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Dunkle Zeiten

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
China Deutschland England Frankreich Italien Russland
01.06.2017
01.06.2018
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Dieses Kapitel
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16.02.2018 1.793
 
Okay, normalerweise mache ich solche Anmerkungen nicht am Anfang des Kapitels, aber vielleicht sollte ich euch hier vorwarnen. Kommt ziemlich viel Blut vor.

Gefallene Rosen

Die Weiße Rose war eine Studentenverbindung und Widerstandsgruppe in München gegen den Nationalsozialismus. Sie bestand aus den Geschwistern Sophie (21) und Hans Scholl (24), Alexander Schmorell (25), Willi Graf (25), Christoph Probst (23) und ihrem Professor Kurt Huber (49). Sie verteilten Flugblätter, in denen sie zum Widerstand aufriefen und die Gräueltaten der Nazis anprangerten, und schmierten in nächtlichen Aktionen Parolen wie "Nieder mit Hitler!" oder "Freiheit!" an öffentliche Gebäude.
Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen der Flugblätter vom Hausmeister der Ludwig-Maximilian-Universität, wo sie studierten, erwischt, und der Gestapo ausgeliefert.
In einem Schauprozess wurden sie sowie ihr Freund Christoph Probst zum Tode verurteilt und am 22. Februar mit einer Guillotine hingerichtet. Am selben Tag wurde Alexander Schmorell verhaftet.
Auch die restlichen Weiße-Rose-Mitglieder wurden alle einer nach dem anderen hingerichtet, ebenfalls durch das Fallbeil.


Als das Fallbeil in Stadelheim niedersauste, stieß die Weiße Rose einen gellenden Schrei aus und brach zusammen. Gerade noch rechtzeitig fing Bayern sie auf und legte sie sanft auf den Boden.

Der Körper des Mädchens zitterte unkontrolliert wie bei einem epileptischen Anfall, Tränen strömten ihr übers Gesicht, während sie beide Hände auf eine klaffende Wunde an ihrem Bauch drückte, die genau in dem Augenblick aufgetaucht war, als das Urteil vollstreckt wurde.

Bilder von einer Konstruktion aus Holz und Metall blitzten vor Bayerns geistigem Auge auf, eine Maschine, die aussah wie eine Art Tisch, auf den ein dunkelhaariges Mädchen geschnallt war, eine glänzende Klinge, die plötzlich nach unten fiel, und ein dumpfes Geräusch, das einem die Haare zu Berge stehen ließ –

Erneut schrie die Weiße Rose durchdringend auf und ihr Schrei hallte durch den Wald, so dass ein paar Vögel panisch aufstoben. "Gefahr! Gefahr!", signalisierte ihr aufgeregtes Tschilpen. Ein paar Krähen, angelockt von den Schmerzensschreien der Weißen Rose, ließen sich krächzend auf den umstehenden Bäumen nieder. Gierig äugten sie auf die sich vor Schmerzen windende Weiße Rose nieder. Bayern hörte sie krächzen und flattern, und nie zuvor waren ihm Geräusche derart zuwider gewesen. Selbst das Geräusch der Guillotine machte ihm weniger aus als dieses Gekrächze, das wirkte, als würden die Krähen miteinander diskutieren.

"Krah, krah, kommt alle her! Hier liegt ein Menschlein, das wohl einem reißenden Raubtier zum Opfer gefallen ist!"
"Krah, krah, ja, ja ich sehe es! Wie schön, es ist ja fast alles noch dran!"
"Krah, krah, wie herrlich!"
"Ein Festmahl!"
"Krah, hört, wie es schreit! Seht, wie es sich vor Schmerzen biegt! Wir warten, bis es seinen Wunden erliegt!"
"Krah, krah, wir warten! Jaja, wir warten!"
"Wir warten, und dann werden wir fressen!"
"Krah, krah, ja, ja! Fressen! Fressen!"
"Krah, krah, Fressen! Fressen! Fressen!"

Das glückselige Krächzen jagte Bayern einen Schauer über den Rücken. Auch Preußen schienen die Krähen nervös zu machen. "Schert euch zum Teufel, Rabenvieh!", brüllte er und schleuderte einen Stein nach den nächsten umsitzenden Krähen, die sofort aufstoben. Flatternd ließen sie sich ein paar Meter höher auf den Ästen nieder, außerhalb von Gilberts Wurfweite, und ihr Krächzen klang jetzt wie höhnisches Gelächter.

"Krah, krah, wir warten! Wir warten!"
"Wir warten, und dann werden wir fressen!"
"Fressen, fressen, krah, krah!"

"Elende Aasfresser", murrte Gilbert und trat nach einem Baumstamm. "Ludwig, kannst du es nicht einfach beenden? Das ist ja unerträglich!", klagte er.

Deutschland blieb stumm. Ohne jegliche Anteilnahme blickte er auf die Weiße Rose, deren Schreien sich zu einem ohrenbetäubenden Kreischen gesteigert hatte. Ihre Tränen tropften auf den schneebedeckten Waldboden und vermischten sich mit dem Blut.

Bayern schloss die Augen und betete, es möge schnell vorbeigehen. Vielleicht würde das Mädchen verbluten, ehe die anderen Urteile vollstreckt werden würde... Das wäre ein weitaus gnädigeres Ende.

Sein Blick wanderte hinüber zu Ludwig, der im Schatten der Bäume stand. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt. Seine Augen waren völlig ausdruckslos. Mit eisiger Ruhe beobachtete er das Geschehen, nur die zusammengepressten Kiefer verrieten eine leichte Ungeduld.

Wieder tauchten Bilder vor Bayerns Augen auf, dieselbe Maschine, dieselbe Klinge, jetzt allerdings befleckt vom Blut des Mädchens, das zuvor ermordet wurde. Der junge Mann, der als Nächstes zur Schlachtbank geführt wurde, war ihr Bruder. Die Weiße Rose heulte auf, als auch er hingerichtet wurde und Theodors Kehle war wie zugeschnürt.

"Krah, krah, Blut, Blut, oh, soviel Blut!"
"Wie herrlich!"
"Krah, krah, nicht mehr lange!", riefen sie einander zu.
"Nicht mehr lange, dann werden wir fressen!"
"Krah, krah, Fressen!"

Das Mädchen war nahe an einer Ohnmacht und sank in den Schnee. Unbewusst trat Bayern einen Schritt auf es zu, doch ehe er sich ihm weiter nähern konnte, traf ihn ein stechender Blick von Deutschland. Sofort blieb er wie angewurzelt stehen.

Er konnte sich nicht mehr bewegen. Es war, als wäre er zu einer Marionette geworden, die sich nur noch bewegen konnte, wenn der Marionettenspieler es ihr gestattete.

Er biss die Zähne zusammen. Dieses Gefühl war ihm bekannt, aber verhasst. Er hatte sich zurückgezogen und seine Macht aufgegeben, um Ludwig Platz zu machen. Er hatte sich ihm freiwillig und bereitwillig untergeordnet, so, wie es all die anderen getan hatten, und die sich jetzt auch in seinem Netz verfangen hatten: Roderich, Feliciano, sogar Gilbert. Und nun konnte Ludwig sie lenken und steuern wie Marionetten – Marionetten, zu der er selbst eine geworden war. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Auf diese Weise hatte Deutschland ihn auch dazu gebracht, ihm die Weiße Rose zu bringen.

Als das dritte Mitglied hingerichtet wurde, schluchzte die Weiße Rose nur noch leise vor sich hin. Es ist vorbei, erkannte Theodor und fühlte, wie ihn eine merkwürdige Trauer ergriff.

Die Weiße Rose, so klein sie auch war, war eine Bedrohung für das Dritte Reich. Deshalb musste sie sterben. Er betrachtete das Mädchen, dessen Wimmern nach und nach immer leiser wurde. Als Ältester seiner Geschwister hatte er auch mitansehen müssen, wie Wesen wie er auf die herkömmliche Weise starben, doch es ließ ihm jedes Mal aufs Neue das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte gedacht, dass die Weiße Rose schneller sterben würde, weil sie nur aus ein paar Studenten bestand...

"Lutz, wie lange sollen wir noch hier herumstehen?", fragte Preußen leise. "Bring es doch einfach zu Ende, verdammt! Dann brauchen wir noch die letzten Verräter zu fangen."

Ludwig nickte langsam, ohne den Blick von der Weißen Rose zu nehmen. Die Krähen krakeelten ungeduldig in den Baumwipfeln.

"Krah, krah, wir warten!"
"Krah, krah, wie lange noch?"
"Nicht mehr lange! Nicht mehr lange!"
"Krah, krah, nicht mehr lange!"

Theo wirbelte herum, als eine gebeugte, blondgelockte Gestalt auf sie zugeschlurft kam. "Was...?" Die Frage blieb ihm im Hals stecken. Mit aufgerissenen Augen starrte er die Nation an, die langsam, fast schon taumelnd auf sie zukam. Ihre Augen waren trüb geworden, so dass sie fast grau wirkten, sie war unrasiert und das einst sanft gelockte, goldfarbene Haar war zu einer struppigen Zottelmähne geworden. Auch ansonsten erinnerte nichts mehr an den Mann, der er einst gewesen war. Wäre da nicht der Degen, der an seinem Gürtel baumelte, den Theo schon ein paar Mal in der Schlacht in seiner Hand gesehen hätte, eine Waffe, die in Zeiten der automatischen Maschinenpistolen, der Bomben und Handgranaten wie ein Relikt, das eigentlich ins Museum gehörte, wirkte.

"Vichy", murmelte er leise und Ludwig nickte fast unmerklich.

Sie sahen zu, wie Vichy den alten Degen zückte und Theodors Nackenhärchen sträubten sich, als er die grünliche Flüssigkeit, die von der Spitze tropfte, sah.

"Ist das wirklich notwendig?", fragte er mit belegter Stimme.

"Ja. Reine Sicherheitsmaßnahme. Wir haben noch nicht alle", antwortete Ludwig.

Obwohl Theodor schon bei Weitem Schlimmeres erlebt und gesehen hatte, kniff er die Augen zusammen, um das, was folgte, nicht mitansehen zu müssen.

"Krah, krah, jaja, Fressen!"
"Fressen, Fressen, endlich!"
"Krah, krah, endlich!"
"Endlich!"
"Krah, krah, Fressen!"
"Fressen! Fressen!"

Die Krähen flatterten entzückt auf ihren Ästen. Es grenzte an ein Wunder, dass ihnen vor Gier nicht der Speichel aus den Schnäbeln lief. Sie konnten es kaum erwarten, sich hinunterzustürzen und zu dem Leichnam zu segeln, doch noch hielt die Anwesenheit der drei Männer sie auf. Ihr natürlicher Instinkt, sich von Menschen fernzuhalten, überwog ihre Gier.

"Gehen wir", beschloss Ludwig und wandte sich um, um zu dem Wagen, mit dem sie hergekommen waren, zu gehen. Gilbert folgte ihm, Vichy-Frankreich schlurfte hinterher. Bayern wollte sich auch in Bewegung setzen, zögerte dann aber. Die ersten Krähen hatten begonnen, ein paar Äste tiefer zu hüpfen, und schielten jetzt mit tückisch funkelnden Augen auf den Leichnam.

Oh nein, ihr werdet euch heute etwas anderes zu fressen suchen müssen, dachte Theodor plötzlich. Voller Grimm griff er in seine Westentasche und holte ein Feuerzeug heraus. Keine Personifikation hatte es verdient, dass ihr Leichnam von Aasfressern zerrissen wurde. Mit einem Wutschrei warf er es auf die Leiche, die sofort in Flammen aufging.

"Theo, was machst du denn da?!" Preußen sprang aus dem Auto und rannte auf ihn zu. "Bist du jetzt völlig irre geworden?" Er packte ihn am Arm, doch Theo schüttelte ihn ab.

"Nein, nein, nein, nein!", schrien die Krähen.
"Krah, krah, wie gemein! Unser Fressen einfach zu verbrennen!"
"Krah, krah, schnell weg hier! Bevor auch wir verbrennen!"
"Krah, krah, kein Fressen! Kein Fressen!"
"Krah, krah, wir suchen irgendwo anders!"
"Krah, krah, schnell weg hier!"

Deutschland kam auf sie zugestapft. "Was sollte das denn gerade, Bayern?", fuhr er ihn an.

"Ich wollte nicht, dass die Krähen sie fressen", erklärte Bayern und blickte ihm ins Gesicht. "Sie konnte doch nichts dafür, was sie war. Sie war doch nur Fleisch gewordene Überzeugung."

Deutschlands Augen waren kalt und stahlhart. Langsam trat er einen Schritt auf ihn zu. "Verräter haben kein Erbarmen verdient", sagte er leise. "Und jetzt komm. Wir haben genug Zeit verschwendet." Damit wandte er sich um und schritt davon. Theodor stolperte hinterher und fragte sich unwillkürlich, wann Ludwig zu dem Monster geworden war, das er jetzt war.



Okay, ich hoffe, das war jetzt nicht zu brutal...
Ich hab Bayern Theodor genannt, denn dieser Name scheint im deutschen Fandom für ihn geläufig zu sein. Ich hoffe, das ist in Ordnung so.
Nun, lasst mir doch ein Review da, ich freue mich über kommunikative Leser.^^

LG,
Moonfighter
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