Redemption

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6
Kwai Chang Caine Lo Si Peter Caine
02.06.2017
02.06.2017
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Titel: Redemption
Autor: Lady Charena (Juli 2006)
Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen
Charaktere: Kwai Chang Caine, Peter Caine, Lo Si, andere erwähnt
Rating: gen
Beta: T’Len
Worte: 2037

Summe/Hintergrund: Nachdem es gelungen ist, Paul Blaisdells Unschuld zu beweisen, hat Peter noch ein Wörtchen mit seinem Vater über dessen Rolle bei der ganzen Angelegenheit zu reden. Auch Lo Si macht sich Gedanken über die Caines.

Eine „Missing Scene“ zu „Caine und die Vergeltung“ (Originaltitel: Redemption)
Redemption bedeutet auf deutsch so viel wie: Erlösung, Vergebung oder auch Errettung.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



"It is the function of a father. To be what is needed."  - Episode: The Lacquered Box

“Death is – after all – the ultimate act of abandonment...” - Unknown


Wo sich Lo Si aufhielt, war meist eine Teekanne nicht weit, und auch jetzt füllte der Ehrwürdige schweigend die beiden Teeschalen nach. Er hielt das dünne Porzellan in seinen knorrigen Händen und betrachtete den Rücken des jüngeren Mannes, der von ihm abgewandt aus dem Fenster blickte. Die Ruhe und der innere Friede, der sonst das Wesen von Kwai Chang Caine ausmachten, waren sichtlich nicht-existent. Noch während der Apotheker überlegte, welche Worte den jüngeren Priester aus seiner düsteren Stimmung befreien konnten, nahm er eine Änderung in ihrer unmittelbaren Umgebung wahr. Wie eine Sturmwolke, die sich anschickte, das Loft zu fluten, eilten dem Neuankömmling Frustration und Ärger voraus – für den alten Mann und seine über Jahrzehnte trainierten Sinne so sichtbar wie eine Wolke am Himmel.

Lo Si nickte, stellte seine Teeschale ab und machte sich daran, eine dritte zu füllen, obwohl er wusste, dass Tee nicht genügen würde, um Peter zu besänftigen. Selbst nach all der Zeit, die er mit Vater und Sohn verbracht hatte, erstaunte und faszinierte ihn noch immer, wie Caine auf die Stimmungen seines Sohnes reagierte und sie reflektierte – genau wie Peter instinktiv die Gefühle seines Vaters aufnahm und sie zu seinen eigenen machte. Doch im Gegensatz zu Kwai Chang Caine hatte Peter weder die nötige Erfahrung, noch eine ausreichende Ausbildung, um seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Er konnte den Ursprung dessen, was er fühlte, nicht sehen und fiel so von einer Verwirrung in die nächste. Es war Zeit, dass der Junge sein Training beendete. Doch Caine weigerte sich, darauf Einfluss zu nehmen und beharrte darin, dass es Peters eigene Entscheidung sein müsse. Er war der – irrigen – Ansicht, es gäbe für seinen Sohn eine Wahl... Lo Si schüttelte gedankenverloren den Kopf. Selbst als Bojaja hatte Peter in erster Linie wie ein Polizist gehandelt, nicht wie ein Shaolin. Sollte es zu spät für ihn sein? War zu viel Zeit verloren?

Er sah auf und entdeckte, das Caine sich umgedreht hatte und ihn fragend ansah. Lo Si lächelte. Zweifellos ließ ihn das Alter sorglos werden, denn sonst wäre der andere Priester nicht in der Lage gewesen, auf den Pfad aufmerksam zu werden, den seine Gedanken genommen hatten. „Ein Besucher ist auf dem Weg in deine Wohnung, mein Freund“, sagte er überflüssigerweise. Lo Si wusste, dass Caine nicht fragen, sondern darauf warten würde, dass er zuerst von seinen Gedanken sprach. Doch es gab... Dinge... von denen auch ein Kwai Chang Caine nichts erfahren durfte, bevor die Zeit dafür gekommen war.

Der jüngere Priester seufzte leise. „Peter“, stellte er fest. „Er ist noch immer sehr... aufgebracht.“

Lo Si neigte zustimmend den Kopf. „Es kommt der Zeitpunkt, wo jeder sich dem Tiger stellen muss“, zitierte der alte Mann. Er sah Überraschung über Caines Gesicht huschen, als der seine eigenen Worte vernahm und lachte das glucksende, heisere Lachen, das so typisch für ihn war. „Obwohl es in diesem Fall eher ein Tigerjunges sein mag, das gekommen ist, seine Krallen an einem Erwachsenen auszuprobieren.“

Wieder flog schattengleich Emotion über das Gesicht des jüngeren Priesters – doch dieses Mal war es klare Missbilligung des – wenngleich harmlosen – Spottes. Lo Si machte eine unterstreichende Geste mit der Hand. Wenn es um Peter ging, war Kwai Chang Caine zu nachsichtig; zu stolz auf das, was sein Sohn erreicht hatte, zu stolz um zu sehen, woran es Peter mangelte. Und Arroganz hatte Caine schon einmal den ultimativen Preis gekostet – den Verlust seines einzigen Kindes und des Tempels...

Doch jetzt stand weitaus mehr auf dem Spiel und Lo Si spürte, dass Caine heute nur noch wenig mit dem gebrochenen, demütigen Mann zu tun hatte, der vor kaum mehr als zwei Jahren in diese Stadt kam. Peters Liebe hatte ihn verändert – aber es bestand trotz all dem Guten, das aus diesen Veränderungen erwuchs doch auch die Gefahr, dass Caine zu vieles dafür opferte, diese Liebe nicht zu verlieren. Einschließlich seines Lebens. Seine Abhängigkeit von seinem Sohn hemmte nicht nur dessen Entwicklung, sondern auch Caines eigene Fortschritte.

Peters Anwesenheit lenkte Caines Aufmerksamkeit von Lo Si und auf seinen Sohn, der - etwas atemlos nach der schwungvoll genommenen Treppenflucht - im Eingang der Apotheke stand. Er trat zu ihm, hob eine Hand um eine wirre Haarlocke aus Peters Stirn zurück zu streichen, ließ sie jedoch wieder sinken, als Peter ihm auswich. Er verschränkte die Finger ineinander und wartete.

Peter trat um ihn herum, tiefer in den Raum und hielt ruckartig inne, als er Lo Si entdeckte. „Oh... äh... Hallo, Lo Si”, sagte er, der Ton seiner Stimme weniger freundlich als seine Worte. „Ich muss mit meinem Vater sprechen.“

„Setz’ dich, Peter und trinke Tee mit uns“, erwiderte Lo Si und ging wortlos über den Mangel an Respekt hinweg, den Peter ihm entgegenbrachte. Er akzeptierte dies im Wissen, dass Peters Wut andere Wurzeln hatte. Das Problem war, dass Peter dies nicht wusste. Außerdem überhörte er geflissentlich die - wenn auch unausgesprochene - Aufforderung „sich dünne zu machen“, wie es eins von Xiaolis Kindern vor kurzem formuliert hatte.

„Ich will keinen Tee.“ Peter starrte seinen Vater an, der den Blick ruhig zurückgab.

Lo Si lehnte sich zurück. Da er die Dickköpfigkeit von Vater und Sohn kannte, versprach die kommende Diskussion einigen Unterhaltungswert...

„Worüber möchtest du mit mir sprechen?“ Caines Ton offenbarte Geduld und Bereitwilligkeit.

Peter fuhr sich nervös durch die Haare. Es fiel ihm sichtlich schwer, ruhig stehen zu bleiben, doch war in dem Raum nicht wirklich Platz genug für ihn, seine Anspannung durch Bewegung ab zu reagieren. Er zwang sich, so still zu stehen, wie er es als Kind gelernt hatte. „Es ist wegen Paul“, begann er. „Ich muss wissen... ich muss wissen, ob dir klar ist, was du getan hast.“

„Ich wurde um Hilfe gebeten und ich habe mich bemüht, zu helfen.“ Caine blickte seinen Sohn an. „Es war keine Lösung, ihn zu jagen und einzusperren, während der wirkliche Mörder vielleicht entkommt.“

„Du verstehst das nicht, Vater! Du hast einem Mordverdächtigen bei der Flucht geholfen. Das ist eine Straftat. Du hättest mich einweihen müssen, anstatt mich mit Ausreden abzuspeisen. Du hättest mir sagen müssen, worum es überhaupt geht, anstatt zuzusehen, wie Styles Paul und mich nach Belieben manipulierte und herum schob.“

„Ich konnte dem Mann, der meinen Sohn bei sich aufnahm, meine Hilfe nicht verweigern“, entgegnete Caine tonlos, seine neutrale Stimme ein Gegenpunkt zu Peters immer aufgebrachteren Worten.

„Du verstehst das einfach nicht, oder? Du willst das gar nicht verstehen. Ich bin Polizist. Und wenn ich Ermittlungen anstelle, dann spielt es keine Rolle, in welchem Verhältnis ich zu dem Verdächtigen stehe. Was du getan hast, ist...“ Er brach ab, rieb sich über den Mund, als wolle er die Worte abwischen oder zurückhalten.

„Was ich getan habe, ist...?“, wiederholte Caine. Uncharakterischerweise hielt er den Blick nun auf seine verschränkten Hände gerichtet.

„Was du getan hast, war ein Vertrauensbruch“, sagte Peter sehr leise.

Neue Falten erschienen auf Lo Sis zerfurchter Stirn. Er hatte nicht erwartet, dass der junge Mann die mentalen Wunden, die er selbst von seinem Pflegevater empfangen hatte, nun seinem leiblichen Vater zufügte. Peters Unsicherheit war fast mit Händen zu greifen. Der Ehrwürdige beschloss sich einzumischen. „Peter, es ist die Pflicht deines Vaters und jeden Priesters...“

Doch Caine hob eine Hand, ohne ihn anzusehen, und stoppte seine Worte mit dieser simplen Geste. „Meister, bitte. Das ist etwas, das Peter und ich selbst klären müssen.“ Er sah seinen Sohn an. „Ich habe nichts von dem, was ich erfahren habe, vor dir verborgen gehalten.“

„Nein“, stimmte Peter bitter zu. „Aber du – und du ganz allein - hast den Zeitpunkt bestimmt, an dem du mich eingeweiht hast. So funktioniert das aber nicht. Ich bin kein Kind mehr. Du hast kein Recht, Entscheidungen für mich zu treffen oder mir Informationen vorzuenthalten, nur weil du glaubst, ich könnte damit vielleicht nicht umgehen.“

In der Stille, die sich seinen Worten anschloss, war das Piepsen seines Pagers sehr laut. Peter warf einen wütenden Blick auf das kleine Gerät an seinem Gürtel und zuckte dann mit den Schultern. „Ich muss das Revier anrufen. Du hast ja kein Telefon, also werde ich das von meinem Wagen aus erledigen.“ Wieder fuhr er sich durch die Haare. „Wenn ich kann, komme ich zurück. Wenn nicht... dann müssen wir uns ein anderes Mal weiter darüber unterhalten.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich auf dem Absatz herum und verließ das Loft beinahe fluchtartig.

Lo Si wandte seine Aufmerksamkeit wieder Caine zu, der noch immer in der Mitte des Raumes stand, die Arme überkreuzt. Seine Hände umschlossen die Oberarme fest genug, dass die Fingerknöchel hell aus der Haut hervortraten. „Söhnen fällt es oft sehr schwer, ihren Vätern zu verzeihen“, sagte der alte Mann. „Väter dagegen verzeihen ihren Söhnen häufig leichter und rascher – um sich nicht ihren eigenen Fehlern stellen zu müssen, die sie in ihren Kindern reflektiert sehen.“

„Es war kein Fehler, Paul Blaisdell zu helfen“, erwiderte Caine steif.

„Peter fühlt sich zwischen dir und Paul Blaisdell hin- und hergerissen. Er findet so niemals die innere Balance, die er dringend braucht.“

„Was soll ich deiner Meinung nach tun?“, der Shaolin antwortete mit ungewohnter Heftigkeit. „Ich kann nicht wieder fortgehen und ihn Paul Blaisdell überlassen. Peter ist mein Sohn.“

Lo Si ignorierte diesen Einwurf. „Peter kam zu dir, weil er sich von Paul Blaisdell betrogen fühlte. Der Mann, der wie ein Vater zu ihm war, sollte ein kaltblütiger Mörder sein. Er kam zu dir, damit du ihm sagst, dass er sich irrt. Statt dessen schicktest du ihn weg und er empfand dies als neuerlichen Verrat.“

„Ich hätte ihm zu diesem Zeitpunkt nichts sagen können – nichts, das er hören wollte.“ Caine blickte auf. „Und wir beide wissen sehr wohl, dass Paul Blaisdell zu einem kaltblütigen Mord in der Lage ist, auch wenn er in diesem Fall unschuldig war.“

Lo Si nickte. “Aber Peter kennt und versteht die Vergangenheit dieses Mannes nicht so wie wir. Niemand außer Paul Blaisdell selbst weiß, welche Dämonen noch in den Schatten auf ihn warten. Dies war nur der erste Angriff und der richtete sich bereits gegen seine Familie. Zu vieles ist ungelöst geblieben, das nun auf ein Ende wartet.“

„Du... kannst ihn sehen? Seine Zukunft deuten?“

Lo Si hob die Schultern in einer unbestimmten Geste, wie Caine das sonst oft tat. „Nur er kann in seine Zukunft sehen. Paul Blaisdell wird diese Stadt verlassen, um die Aufmerksamkeit der Geister der Vergangenheit, die ihn jagen, auf sich zu ziehen“, fuhr er fort und erhob sich. „Nur so kann er seine Familie schützen. Und auch Peter.“

„Woher weißt du das?“ Peter war unbemerkt zurückgekehrt. Er stand in der Tür, blass, eine Hand gegen den Türrahmen gestützt, als brauche er den Halt. „Woher kannst du das wissen?“ Er sah seinen Vater an. „Wusstest du auch davon? Hat Paul irgendetwas angedeutet, hast du mit ihm gesprochen?“

Caine schüttelte den Kopf.

„Der Pager... das war Frank Strenlich. Er hat mir gesagt, dass Paul seinen Abschied eingereicht und sein Büro im Revier geräumt hat. Und dass Paul... dass Paul und Mom auf dem Weg hierher wären.“

„Sie sind bereits angekommen“, erwiderte Caine leise. Er nickte und wandte sich zum Gehen. „Ich werde dich mit ihnen alleine lassen. Aber ich bin in der Nähe.“ Er verschwand durch eine Tür in einen der hinteren Räume – genau wie Lo Si das bereits kurz zuvor getan hatte.

„Paps...“ Peter zögerte, dann ging er hinaus auf den Balkon. Ein paar Minuten später trat Paul Blaisdell neben ihn, um sich zu verabschieden...


Ende
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