weiß."
Der Griff um ihren Arm wurde lockerer, ihr Onkel strich mit dem Daumen über ihre Haut.
"Du sagst, er sieht gütig aus?", meinte er nachdenklich, sah kurz auf den verängstigt dastehenden Burschen, der sich noch immer nicht gerührt hatte und blickte dann wieder auf seine Nichte, die, überrascht von der Güte in den Augen ihres Onkels, ihre Maske fallen ließ und sie nie wieder aufsetzen sollte.
"Versprich mir etwas", flüsterte Balguuf so leise, dass sie es nur schwer verstehen konnte.
"Wenn er nicht gut zu dir ist, dann erschlag ihn."
Das waren die letzten Worte ihres Onkels, bevor sie ihm erleichtert lächelnd zuzwinkerte und ihren Weg ging. Sie ging mit einem Kribbeln im Bauch hinunter, durch die perplexe Menschenmenge, hin zu dem Bauernburschen, dessen Namen sie nicht kannte und der sie aus ihrem eintönigen Leben befreien sollte. Für Callie begann ein Abenteuer.

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Kleine Anmerkung:
Bogenschießen ist ein super Sport. Es befreit, beruhigt, niemand geht einem auf den Keks, es korrigiert Rückenfehlstellungen... und ich darf zum Training Fotos als Zielscheibe mitnehmen ^-^
Ich liebe es. Vielen Dank für euer großes Interesse, ich hoffe, es gefällt euch weiterhin!
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