Der Bogen des Toten

von Fulloath
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
04.06.2017
14.10.2019
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Kapitel 1

Sei vorsichtig, was du dir wünschst.
(Es könnte in Erfüllung gehen.)


Übe dich, hatte der Vater gesagt und ihn fortgeschickt, weg von den Pferden und dem Acker. Übe dich und hol einen Preis beim Turnier, wir brauchen das Geld.
Und so war Kaleb gegangen, hatte sich seinen Langbogen und seinen Köcher genommen, die Pfeile darin frisch befiedert. Stundenlang war er durch die Tundren vor Weißlauf gestreift, denn er besaß keine Zielscheiben, auf die er hätte schießen können und musste daher mit Bäumen trainieren. Ab und an schoss er auch auf einen Hirsch oder einen Elch, aber diese traf er nie. Kaleb traf generell recht wenig, er war ein Bauernbursche, kein Schütze. Der junge Mann furchte entnervt die Stirn und sah sich in der Gegend um. Er steuerte auf einen kleinen Berg zu, frustriert von seinem Versagen wollte er eine Pause einlegen und stattdessen den Aufstieg wagen.
Nur, weil sein Vater plötzlich von der fixen Idee beseelt war, ein neues Dach für den Stall bauen zu wollen, sollte er jetzt am Turnier des Jarl in Weißlauf teilnehmen. Er, der er noch nicht einmal einen Stein in einen See zu werfen vermochte, selbst, wenn er direkt am Ufer stand.
Die Sonne sank langsam auf den Horizont hinunter und die Hand, in der er den Bogen hielt, schwitzte. Bevor ihm das Holz entglitt fuhr er mit einem Arm unter die Sehne hindurch und schob die Waffe auf seinen Rücken. So kam er schneller voran und bald ließ Kaleb das trockene Gras hinter sich. Als er auf dem Gipfel des Berges angekommen war, verschwand der letzte Streifen hellroten Himmels, doch der Vollmond und die kalte, sternenklare Nacht verhinderten, dass es gänzlich dunkel wurde.

Es war kein hoher Berg. Kaleb konnte nicht weit sehen, aber der Rauch aus dem Schornsteinen der Bauerngüter und die Fackeln an deren Eingängen verrieten die Position seines Heimatdorfes. Ihm entwich ein Seufzen, als er sich unweit des Abgrunds im Schneidersitz am Stamm eines dürren Baumes niederließ. War er dazu verdammt, den Rest seines noch jungen Lebens stumpf und trübsinnig auf den Feldern zu verbringen, Dung in die Erde zu mischen, Samen beim Wachsen zuzusehen und das nächste Unwetter zu fürchten? Das konnte nicht alles sein. Es musste mehr geben, da draußen in der Ferne, irgendwo. Kaleb lehnte den Kopf gegen den krummen Stamm, starrte in den Himmel und auf die Sterne. In einem Augenblick zischte ein heller Blitz vorbei, er war ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.
"Ich wünsche...", begann Kaleb und dachte dann kurz nach, seine Finger vergruben sich in der lockeren Erde, auf der er saß, "Ich wünsche mir ein Abenteuer."
Nichts geschah. Kaleb sah nach unten, sein Blick fiel auf einen Stein neben sich und er nahm ihn auf. Leicht enttäuscht von der verheißungsvollen Sternschnuppe, die nichts gebracht zu haben schien, warf er den Stein den Abhang hinunter.
Keine Sekunde später erklang ein dumpfer, metallischer Ton, dunkel und nachhallend. Kaleb zog eine Augenbraue hoch, er verspürte plötzlich ein aufgeregtes Kribbeln und konnte nicht sagen, warum. Vorsichtig stand er auf und sah über den Abgrund hinweg.

In dieser kühlen Sommernacht fand Kaleb im Alter von siebzehn Jahren einen Toten, und dieses Ereignis sollte der Anfang vom Ende für ihn sein.
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