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Dunkle Zeiten

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
China Deutschland England Frankreich Italien Russland
01.06.2017
01.06.2018
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11.07.2017 1.459
 
Der gefallene König

Wie ein schwarzes Tuch lag die Nacht über der Welt. Der Mond malte eine silberne Straße auf das Meer. Am Himmel funkelten unzählige Sterne. Doch ihr Licht erschien Lukas irgendwie kalt und fern.

Er lehnte an der Reling und ließ den Blick über das Meer schweifen. Das Spiel der abwechselnd schwarz und silbern glänzenden Wellen hatte etwas Magisches an sich.

In solchen schönen, sternklaren Nächten konnte man manchmal die Nixen singen hören. Jetzt allerdings herrschte Schweigen. Es war, als wären sie aus Kummer über Matthias‘ Verschwinden verstummt. Nur das Rauschen des Meeres durchbrach die Stille.

Vorsichtig strich Lukas mit den Fingern über die Axt in seiner Hand. Sie fühlte sich schwer und ungewohnt an. Wie konnte Matthias sie nur so leicht schwingen, als wäre sie bloß eine Verlängerung seines Arms? Er musste ungeheuerlich stark sein. Aber wieso hatte er sich denn so leicht ergeben?

Lukas verstand es nicht. Seit er denken konnte, war Matthias der kämpferischste und hitzköpfigste von ihnen gewesen. Der lauteste natürlich auch. Wenn es eine Schlacht zu schlagen gab, war Matthias auch der Erste, der sich ins Gefecht stürzte. Lukas hatte es kaum glauben können, als ihm die Meerjungfrauen die Axt Dänemarks überbrachten mit der Nachricht, sein gesamtes Land sei nun besetzt worden.

Er drehte die Waffe in seiner Hand und musterte sie prüfend. Der Griff war ziemlich abgenutzt, was das einzige Zeichen auf das Alter der Waffe war. Die geschliffene Klinge aber glänzte im Mondlicht wie ein Spiegel. Kein einziger Tropfen Blut war darauf zu sehen. Lukas‘ Hände fingen an zu zittern. Es war also doch wahr. Matthias hatte gar nicht gekämpft.

Plötzlich hörte er das leise, flappende Geräusch von flatternden Flügeln. Er wandte den Kopf und sah das Flying Mint Bunny von England auf ihn zufliegen. "Hallo, Norwegen!" Es kreiste ein paar Mal um ihn herum, ehe es dann vor ihm in der Luft verharrte. "Ist alles in Ordnung? Du siehst traurig aus", sagte es und musterte ihn aus dunklen Knopfaugen.

Jeder andere hätte Lukas‘ ausdruckslose Miene nicht zu deuten vermocht, aber vielleicht lasen Fabelwesen anders in Gesichtern als Menschen. Mit einem fast unhörbaren Seufzen strich Norwegen über die weichen Flügel des grünen Kaninchens. "Ich bin eher nachdenklich", sagte er, "ich kann nicht verstehen, warum Matthias sich nicht gewehrt hat."

"Du machst dir also Sorgen um deinen Freund?", fragte das Flying Mint Bunny.

Lukas schnaubte. "Ich bin sehr um seine Gesundheit besorgt, wenn ich ihn in die Finger kriege!", knurrte er, "dieser aufgeblasene Mistkerl, wäre er nicht so verdammt stolz, hätte er mich ja um Hilfe fragen können! Ich wäre ihm beigestanden, wenn er angegriffen worden wäre! Aber nein, ich erfahre erst am Abend, dass ganz Dänemark besetzt worden ist! Und Matthias hat es einfach so zugelassen!" Wütend wandte er sich ab. Seine Hände hatte er so fest um die Reling geklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Erst jetzt bemerkte er, dass er angefangen hatte zu zittern.

"Vielleicht wollte er ja nicht, dass du verletzt wirst!" Das Flying Mint Bunny flog um ihn herum und setzte sich neben ihn auf die Reling. Tröstend legte es ihm eine Pfote auf die Hand. Es war eine sehr menschliche Geste, ziemlich untypisch für ein Fabelwesen, aber es tat trotzdem gut. Norwegen streichelte über die langen Ohren des grünen Kaninchens.

"Matthias ist ein schrecklicher Dickkopf", sagte er und blickte wieder auf das Meer hinaus, "er glaubt immer, er müsse auf uns aufpassen. Dabei sind wir alles andere als auf ihn angewiesen!"

"Zeigt das nicht, dass er seine Familie liebt?", fragte das Flying Mint Bunny.

Ehe Norwegen dazu kam, zu antworten, rief auf einmal jemand: "Ah, hier bist du also!"

Arthur kam auf sie zu. Er trug seine grüne Uniform, was darauf deuten ließ, dass er nicht gerade viel, vielleicht auch gar nicht geschlafen hatte. Das Flying Mint Bunny kam zu ihm hinüber geflogen und schwirrte ihm um den Kopf. Das war vermutlich seine Art, andere Leute zu begrüßen.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Inselnation, während sie das Häschen streichelte, dann gesellte sich England zu Norwegen und stellte sich zu ihm an die Reling.

"Bist du okay?"

"Mir geht‘s gut", antwortete Lukas.

England schien nicht richtig überzeugt zu sein, bohrte aber nicht nach. Stattdessen warf er einen Blick auf die Axt, die Norwegen in der Hand hielt. "Was ist das?", fragte er mit einem Hauch von Neugier, "ist das irgendeine magische Waffe, die dir gegen Deutschland hilft?"

"Nein, nur eine ganz gewöhnliche Streitaxt", antwortete Lukas. "Sie gehört Dänemark. Falls sie irgendwelche magische Kräfte hat, dann haben sie ihm nicht viel genutzt."

"Oh", machte Arthur. Seine Wangen färbten sich leicht rosa, aber in der Dunkelheit ließ sich das schlecht erkennen.

Schweigend standen die beiden Nationen da. Lukas strich wieder über die Klinge der Axt. Matthias hätte eigentlich normalerweise nie zugelassen, dass irgendwer seine heißgeliebte Waffe berührte. Dass er sie jetzt freiwillig aus der Hand gegeben hatte, konnte er sich kaum vorstellen. Matthias ohne seine Axt war undenkbar.

Wie es ihm jetzt wohl ging?, fragte sich Lukas. Er hob den Kopf und blickte zum Mond hoch, als könne ihm dieser die Antwort geben. Doch das Gestirn schimmerte weiterhin stumm und teilnahmslos in silbrig-weißem Glanz am Himmel.

Wie gut, dass England auf seine Nachricht sofort reagiert hatte. Norwegen hoffte, dass er mit seiner Hilfe vielleicht Deutschlands Angriff abwehren könnte. Dessen Schiffe hatten bereits Kurs nach Norden gesetzt.

Aber das Ganze war alles so plötzlich geschehen. Norwegen ballte die Fäuste. Es war ein hinterhältiger Angriff. Er hatte gar nicht damit gerechnet. Zwischen ihm und Deutschland stand kein Konflikt. Ehrlich gesagt, kannte er die junge Nation gar nicht. Er blieb ja eigentlich lieber für sich. Doch trotzdem kam er nicht umhin zu hören, was für ein Chaos dieser in Europa angerichtet hatte.

"Erzähl mir etwas über Deutschland." Seine Worte waren so leise wie ein Windhauch. "Ich möchte wissen, mit was für einem Gegner ich es zu tun bekomme."

"He‘s a bloody wanker!", platzte England wutentbrannt aus, "ich habe gedacht, er wäre so intelligent, aus seinen Fehlern zu lernen, aber nein, Mr. Kraut startet gleich einen neuen Krieg! Und Stil hat er auch nicht! Statt erst einmal höflich den Krieg zu erklären, wie es sich gehört, greift er einfach ohne irgendeine Vorwarnung an!"

Lukas hörte aufmerksam zu, während England sich langsam in Rage redete. "Außerdem frisst er ständig Kartoffeln, ich hoffe, er bekommt eines Tages eine Kartoffelvergiftung, würde ihm Recht geschehen! Zudem ist er ein arroganter jerk und vollkommen größenwahnsinnig!" Er lachte schrill auf. "Aber wenn er glaubt, dass er sich mit dem British Empire anlegen und ungeschoren davonkommen –"

"Eigentlich", unterbrach ihn Lukas mit einem Anflug von Genervtheit, "wollte ich wissen, wie er sich im Krieg verhält."

England klappte den Mund wieder zu. "Ach so", nuschelte er verlegen, "entschuldige, da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen." Er räusperte sich. Auf einmal wirkte er sehr ernst. "Also im Krieg ist Deutschland... wirklich sehr... gefährlich." Es war ihm deutlich anzusehen, wie viel Überwindung es ihn kostete, das zu sagen, und er verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Trotzdem war Lukas die Bitterkeit in seiner Stimme nicht entgangen.

"Er ist extrem gut gerüstet. Und nicht dumm, wie ich zugeben muss." Er knirschte mit den Zähnen. "Das Problem ist, dass man seine nächsten Schritte kaum voraussagen kann. Der Bengel hat dazugelernt – er lässt nicht durchschimmern, was er plant. Aber seine Pläne sind verdammt gut durchdacht und ich schätze, er hat sie schon Monate vorher geschmiedet. Und dann schlägt er urplötzlich zu! Dabei kennt er keine Gnade mehr, es macht ihm nichts aus, für seine Ziele über Leichen zu gehen."

Norwegen nickte. Äußerlich ließ er sich keine Emotion anmerken. "Danke, Arthur", sagte er, dann wandte er sich wieder ab und sah zum Sternenhimmel hoch.

Deutschland war wirklich ein starker Gegner. Lukas hatte noch nie gegen ihn gekämpft. Es war das eine, gegen jemanden Krieg zu führen, den man kannte und einschätzen konnte, als gegen jemand völlig Fremdes anzutreten. Bei Odin, er konnte Deutschland nicht einmal ein Gesicht zuordnen!

Lukas war nicht im Geringsten für eine Schlacht vorbereitet, geschweige denn für einen Krieg. Zwar konnte er auf seine Wikingererfahrung zurückgreifen, aber auf sein Volk traf das nicht zu. Die Norweger waren keine Krieger mehr.

Hoffentlich geht es Matthias gut, schoss es ihm durch den Kopf.


Norwegen erhielt militärische Unterstützung von England. Es konnte Deutschland weitaus länger Widerstand leisten als Dänemark.
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