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Dunkle Zeiten

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
China Deutschland England Frankreich Italien Russland
01.06.2017
01.06.2018
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10.06.2017 2.373
 
Alte Freunde

Der Sommer geht zu Ende. Wehmütig blickte Ivan über das leuchtend gelbe Feld. Noch standen die Sonnenblumen in voller Blüte, aber sobald der erste Frost aufkam, würden sie jämmerlich erfrieren. Dieser Gedanke stimmte die große Nation traurig.

In letzter Zeit war er oft hierher gekommen, einfach nur, um sich die Sonnenblumen anzuschauen und nachzudenken. Nur hier konnte er zur Ruhe kommen, die Schmerzen und das Leid, das er momentan durchmachte, wenigstens für einen Moment vergessen. Die Sonnenblumen strahlten Wärme und Frohsinn aus, so dass ein seltenes ehrliches Lächeln auf seinen Zügen erschien und er einfach nur glücklich war, dass es in diesen düsteren Zeiten doch noch Schönes gab.

Schade, dass Alexei und Anastasia nie wieder Sonnenblumen sehen würden.

Er vermisste die beiden sehr. Sie waren so fröhlich, so lebhaft gewesen. Es war nicht recht, dass sie sterben mussten. Genauso wenig, wie es in irgendeiner Weise in Ordnung war, dass auch in dieser Zeit so viele Menschen litten und starben.

Hätte er das seinem Vorgesetzten gesagt, hätte dieser ihn dafür prompt erwürgt. Oder es zumindest versucht, denn Wesen wie Ivan waren nicht so leicht zu töten. Und Russland war einer von der besonders zähen Sorte.

Jahrhunderte absolutistischer Herrschaft, mongolische Überfälle und nervige katholische Rittermissionare hatten ihn abgehärtet. Eisige Winter, Hungersnöte und zermürbende Kriege gegen Polen oder seine nordischen Nachbarn hatten auch noch ihr Übriges getan. Aber egal, wie schwer es gewesen war, Russland ließ sich nicht unterkriegen. In all den Jahren hatte er gelernt, alles Leid und Elend mit Geduld zu ertragen, sich anzupassen und immer wieder aufzustehen.

Der Erste Weltkrieg war das Schlimmste gewesen, das er je erlebt hatte. Und auch jetzt ging es ihm nicht gut. Sein neuer Vorgesetzter war ein grausamer, größenwahnsinniger Mann, der sein Volk unterdrückte und tyrannisierte. Er führte sein Regime mit eiserner Hand und duldete keinen Widerspruch. Diejenigen, die ihm ein Dorn im Auge war, ließ er hinrichten, verhaften oder verschleppen. Es herrschten Angst, Hunger und Not.

Mit einem traurigen Lächeln strich Ivan über die Sonnenblumen. Ja, auch wenn Josef es sich nicht eingestand, er wusste, wie es in seinem Land aussah. Als Personifikation Russlands spürte er das Leid seiner Bevölkerung am eigenen Leib. Das letzte Mal, als er diese Schmerzen spürte, war im Ersten Weltkrieg, als er Unzählige seiner Kinder auf dem Schlachtfeld verlor und ebensoviele in der Heimat starben, weil die Männer, die sonst den Acker bewirtschafteten, auf einmal nicht mehr da waren und es deshalb zu wenig zu essen gab. Die Arbeiter in den Fabriken rackerten sich zu Grunde, während in der Fremde russisches Blut die Erde tränkte.

Doch jetzt war Frieden. Aber warum ging es seinen Kindern nach wie vor so schlecht wie zu Kriegszeiten?

Seufzend wandte er sich ab. Er sollte besser nach Hause gehen. Das erste Abendrot kam am Himmel auf, so dass die Sonnenblumen nun gelborange zu leuchten schienen. Lächelnd drehte er sich noch einmal um, prägte sich den Anblick ein, dann ging er.

In seinem langen Leben hatte er gelernt, gerade die kleinen Sachen zu wertschätzen. Die Sonnenblumen, die in voller Pracht standen und das Land mit Farbe erfüllten, ein Wintertag, an dem einmal die Sonne schien, ein paar vergnügt spielende Kinder oder das Lächeln eines glücklichen Paars, eine Umarmung seiner Schwestern, wenn er nach Hause kam... All diese Momente gaben ihm die Kraft, die er benötigte, um weiterzumachen.

Die große graue Villa, in der er mit der UdSSR wohnte, kam in Sicht. Sie stand abseits von Moskau und hatte früher einem reichen Bürger gehört, bis sein gesamter Besitz konfisziert wurde. Was aus dem Mann geworden war, wusste Ivan bis heute nicht.

Jedenfalls wohnten heute abgesehen von ihm und seinen Schwestern auch Moldawien, die Stan-Staaten und die Kaukasus-Brüder. Allerdings wohnten bloß Natalya und Katyusha außer ihm dauerhaft in der Villa, da Rumänien darauf beharrte, dass Moldawien zu ihm gehörte, die Stans zogen es vor, in ihren Zelten auf den Steppen ihrer Heimat zu übernachten und Georgien und Armenien blieben auch lieber bei sich. Allerdings schaute Georgien öfters vorbei, wahrscheinlich wegen seinem schlechten Gewissen, dass Russland nun unter einem seiner Söhne litt.

Plötzlich blieb Ivan wie erstarrt stehen. Vor dem Eingangstor stand eine merkwürdige Maschine, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Er legte den Kopf schief und betrachtete sie misstrauisch. Das sah nach irgendeiner Erfindung von England oder Deutschland aus. Was machte die denn hier?

Auch die Haustür war nicht verschlossen. Russland kannte nur jemanden, der einfach so in die Häuser anderer Leute marschierte, ohne seinen Besuch anzukündigen.

Er schob die Tür auf. In der Garderobe hing auffallend ordentlich ein Mantel und auch die Stiefel waren schön hingestellt worden. Ivan grinste und ging ins Wohnzimmer. Dort blieb er in der Tür gelehnt stehen.

"Hallo, Preußen", sagte er lächelnd, "wie schön, dass du mal wieder vorbeikommst."

Die andere Nation hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Als sie ihn sah, sprang sie auf und kam ihm mit einem Grinsen entgegen. "Als ich das letzte Mal bei dir war, hast du in einer ärmlichen Hütte am Waldrand gehaust", sagte der Albino zur Begrüßung.

"Die du abgefackelt hast."

"Sie war ja auch hässlich", murrte Preußen und Ivan lachte.

Gilbert war der Einzige, der ihm seine Meinung offen ins Gesicht sagte, ohne dabei wie Espenlaub zu zittern, wie es beispielsweise bei Lettland der Fall war. Außerdem war er auch der Einzige, der keine Angst vor Ivan hatte. Immerhin kannten sie sich schon Ewigkeiten, als Gilbert noch ein Ritterorden ohne eigenes Land und Ivan ein ängstliches kleines Natiönchen, das kaum wusste, an welchem Ende man das Schwert packen sollte. In all den Jahrhunderten hatten sie sich oft bekämpft, aber genauso oft Bündnisse geschlossen und es war sogar eine preußische Prinzessin eine der größten Monarchen von Russland geworden.

Doch nach dem Ersten Weltkrieg hatten sie kaum mehr Kontakt zueinander gehabt. Sie hatten sich gegenseitig wirklich übel zugerichtet. Russland hatte Unzählige seiner Kinder verloren, da er weniger modernisiert und den technisch fortschrittlicheren Nationen unterlegen war.

Aber er wusste, dass Preußen nicht vorgehabt hatte, ihm solche Schmerzen zu bereiten. Keiner von ihnen hatte richtig begriffen, zu was sie dank Maschinengewehren, Kampfflugzeugen, Panzern und Giftgas-Bomben fähig waren.

"Wodka gefällig?", bot er ihm an, "man muss doch darauf trinken, dass ein alter Freund einem besuchen kommt!"

"Nein, danke", lehnte Gilbert überraschend ab, "ich halte mich lieber an deutsches Bier."

Verwundert zog Ivan eine Augenbraue hoch. "Alkohol ist Alkohol", teilte er ihm freundlich mit, "egal von welcher Nation er ist. Polen wagt es doch tatsächlich zu behaupten, dass Wodka von seinen Leuten erfunden wurde!"

"Dieser dreckige kleine Dieb", knurrte Preußen und ballte die Fäuste, "und damit lässt du ihn einfach davonkommen?"

Ivan blickte ihn verwirrt an. "Wie meinst du das? Es ist doch so ziemlich egal, wer es erfunden hat. Das weiß heutzutage eh keiner mehr so genau. Fakt ist, es ist wirklich gut und wenn es tatsächlich von Polen ist, dann hat er doch tatsächlich mehr im Kopf als rosarote Ponys, da."

"Das großartige Ich wird jedenfalls nichts trinken, was von diesem Abschaum Polen gebraut wurde!", verkündete Gilbert, "wer weiß, vielleicht hat er ja irgendetwas reingetan und wer davon trinkt, wird genauso wie er." Bei dem Gedanken schüttelte er sich vor Abscheu. "Aber wenn es von dir ist, ist natürlich gut", fügte er schnell hinzu.

"Es ist von russischen Bauern gebraut worden, keine Sorge, da", besänftigte Ivan, "also setz dich ruhig hin und trink ein Glas mit mir."

"Ein Glas heißt in deiner Sprache wohl eine Flasche", antwortete Preußen, setzte sich aber dennoch zu ihm an den Tisch. Ivan schenkte ihnen ein.

"Seit wann sagst du eigentlich nicht mehr Awesome Me?", erkundigte er sich dabei neugierig.

Gilbert zuckte die Schultern. "Ich hasse diese Anglizismen!", knurrte er, "die deutsche Sprache sollte fern bleiben von diesem andersartigen Kauderwelsch!"

"Früher hat es dich aber nie gestört", meinte Ivan.

"Tja, jetzt stört es mich aber", erklärte Gilbert hochmütig, "das großartige Ich spricht jetzt nur noch die großartige deutsche Sprache!" Damit leerte er sein Glas in einem Zug. "Bah, ist das Zeug stark!", hustete er.

"Russischer Wodka eben", grinste Ivan.

"Ja, aber Polen hat ihn geklaut", knurrte Preußen grimmig, "jemand sollte diesem Mistkerl all seine diebischen Finger brechen!"

Ivan nickte zustimmend. "Ja, er hat meinen Schwestern Ländereien weggenommen. Ukraine war deswegen sehr unglücklich, da", erzählte er.

"Die Arme", sagte Gilbert, "dabei braucht sie das Land doch sehr." Er beugte sich vor. "Also, wann greifst du an?"

Verwirrt sah Ivan ihn an. "Angreifen? Wen den?", fragte er verdutzt.

Gilbert verdrehte die Augen. "Polen natürlich", erklärte er, "es geht doch nicht, dass er deine Schwestern bestiehlt, oder?"

Russland zögerte. "Natürlich nicht", räumte er ein, "aber ich muss mich gerade um meine eigenen Leute kümmern. Ich hab gerade keine Zeit für einen Krieg."

Gilbert schnaubte spöttisch. "Das kann man doch nicht einen Krieg nennen! Wir marschieren nur schnell nach Warschau und nehmen Polen ein, dann gehen wir wieder nach Hause. Dieser Dummkopf wird viel zu sehr mit seiner Maniküre beschäftigt sein, um sich zu wehren, kesesese!"

"Mit der Einstellung sind du und dein Bruder damals gegen Frankreich vorgerückt", bemerkte Ivan trocken. "Der Krieg sollte bis Weihnachten zu Ende sein, aber nein, er dauerte vier Jahre."

Gilbert verdrehte die Augen. "Wir werden schon keinen Zweiten Weltkrieg lostreten", meinte er, "wir zerreiben bloß Polen, wie in den guten alten Zeiten, kesesese."

Ivan lächelte versonnen."Das hat wirklich Spaß gemacht, da", erinnerte er sich, "ich glaube, so eine kleine Invasion wäre wirklich lustig. Besonders mit einem alten Freund wie dir." Er wollte Gilbert auf den Rücken klopfen, doch dieser zuckte unter der Berührung weg.

"Fass meine schöne deutsche Uniform nicht an, Kommunist!"

Ein wenig verwundert zog Russland die Hand wieder zurück. "Schon gut, da", sagte er, "ich will ja nicht diese schöne deutsche Uniform mit meinen kommunistischen Händen entweihen."

"Gut! Du lernst schnell!", lobte ihn Preußen.

Ivans Lächeln verrutschte ein wenig. Aber Preußen war ja schon immer ein seltsamer Kauz gewesen. Also dachte er sich nichts weiter dabei. "Warum bist du denn eigentlich so wütend auf Polen?", wechselte er das Thema.

"Weil er ein Schandfleck auf der Weltkarte, der weggetilgt werden muss."

Russland lachte, doch dann bemerkte er, dass Gilbert ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck ansah. "Warum lachst du?", wollte er wissen.

"Na, weil das doch ganz offensichtlich ein Scherz war, da", erklärte Ivan.

"Das war kein Scherz!", fuhr ihn Gilbert unwirsch an, "es ist mir verdammt noch mal sehr ernst!" Wie zur Bekräftigung schlug er mit der Faust auf den Tisch. "Ich glaube, das verstehst du nicht", fuhr er fort, "aber Polen muss weg. Alles, wofür er steht, was er ist, all das muss weg, denn er ist eine Bedrohung für das Deutsche Reich!"

"Eine Bedrohung? Polen?", vergewisserte sich Ivan, um sicherzugehen, dass Preußen ganz sicher nicht scherzte.

Genervt lehnte sich Gilbert zurück. "Ich wusste ja, dass du das nicht verstehst. Das ist einfach zu schwer für jemanden wie dich."

"Jemanden wie mich? Was meinst du damit?"

"Das ist zu kompliziert – ich glaube, der Führer könnte dir das besser erklären. Alles, was du tun musst, ist mich zu unterstützen, wenn Deutschland und ich Polen angreifen."

"Ich dachte, Deutschland und Polen hätten einen Nichts-Angriffspakt?" Das wird ja immer verwirrender!, dachte Russland.

"Das braucht dich nicht zu interessieren", entgegnete Gilbert, "hör auf zu denken, das bringt eh nichts."

"Das haben mir meine Bosse auch immer gesagt, da", meinte Russland fröhlich.

"Ja, da hatten sie sowas von Recht, kesesese", erwiderte Preußen und stand auf. "Also dann, Vanja. Ich muss jetzt gehen. Aber es wäre wirklich großartig, wenn wir Polen wieder zusammen zerreiben könnten, so, wie wir es früher getan haben."

Ivan nickte nachdenklich. "Ich spreche mit Josef", sagte er dann. Vielleicht lenkt ihn das für eine Weile davon ab, das Volk zu terrorisieren.

"Sehr gut! Ich wusste, auf dich kann ich mich verlassen!" Gilbert tätschelte ihm die Schulter, dann spazierte er zufrieden pfeifend davon.

Russland zuckte erschrocken zusammen. Bei ihm galt es als unhöflich, zu pfeifen – wusste Gilbert das nicht mehr? Aber es war bestimmt nicht böse gemeint. Er war ja so ins Deutsche vernarrt, dass er sicher vergessen hatte, dass ein paar Bräuche, die in Deutschland Gang und Gäbe waren, in anderen Ländern nicht so gut ankamen.

Schließlich fiel die Tür ins Schloss. Ivan ging zum Fenster und sah zu, wie Gilbert zu dem komischen Mobil ging, das wohl so etwas wie ein Fahrzeug war, und dann darin davontuckerte.

Bildete er es sich nur ein, oder war Preußen heute ziemlich seltsam gewesen? Er machte sich zwar ziemlich oft über ihn lustig, aber heute war er irgendwie anders gewesen. So ernst, so überzeugt. Und wie verächtlich er von Polen gesprochen hatte.

Natürlich, Preußen konnte sich schnell aufregen, aber ansonsten war er eigentlich ein ziemlich lockerer Typ. Wenn Nationen ständig alte Fehden aufrechterhielten, würden sie sich eines Tages noch gegenseitig zerstören. Beim letzten Mal war nur deshalb niemand ausgelöscht worden, weil alle Kämpfer etwa gleich stark waren. Aber sie alle hatten aus ihren Fehlern gelernt.

Trotz des Nichtangriffs-Vertrags mit Polen schloss Deutschland ein heimliches Abkommen mit der Sowjetunion, indem Russland die ehemaligen Gebiete des Zarenreiches zugesichert wurden. Im Gegenzug würde Russland nicht gegen Deutschland vorgehen.


So, ihr Lieben, mal wieder ein Kapitel von mir. Ich kam während der Woche kaum zum Schreiben – tut mir echt leid. Ich hab an diesem hier ziemlich lange herumgehapert, weil es echt schwer ist, Russlands Charakter zu treffen und Preußen, nachdem er von der neuen Ideologie verdreht wurde.
Reviews – immer gerne!

Wir sehen uns im nächsten Kapitel.
LG, Eure Moonfighter
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