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Mixtape

von prelence
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 Slash
Clay Jensen
03.06.2017
01.12.2017
27
70.485
8
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Dieses Kapitel
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03.06.2017 2.172
 
Kapitel 1

„Wo ist mein Verfolger, wenn man ihn mal braucht?“, tippt Clay in sein Smartphone. Das kühle, blaue Licht des Displays erleuchtet sein Gesicht im Dunkeln. Seine Schuhe schlurfen über die Erde, wo sich eine Kuhle gebildet hat. Mit einem trägen Stoß setzt er die Schaukel mit minimalem Erfolg in Bewegung. Ein zweiter, energischer Tritt bringt Schwung in die Sache.

Sein Signalton meldet ihm die Antwort von Tony: „Ich habe auch noch ein eigenes Leben“, erinnert ihn sein Freund, nichtsdestotrotz fragt er gleich: „Wo bist du?“

„Auf dem Spielplatz. Ich brauche meinen nutzlosen Yoda.“

„Gib mir zehn Minuten“, schreibt Tony.

Clay rutscht ein Stück tiefer nach hinten auf dem Sitz, sodass seine Füße kurz über dem Boden baumeln. Mit beiden Händen packt er die Ketten und holt Schwung. Schaukeln hat etwas Befreiendes. Eine Illusion von Fliegen und Leichtigkeit.

Er lässt seine Aussage vor den Anwälten Revue passieren, als er das vertraute Röhren des Mustangs hört. Auf der Anhöhe, auf der die Straße hinunter zum Spielplatz führt, entdeckt Clay kurz darauf Tonys Wagen.

Tony trägt zu jeder Tages- und Nachtzeit seine geliebte Lederjacke, ohne die Clay ihn sich gar nicht vorstellen kann. Er setzt sich auf die freie Schaukel neben ihm. Clay pendelt nur noch wenige Zentimeter vor und zurück.

„Meine Mutter hat keine Ruhe gelassen. Ich musste einfach raus“, beginnt Clay ohne Umschweife und Begrüßung, „Ich musste heute aussagen. Hannahs Eltern waren dabei. Ich konnte ihnen kaum in die Augen sehen. Der Anblick ihrer Mutter macht mich fertig. Der Anwalt hat mich nach den Kassetten gefragt. Ich konnte nicht lügen.“ Er sieht zu seinem Freund. Clay bewundert und beneidet ihn um seine Ruhe und Gelassenheit.

Bisher hatte er den Karton mit Hannahs Nachlass als Last empfunden, doch nachdem er ihn Mr. Porter übergeben hatte, war die Verantwortung von seinen Schultern genommen worden. Die Entscheidung, die Geheimnisse der Kassetten zu lüften, liegt nicht mehr in seinen Händen.

„Das ist okay. Ich habe ihren Eltern eine digitale Kopie von den Aufnahmen gegeben. Nicht zu wissen, warum...“ Tony fährt sich durch die Haare.

„Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sie sich fühlen, wenn sie alles hören.“ Clay denkt an Olivia Baker, Hannahs Mutter. Sie machte auf ihn den Eindruck, als hätte sie Nächte durchgemacht, wenn er sie im Laden sah. Womöglich stimmt das auch und sie schläft schlecht bis gar nicht. Er steht zeitweise selbst davor, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, wo er kaum zwischen Wachträumen und Realität unterscheiden kann, wenn er ehrlich mit sich ist.

„Sie mussten es erfahren. Ich hoffe, sie können ihren Frieden finden.“

„Ich wollte, dass es alle wissen: Wer an ihrem Tod schuld ist. Ich wollte ihnen allen eins reinwürgen, sie spüren lassen, was sie ihr angetan haben.“ Mit seiner Schuhspitze scharrt er über die Erde. „Alle waren so darauf erpicht, ihre Geheimnisse zu wahren, dass sie sogar weiter mit einem Vergewaltiger befreundet waren. Sie haben mir deswegen sogar Gras untergejubelt!“ Er schnaubt. „Ich hoffe, Bryce bekommt seine Strafe.“

„Die Aufnahmen können als Beweismittel dienen. Wenn Jessica ihn anklagen will.“

Clay nickt benommen. Sie schweigen eine Weile gemeinsam, lassen sich in den Schaukeln baumeln, ohne dass es unangenehm ist.

„Ich hätte besser sein sollen...“

„Du bist besser als die meisten Menschen, die ich kenne, Clay“, versichert Tony ihm.

Mit einer heftigen Bewegung stößt sich Clay wütend am Boden ab. Die Schaukel schlingert wild. „Ich wünschte, ich könnte die Kassetten zurückspulen, die Zeit zurückdrehen und da sein, wenn sie mich braucht. Auch wenn sie mich wegstößt. Ich hätte für sie da sein müssen.“

„Clay, du kannst keine Gedanken lesen.“ Tony klingt immer verdammt versöhnlich, dass es Clay verrückt macht.

„Wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich sie liebe...“

„Nein, hör auf damit!“, mahnt Tony, „Du kannst dir nicht die Schuld geben, nur weil du schüchtern und introvertiert bist. Daran ist nichts falsch! Man sollte niemanden aus seiner Komfortzone zwingen. Du solltest dich nicht schuldig dafür fühlen, wer du bist. Das hast du nicht verdient.“

Clay seufzt freudlos und lässt seine Schultern sinken. „Ich fühle mich trotzdem schrecklich.“

„Denkst du nicht, mir geht es wie dir? Wenn ich gleich an die Tür gegangen wäre und die Kassetten gehört hätte, wäre sie vielleicht noch am Leben.“ Ein Hauch von Verzweiflung liegt in seiner Stimme und in seinem Ausdruck, vor allem in seinen dunkelbraunen Augen, die in der Nacht noch dunkler wirken.

Clay stoppt abrupt und sieht seinen Freund an. Tony ist jemand, der Probleme mit sich selbst austrägt. Mit seinen Tattoos, seiner Coolness und seiner Männlichkeit ist er das Gegenteil von ihm und trotzdem sind sie seit Ewigkeiten Freunde. Clay hat sich bisher nicht ausgemalt, wie es ihm mit Hannahs Tod geht, weil er stets ruhig und ausgeglichen erscheint, aber das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Auch Tony leidet darunter.

„Tony… wenn du… ich höre zu“, verspricht Clay ernst.

Tony lacht herzlich. „Danke.“

„Dein Leben an der Highschool als...“

„...schwuler, brauner Junge mit katholischem Elternhaus ist auch nicht einfach?“, vollendet Tony den Satz.

„Kann ich mir vorstellen.“ Clay will ernsthaft, dass Tony ihm genauso vertraut wie er ihm, aber vermutlich muss er einsehen, dass er bisher immer die fordernde Hälfte ihrer Freundschaft war.

Tony zuckt mit den Schultern. „Manchmal muss man halt durch Dinge durch, die einem nicht gefallen. Wie die Highschool.“ Er zeigt ein schmallippiges Lächeln.

„Wie geht es Brad?“, fragt Clay höflich. Er kennt Tonys Freund kaum, aber er scheint ganz nett. Eine wesentlich bessere Wahl als Ryan. Eigentlich hätte ihm auffallen sollen, dass sein engster Vertrauter Tony schwul ist. Allmählich machen die alten Gerüchte, dass er selbst vom anderen Ufer ist, Sinn. Irgendwann zerstreute sich damals der Flurfunk. Zu dem Zeitpunkt muss Tony angefangen haben, sich mit Ryan zu treffen – und Clay hat tatsächlich geglaubt, sein hartnäckiges Ignorieren hätte ihm dabei geholfen, dass sich das Gerücht in Luft auflöste.

Irgendwann wird er ihn darauf ansprechen.

„Er ist nicht glücklich, aber er versteht es.“

„Hast du von Alex gehört? Er soll versucht haben, sich mit einer Schusswaffe umzubringen.“

„Sein Zustand soll kritisch sein, habe ich gehört. Wer weiß, ob er durchkommt“, meint Tony. Er hat schon mit Alex‘ Vater, dem Polizisten, Bekanntschaft gemacht. Der Mann fordert Respekt ein, was auch mit seiner Uniform zu tun hat. „Kopfschüsse sind oft tödlich, besonders wenn das tiefere Hirn betroffen ist. Wenn er eher nach oben gezielt hat, könnte er es überleben. Sofern er keine anderen Komplikationen bekommt.“

„Immer so nüchtern“, kommentiert Clay, dann fährt er nachdenklicher fort: „Ich dachte, Alex wäre tougher. Er hat sich mit Montgomery geprügelt und richtig eingesteckt.“

„Wenn wir eins gelernt haben, dann dass die Fassade täuschen kann.“

Clay dreht sich halb mit der Schaukel, sodass sich die Ketten vor seinem Gesicht kreuzen. „Sind wir blind für den Schmerz anderer?“ Er lässt die Frage im Raum stehen, ohne sie weiter auszuführen.

„Manchmal sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um die anderen zu sehen“, sinniert Tony, „Aber manche Kids sind einfach nur Arschlöcher.“

„Ja“, stimmt Clay zu. Er hebt seine Füße und die Schaukel schnellt zurück in die Ausgangsposition und darüber hinaus. Mit zuckenden Bewegungen pendelt sie sich langsam wieder ein. „Warum besorgst du nicht einen DeLorean? Ich kümmere mich um das Plutonium. Dann können wir eine Zeitreise machen und alles korrigieren, was falsch gelaufen ist.“

„Das hört sich mehr nach ‚Zurück in die Vergangenheit‘ an“, meinte Tony.

„Nie gesehen. Oder ist es ein Buch?“

„Nein, eine ziemlich gute Serie.“

Es ist bereits sehr spät, als Clay nah Hause zurückkommt. Er will sich reinschleichen, aber in der Küche brennt ohnehin noch Licht. „Clay?“, hört er die Stimme seine Mutter. Die Frage ist rhetorisch. Sie erkennt ihren Sohn schon an der Art, wie er die Tür öffnet. Und außerdem gibt es nicht soviel Auswahl, wer um diese Zeit zur Tür reinkommen könnte.

„Hey Mum“, er bleibt im Türbogen zur Küche stehen. „Ich habe mich noch mit Tony getroffen…“

„Setz dich.“ Seine Mutter ist gerade dabei, die Spülmaschine auszuräumen. Jetzt hält sie inne und wendet sich ihm zu. „Ich möchte mit dir reden.“

„Ich… ich bin müde… morgen. Okay?“

„Nein! Jetzt!“ Die plötzliche Schärfe ist ungewohnt. Clay zuckt getroffen zusammen. Sein Rucksack, den er eben noch locker über der Schulter getragen hat, rutscht zu Boden. Sein Vater ist nicht da, was ihn verwundert. Dann fällt ihm ein, dass er an einer Abendveranstaltung an der Universität teilnimmt, teilnehmen muss, wie er am Morgen verstimmt betont hatte. Normalerweise legt seine Mutter Wert auf die Anwesenheit seines Vaters bei ‚Wir müssen reden‘-Gesprächen.

„Was ist…?“ Er sucht nach Hinweisen im Gesicht seiner Mutter. Die Aussage? Ging um seine Aussage heute? Er war direkt danach regelrecht geflüchtet. Oder geht es hauptsächlich darum, dass er wiederholt den ganzen Abend unterwegs gewesen ist, ohne Bescheid zu sagen, wo er war? Oder um die Tatsache, dass er Nacht um Nacht schweißgebadet aufwacht und sich die durchgeschwitzten Bettbezüge in der Waschküche stapeln? Aber da ist nichts in ihrem Gesicht, aus dem er Rückschlüsse ziehen könnte. Sie wirkt allerdings ungewohnt aufgelöst. Clay entscheidet sich stehenzubleiben.

„Heute Morgen, hast du da alles gesagt, was du weißt?“

„Ich habe auf die Fragen geantwortet…“ Er weicht aus.

Seine Mutter greift die Lehne des Küchenstuhls, der ihr am nächsten steht und klammert sich mit beiden Händen daran fest. „Das waren offene Fragen. Hast du wirklich nichts verschwiegen?“ Eine ungewohnte Schärfe in ihrer Stimme. Clay fühlt sich zunehmend unwohler.

„Ich hatte heute einen Anruf. Ein Freund bei der Staatsanwaltschaft. Er darf mir das eigentlich nicht erzählen, aber er hat es trotzdem getan.“ Sie holt tief Luft. „Bryce Walker wurde heute wegen Vergewaltigung angezeigt!“

Clay stockt der Atem. „Wer... wie?“

„Soweit ich weiß, hat Jessicas Vater ihn angezeigt. Clay, weißt du etwas darüber?“

Clay macht unbewusst einen Schritt zurück. „Die Kassetten…“ Nur ein Flüstern.

„Die Kassetten! Die Kassetten!“ Es bricht regelrecht aus seiner Mutter heraus. „Die Gegenseite hat die Kassetten. Ich habe keine Ahnung, wann wir die zu hören bekommen.“

„Hannahs Eltern haben eine digitale Kopie. Die Kassetten hat Mr. Porter.“

Seine Mutter starrt ihn entgeistert an. „Woher weißt du das?“

„Ich… ich habe die Kassetten Mr. Porter gegeben. So wie es sein sollte, er war an der Reihe!“

„Was? Clay! Was weißt du? Was hast du damit zu tun? Vergewaltigung ist eine Straftat. Ihr werdet alle aussagen müssen, womöglich vor Gericht! Hattest du von einem Verbrechen Kenntnis?“ Sie wird laut.

„Ich.. ich, also…“ Clay versucht etwas zu sagen, aber es gelingt ihm nicht.

„Vor der Polizeistation, als wir dich für das Drogenprogramm angemeldet haben, ging es da um eine Vergewaltigung? Wusste Hannah davon? Ist Hannah die Person, die nicht mehr aussagen kann? Clay! Das ist ein Verbrechen! Was hast du damit zu tun? Antworte!“ Clay kann sich nicht erinnern, dass seine Mutter ihn jemals zuvor in dieser Lautstärke angeschrien hat.

Clay bekommt noch immer kein Wort heraus. Dass Bryce zur Verantwortung gezogen wird, war das, was er gewollt hatte. Immer noch will. Und ihm ist klar, dass es auch für ihn Konsequenzen haben wird. Nach wie vor ist er bereit, diese zu tragen. Aber jetzt, als seine Mutter so aufgelöst vor ihm steht, wird ihm klar, dass er nicht in der Lage ist, die Tragweite einzuschätzen.

Seine Mutter weiß seine fehlende Reaktion nicht zu deuten. „Clay! Jeff Atkins starb bei einem Autounfall, Hannah Baker hat sich das Leben genommen, Alex Standall hat sich in den Kopf geschossen und Bryce Walker wurde wegen Vergewaltigung angezeigt! Was geht hier vor? Was passiert da und was hast du damit zu tun? Rede mit mir, rede mit uns! Du hast gesagt, dass du uns alles erzählst…“ Ihr aufgebrachter Tonfall verwandelt sich in hilfloses Flehen.

Er öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen. Aber es kommt kein Wort heraus. Erinnerungen, Bilder und Gesprächsfetzen, Hannahs Stimme auf den Tapes, alles ist gleichzeitig da. Ein Tornado in seinem Kopf. „Ich kann einfach nicht!“ Er schnappt nach seinem Rucksack und rennt nach oben. Mit einem Knall wirft er seine Zimmertür ins Schloss. Sein Atem geht stoßweise, da ist einfach nicht genug Sauerstoff. Halt suchend drückt er sich rücklings gegen die Zimmertür und gleitet zu Boden. „Ich kann einfach nicht“, schluchzt er leise und kann die Tränen nicht unterdrücken.

Seine Mutter klopft nur kurz darauf gegen die Zimmertür. Clay ignoriert es. Und zu seiner Überraschung kommt seine Mutter nicht einfach herein. Sie klopft noch mal und ruft leise seinen Namen. Ein paar Minuten später hört er, wie sie sich entfernt. Mit dem Ärmel wischt er sich über sein Gesicht, zieht nur seine Schuhe aus und rollt sich unter seiner Bettdecke zusammen. Kurz will er Tony eine Nachricht schicken, dann lässt er es aber bleiben. Tony schläft bestimmt schon. Mit Tony zu reden ist einfach. Tony weiß Bescheid, er kann einfach sagen, über was er nachdenkt, er braucht nicht zu berichten und nicht zu erklären.

Als Clay endlich Schlaf findet, träumt er von Jessica und Hannah, die Bryce anzeigen. Er fühlt Erleichterung. Als er die beiden Mädchen im Monet‘s trifft und ihnen sagen will, dass er immer zu ihnen halten wird, sitzt er selbst auf einmal selbst im Gericht auf der Anklagebank. Mit einem leisen Schrei wacht er auf.
 
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