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Dunkle Zeiten

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
China Deutschland England Frankreich Italien Russland
01.06.2017
01.06.2018
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28.03.2018 2.265
 
Am seidenen Faden

Am 10. Juli 1943 landeten die Alliierten auf Sizilien. Die Invasion trug den Codenamen "Operation Husky". Fallschirmjäger sprangen auf der Insel ab und Schiffe näherten sich vom Meer aus. An der Küste waren nur wenige Einheiten stationiert, so dass die Alliierten recht schnell ins Innere von Sizilien vordrangen.
Zwar kamen deutsche Einheiten den italienischen Verbündeten zu Hilfe, doch dank dem Überraschungseffekt hatten die Alliierten den Vorteil. Zwischen dem britischen und dem amerikanischen Befehlshaber entwickelte sich ein regelrechtes Wettrennen, wer schneller die Stadt Messina einnehmen könne.
Die Deutschen und Italiener mussten ihre Truppen von Sizilien zurückziehen.


Romano ignorierte Antonios entsetztes Keuchen und Felicianos Aufschrei, als ihm Litauen die Verbände abnahm. Stur hielt er den Blick geradeaus gerichtet, obwohl die frische Luft auf seinen Wunden brannte und er die Zähne zusammenbeißen musste, um sich nichts anmerken zu lassen.

Sein Oberkörper war übersät mit Wunden, die noch offen waren, obwohl eine Nation sich normalerweise im Handumdrehen regenerierte. Die Verletzungen an Armen und Beinen, die er sich bei den Gefechten auf Sizilien, wo urplötzlich die Alliierten wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, zugezogen hatte, waren zwar verheilt, aber dann schien es, als hätten seine Selbstheilungskräfte plötzlich einen Streik angetreten.

"B-Bruder..." Veneziano streckte zaghaft die Hand nach ihm aus. Lovino wandte sich ab, er wollte die Tränen seines jüngeren Zwillings nicht ertragen. Sein Blick flackerte zu Heracles hinüber.

Eigentlich war Litauen für die Verarztung der Achsenmächte zuständig, aber es gab niemanden, der mehr über die Nationen und ihre Natur wusste als Griechenland, Selbst China und Japan nicht. Er war die letzte Hoffnung.

Heracles trat zu ihm. Sein Haar war länger geworden, dass er es mit einem Band zu einem Pferdeschwanz trug, damit ihm die Strähnen nicht ständig ins Gesicht hingen, so dass er Litauen fast zum Verwechseln ähnlich sah. Doch im Gegensatz zu diesem stammten die Blässe seiner Haut und die dunklen Ringe unter den Augen nicht von den Albträumen, von denen Toris und seine Brüder seit dem letzten Winter heimgesucht wurden und welche Lettland sogar des Nachts schlafwandelnd durch die Gänge streifen ließen.

Unter der Erde hatte Heracles‘ Haut ihre natürliche Bräune eingebüßt und wirkte stattdessen nun fahl und bleich wie aufgeweichtes Papier. Die Trägheit, die die Gefangenschaft mit sich brachte, und die Mittel, welche ebenjene Lethargie bekämpfen sollten, riefen  eine ungesunde Mischung hervor.

Abscheu auf Deutschland stieg in Lovino hervor, obwohl der derjenige gewesen war, der ihm zu Hilfe geeilt war, als die Alliierten auf Sizilien gelandet war.

Lovino zuckte zusammen, als Heracles über seine Flanken strich. Griechenlands Finger waren kalt, ungewöhnlich für eine Nation des Südens, als würde bereits der Tod an ihnen haften.

Romano schlug das Herz bis zum Hals. Aus den Augenwinkeln schielte er zu Griechenland hinüber, der die Wunden begutachtete und danach die blauen Flecken, welche von den bereits verheilten Verletzungen zurückgeblieben waren.

Antonio zappelte unruhig hin und her. "K-kannst du ihm helfen?" Seine Stimme zitterte, er klang, als wäre es sein Leben, das am seidenen Faden hing. Er knetete seine Hände und starrte Heracles mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung an, als würde er ihn stumm anflehen, dass Lovino die harschen Worte in der Kehle steckenblieben.

Heracles antwortete nicht sofort. Stattdessen betrachtete er weiterhin Süditaliens verunstalteten Oberkörper, dann wanderte sein Blick weiter zu den Armen, welche ein interessantes Muster aufwiesen, als trüge er indigofarbene Leopardentätowierungen.

"Sind diese Verletzungen gleich alt?", fragte er schließlich mit monotoner Stimme. Lovino nickte mit zugeschnürter Kehle.

Herales stieß ein tiefes Seufzen aus. "Das hab ich mir gedacht." Er richtete sich wieder auf. "Und ein Teil deines Landes wurde besetzt?" Wieder Nicken.

"Dann kann sowas manchmal vorkommen." Heracles wies mit dem Kinn auf seine Wunden. "Wenn ein Teil deines Landes besetzt wird, kann das auch Auswirkungen auf deinen Körper haben. Im Krieg ist das oft, das Wunden nicht heilen."

Antonio sprang auf. "Wie bitte?! Du meinst, er verblutet?!", schrie er.

"Nein, denn die Wunden bluten ja nicht, oder?", entgegnete Heracles ruhig.

"H-heißt das, er wird nicht wieder gesund?", flüsterte Feliciano erstickt. Er ließ sich neben Romano aufs Bett sinken und starrte ihn an, als hätte er Angst, dass er hier und jetzt zu Staub zerfallen würde.

"Das muss es nicht heißen!", sagte Litauen rasch und warf einen Blick zu Heracles. "Oder?", formten seine Lippen, doch Lovino täuschte man nicht so leicht.

Griechenland wiegte den Kopf hin und her. "Es kann sein, dass die Wunden einfach langsamer heilen", sagte er dann.

"Aber sie heilen?", vergewisserte sich Romano. Heracles neigte den Kopf. Romanos Herz begann höher zu schlagen und die Träne, die Veneziano über die Wange kullerte, war vor Freude. Er fühlte, wie sich ein idiotisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete und Erleichterung ihn wie ein Tsunami überwallte.

Doch Heracles‘ Worte ließen seine Erleichterung schlagartig wieder verpuffen: "Vorausgesetzt, die Alliierten geben sich mit Sizilien zufrieden", setzte der Grieche hinzu.

"Was?!", japste Spanien. Er wurde leichenblass. Mit schreckgeweiteten Augen starrte er erst von Romano zu Griechenland. "Meinst du, wenn sie noch mehr von seinem Gebiet erobern, dann heilt es nicht?"

"Es könnte sogar sein, dass die Wunden tiefer werden und die, die schon verheilt sind, wieder aufreißen." Heracles tippte auf einen der blauen Flecken an Süditaliens Oberarm.

Romano hatte das Gefühl, als hätte jemand einen Eimer eiskaltem Wasser über ihn ausgeschüttet.

Entsetzt starrte er Griechenland an. "Das ist nicht dein Ernst, oder?!" Seine Stimme klang krächzend. "Nationen regenerieren sich immer!"

"Nein, nicht immer", piepste es hinter der Tür, "das Römische Reich zum Beispiel..."

Romano wirbelte herum und erblickte einen kleinen, braunhaarigen Jungen, der in der Tür stand. Er hatte ihn gar nicht bemerkt. Da realisierte er plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Sein Bruder war aufgesprungen.

"RAUS HIER, LETTLAND!", brüllte Norditalien mit einer solchen Wut, dass der Putz von den Wänden rieselte.

"Feli!", rief Antonio, doch schon hatte Feliciano ihn zur Seite gestoßen und stürmte auf Raivis zu, mit einem so wilden und mordlustigen Blick, als wolle er ihm die Kehle aufschlitzen, stolperte dabei aber über seine Schuhbändel und fiel der Länge nach hin.

"Ist alles in Ordnung?", fragte Raivis und trat auf ihn zu. Feliciano rappelte sich auf, das Gesicht vor Hass und Wut verzerrt, und die Fäuste geballt.

Tränen glitzerten in seinen Augen, als er Lettland, der ahnungslos vor ihm stand und aus großen Augen zu ihm hochsah, voller Hass anfunkelte, als wollte er ihn gleich schlagen. Seine Schultern zitterten und er bleckte die Zähne wie ein aggressives Tier.

Noch nie zuvor hatte Lovino seinen Bruder so gesehen und er konnte kaum glauben, was er da sah. Selbst er, der viel leichter in die Luft ging, drehte nie so durch. Doch Felicianos Blick war mörderisch, als hätte er wirklich vor, Raivis richtig wehzutun.

Romano hatte nicht einmal gewusst, dass sein Bruder überhaupt fähig war, Wut zu empfinden! Aber der Hass, der jetzt das Gesicht seines Bruders zu einer Fratze verzerrte, überstieg seine Vorstellungen bei Weitem. Gleichzeitig wusste er, dass dieser Hass nicht gegen Lettland gerichtet war, und eine innere Stimme flüsterte ihm zu, dass er eingreifen musste, bevor Feliciano noch etwas tat, das er später bereuen würde –

Dann geschah alles sehr schnell. Ein zweites Mal stürzte sich Italien auf Raivis. "ICH BRING DICH UM!", kreischte er und Raivis war glücklicherweise nicht so dumm, "Wieso denn?" zu fragen und stehenzubleiben, sondern ergriff panisch die Flucht.

"Oha", kommentierte Griechenland das Geschehen eher trocken, während Litauen und Spanien, die noch einen Moment gebraucht hatten, um sich aus ihrer Starre zu lösen, die Verfolgung aufnahmen.

Romano wollte auch hinterherhechten, aber seine Beine gaben unter ihm nach. Er sackte zu Boden und hätte Heracles ihn nicht rechtzeitig an der Schulter gepackt, wäre er sicherlich unsanft aufgeprallt.

"Lass mich los!" Er versuchte, Heracles von sich zu stoßen, doch dieser hielt ihn mühelos fest und hievte ihn zurück aufs Bett.

"Bleib liegen, sonst platzen deine Wunden wieder auf", riet er ihm und drückte ihn auf die Matratze.

"Ich verpass dir gleich eine Wunde, wenn du mich nicht sofort loslässt!", zischte Romano, doch im nächsten Moment stöhnte er auf, denn bei der heftigen Bewegung begannen die Wunden wieder zu pochen. Er biss sich auf die Zunge, konnte aber die weiteren Schmerzenslaute nicht ersticken.

Er kniff die Augen zusammen und zwang sich, ruhig zu atmen. Der Schmerz war noch immer da, aber er raubte ihm nicht mehr den Atem. "Was ist mit Feliciano los?", fragte er schließlich.

"Heracles?" Er wandte den Kopf und blickte den Griechen an.

Dieser zuckte nur die Schultern. "Was weiß ich, was in deinem Bruder vorgeht?", entgegnete er, "solltest du, als seine andere Hälfte, das nicht am besten wissen?" Romano öffnete den Mund zu einer patzigen Erwiderung, aber Griechenlands olivfarbene Augen durchbohrten ihn mit einer solchen Intensivität, das er doch schwieg.

Im Gegensatz zu Feliciano hatte er nur noch wenige Erinnerungen an seinen Großvater und nach seinem Verschwinden waren sie rasch getrennt worden. Doch er wusste, dass Feliciano sehr lange um seinen Großvater getrauert und ewig gewartet hatte, in der Hoffnung, dass er doch noch zurückkehren würde. Und dann war auch noch einer seiner Freunde, das Heilige Römische Reich, bei dem er gelebt hatte, verschwunden.

Er starrte zur Decke. In seinem Innersten herrschte noch immer völlige Aufruhr. Er konnte noch immer nicht begreifen, was geschehen war. Es war alles so viel: Die Alliierten, die Wunden, Felicianos Ausbruch... Er packte das Kissen und vergrub das Gesicht darin, um hineinzuschreien.

"Frag dich selbst, was du tun würdest, wenn er einer solchen Bedrohung ausgesetzt wäre", hörte er Heracles murmeln, als er fertig war.

Romano ließ das Kissen wieder sinken und starrte mit leerem Blick an die Decke. Unten hörte er Poltern und Krachen, Felicianos schrille Stimme, dann, wie Deutschland aufbrüllte und für Ruhe sorgte. Seine Worte wurden zu sehr von den Wänden gedämpft, um sie genau zu verstehen aber die autoritäre Lautstärke klang dennoch hindurch.

Deutschland wäre bestimmt ziemlich beeindruckt gewesen, wenn er gesehen hätte, wie Norditalien vorhin ausgeflippt war, dachte Romano. Wenn Feliciano auf dem Schlachtfeld derart raste, wie er es vorhin getan hatte, ohne Rücksicht auf Verluste, dann hätte Deutschland einen ungeahnt machtvollen Verbündeten an seiner Seite.

Sofort saß Lovino kerzengerade in dem Bett.

"Was habe ich dir gerade gesagt?", raunzte Griechenland, doch Romano nahm es gar nicht wahr.

Seine Gedanken überschlugen sich. Ich muss Feliciano da rausbringen! Wenn er nochmal so durchdreht, dann könnte er sich ernsthaft verletzen!, dachte er fieberhaft.

Angestrengt lauschte er auf die Geräusche aus den Zimmern unter ihnen, aber es war unmöglich, etwas genauer zu verstehen. Er hörte Felicianos verzagtes Schluchzen, sein Anfall war offenbar vorbei.

Aber was, wenn sich so etwas wieder provozieren ließe?, fragte sich Romano. Wenn eine Bombenattacke auf seine Hauptstadt seinen Bruder vielleicht derart in Rage versetzen würde, dass er alles kurz und klein schlagen würde? Aber Feliciano war zu schwach... Er würde sich nur selbst in sein Verderben stürzen!

Panik jagte durch Lovinos Körper, das Blut schien ihm in den Adern zu gefrieren.

Ich darf nicht zulassen, dass Feliciano gegen die Alliierten kämpft. Er würde das niemals überstehen! Er würde schwer verletzt werden... Wir müssen aus dem Krieg austreten, das Bündnis quittieren, Frieden schließen... Aber Feliciano würde den Kartoffelfresser nie verlassen...

Dann musste halt der Krieg beendet werden, so einfach war das.

Nein! Das geht auch nicht! Es wäre ein Massaker und am Ende würden wir doch verlieren! Es sei denn...

Es sei denn, wir würden gar nicht auf Deutschlands Seite kämpfen.


"Worüber denkst du gerade nach?", fragte Griechenland lauernd und Romano zuckte zusammen.

"N-nichts, nichts", sagte er rasch und schlug die Augen nieder. Ehe Griechenland nachhaken konnte, wurde die Tür geöffnet und Spanien kam hinein. Sein Haar war zerzaust und seine Wangen gerötet, und er hatte eine Kratzspur über der Nase, als hätte eine Katze ihm eine mit ihren Krallen verpasst.

"Mano? Ist alles in Ordnung?", fragte er besorgt. "Geht es dir gut?" Er setzte sich auf die Bettkante und legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Ja, klar", würgte Lovino hervor – die Lüge schmeckte bitter wie Galle auf der Zunge. "Wie geht’s Feliciano?"

"Er hat sich wieder beruhigt. Deutschland ist bei ihm", lautete die Antwort. Romano unterdrückte einen Fluch, doch Spanien spürte, wie er sich kurz verkrampfte und strich ihm über den Rücken.

Schon wieder der Kartoffelbastard! Es war ja leichter, Blei aus Granit mit den Fingernägeln rauszukratzen als Veneziano von Deutschland zu trennen! Lovino knurrte auf. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?

"Vielleicht solltest du eine Weile schlafen. Das war echt... chaotisch heute." Spanien versuchte sein übliches sorgloses Lächeln, doch es gelang ihm nicht.

Romano nickte trotzdem. Antonio hatte Recht. Schaudernd legte er eine Hand auf eine Bauchwunde und setzte eine Frist auf zwei Wochen.

Wenn Deutschland die Alliierten dann nicht von Sizilien vertrieben hatte, hatte er keine Wahl mehr.




Entschuldigt die lange Schreibpause. Die Schule hat mich abgehalten, aber jetzt sind ja zum Glück Osterferien. Ich hoffe echt, dass es nicht wieder so eine lange Pause gibt.
Na ja, ich bin nicht so zufrieden mit mir. Es hat mich mehrere Anläufe gekostet, das Kapitel zu Ende zu bringen. Jetzt bin ich echt k.o.

*Tomaten hinstell*

LG,
Moonfighter

Anmerkung: Übrigens, ich habe die Auflösung von Kapitel 40 hinzugefügt.
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