Die Insel der Verlorenen

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
OC (Own Character)
30.05.2017
30.05.2017
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Kai saß auf seinem Lieblingsplatz, in den Ästen eines großen Baumes. Von hier aus konnte er die Stadt sehen. Hannover, wie sie zur Zeit der Alten geheißen hatte, und wie auch immer die Barbaren sie nun nennen mochten. Der Kometeneinschlag vor über fünfhundert Jahren hatte sich offenbar auch auf den Meeresspiegel ausgewirkt, denn Hannover war zu einer Insel geworden.
Viele Bereiche der damaligen Stadt lagen nun unter Wasser. Lediglich der Teil, in dem auch der Bunker stand, blieb von den Fluten unberührt. Die Straßen waren voller Furchen, Löcher und Krater, und aus vielen von ihnen wuchsen bereits Pflanzen. Die Autos waren rostig, und viele Gebäude bloß noch Ruinen. Die Fenster hatten längst keine Scheiben mehr, und die meisten Hochhäuser waren eingestürzt.
Riesige, mächtige Bäume, viel größer als sie es vor der Katastrophe jemals gewesen waren, dominierten nun das Stadtbild. Die Natur hatte einen großen Teil der Stadt bereits zurückerobert, und hier und da liefen mutierte Tiere herum. Glücklicherweise keine großen, gefährlichen Mutationen.
Kai warf auch einen Blick auf das Meer. Das Festland war noch in Sichtweite, dennoch kamen niemals Barbaren hierher. Eigentlich waren nur einmal Barbaren zu dieser Insel gekommen, und das hatte verheerende Folgen für die Technos, die hier überlebt hatten. Die Barbaren hatten die Erwachsenen auf eine grausame Art und Weise niedergemetzelt, und nur die Kinder hatten überlebt. Doch wahrscheinlich wären auch sie dran gewesen, wenn die Hydriten nicht gekommen wären.
Diese Fischwesen sahen zwar auf dem ersten Blick unheimlich aus, aber sie hatten ihnen geholfen. Umgekehrt wollten sie nur in ihrem Bunker wohnen, da sie einen sicheren Ort für ihre Gruppe suchten. Kai und die anderen waren nur zu zehnt, zehn Kinder, die in der Zeit im Bunker vieles über die Populärkultur der Alten gelernt hatten, aber keine Ahnung hatten, wie sie in der freien Natur überleben konnten. Insbesondere auf der postapokalyptischen Erde.
Der 16-jährige Junge strich über seine langen, schwarzen Haare. Er hatte strahlend grüne Augen, und trug nur noch die Reste von seiner Bunkerkleidung. Ebenso wie die anderen Teenager hing er irgendwie an ihr. Sein Körper war leicht muskulös, aber nicht besonders stark. Und er sah kräftig und gesund aus.
Das war erst bei der neuen Generation der Bunkerbewohner aufgetreten, weil sie das Immunserum bereits als Kinder bekommen hatten. Ihre Eltern und Großeltern waren noch kahlköpfige Albinos, für die es sehr gefährlich war, ungeschützt den Keimen und Bakterien der Umwelt ausgesetzt zu sein, sodass sie den Bunker nur in ihren Schutzanzügen verlassen konnten.
„Dort bist du also. Ich suche dich schon die ganze Zeit über, dabei hätte ich wissen müssen, dass du wieder hier sein würdest.“ sagte eine vertraute Stimme.
Corvus war zu Kai getreten. Sein Cousin sah ihm recht ähnlich, doch vom Äußeren abgesehen, hatten sie wenig gemeinsam.
„Liegt etwas besonderes an?“ fragte Kai seinen Cousin, während er herunterkletterte.
„Du bist für die nächste Patrouille eingeteilt.“ erklärte dieser nur.
Kai war vom Baum heruntergeklettert und strich seine Kleidung glatt. Neben seiner zerfetzten Bunkerkleidung trug er auch einen Gürtel mit vielen, kleinen Taschen. In den meisten von ihnen bewahrte er kleine technische Gerätschaften auf, welche ihm einmal nützlich sein konnten.
Zusammen gingen sie zum Lager. Es war ganz in der Nähe des Bunkers. Dort standen mehrere Stoffzelte, und mitten unter ihnen war ein Lagerfeuer. Die Teenager gingen geschäftig umher, jeder hatte etwas zu tun. Mitten auf einem Tisch lagen mehrere Lasergewehre.
Die Bunkerbewohner waren einst unbewaffnet an die Oberfläche gegangen, und genau das war ihnen zum Verhängnis geworden. Doch nun lagen stets Waffen griffbereit. Einen erneuten Angriff würden die Barbaren ganz gewiss bereuen. Jedenfalls sagte Hannah das immer.
Das blonde Mädchen mit den grünen Augen war ungefähr so alt wie Kai. Doch sie schob inzwischen einen nicht geringen Hass auf die Barbaren. Auch sie trug alte, abgewetzte Bunkerkleidung.
„Du bequemst dich also auch, deinen Pflichten nachzukommen.“ fuhr sie Kai sofort an.
„Gutmütig wie immer.“ gab dieser ironisch zurück.
„Ich würde deine Patrouille ja gerne übernehmen, aber wir teilen hier alles gerecht. Auch die Aufgaben. Ich würde so gerne einigen Barbaren den Laser auf den Pelz brennen.“ redete sie.
„Und auch charmant wie immer.“ witzelte der Junge.
„Sie hat Recht, wir müssen vorsichtiger sein.“ redete Leonie, „Niemand weiß, wann die Barbaren uns erneut angreifen.“
Sie war ein Jahr jünger als Kai und Hannah, und hatte braune Haare und blaue Augen. Außerdem trug sie auch dieselbe Kleidung wie sie. Sie ging einem Hydriten zur Hand. Auch die Hydriten halfen den Kindern beim Aufbau ihrer Siedlung.
„Wenn du nicht alleine losziehen möchtest, begleite ich dich gerne.“ bot der Hydrit an.
„Es ist schon in Ordnung, Que´end. Ich gehe schon los.“ redete Kai und nahm sich eines der Lasergewehre.
Er machte sich sofort auf den Weg. Das postapokalyptische Hannover war eine recht kleine Insel, sodass der Rand der Insel schnell erkundet war. Sie schickten jeden Tag jemanden los, der überprüfen sollte, ob sich wieder einige Boote mit Barbaren näherten.

Kai war schon eine Weile unterwegs, als er ein seltsames Glitzern bemerkte. Langsam ging er darauf zu. Das Glitzern kam von einem Objekt, welches direkt neben einem Hügel lag. Mehrere Hügel standen in der näheren Umgebung, auf jedem von ihnen wuchsen Bäume. Außer auf diesem Hügel.
Kai war schon immer neugierig gewesen, aber er hatte nie die Zeit dazu gefunden, sich wirklich damit zu beschäftigen, warum dieser Hügel bloß kleinere Pflanzen trug. Langsam näherte er sich dem glitzernden Ding. Es war eine Glasscherbe. Die Glasscherbe hatte geglitzert, weil Sonnenlicht auf sie gefallen war. Kai sah sich um. Er schob einige Lianen zur Seite, und sah ein großes Fenster.
Das Fenster hatte schon lange kein Glas mehr, dieses war längst herausgebrochen, und zwar schon vermutlich seit einer ganzen Weile. Die auf dem Boden liegende Glasscherbe war wohl das letzte Stück Glas gewesen, welches noch gehalten hatte. Kai sah durch das Fenster hindurch, und entdeckte eine große Höhle.
Vorsichtig trat er durch das Fenster. Dann erkannte er, dass es keine Höhle war. Es war künstlich erbaut worden, und zwar von den Alten, lange vor der Katastrophe. Kai hatte viel über die Menschen von damals gelesen, und so erkannte er dieses Gebäude auch nach einer Weile.
„Eine City Mall.“ sagte er erstaunt, „Das hier war einst eine City Mall.“
Neugierig betrat er die alte, verfallene City Mall. Die Wege und Treppen waren schon ziemlich stark mit Moos überwuchert, die meisten Läden waren verkommen und verfallen. In einigen befanden sich noch Bücher und Comics, doch auch diese waren vermodert. Die Decke war wohl einst ein Glasdach gewesen, war nun jedoch auch großteils überwuchert. Allerdings nicht völlig, denn hier und da drangen Sonnenstrahlen durch, und erhellten das Innere.
Kai lehnte sich an den Rand des Geländers. Die City Mall hatte mehrere Stockwerke, und das unterste von ihnen stand fast vollkommen unter Wasser. Kai ging gemächlich die großen Treppen herab, und seine Schuhe verursachten matschige Geräusche auf dem Moos. Als er das darunterliegende Stockwerk erreicht hatte, sah er etwas, was ihn erstaunte. Eine Menge Skelette lagen wild auf einem Haufen geworfen dort. Es waren soviele, dass sie einen nicht geringen Teil des Ganges blockierten.
Kai näherte sich den Skeletten. Viele von ihnen waren von mutierten Tieren, auch Meerestieren, doch etliche waren von Menschen. Soweit der Junge es abschätzen konnte, gehörte das eine oder andere Skelett auch einem Hydriten. Welche Kreaturen trieben hier bloß ihr Unwesen?
Kai hörte, wie einige Schritte näherkamen. Schnell versteckte er sich in einem der Läden. Er setzte sich hinter dem, was vor der Katastrophe vermutlich die Verkaufstheke des Ladens gewesen war. Von dort aus konnte er den Gang gut sehen, und würde rechtzeitig erkennen, welches mutierte Tier sich hier aufhielt. Doch zu seiner Überraschung sah er bloß zwei Hydriten, welche eine dritte Gestalt mit sich zogen. Er kannte die beiden Hydriten, es waren Im´usto und Vor´sul. Doch jetzt wirkten sie nicht so nett wie sonst, sondern irgendwie... böse. Besonders seltsam war jedoch die dritte Gestalt.
Die Gesichtszüge und der Körperbau war beinahe menschlich, allerdings hatte er keine Haare am Körper, soweit Kai das erkennen konnte. Seine ledrige Haut ähnelte der eines Delfins, und er hatte auch spitze Ohren. Seine scharfen Reißzähne und die Schwimmhäute zwischen seinen Fingern und Zehen, wiesen jedoch deutlich seine hydritische Verwandtschaft auf. Soweit Kai es abschätzen konnte, war dieser Junge ungefähr in seinem Alter, und trug eine seltsame, schwarze Körperpanzerung.
„Seit vielen Rotationen treibt ihr Frevler hier euer Unwesen.“ sagte der Junge, „Doch nun haben wir euch gefunden. Eure Tarnung funktioniert nicht mehr.“
„Schweige, Mischling!“ fuhr Im´usto auf, „Sind die Pflanzenfresser denn schon so schwach geworden, dass sie Mendriten unter ihresgleichen dulden?“
„Que´end hat gesagt, wenn wir die Kinder verschonen und uns um sie kümmern, würde unsere Tarnung nicht auffliegen.“ redete Vor´sul, „Und nun haben wir einen Spion hier. Wir können ihn nicht töten. Man wird nach ihm suchen.“
„Wir brauchen ihn auch nicht zu töten. Wir machen ihn zu einem der unseren.“ meinte Im´usto und grinste böse.
„Nein! Tut das nicht!“ schrie der Mendrit, und versuchte sich zu befreien, doch die beiden Hydriten zerrten ihn brutal mit sich.
„Bald wird dir Fleisch schmecken. Und dann wirst du so wie wir.“ fügte Vor´sul lachend hinzu.
Kai war entsetzt. Was war hier bloß los? Warum waren die beiden netten Hydriten plötzlich so böse? Das konnte doch nicht sein. Als die beiden außer Hörweite waren, verließ er sein Versteck und lief los.
Gerade als er die Treppen wieder nach oben laufen wollte, entdeckte er etwas. Unten, um überfluteten Bereich sah er etwas, was zuvor nicht dort gewesen war. Neugierig ging der Junge näher heran. Es war groß, durchsichtig, und ähnelte entfernt einer Qualle. Bestimmt war das eine der Transportquallen, von denen er die Hydriten schon hat reden hören.
Der Junge kletterte seitlich durch eine offene Luke ins Innere der Transportqualle. Kai war schon immer recht neugierig gewesen und so war er nun sehr daran interessiert, herauszufinden, was eine Transportqualle war. Mitten im Inneren stand eine Art Pult mit leuchtenden Flächen. Vielleicht hatten diese leuchtenden Flächen ja eine ähnliche Funktion, wie die Knöpfe auf einem technischen Gerät.
Kai trat vor und berührte eine dieser Flächen. Und schon schloss sich die Transportqualle. Neugierig berührte er auch einige der anderen Flächen. Die Transportqualle nahm Fahrt auf.
Die Wasserlandschaft war wunderschön. Die Wasserverschmutzung war im Laufe der Jahrhunderte gewichen, und Kai sah die Pflanzen und Tiere, die im Meer lebten. Das war ein Anblick, den er nie zuvor gesehen hatte. Riesige Fische schwammen an der Transportqualle vorbei. Und die Insel auf der er wohnte, blieb immer weiter hinter ihm zurück.
Und plötzlich merkte der Junge, dass er sich im Inneren eines ihm unbekannten Gerätes stand, und dieses sich immer weiter von der Insel entfernte. Wie sollte er hier wieder herauskommen? Kai lief hektisch zu dem Pult und drückte auf alle möglichen Lichter. Und plötzlich nahm die Transportqualle volle Fahrt auf und schoss durch das Meer.
Kai schrie vor Angst. Was konnte er jetzt nur tun? Doch plötzlich hielt die Transportqualle auf einen anderen Strand zu. Sie legte an, und die Luke öffnete sich. Kai sprang heraus, als würde er vor einem mutierten Raubtier fliehen. Nun war er nicht mehr in der Transportqualle gefangen. Doch nun war er weit von seiner Heimat entfernt. Aus der Ferne sah er die Insel noch. Aber wie sollte er dorthin zurückgelangen?
Der Junge beschloss, einfach den Strand entlangzugehen, in der Hoffnung, ein Boot, ein Floß, oder etwas ähnliches zu finden. Doch plötzlich hörte er laute Hilfeschreie. Kai lief sofort los. Er würde niemanden in Gefahr lassen. Der Wald war wild und urwüchsig, und hier und da ragte etwas metallisches, rostiges hervor, was höchstwahrscheinlich aus der Zeit vor der Katastrophe war. Kai stolperte und fiel der Länge nach hin. Er rollte mehrere Meter über den schmutzigen Waldboden, wobei seine Kleidung noch weiter zerriss, jedoch vor allem viel schmutziger wurde. Die Hilfeschreie waren noch immer zu hören, und der Junge rappelte sich auf, und lief weiter in die Richtung, aus der sie kamen.
Kai stolperte ein weiteres Mal und wäre beinahe in eine riesige Dornenpflanze gestürzt. Die Ranken waren sehr dick, schon die dünneren konnte man mit beiden Händen kaum umfassen. Die Dornen waren so lang wie Finger, und die Beeren so groß wie Tennisbälle. Es war einfach erstaunlich wie sehr sich die Fauna und Flora in den letzten Jahrhunderten verändert hatte Aus Aufzeichnungen wusste Kai, dass Beerenpflanzen vor der Katastrophe gänzlich anders ausgesehen hatten. Die Stimme schrie wieder, und war inzwischen schon ganz in der Nähe. Der Junge rappelte sich noch einmal auf und rannte weiter.
Und gleich hinter dem nächsten Gebüsch sah er auch schon die furchtbare Szenerie. Ein junges Mädchen, höchstens zehn Jahre alt, klammerte sich an einem dünnen Zweig fest. Nun ja, dünn für den Baum, ein Mädchen konnte dieser Zweig immer noch tragen. Sie hing über dem Boden und zappelte wie wild. Und zwei Raubtiere saßen unter ihr und sprangen immer wieder in die Luft und schlug mit ihren Pranken nach ihr. Bislang hatten sie sie immer verfehlt, wenn auch nur knapp, doch über kurz oder lang würde das Mädchen den Halt verlieren und auf den Boden stürzen. Und dann würden diese Tiere sie zerfetzen.
Kai wusste nicht, dass die Barbaren diese Tiere Hyeenas nannten, er sah nur die mutierten Kreaturen, die eine Mischung aus Wolf und Hyäne darstellten, doppelte Zahnreihen mit langen, scharfen Zähnen und eine dichte Fellmähne hatten. Sie waren zweifellos Raubtiere, und noch dazu scheinbar Menschenfresser.
Kai zog seine Laserpistole hervor und zielte auf die beiden Raubtiere. Doch er schoss nicht. Er wollte sie nicht töten, denn schlussendlich waren es bloß Tiere, und keine Ungeheuer. Doch die beiden Hyeenas hatten ihn wohl bemerkt, denn sie wandten sich ihm zu. Kai hob die Laserpistole und schoss den Tieren genau vor die Füße. Ein weißer Strahl schoss in den Boden und ließ ihn explodieren.
Die beiden Raubtiere wichen zurück. Sie waren auf Beute aus, doch diese Beute war überraschend wehrhaft. Schließlich wandten sie sich um und rannten in den Wald. Kaum dass sie weg waren, ließ das Mädchen sich fallen und kam freudestrahlend auf Kai zu. Sie sagte etwas, was er nicht verstand. Doch plötzlich sprang ein weiteres Mädchen aus dem Gebüsch. Sie und das junge Mädchen sahen sich recht ähnlich, vielleicht waren sie ja Geschwister.
Doch das neu hinzugekommene Mädchen war mit einem bronzenen Breitschwert bewaffnet, und richtete die Klinge drohend auf Kai. Sie sagte etwas, was er nicht verstand, und der Junge wich etwas zurück. Er hätte es wissen müssen, dass es nicht gut enden würde, wenn er Barbaren begegnete. Doch das jüngere Mädchen sprach auf das ältere Mädchen ein. Ihre Miene hellte sich auf, und sie senkte die Waffe. Das Mädchen sprach Kai erneut an, und er verstand sie wieder nicht.
Scheinbar merkte das Mädchen das auch, denn sie sprach ihn plötzlich in einer anderen Sprache an. Als Kai auch diese nicht verstand, wechselte sie wieder die Sprache.
„Ich danke dir, dass du meine Schwester gerettet hast, Zauberer.“ sagte sie.
„Zauberer?“ fragte Kai verdutzt.
„Ein Zauberer mit großer Macht.“ antwortete sie und deutete auf seine Laserpistole.
Kai erkannte, dass Barbaren diese Art von Technologie offenbar für Magie hielten. Und er wusste auch, dass es wenig bringen würde, ihr zu erklären, dass es keine echte Magie war.
„Ich bin Kai.“ stellte er sich vor.
„Mein Name ist Anna.“ erwiderte die Barbarin, „Sprichst du nicht die Sprache der Wandernden Völker?“
„Nein, die kenne ich nicht.“ erwiderte der Junge.
„Deine Sprache ähnelt zumindest dieser Sprache, wie sie in Doyzland gesprochen wird.“ erklärte die Barbarin, „Ich handele mit Kleidern, und komme daher viel herum. Wie kann ich dir dafür danken, dass du meine Schwester gerettet hast?“
„Das ist nicht nötig. Ich habe das getan, ohne eine Belohnung zu verlangen.“ erwiderte der Junge.
„Du gefällst mir immer besser, Kai.“ sagte sie, und sah ihn an, als hätte sie einen besonderen Schatz gefunden, „Ich sollte dir zumindest neue Kleidung geben, wenn du sonst schon keine Belohnung möchtest.“
Anna ging zu einem Karren, welcher von einem Horsay gezogen wurde. Sie holte ein Bündel Kleidung heraus, und kam zu Kai zurück.
„Ich glaube, diese Kleidung sollte dir passen.“ sagte sie, „Deine ist schon völlig zerrissen. Am Bach kannst du dich waschen und dann umziehen.“
„Vielen Dank.“ sagte Kai nur und ging los.
Je länger Kai hier war, umso mehr wunderte er sich über die Barbaren. Im Bunker hatte man ihnen stets gesagt, dass sie nicht mehr als gefährliche Wilde seien, aber zumindest einige von ihnen mussten deutlich klüger und zivilisierter sein, wenn sie schon in der Lage waren, Kleidung herzustellen. Und zumindest diese Barbarin beherrschte auch scheinbar mehrere Sprachen, oder zumindest mehrere Ausprägungen von einer Sprache. Die Sprache die sie jetzt sprach, klang so ähnlich wie deutsch.
Am Bach angekommen, legte er die Kleidung auf einen Stein. Offenbar bestand sie aus Leinen. Das Hemd war orangefarben, die Hose war dagegen eher gelb. Der Junge schälte sich aus seiner zerfetzten Kleidung und warf diese achtlos zu Boden. Kurz darauf stieg er in den Bach und wusch sich. Er war sauber, und wollte sich gerade wieder umdrehen, als er Schritte hinter sich hörte.
Und schon umarmte ihn auch jemand von hinten und drückte sich an ihn. Kai drehte sich um und sah Anna, welche ebenfalls nackig war. Ihm war die Situation peinlich, doch er wusste nicht, wie er ihr das erklären sollte.
„In den vierzehn Wintern die ich schon erlebt habe, habe ich noch keinen getroffen, der so wie du war.“ sagte sie, „Du bist so unachtsam. Gibt es in deiner Heimat keine fleischfressenden Tiere? Doch du bist auch so edel, dass du dein Leben riskiert hast, um jemanden zu retten, den du überhaupt nicht kanntest.“
„Du bist nicht nackt hergekommen, nur um mir das zu sagen.“ vermutete der Junge.
„Nein, das habe ich getan, weil du mir gefällst.“ erwiderte sie.
Kai wusste nicht, was er tun sollte. Er kannte dieses Mädchen überhaupt nicht, dennoch waren ihre Absichten ganz eindeutig. Und das bloß, weil er sich von den Barbaren unterschied, und weil er ihre Schwester gerettet hatte. Noch ehe er wusste, was er als nächstes zu ihr sagen sollte, küsste Anna ihn auf den Mund, und umarmte ihn noch etwas enger.

Kai lag neben der Barbarin am Rande des Baches. Sie hielten sich in den Armen und lächelten sich an. Doch plötzlich stand Anna auf und ging langsam zurück.
„Du gehst weg?“ fragte der Junge.
„Natürlich. Wir sind keine Gefährten. Man sollte sich jeden Spaß gönnen, den man haben kann. Nur die Götter wissen, wann wir den Raubtieren zum Opfer fallen.“ erwiderte sie und küsste ihn auf die Wange, „Vor mir hattest du noch kein Mädchen, habe ich Recht?“
Kai sagte errötend: „Ja.“
Der Junge erwartete, dass sie ihn auslachen würde, doch Anna schien sich nicht daran zu stören. Im Gegenteil sogar, irgendwie schien es sie zu freuen. Sie lächelte ihn noch einmal an und machte sich dann an den Rückweg.
„Kannst du mir verraten, wie ich von hier aus den Strand erreiche?“ rief er ihr noch nach.
Anna deutete in eine bestimmte Richtung und sagte: „Dort entlang. Aber verweile nicht zu lange am Strand. Die Truppen von Olrik und Evoru, zwei mächtigen Clanführern, wollen eine nahegelegene Insel angreifen. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ sagte Kai nur.
Die Insel konnte nur die sein, auf der er und die anderen Bunkerbewohner zusammen mit den Hydriten wohnten. Eilig zog er sich an und rannte in die Richtung, die Anna ihm gezeigt hatte.
Als Kai das Ufer erreicht hatte, wurde dem Jungen wieder klar, dass er noch immer nicht wusste, wie er zur Insel zurückkehren sollte. Doch gleich neben der Transportqualle stand eine weitere Gestalt. Sie sah so ähnlich aus wie die, die Kai zuvor in der Gefangenschaft der Hydriten gesehen hatte. Als er sich ihr näherte, drehte sich sich zu ihm um und zog einen lange Stab hervor. Sie rief ihm etwas zu, doch er verstand es nicht und sagte das auch.
„Ein Barbar der nicht die Sprache der Wandernden Völker spricht, jedoch die Sprache der Bunkerleute?“ fragte sie verwundert.
„Ich bin kein Barbar. Ich komme von dieser Insel dort.“ erwiderte der Junge, „So einer der so ähnlich aussah wie du, wurde von zwei Hydriten gefangengenommen, und ich bin dann irgendwie in diese Transportqualle geraten.“
„Du weißt, was Hydriten sind? Einer der so ähnlich wie ich aussah? Das war mein Bruder, Em´rako.“ sagte das Mädchen und senkte die Waffe, „Ich bringe doch zur Insel zurück, wenn du mir dafür hilfst, meinen Bruder zu befreien.“
„Natürlich helfe ich dir.“ antwortete der Junge.

Kai war wieder in der Transportqualle. Zusammen mit Tai´vor, eine Mendritin, wie sie sich bezeichnete. Mendriten waren die Nachkommen von Menschen und Hydriten. Aus diesem Grund sahen sie auch nahezu menschlich aus, hatten jedoch auch einige Hydritenmerkmale. Lange Zeit über waren Mendriten sowohl unter Menschen als auch unter Hydriten unerwünscht. Für Menschen waren sie mit den sogenannten Fischteufeln verwandte Ungeheuer, und für die Hydriten waren sie zu sehr wie Menschen.
Doch in der Kultur der Hydriten war Bildung sehr wichtig. Und nicht bloß das, die meisten Hydriten waren viel moralischer als Menschen, und so waren Mendriten in den Ozeanen meist akzeptiert. Durch ihre Fähigkeit, sowohl an Land als auch im Wasser heimisch zu sein, waren sie sogar sehr wertvoll für Erkundungen auf dem Land.
Eine dieser Erkundungen hatte den beiden Geschwistern Informationen über diese Insel zukommen lassen. Viele Menschen waren im Umkreis der Gegend entführt worden. Von sogenannten Fischteufeln. Zudem wurde in genau dieser Gegend schon länger ein Mar´os-Kult vermutet. Denn nur Anhänger von Mar´os fraßen Fleisch. Und sie waren überhaupt nicht wählerisch dabei, wessen Fleisch es war.
Em´rako war losgezogen, um die Umgebung zu erkunden. Und dabei war er wohl einem der Hydriten in die Falle gegangen.
„In dieser vermeintlichen Höhle habe ich eine Menge Skelette gefunden.“ sagte Kai schließlich, „Das erklärt dann wohl, was aus den entführten Barbaren geworden ist. Aber warum betonst du die ganze Zeit über, dass diese Hydriten Fleisch fressen?“
„Wenn ein Hydrit, oder ein Mendrit, Fleisch frisst, dann schüttet seine Tantrondrüse Hormone aus, welche ihn aggressiver macht. Aggressiver und bösartiger, an seiner Intelligenz ändert sich jedoch nichts.“ erklärte Tai´vor, „Und das könnte meinem Bruder bevorstehen, wenn wir ihn nicht rechtzeitig finden.“
„Ich fürchte, wir stehen noch vor einem ganz anderen Problem.“ redete Kai, „Ich habe erfahren, dass eine ganze Horde von Barbaren die Insel angreifen möchte. Wir müssen nicht bloß deinen Bruder retten, sondern auch meine Leute warnen.“
Tai´vor steuerte die Transportqualle wieder dorthin, wo auch ihr Bruder sie abgelegt hatte. Durch einen viereckigen, vermeintlichen Höhleneingang.
„Die ganze Zeit über haben sie uns belogen, und unsere Insel benutzt, um die umliegenden Menschen zu terrorisieren.“ redete Kai wütend.
„Nun können wir sie ja aufhalten.“ meinte die Mendritin nur.
Sie legten mit der Transportqualle an, und die Tür öffnete sich. Kai trat heraus, dichtauf gefolgt von der Mendritin. Ein Hydrit kam ihnen entgegen. Kai kannte ihn, und zum ersten Mal sah er diese brutale Angriffslust auf seinem Gesicht. Tai´vor streckte ihren Stab vor. Er sah so ähnlich aus wie ein Teleskopschlagstock, war aber mindestens doppelt so dick. Mit dieser Waffe schoss sie einen Schwall Blitze auf den Hydriten ab. Dieser sackte sofort zu Boden.
„Hast du ihn umgebracht?“ fragte Kai entsetzt.
„Er ist bloß betäubt.“ entgegnete sie, „Und jetzt los, in welche Richtung haben sie meinen Bruder gebracht?“
Kai deutete an den Skeletten vorbei. Dort war ein langer Gang, der nun jedoch ebenso vermodert war, wie der Rest der City Mall. Die beiden gingen den Gang entlang, und ganz am Ende fanden sie tatsächlich einen Käfig vor.
„Em´rako, endlich habe ich dich gefunden.“ rief Tai´vor aus.
Neben ihm im Käfig lagen einige rohe Fleischstücke, doch der Mendrit hatte sich soweit von ihnen entfernt hingesetzt, wie er nur konnte.
„Schwester, du bist gekommen, um mich zu retten? Und wer ist dieser Junge dort?“ erwiderte er.
„Das erzähle ich dir später.“ antwortete die Mendritin, „Wir müssen dich zuerst befreien.“
Kai zielte mit seiner Laserpistole auf das Schloss des Käfigs. Er schoss einen Strahl ab, und das Schloss zersprang. Em´rako schob die Käfigtür auf und verließ den Käfig.
„Jetzt müssen wir die anderen warnen.“ sagte Kai.

Zu dritt hatten sie die City Mall verlassen, und eilten auf die kleine Siedlung zu, welche von den Teenagern aus dem Bunker bewohnt wurde. Schließlich hatten sie sie erreicht.
„Kai, du warst eine ganze Weile lang weg. Wir wollten dich schon suchen.“ begrüßte Leonie ihn, „Was für eine seltsame Kleidung trägst du denn? Und wer sind diese beiden dort?“
Alle Teenager sahen ihn an, und Kai erzählte die ganze Geschichte. Wie er der Barbarin begegnet war, und was er alles gesehen und erlebt hatte. Und vor allem auch das, was er über die Hydriten erfahren hatte.
„Bist du pervers? Du hast es mit einer Barbarin gemacht!“ rief plötzlich einer von ihnen aus, und die anderen fielen mit ein.
„Du glaubst zwei... wie denen mehr, als den Hydriten, die uns schon seit vielen Jahren helfen?“ warf ihm ein anderer vor.
„Ich habe die Skelette doch selber gesehen.“ hielt Kai entgegen, „Wenn ihr mir folgt, zeige ich sie euch.“
„Deine Lügen kannst du dir sparen!“ warf Hannah ihm vor, „Und glaubst du ernsthaft, dass wir jemanden für glaubwürdig halten, der sich auf Barbaren einlässt?“
„Vielleicht wurden eure Eltern damals nicht von Barbaren getötet... sondern von den fleischfressenden Hydriten.“ vermutete Tai´vor.
Daraufhin erhoben sich mehrere Beschimpfungen und ärgerliche Schreie. Einige der Teenager warfen auch Sache auf die drei. Em´rako zog seinen Schockstab und betäubte zwei von ihnen. Die Teenager griffen sofort nach ihren Laserwaffen und richtete diese auf die beiden Mendriten. Und auf Kai.
„Bitte senkt die Waffen.“ sagte Kai, „Wir gehen schon. Aber wenn ihr mir schon sonst nichts glaubt, dann glaubt mir bitte wenigstens, dass ihr in Gefahr seid.“
Einige der Bunkerbewohner senkten ihre Waffen.
„Vielleicht hat er ja Recht.“ meinte einer von ihnen vorsichtig.
„Das ist nur Blödsinn!“ beharrte Hannah.
„Die Hydriten sind nicht hier. Vielleicht sind sie schon geflohen.“ vermutete ein Mädchen.
„Oder sie sind gerade beschäftigt. Glaubt ihr wirklich jemanden, der mit einer Barbarin intim geworden ist?“ redete Hannah, „Es ist besser, wenn er von hier verschwindet.“
Kai sah sich traurig um. Dann wandte er sich um und ging los.
„Und falls er doch Recht hatte?“ fragte Leonie, „Wenn hier tatsächlich bald Barbaren angreifen?“
„Dann werden wir sie mit unseren Lasergewehren empfangen.“ erwiderte Hannah.

Kai stand wieder vor der Transportqualle. Der zuvor betäubte Hydrit war nicht da, offenbar hielt die Wirkung der Schockstäbe nicht besonders lange vor. Die Mendritin legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter und sagte: „Es tut mir so Leid, dass du deine Heimat verlassen musst.“
„Es war lange meine Heimat, aber auch mein Gefängnis. Ich weiß fast nichts von dem, was außerhalb der Insel ist.“ erwiderte der Junge.
„Wir bringen dich bis zum Ufer.“ versprach Em´rako.
„Dann lasst uns aufbrechen.“ meinte Kai nur.

ENDE
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