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Dunkle Zeiten

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
China Deutschland England Frankreich Italien Russland
01.06.2017
01.06.2018
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15.06.2017 2.035
 
Unkraut vergeht nicht

Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen in einem Blitzkrieg an und läutete damit den Beginn des Zweiten Weltkriegs ein. Am 6. Oktober kapitulierte Polen.

In der Nähe erschütterte eine Bombe den Boden. Ludwig drehte sich nicht einmal um. Ruhig und mit ausdruckslosem Gesicht ging er weiter. Scherben knirschten unter seinen Stiefeln. Er hielt das Gewehr im Anschlag, bereit, jederzeit zu schießen.

Wieder hörte er eine Explosion und eine Rauchsäule stieg zum Himmel auf. Er hörte ängstliche Schreie. Dann folgte ein lautes Krachen und er sah, wie ein Gebäude weiter hinten ächzend in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Schutt und Asche wirbelten auf, so dass für einen ganzen Moment ein grauer Schleier in der Luft hing.

Deutschland fühlte, wie es in ihn den Fingerspitzen kribbelte. Macht war ein berauschendes Gefühl, wunderbar und entsetzlich zugleich. Nichts konnte sich ihm in den Weg stellen. Noch nie zuvor war er sich seiner Stärke so bewusst gewesen. Sein Führer hatte ihm die Augen geöffnet – erst durch ihn war ihm klar geworden, dass er dazu berufen war, diese alte Welt niederzureißen und aus ihren Ruinen eine neue aufzubauen, eine bessere. England und Frankreich hatten ihre Chance gehabt – in ihrer Gier und Überheblichkeit hatten sie gar nicht gemerkt, wie sehr sie diese Welt verdorben hatten. Es war an der Zeit, sie von ihrem Thron zu stürzen, damit eine neue Ära anbrechen konnte. Das war Deutschlands Mission.

Auf einer Brücke blieb er stehen und blickte ins ruhig dahinströmende Wasser. Er konnte sein Spiegelbild sehen und dahinter das brennende Warschau.

Plötzlich hörte er Schritte. Sofort wirbelte er herum. Seine Finger schlossen sich fest um die Waffe in seiner Hand.

Ein junger Mann kam um die Ecke gerannt. Als er ihn sah, blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Gesicht war russverschmiert, die Uniform an einigen Stellen zerrissen und auch er hielt ein Gewehr. Allerdings war es ein altes Modell, das längst überholt war. Doch die katzengrünen Augen blitzten nach wie vor kämpferisch.

"Verschwinde aus meiner Stadt!", knurrte Polen und hob das Gewehr. "Danzig kannst du meinetwegen haben, aber Warschau kriegst du niemals!"

Ausdruckslos musterte ihn Ludwig. Polen würde nicht so leicht aufgeben. Noch immer funkelte eiserne Entschlossenheit in seinen Augen. Er war ein zäher Hund – ansonsten wäre er längst im Laufe der Geschichte verblasst und verschwunden.

"Ich würde dir raten, dich besser zu ergeben", teilte Ludwig ihm ernst mit. "Du hast keine Chance. Meine Soldaten belagern diese Stadt. Wenn du kapitulierst, werde ich gnädig sein."

"Nur über meine Leiche!", antwortete Polen kalt. "Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe, dass ich endlich frei sein werde? Ein eigener Staat? Das werde ich ganz bestimmt nicht einfach so aufgeben! Außerdem", fügte er hämisch hinzu, "hab ich einen Pakt mit England und Frankreich. Sie werden mir zu Hilfe kommen. Also rate ich dir, jetzt besser zu verschwinden, oder sie radieren dich von der Landkarte Europas!"

Wut brodelte in Deutschland hoch. "Wie wagst du es, mit mir zu sprechen, Untermensch?!", donnerte er, "es wird Zeit, dass du lernst, wo dein Platz ist! Im Staub, zu meinen Füßen!" Er drückte ab. Der Knall und der Rückstoss waren unerwartet laut und er hörte, wie Polen vor Schmerz aufschrie, als der Schuss seine Schulter durchbohrte, so dass er sein Gewehr fallen ließ. Der zweite traf ihn in den Bauch, der dritte in die Brust.

Sich zusammenkrümmend taumelte Feliks gegen das Brückengeländer. Seine Augen waren vor Schreck und Schmerz weit aufgerissen. Er presste eine Hand auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen, doch schon breiteten sich dunkle Flecken auf seiner Uniform aus. "Du...", hob er an, doch da traf ihn schon der Gewehrkolben mit voller Wucht am Kopf und er stürzte zu Boden.

Einen Moment lang war Deutschland von seiner eigenen Brutalität erschreckt. Er ließ sich doch sonst nie so sehr von seinen Emotionen leiten! Das Geräusch, als der Gewehrkolben gegen Feliks‘ Kopf gekracht war, klang ihm noch immer in den Ohren.

Mühsam versuchte Polen, auf sein fallengelassenes Gewehr zuzurobben. Ehe seine blutverschmierten Finger sich um den Griff der Waffe schließen konnten, trat Deutschland zu ihm und drückte ihm einen Fuß in den Rücken. Polen gab ein ersticktes Keuchen von sich.

"Keine Bewegung!", befahl Ludwig und war froh, dass seine Stimme nicht zitterte. Mit einem Tritt beförderte er Polen auf den Rücken und richtete das Gewehr auf seine Brust. "Na?", stieß er hervor, "wo sind dein England und Frankreich jetzt?"

Feliks‘ Gesicht war vor Angst und Schmerz verzerrt. Sein Brustkorb hob sich in schnellen, krampfhaften Atemzügen. Viel zu lange war Polen ein Schandfleck auf der Landkarte gewesen. Es war an der Zeit, diesen zu tilgen.

Deutschland spannte den Hahn. Doch einen Moment zögerte er. Das Gewehr zitterte leicht. Er hatte noch nie zuvor eine andere Nation getötet. "Ergibst du dich?", fragte er Polen.

Fast hoffte er, dass die Antwort Ja sein würde. Dann bräuchte er ihn bloß gefangen zu nehmen und nicht zum Mörder zu werden. Aber Feliks antwortete nicht. Sein Blick war auf den grauen Himmel über ihnen gerichtet. Einen Moment lang dachte Deutschland, er hätte ihn vielleicht gar nicht gehört, doch dann bewegte Polen den Kopf fast unmerklich seitlich hin und her. Damit hatte er sein Schicksal besiegelt.

Es gibt kein Zurück mehr.

Feliks‘ Körper bäumte sich auf, als drei weitere Schüsse ihm die Brust zerfetzten. Ein gurgelnder Schrei kam aus seiner Kehle, dann fiel er zuckend in sich zusammen. Verzweifelt versuchte er, Luft in seine durchbohrten Lungen zu füllen, während Blut ihm aus dem Mund strömte und er in Todeskrämpfen über den Boden kratzte.

Ludwig stolperte zurück. Voller Grauen und Faszination blickte er auf die blutverschmierte, zusammengekrümmte Gestalt. Er hatte noch nie zuvor eine Nation sterben gesehen. Ein Teil von ihm schrie vor Entsetzen, ein anderer lachte triumphierend, doch keiner überwog den anderen. Polen hustete und spuckte Blut. Sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt. Ludwig stand wie erstarrt daneben. Am liebsten hätte er weggesehen und sich die Ohren zugehalten, doch er konnte sich nicht bewegen. Gefühlte zehn Minuten stand er daneben, bis Polens Japsen und Keuchen langsam verebbte und sein Körper schließlich erschlaffte.

Erst, als die Stille einkehrte, bemerkte Ludwig, dass sein Herz wie verrückt raste. Er ließ sich gegen das Brückengeländer sinken und stieß die Luft aus. Er hatte soeben eine andere Nation umgebracht.

Seine Gefühle waren in Aufruhr. Zum einen war er voller Euphorie über den Sieg, aber da waren auch Grauen und Schrecken über das, was er getan hatte und ein undefinierbares, prickelndes, berauschendes Gefühl, wie nach drei Bier auf Ex, wenn er daran dachte, wie leicht er Feliks besiegt hatte.

Vorsichtig näherte er sich der reglosen Nation. Polen lag auf dem Rücken, einen Arm um den Bauch geschlungen, den anderen von sich gestreckt. Unter ihm hatte sich eine dunkle Blutlache ausgebreitet. Deutschland beugte sich über ihn.

Auf den ersten Blick wirkte Polen tatsächlich wie tot. Er war aschfahl, seine Augen halb geschlossen und nur, wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass er noch ganz schwach atmete. Ein Rinnsal Blut lief ihm aus dem Mundwinkel. Doch er schaffte es, trotzig Deutschlands Blick zu erwidern.

Deutschland fluchte unterdrückt auf. Wieso musste dieser Bastard es ihm auch so schwer machen?! Ein Kopfschuss würde ihn ein für alle Mal erledigen. Entschieden legte er Feliks das Gewehr an die Stirn. "Du solltest mir danken", knurrte er, "ich tue dir eigentlich einen Gefallen, indem ich dich von deinem erbärmlichen Dasein erlöse." Doch ehe er abdrücken konnte, erklang hinter ihm auf einmal eine helle, kindliche Stimme: "Das würde ich an deiner Stelle lieber nicht tun, da."

Etwas in Polens Augen flackerte auf, als er die Stimme erkannte. Deutschland wirbelte herum. Am Fuße der Brücke stand ein groß gewachsener, aschblonder Mann. Er trug einen langen, beigen Mantel und einen dicken Wollschal. Statt eines Gewehrs trug er lediglich ein Wasserrohr bei sich. Doch obwohl er freundlich lächelte, blieben seine Augen kalt. Deutschland fühlte, wie er sich instinktiv anspannte.

Zwar waren sie miteinander verbündet, doch Russland strahlte etwas Undefinierbares aus, das ihn sofort mit Misstrauen erfüllte. Sein kindliches Lächeln verbarg, was in ihm vorging – weder Emotionen noch Gedanken ließen sich auf seiner Miene ablesen.

Gemütlich schlenderte er auf Deutschland zu. "Unseresgleichen sind sehr schwer zu töten", erklärte er ihm, "es braucht schon mehr als ein paar Schüsse in die Brust, um einen von uns ganz auszulöschen. Verletzungen, die für einen Menschen tödlich sind, heilen bei uns schon nach kurzer Zeit. Nur, wenn wir von einer anderen Nation übernommen werden, man unser Volk ausrottet oder unser Reich zerfällt, sterben wir in dem Sinne. Hat dir Gilbert denn nie davon erzählt?"

Jetzt fiel Ludwig auf, dass Russland allein gekommen war. Sofort verstärkte sich sein Griff um die Waffe. "Wo ist Gilbert?", wollte er schneidend wissen, "antworte mir, sonst –!"

"Der ist zurück zu den Soldaten gegangen", fiel ihm Russland ins Wort. Er legte den Kopf schief und blickte Deutschland weiterhin lächelnd an. "Warum denn so aggressiv? Wir sind doch Verbündete – warum sollte ich euch in den Rücken fallen?"

Deutschland spannte sich an. "Ich habe nichts dergleichen gesagt, dass ich glaube, du würdest uns hintergehen", antwortete  er steif.

"Dann muss ich das wohl falsch verstanden haben", meinte Russland.

Deutschland ließ langsam das Gewehr sinken. "Wie lange bist du schon da?", wollte er wissen.

"Ach, schon eine Weile."

Wut keimte in ihm auf. "Und warum hast du mir nicht geholfen?"

"Du hast es doch ganz gut allein hingekriegt, da", meinte Russland. Er ging zu Polen und versetzte ihm einen leichten Tritt in die Rippen, was diesem einen leisen Schmerzenslaut entlockte. "Der ist spätestens in einer Woche wieder auf den Beinen", verkündete Russland, "vielleicht sogar früher. Unkraut vergeht nicht." Blinzelnd drehte er sich zu Deutschland um. "Was wirst du denn nun mit ihm machen?", erkundigte er sich.

Ludwig warf einen raschen Blick auf die reglose, blutbedeckte Gestalt am Boden. "Für‘s Erste ist er mein Gefangener", entschied er dann, "ich bringe ihn mal ins Lager."

Russland nickte zustimmend. "Tu das", meinte er, "ich gehe mal schauen, ob es hier in der Nähe einen Laden hat, der Wodka verkauft – ich möchte herausfinden, ob der polnische mit dem russischen mithalten kann." Er drehte sich um und schritt davon.

Deutschland sah ihm nach. Elender Säufer, dachte er, dann schritt er zu Polen, der kaum noch bei Besinnung war. Einen Moment lang blieb er unschlüssig stehen. Er wollte den anderen nicht unbedingt berühren. Genauso wenig, wie er ein überfahrenes Eichhörnchen aufgehoben hätte.

"Russland!", rief er, "warte noch einen Moment!"

Russland blieb stehen und drehte sich um. "Ist noch was?", fragte er und klang fast ein wenig unwirsch.

Ludwig zeigte auf Polen. "Bring ihn bitte ins Lager", sagte er knapp, "deinen Wodka kannst du auch nachher holen."

Russlands Augenbrauen wanderten nach oben. "Hast du etwa eine Polen-Allergie?"

"Nein", antwortete Deutschland und zwang sich zu einem höflichen Lächeln, falls das ein Scherz gewesen sein sollte, "aber du hast während des Angriffs kaum einen Finger krumm gemacht und ich möchte meine Uniform nicht allzu sehr mit Blut besudeln."

Russland blickte ihn eine Weile mit seinem nichtssagenden Lächeln an, dann wandte er sich um, stapfte zu Polen und hob ihn hoch. Dieser zappelte ein bisschen, doch er war zu schwach, um sich groß zu wehren. "Keine Sorge", meinte Russland locker zu ihm, während sie sich auf den Weg machten, "bei Deutschland ist es schön, da. Es wird dir sicher gut bei ihm gefallen."




Voila, Kapitel Nr. 7! Ich hoffe, es ist nicht allzu brutal geworden. Der Angriff auf Polen hat mich ziemlich viel Arbeit gekostet.
Ein herzliches Danke an alle, die meine Geschichte lesen und besonders an die, die ein Review hinterlassen haben – ihr seid meine Motivation. Das nächste Kapitel ist schon in Arbeit und kommt vermutlich am Wochenende.

Macht‘s gut, Leute und bis zum nächsten Mal!
Eure Moonfighter
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