Keine Jungfrau in Nöten

von Jun-K
GeschichteDrama, Romanze / P16
Gaara Ino Yamanaka Kankuro Naruto Uzumaki Shikamaru Nara Temari
01.06.2017
01.08.2019
30
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Hey!

Ich muss eigentlich nichts zu diesem Kapitel erklären, also viel Spaß dabei! :)

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In einer Sache musste Shikamaru Ino Recht geben: Die Prinzessin und Prinzen aus Suna waren auf einem ganz anderen Level als Naruto. Nicht nur wegen ihrer kühlen Art, die einen quasi dazu zwang Respekt vor ihnen zu haben, sondern vor allem wegen dem, was an dem Abend im Garten passiert ist.
Zwei Tage war die Gala nun schon her und Shikamaru musste immer noch darüber grübeln. So, wie Prinzessin Temari und Prinz Kankuro, genauso wie ihr Sicherheitschef Baki, reagiert hatten, war es nicht das erste Mal gewesen, dass Prinz Gaara so etwas gemacht hatte.  Ein Schauer lief Shikamaru den Rücken runter, als er an seinen Ausdruck in den Augen zurückdachte. Wut und völlige Gewaltbereitschaft. Selbst ohne das Blut, das an ihm geklebt hatte, hätte er gruselig ausgesehen. Er war auch nicht der einzige, der das gedacht hatte. Naruto war der Schreck groß ins Gesicht geschrieben gewesen … und Prinzessin Temari hatte gezittert. Im ersten Moment hatte Shikamaru gedacht, dass sie wegen der Kälte zitterte – immerhin hatte sie sich vorher ausschweifend über das Wetter beschwert –, doch als sie aufgehört hatte zu zittern, sobald Gaara verschwunden war, hatte er nur eins und eins zusammenzählen müssen. Shikamaru hatte keine Geschwister, aber er wusste trotzdem, dass so einiges passieren musste, damit die älteren Angst vor den jüngeren Geschwistern hatten.
Wäre er doch nur nicht auf den Balkon gegangen … Er hatte nur nach ein bisschen Ruhe gesucht, da war ihm der Balkon als erstes eingefallen. Da ihn weder Kakashi noch der sunagakurische Sicherheitschef Baki aufgehalten hatten, hatte Shikamaru angenommen, dass sie darauf achteten, dass niemand von draußen reinkam und nicht umgekehrt. Prinzessin Temari hatte er im Dunkeln erst bemerkt, als er schon mitten auf dem Balkon stand. Ihre Gänsehaut hatte er selbst im spärlichen Licht sehen können. Seine Mutter hätte ihm nie verziehen, wenn er einfach gegangen wäre, also ist er geblieben.
Shikamaru seufzte und stützte sein Kinn auf seinem Handballen ab. Ausgerechnet heute musste er die Frühschicht im Café übernehmen. Nicht nur, dass er deswegen früh aufstehen musste, sondern es war auch noch besonders stressig. Als erstes kamen die Kunden, die auf dem Weg zur Arbeit waren und schnell einen Kaffee zum Mitnehmen wollten. Es waren zu viele, um sie zu zählen, und jeder von ihnen behauptete, er habe keine Zeit – aber anscheinend genug Zeit, um sich noch für einen Kaffee anzustellen. Sobald die weg waren, kamen die Kunden, die entweder einen Kaffee in Ruhe vor ihrer Arbeit genießen wollten oder sich mit Freunden oder Bekannten trafen. Sie blieben um einiges länger, waren aber auch viel einfacher. Gerade war es ruhig. Die Frühstückszeit war vorbei und zum Mittagessen war es noch zu früh. Nicht eine Menschenseele war außer ihm da.
Wenigstens hatte er Zeit in Ruhe nachzudenken und zwar über das, worüber er schon seit zwei Tagen nachdachte: Prinzessin Temari. Shikamaru konnte selbst nicht sagen, warum er so viel an sie dachte, aber da war etwas, was er einfach nicht einordnen konnte.
Sie war herrisch und anstrengend, das hatte er sofort gemerkt, aber dann war da noch die andere Seite. Diese andere Seite war unerwartet … sanft. Immerhin hatte sie Inos Kleid gelobt und als er sie danach gefragt hatte, schien sie es ernst zu meinen. Eigentlich hatte er gedacht, sie würde es nur aus Höflichkeit sagen. Dann war da natürlich noch die Sache mit Prinz Gaara. Sie hatte Angst vor ihm und gleichzeitig Sorge um ihn gehabt, das hatte er deutlich sehen können. Naruto war sie den ganzen Abend nicht mehr von der Seite gewichen und Shikamaru hatte so den Verdacht, dass sie das getan hatte, um sicherzugehen, dass er die Klappe hielt. Das war kein dummer Zug gewesen, denn manchmal redete der Prinz ohne nachzudenken.
Und manchmal hieß viel zu oft.
Gerade hatte Shikamaru die Augen geschlossen – alles war sauber und er hatte keine Gäste, was sollte er da sonst machen? –, da klingelte die Tür. Jemand trat ein und die Tür fiel krachend ins Schloss. Die Schritte kamen immer näher. Schließlich öffnete er die Augen und richtete sich auf – nur um zu stutzen. Verwirrt blinzelte er.
„Müssen wir das Spiel von Letztens etwa wiederholen oder bedienst du mich gleich vernünftig?“, fragte Prinzessin Temari, die Arme vor der Brust verschränkt. Es war fast wie ein Déjà-vu. Ihre Haare waren wieder zu vier Zöpfen gebunden und sie hatte ihre Lederjacke an, doch den kurzen Rock hatte sie gegen eine lange Jeans eingetauscht. Draußen auf dem Parkplatz stand ein schwarzer Wagen und Shikamaru konnte schemenhaft Baki erkennen. Die Fenster auf der Rückbank waren allerdings zu sehr getönt, um zu erkennen, ob da noch jemand saß.
Am vorigen Abend hatte er in den Nachrichten einen Ausschnitt über sie gesehen. Naruto hatte ihnen die berühmtesten Sehenswürdigkeiten in Konoha gezeigt, aber weder der Kazekage noch seine Kinder haben irgendeine andere Gesichtsregung gezeigt als das gezwungene Lächeln. Außer Prinz Gaara, der hat gar nicht gelächelt.
Die Prinzessin schon wieder hier im Café zu sehen, verwirrt Shikamaru mehr als nur ein bisschen. Er wusste auch nicht, wie er reagieren sollte. Sollte er sie mit einer Verbeugung begrüßen? Oder die Begrüßung einfach weglassen? Als sie einmal genervt eine Augenbraue hob, entschied er sich für eine halbe Verbeugung. „Prinzessin Temari. Ich habe nicht erwartet, dass Ihr wiederkommt.“
„Meine Brüder haben entschieden“, erklärte sie und sah alles andere als zufrieden aus, „dass der Kaffee hier besser schmeckt als der aus dem Palast.“
Shikamaru nickte einfach, denn er war sich nicht sicher, ob er wirklich darauf antworten sollte oder nicht. Immerhin hätte auch einer ihrer Brüder oder sogar Baki – vielleicht sogar ein Bediensteter aus dem Palast – den Kaffee holen können. „Eure selbe Bestellung wie vom letzten Mal, Prinzessin?“, fragte er stattdessen und gab sich sogar etwas Mühe, nicht zu genervt zu klingen. Die Erinnerung an ihren bösen Blick, den sie dem Mann im Garten zugeworfen hatte, war noch zu klar vor seinen Augen.
Auf ihren tiefen Seufzer war er nicht gefasst gewesen. „Tu uns beiden einen Gefallen“, sagte sie, „und lass die ganze Höflichkeitsfloskeln. Erstens passt es nicht zu dir und zweitens machst du das bei Naruto auch nicht, oder?“ Shikamaru nickte einmal. „Einfach Temari reicht. Bei meinen Brüdern ist das was anderes und am Besten sprichst du überhaupt nicht mit meinem Vater, außer du bist ein Masochist.“
Er war sich weder sicher, ob das ein Scherz von ihr gewesen war oder bitterer Ernst, und er wusste auch nicht, warum sie ihm das Du anbot. Natürlich, sie hatte ihn von der ersten Sekunde normal behandelt, aber er war auch nicht adelig. Abwartend sah sie ihn an und es war offensichtlich, dass sie eine Antwort von ihm erwartete. „Okay“, sagte er langsam. „Das selbe vom letzten Mal … Temari?“, fügte er etwas unsicher zu.
Er bekam von ihr ein Schmunzeln und Nicken. Immer noch nicht sicher, wie er das alles deuten sollte, machte er sich daran die Kaffees fertig zu machen. Temari sah sich wartend um, nahm einen Flyer von einer baldigen Veranstaltung in die Hand, drehte ihn um und legte ihn schließlich weg. Mit den Ellenbogen stütze sie sich auf dem Tresen ab und Shikamaru war sich ziemlich sicher, dass sie nicht wusste, wie sie dadurch ihr Dekolletee präsentierte, denn sonst hätte sie es garantiert nicht gemacht. Zumindest nicht, solange er noch da war. Schnell wandte er seine Augen ab und starrte mit roten Wangen die Kaffeemaschine an.
Temari schien andere Pläne zu haben. Er merkte ihren Blick auf sich deutlich. Irgendwann konnte er ihn einfach nicht mehr ignorieren. So gleichgültig wie möglich sah er zu ihr und hob die Augenbrauen. Ihr Blick wurde ernster. „Ich gehe davon aus, dass du niemandem ein Wort über Gaara erzählt hast.“
Daher wehte der Wind also. Auf einmal machte ihr Auftauchen und ihre Nettigkeit viel mehr Sinn. Sie kümmerte sich um die Konsequenzen von dem Zwischenfall und er fiel, als einer der Anwesenden, darunter. Sein Puls konnte sich wieder beruhigen.
„Hätte ich wem davon erzählen sollen?“, fragte er zurück.
„Natürlich nicht.“ Ihr Blick wurde eine Spur kälter. „Und wenn du irgendwem davon erzählst -“
„Keine Sorge“, unterbrach er sie. „Es ist nicht meine Angelegenheit, also werde ich nichts sagen.“
Misstrauisch beobachtete Temari ihn, während er vier Muffins einpackte. Dass er sich so kompromisslos fügte schien sie nicht erwartet zu haben. Höchstwahrscheinlich, weil sie davon ausging, dass er sofort zur Presse gerannt wäre. So eine Geschichte über einen Prinzen zu haben ist ein gefundenes Fressen für jede Zeitung. Für viel Geld hätte er die Story verkaufen können. Seine Gedanken gingen zu Gaaras Opfer und er fragte sich, warum er noch nicht vorgetreten war. Er wusste nicht, was genau Baki machte, wenn er sich um Leute kümmerte, aber es schien effektiv zu sein. Kein Wunder, dass die Schüler in Suna behaupteten, die drei wären Assassine.
Als er ihr die fertige Bestellung hinstellte, richtete sie sich auf – endlich konnte er sie wieder direkt angucken ohne in Gefahr zu laufen, wo hinzugucken, wo er nicht hingucken sollte – und sah ihn immer noch ernst an. „Ich weiß, dass du fragen willst, was mit Gaara ist.“
Das wollte er tatsächlich. Wer würde das nicht wissen wollen? Es war offensichtlich ein sehr sensibles und sehr geheimes Thema, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Temari ihm den noch sehr heißen Kaffee ins Gesicht werfen würde, war ihm zu groß. Also zuckte er mit einer Schulter. „Wie schon gesagt: es ist nicht meine Angelegenheit.“
Ungläubig sah Temari ihn an, nicht ganz sicher, ob sie ihm glauben sollte oder nicht. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bevor sie die Becher und die Tüte mit den Muffins nahm. „Du bist merkwürdig“, sagte sie noch – eher zu sich selbst als zu ihm –, bevor sie ging. Shikamaru sah ihr zu, wie sie in die Wagen stieg. Flüchtig konnte er Gaaras roten Haarschopf erkennen, aber dann war die Tür wieder zu und sie fuhren davon.
Seufzend sah Shikamaru auf das Geld, das sie liegen gelassen hatte, und zählte es einmal nach. Immerhin drei Cent Trinkgeld.

**********


Es kam um einiges öfter als gedacht vor, dass Shikamaru im Palast seinen Vater suchte, meistens um ihm etwas von seiner Mutter auszurichten. Die Wachen kannten ihn inzwischen mit Namen und selbst wenn jemand Neues da war, sobald sie seinen Vater kannten, konnten sie sich denken, wer er war.
Gähnend schlurfte Shikamaru durch die Gänge des Palast, die er inzwischen so gut kannte, wie die Flure in dem Haus, in dem er aufgewachsen war. Seine Mutter hatte ihn – mal wieder – geschickt, um seinem Vater etwas zu bringen, das er – mal wieder – Zuhause vergessen hatte. So langsam fragte er sich, ob seine Eltern das extra machten, damit er etwas Bewegung bekam.
Drei Tage war seine Begegnung mit Prinzessin Temari, nein, nur Temari, im Café her und seitdem hatte er sie nicht wieder gesehen. Entweder war sie gekommen, als er nicht da war, oder wer anderes hat den Kaffee für sie geholt. Kazekage Rasa vor am vorigen Abend wieder nach Suna zurückgereist und alle waren etwas überrascht gewesen, als seine Kinder blieben. Offiziell sagten sie, dass sie ihren Aufenthalt in Konoha so sehr genossen, dass sie unbedingt länger bleiben wollten. Shikamaru bezweifelte sehr, dass das auch der wirkliche Grund gewesen war. Nicht mit den Gesichtern, die sie bei der live Übertragung vom Flughafen gezogen hatten.
Er klopfte an die Tür von dem Büro seines Vaters und trat ein, sobald sein Vater ihm geantwortet hatte. Shikaku saß an dem Schreibtisch, sein Kinn auf einem Handballen abgestützt und las ein Dokument. Sein Schreibtisch war überhäuft mit weiteren Dokumenten und wichtigen Informationen. Immer wenn Shikamaru diese Arbeit sah, wurde der Beruf als Berater des Hokages sehr unattraktiv.
„Ah, Shikamaru“, begrüßte ihn sein Vater und senkte das Blatt in seiner Hand. „Was ist los?“
„Du hast das hier Zuhause vergessen“, sagte er und reichte ihm ein kleines Paket. Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht zu fragen, was es war. Im Grunde war ihm das auch egal.
Sein Vater nahm es etwas verwirrt an, bevor er sich daran erinnerte, was es war. Er nickte einmal dankend, was normalerweise das Zeichen für Shikamaru war zu gehen. So drehte er sich auch dieses Mal um, in Gedanken schon an seinem üblichen Platz auf dem Hügel im Park, um Wolken zu beobachten, aber sein Vater war noch nicht fertig. „Sieh einmal bei Naruto vorbei. Er ist in letzter Zeit so angespannt.“
Wer wäre das nicht mit dem Besuch? Eigentlich konnte Naruto immer sehr selbstbewusst mit Leuten umgehen, doch irgendwie schienen die drei ihn zu verunsichern. Was auch kein Wunder war.
„Okay“, murmelte Shikamaru, bevor er seinen Vater zurück an die Arbeit ließ. Es war nicht ungewöhnlich für Shikamaru, dass er Naruto besuchte, wenn er schon im Palast war, aber eigentlich sagte sein Vater ihm das nie. Entweder dem Prinzen ging es wirklich nicht gut oder irgendetwas anderes war noch im Gange, von dem Shikamaru nichts wusste.
Der Weg von Shikakus Büro bis zu Narutos Zimmer war nicht allzu weit. Auf dem Weg dahin sah er einmal Kakashi und Baki, die sich leise unterhielten, aber ihn nicht beachteten. Wenn er ehrlich war, dann war ihm das ganz lieb. Er hatte sowieso schon das Gefühl, dass Baki ihn im Auge behielt, was nicht gerade ein sehr beruhigender Gedanke war.
An Narutos Tür klopfte er einmal, aber er wartete auf keine Antwort, bevor er eintrat. Naruto hatte ihm einmal gesagt, dass er ruhig reinkommen sollte, wann immer er wollte. Shikamaru hatte nicht weiter nachgefragt, aber er was sich sicher, dass es daher kam, dass jeder andere ihn so höflich und vorsichtig behandelte. Yoshino hatte Shikamaru allerdings genug Manieren eingeprügelt, dass er wenigstens anklopfte.
Naruto saß an seinem Schreibtisch, die Stirn kraus gezogen und las angestrengt etwas, was Shikamaru nicht erkennen konnte. Er war sich aber ziemlich sicher, dass es irgendwelche staatlichen Angelegenheiten waren. Immer öfter verlangte Naruto jetzt, dass er die Dokumente und Beschlüsse las und an Sitzungen teilnahm. Er meinte es wirklich ernst damit, ein guter Hokage zu werden.
„Ah, Shikamaru!“ Grinsend sah der Prinz von seiner Leselektüre auf. „Was machst du hier?“
„Ich hab meinem Vater was gebracht“, sagte Shikamaru gähnend und ließ sich auf das Sofa fallen. Naruto gesellte sich keine Minute später zu ihm. „Irgendetwas interessantes gelesen?“
„Nein, nicht wirklich“, sagte der Prinz und verzog das Gesicht. Es gab ein paar Themen, die Naruto wirklich interessierten, zum Beispiel wenn es im die Waisen oder große Feste ging, aber andere Sachen fand er sterbenslangweilig. Nicht, dass Shikamaru ihm das übel nehmen konnte. Plötzlich hellte sich Narutos Gesicht wieder auf. „Hey, gehst du mit den anderen auf den Jahrmarkt?“
Zweimal im Jahr kam der Jahrmarkt nach Konoha und blieb für etwas über eine Woche. Seit Jahren gab es im Grunde immer nur die selben Stände, aber das hielt trotzdem niemanden davon ab hinzugehen. Seit der Schulzeit war es quasi eine Tradition, dass sie mindestens einmal im Jahr alle zusammen dahingingen. Zwei Tage war der Jahrmarkt jetzt schon in Konoha.
Shikamaru nickte einmal. Ino nervte ihn immer so lange, bis er endlich einwilligte, mitzukommen. „Ino hat beschlossen, dass wir übermorgen mit den Üblichen gehen.“
„Cool, ich komm mit!“ Naruto grinste breit und Shikamaru wusste, dass es keinen Sinn machte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Obwohl sein Terminplan voll und er der Prinz war, ließ er es sich nicht nehmen, immer bei der Tradition dabei zu sein.
Eine nachdenkliche Falte erschien plötzlich auf Narutos Gesicht. „Äh … sollen wir Temari und ihre Brüder fragen, ob sie mit wollen?“
Der Höflichkeit halber sollten sie wahrscheinlich fragen, ob sie mitkommen wollten, aber Shikamaru konnte sich nicht vorstellen, dass ihnen das gefallen würde. Höchstwahrscheinlich wären sie auch noch von ihren Freunden genervt oder ihnen war das alles zu kindisch. „Glaubst du, dass sie Spaß hätten?“
„Ich glaube, die haben nie Spaß“, nuschelte Naruto. Shikamaru konnte ihm nur im Stillen Recht geben. Seufzend kratzte Naruto sich einmal im Nacken. „Ich sollte sie einladen … sonst fühlen sie sich noch ausgeschlossen und immerhin bleiben sie noch eine Weile.“
„Was?“, fragte Shikamaru, den das verwirrte. Natürlich wusste er, dass die drei noch länger bleiben wollten, aber eigentlich hatte er gedacht, dass es nur ein paar Tage, höchstens eine Woche wäre.
Naruto nickte einmal. „Ja, sie wollten ein paar Wochen bleiben.“ Seine Wangen wurden pink und Shikamaru bekam das Gefühl, dass Naruto etwas wusste, was er nicht wusste. Bevor er allerdings danach fragen konnte, redete der Prinz schnell weiter. „Und, na ja, wenn sie so lange bleiben, dann würden sie sich bestimmt freuen, wenn sie neue Freunde finden, oder?“
Shikamaru vermutete eher das Gegenteil, sagte aber nichts, sondern zuckte einfach mit der Schulter. „Sie sind deine Gäste. Du kannst sie einladen, wohin du willst.“ Er dachte kurz nach. „Ino würde sich freuen.“
„Gut, dann frag ich sie.“ Naruto grinste einmal, aber es bröckelte ziemlich schnell. „Äh … würdest du mitkommen?“
„Wohin?“
„Sie fragen.“
Nein, eigentlich wollte Shikamaru nicht mitkommen aus genau demselben Grund, aus dem Naruto nicht alleine gehen wollte. Die Adligen aus Suna waren gruselig. Temari hatte sich zwar ziemlich nett ihm gegenüber im Café verhalten, aber da hatte sie ja auch etwas von ihm gewollt.
Und Prinz Gaara …
Naruto schien die selben Gedanken zu haben. „Ich hab Kakashi gefragt, was mit Gaara los war“, erzählte er. „Aber er hat mir keine vernünftige Antwort gegeben. Meinte nur, ich solle meine Nase nicht in Sachen stecken, die mich nichts angehen.“
Das war wahrscheinlich auch besser so.
„Der Kazekage will bestimmt nur nicht, dass irgendetwas davon an die Öffentlichkeit gerät“, mutmaßte Shikamaru. Er dachte daran zurück, wie routiniert Temari, Prinz Kankuro und Baki sich verhalten hatten. Es war unmöglich der erste Zwischenfall gewesen.
„Auf einem Blog habe ich gelesen, dass -“
Shikamaru schüttelte seufzend seinen Kopf. „Naruto, du solltest wirklich nicht glauben, was auf diesen Blogs steht. Die drei sind keine Auftragskiller.“
„Darum geht es jetzt nicht. Ich hab gelesen, dass es wohl mit dem Tod der Königin zu tun haben soll.“
Das war um einiges realistischer als die Auftragskiller-Theorie. Selbst hier in Konoha wusste man, dass die Königin bei der Geburt ihres jüngsten Kindes gestorben war und, dass der König seitdem um einiges kälter war. Weil Shikamaru keine gute Antwort hatte, zuckte er einfach mit den Schultern. Wilde Vermutungen aufzustellen war auch nicht besser als Gerüchten zu glauben.
Einen Moment dachte Naruto noch nach, bevor er aufstand und erwartungsvoll zu Shikamaru sah. Da führte jetzt wohl kein Weg dran vorbei … Seufzend erhob sich Shikamaru.
Naruto führte ihn die Gänge entlang und redete dabei über Gott und die Welt. An den Wänden hingen die Portraits der vorherigen Hokage und ihrer Familien. In regelmäßigen Abständen standen Statuen, Büsten und Pflanzen. Der Marmorboden war mit einem dicken, roten Teppich ausgelegt.
Shikamaru wusste, dass die Prinzen und die Prinzessin aus Suna im Palast wohnten, mehr aber nicht. Es stellte sich heraus, dass sie in der ruhigeren Ecke am anderen Ende wohnten.
„Wir müssen gucken, in welchem Zimmer sie sind“, sagte Naruto, als er an die erste Tür trat und anklopfte. Keine Antwort.
„Wie welches Zimmer?“, fragte Shikamaru, als sie zur nächsten Tür gingen.
„Meistens hängen sie alle zusammen in einem Zimmer ab“, erklärte Naruto, als er wieder klopfte. Wieder keine Antwort. „Dann müssen sie bei Gaara sein.“
Beim dritten Mal bekamen sie eine Antwort. „Herein“, hörten sie Gaara monoton von der anderen Seite der Tür sagen. Naruto wechselte einen Blick mit Shikamaru, schluckte einmal und öffnete dann die Tür.
Was auch immer Shikamaru erwartet hatte, das war es nicht gewesen.
Als erstes fiel ihm die unglaubliche Hitze auf. In dem Raum war es mindestens zwanzig Grad wärmer als auf dem Flur. Shikamaru nahm an, dass sie damit versuchten, ihr Heimweh etwas zu befriedigen. Oder sie fanden das Wetter wirklich nur grauenhaft, das konnte er nicht so genau sagen. Wenn alle drei Zimmer so warm waren, dann konnte sich der Palast über die diesjährigen Heizungskosten freuen.
Merkwürdiger als die Hitze war aber das Verhalten der drei. Sie sahen zum ersten Mal wie ganz normale junge Leute aus. Anstatt Anzug oder Kleid, trugen sie einfache T-Shirts und – Shikamaru blinzelte einmal, damit er sicher war, dass seine Augen ihm auch wirklich keinen Trick spielte – Jogginghosen.
Prinz Gaara saß in einem Sessel, die Arme vor der Brust und die Fußgelenke verschränkt, und sah sich irgendeine Dokumentation im Fernsehen an. Im Gegensatz zu normalen Leuten sah er immer noch angespannt aus, aber Shikamaru hatte ihn für seine Verhältnisse noch nie so entspannt gesehen.
Prinz Kankuro war mit etwas ganz Anderem beschäftigt. Er hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und vor ihm auf dem niedrigen Couchtisch waren einige Werkzeuge und andere Sachen ausgebreitet. Shikamaru brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es sich um Puppen und Marionetten handelte. Das Windreich war für seine feine Arbeit an Puppen bekannt, allerdings hätte er nicht von dem brutal-wirkenden Prinzen erwartet, dass er solche feine Fingerfertigkeit besaß. Ganz vertieft in seine Arbeit, bemerkte der Prinz kaum, dass wer eingetreten war.
Temari war ebenfalls auf dem Sofa, aber Shikamaru konnte sich unmöglich vorstellen, dass ihre Position bequem war. Sie lag auf dem Sofa, ihren Kopf an die Seite ihres Bruders gelehnt und ihre Beine lagen auf der Rückenlehne des Sofas. Wodurch Shikamaru einen guten Blick auf ihre langen Beine bekam, denn anders als ihre Brüder trug sie eine kurze Hose. Bevor seine Gedanken irgendwo hinschweifen konnten, wo sie nicht hin sollten, konzentrierte er sich lieber auf das, was sie machte. Sie las eine Zeitschrift und zu seinem Erstaunen war es etwas über Pflanzen. Er hätte sie nicht als Botanik-Fan eingeschätzt.
Die Szene sah so absurd aus und entsprach so überhaupt nicht dem Bild, was er bis jetzt von ihnen gehabt hatte, dass er für einen Moment nur da stehen konnte. Die Abwesenheit ihres Vaters hatte deutliche Auswirkungen. Er bekam nicht mal mit, ob Naruto genauso geschockt war oder nicht.
Die Augen der drei Suna-Monarchen schossen zu ihnen – wobei Prinz Kankuros sich schnell wieder seinen Puppen zu wandten – als sie eintraten. Etwas unschlüssig machte Shikamaru eine halbe Verbeugung.
„Naruto, Shikamaru“, begrüßte Prinz Gaara sie mit seiner monotonen Stimme.
„Hey“, sagte Naruto und grinste nervös. „Wir, äh, wollten mal vorbei schauen, wie es bei euch so läuft.“
„Es läuft … gut“, sagte Prinz Gaara stockend. Aus den Augenwinkeln sah Shikamaru, dass Temari versuchte ein Grinsen zu verstecken, stattdessen zuckten nur kurz ihre Mundwinkel.
„Und, ähm, ja …“ Hilfesuchend sah Naruto einmal zu Shikamaru, der nur kurz mit einer Schulter zuckte. Es war Narutos Idee gewesen, also sollte er sie jetzt auch einladen. „Äh … Ihr habt doch bestimmt mitbekommen, dass der Jahrmarkt in der Stadt ist.“ Prinz Gaara nickte einmal. „Also, wir gehen alle übermorgen dahin und ich wollte eigentlich nur fragen, ob ihr mitkommen wollt.“
Völlig Stille folgte seiner Frage. Selbst Prinz Kankuro sah von seinen Puppen auf, um Naruto mit einem nicht deutbaren Blick anzusehen. Die Stille zog und zog sich, bis sie schließlich unerträglich peinlich und drückend wurde.
„Ihr kennt Jahrmärkte, oder?“, fragte Naruto unsicher nach.
„Natürlich kennen wir das“, sagte Temari, als wäre es das offensichtlichste der Welt, und schwang ihre Beine geschmeidig runter, um sich aufzurichten.
„Dann, äh -“, setzte Naruto wieder an, allerdings kam ihm Shikamaru dieses Mal zur Hilfe. Zugegeben, eher aus eigenem Interesse.
„Ward ihr schon einmal auf einem?“, fragte er.
Die drei Geschwister wechselten einen Blick. Ino war eigentlich die, die sich sehr gut in die Köpfe anderer Leute hineinversetzen und Körpersprache lesen konnte, aber jetzt brauchte Shikamaru ihre Hilfe nicht, um herauszufinden, dass die drei abwägten, ob sie die die Wahrheit sagen sollten oder nicht.
Sie entschieden sich für einen Mittelweg.
„Wir wohnen in der Wüste“, schnaubte Prinz Kankuro. „Niemand geht freiwillig in die Dünen, nur um Karussell zu fahren und ein paar Süßigkeiten zu essen.“
„Aber ihr ward bestimmt schon einmal in einem anderen Land auf einem Jahrmarkt“, sagte Naruto, der aussah, als wäre er gerade aus allen Wolken gefallen.
„Wir verreisen nicht“, sagte Prinz Gaara knapp.
Naruto und Shikamaru wechselten einen Blick. Obwohl Naruto selbst unter großem Druck aufgewachsen war, hatte er relativ viele Freiheiten gehabt. Er war viel mit Jiraiya gereist, er hat sich seine Schule aussuchen dürfen, er hatte fast alle Hobbys und andere Sachen ausprobieren dürfen, die er wollte. Die Königskinder aus Suna hatten das anscheinend nicht gehabt.
Shikamaru versuchte sich vorzustellen, wie es war, sein Leben lang in dem Palast in Suna zu wohnen und nicht wegzukommen oder auch nur solche einfachen Sachen wie einen Jahrmarkt zu erleben. Tag ein, Tag aus nur den Sand zu sehen. Kein Wunder, dass Temari sich für Pflanzen interessierte. Für sie waren sie exotisch. Vielleicht sollte sie sich wirklich mal mit Ino unterhalten.
„Dann kommt doch mit!“ Naruto strahlte sie an. Normalerweise war sein breites Grinsen ansteckend, doch anscheinend waren die drei immun dagegen.
„Mit euch und euren Freunden?“, fragte Prinz Kankuro und Shikamaru hörte die leichte Verachtung in seiner Stimme raus.
Bevor irgendjemand darauf reagieren konnte, sagte Temari schnell etwas in Sunagakurisch. Sie klang wütend, aber Sunagakurisch hörte sich in Shikamarus Ohren immer wütend und grob an. Obwohl es die zweite Amtssprache des Windreiches war, war die Sprache fast tot. Niemand außerhalb des Windreiches konnte sie vernünftig sprechen. Wenn Shikamaru sich richtig erinnerte, dann konnte sein Vater ein paar Wörter verstehen.
Der Prinz antwortete seiner Schwester genauso schnell, worauf sie wieder etwas antwortete, bevor beide zu ihrem jüngsten Bruder sahen, der die beiden nur beobachtet hatte. Shikamaru merkte jetzt schon, dass es ihn nervte, wenn er nicht verstand, was sie sagten. Schließlich nickte Prinz Gaara und Naruto und Shikamaru bekamen wieder ihre Aufmerksamkeit.
„Wir kommen gerne mit“, sagte Temari und ein Mundwinkel zuckte nach oben. Es sah echt aus. „Danke für die Einladung.“
Naruto entspannte sichtlich. „Super! Es wird euch gefallen, echt jetzt!“
„Bestimmt“, sagte Prinz Kankuro. Für seinen Sarkasmus verpasste Temari ihn einen Hieb in die Seite.
Etwas unbeholfen verabschiedeten sich Naruto und Shikamaru, bevor sie die drei wieder alleine ließen.
„Wer war denn noch nie auf einem Jahrmarkt?“, fragte Naruto, als sie den Flur zurück gingen.
Shikamaru zuckte mit einer Schulter. „Wie sollen sie auf einem gewesen sein, wenn sie nie verreisen und es in Suna keinen gibt?“
„Ja, stimmt …“, murmelte Naruto nachdenklich. Dann brach sein Gesicht wieder in ein breites Grinsen aus, als wäre die vorherige Sorge und Nervosität nie dagewesen. „Dann müssen wir ihnen unbedingt alles zeigen! Das Riesenrad und das Geisterhaus und den Autoscooter und …“
Shikamaru hörte nicht mehr zu. Er hatte so das Gefühl, dass es mehr als nur anstrengend werden würde.




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Das war's!
Ich hoffe, es hat euch gefallen :) Nächstes Mal geht es dann auf dem Jahrmarkt weiter, was eine der ersten Ideen war, die ich für diese Geschichte hatte.
Das nächste Kapitel kommt übrigens schon – voraussichtlich – am 29ten diesen Monats heraus.

Danke für's Lesen!
Jun
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