Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Vorleser

von CathrinP
KurzgeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
29.05.2017
09.04.2020
4
2.770
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
29.05.2017 1.305
 
Es war totenstill im Gerichtssaal. So still, dass ich das Ticken meiner Uhr hören konnte, eine unerträgliche Atmosphäre.
Niemand traute sich, etwas zu sagen oder sich auch nur zu räuspern.

"Könnten . . . könnten Sie das bitte noch einmal wiederholen?", der Richter hatte als erster seine Sprache wiedergefunden und sah Hanna jetzt etwas blass und verwirrt an.
"Ich sagte, dass ich den Bericht gar nicht hätte schreiben können, weil ich ... weil ich Analphabetin bin. Die anderen Aufseherinnen haben den Bericht geschrieben und ihn mir vorgelegt. Ich habe ihn nur unterschrieben. Aber ich hatte keine Ahnung, was in dem Bericht steht."
Hanna hatte während sie gesprochen hatte die Augen gesenkt und nervös mit ihren Fingern an ihrem Taschentuch herum genestelt. Jetzt sah sie jeder im Gerichtssaal an, ungläubig, was sie da soeben von sich gegeben hatte.
"Sie lügt! Sie wusste genau, was in dem Bericht steht, weil Sie ihn geschrieben hat."
Die behäbig-gehässige Angeklagte zeigte mit dem Finger auf Hanna.
"Sie behauptet das nur, um aus der Sache heil raus zu kommen."
"Jetzt seien Sie mal für 5 Minuten ruhig. Ich muss die Angeklagte zu dieser Aussage noch einmal befragen und bin ihre ständigen Unterbrechungen leid."
Der Richter sah die behäbig-gehässige Angeklagte streng an und diese nickte schnell.
"Nun?" Der Richter sah Hanna erwartungsvoll an.
"Wie ich schon sagte, ich kann weder lesen noch schreiben." Hanna blickte wieder auf ihre Hände. Sie traute sich nicht, in die Gesichter der Besucher zu blicken.
Es schien ihr unangenehm die Blicke der Zuschauer ertragen zu müssen.
"Aber unterschrieben haben Sie den Bericht, oder?" Der Richter schaute sich den Bericht noch einmal an.
Hanna nickte. "Ja, aber ich wusste nicht, was darin steht. Die anderen Aufseherinnen haben mir den Bericht vorgelegt, nachdem wir ihn zusammen formuliert haben  und ich sollte ihn dann unterschreiben."
"Und warum haben Sie sich den Bericht nicht noch einmal vorlesen lassen oder eine der anderen Angeklagten gebeten ihn zu unterschreiben, wenn Sie doch nicht mit Sicherheit sagen konnten, was tatsächlich in dem Bericht steht?" Der Anwalt einer der Angeklagten hatte diese Frage gestellt und blickte Hanna jetzt eindringlich an.
Sie strich sich eine nach vorne gefallene Haarsträhne hinter das Ohr und schien kurz zu überlegen.
"Ich wollte nicht, dass eine der anderen Aufseherinnen Verdacht schöpft."
"Sie meinen Sie wollten nicht, dass jemand davon erfährt, dass Sie Analphabetin sind? Warum haben Sie es dann hier so laut und offenkundig behauptet? Ich denke vielmehr, dass Sie das nur behaupten, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Damit die anderen Angeklagten für etwas verurteilt werden, das SIE begangen haben!" Der Anwalt zeigte mit seinem Finger auf Hanna.
Einige der Zuschauer fingen an zu murmeln.
Sie waren sich uneinig, ob Hanna die Wahrheit sagte oder nicht. Ich wäre am Liebsten aufgesprungen um Hannas Aussage zu bezeugen, aber sie sah mich an als ob sie mir sagen wollte:
"Sei ja still Jungchen! Das, was hier passiert geht dich nichts an und ich kann mich sehr gut selbst verteidigen!"

Also ließ ich es bleiben. Der Richter rief die Zuhörer zur Ordnung, um mit dem Verfahren fortfahren zu können. Hanna sollte die Frage des Anwalts beantworten.
"Ich habe nichts behauptet. Ich habe lediglich die Wahrheit gesagt. Hätte ich eine der anderen Aufseherinnen gebeten, mir den Bericht vorzulesen, dann hätten sie Verdacht geschöpft. Es durfte doch keiner erfahren, dass ich Analphabetin bin. Hätten sie es erfahren, dann wäre ich verstoßen und gedemütigt worden. Ich bin doch kein Unmensch! Aber hätten die es erfahren, dann hätten sie mich genau so angesehen, wie sie die Gefangenen ansehen. Deshalb habe ich den Bericht einfach unterschrieben - ohne genau zu wissen was darin steht."
Der Richter nickte nur und sah den Anwalt der behäbig-gehässigen Angeklagten an.
"Haben Sie  sonst noch irgendwelche Fragen an die Angeklagte?"
Der Anwalt schüttelte den Kopf.
"Herr Richter, ich würde gerne meine Aussage von vorhin ergänzen." Die Tochter erhob sich von ihrem Platz, als der Richter ihr zunickte.
"Ist Ihnen noch etwas eingefallen?"
"Ja ist es. Wie ich eben schon sagte, hat die Angeklagte sich immer die schwächsten Mädchen ausgesucht, um sich von ihnen vorlesen zu lassen. Ich erinnere mich jetzt daran, dass eines der Mädchen gesagt hat, die Angeklagte habe sich auch die einfachsten Dinge  wie Zeitungen, Berichte oder andere Nachrichten von  ihr vorlesen lassen. Die Angeklagte habe sich auch nie Berichte durchgelesen oder selber einen geschrieben. Sie hat sie einfach nur unterschrieben und wieder zurückgegeben. Wieso hätte Sie das tun sollen, wenn Sie keine Analphabetin ist? Und die Angeklagte dort, " sie zeigte mit dem Finger auf die behäbig-gehässige Angeklagte. "sie hat uns bei unserem Gespräch belauscht. Sie hätte also wissen können, dass die Angeklagte Frau Schmitz Analphabetin ist. Oder zumindest hätte Sie eins und eins zusammen zählen können." Sie beendete ihre Aussage und holte tief Luft.

Es wurde wieder still im Gerichtssaal. Ich konnte wieder das Ticken meiner Armbanduhr hören. Damit hätte keiner gerechnet. Niemand.
Nicht, dass die Tochter Hanna verteidigte. Nicht, dass Hanna die Wahrheit gesagt hatte. Und vor allem nicht, dass die behäbig-gehässige Angeklagte versucht hatte Hanna einen Strick aus der ganzen Sache zu drehen.
Die behäbig-gehässige Angeklagte wirkte auf einmal ziemlich blass und erschrocken. Sie sah von der Tochter zum Richter, vom Richter zu Hanna und von Hanna in den Gerichtssaal zu den Besuchern.

Sie konnte nicht glauben, was hier gerade passiert war.
"Ich . . . ich habe nicht . . . das kann nicht . . ."
"Was kann nicht sein?" Der Richter blickte die Angeklagte jetzt eindringlich an und die schüttelte den Kopf.
"Wieso hätte ich denn den Bericht verändern sollen? Dazu hätte ich doch gar keinen Grund gehabt."
"Damit SIE meiner Mandantin die Schuld in die Schuhe schieben können." Hannas Anwalt hatte wohl endlich seine Sprache wiedergefunden, denn er war aufgesprungen und zeigte mit dem Finger auf die Angeklagte."
"N . . . Nein. Das . . . das stimmt nicht. Ich wollte nur . . ." Die Angeklagte verlor fast die Fassung.

Ich wusste, dass es falsch war, aber es tat gut sie so zu sehen. Sie zitterte am ganzen Körper und rang um Fassung. Ihre Lippen bebten und sie hielt sich eisern am Geländer vor ihr fest.
Der Druck auf sie irgendetwas zu den Vorwürfen zu sagen, wuchs mit jeder Sekunde in der sie um Fassung rang.
Offenbar hielt sie dem Druck aber nicht lange stand, dem Gemurmel der Zuschauer, ihren Blicken, dem prüfendem Blick des Richters und seine Aufforderungen etwas zu den Vorwürfen zu sagen. Sie brach über ihrer Bank zusammen. Sie weinte und weinte mit Vornübergebeugten Schultern, den Kopf in den Händen und wollte sich nicht beruhigen lassen.
Der Richter war es anscheinend irgendwann leid, denn er ließ die Verhandlung für eine halbe Stunde unterbrechen, damit sich, wie er sagte 'alle wieder beruhigen und für ein vermutliches Geständnis stärken konnten.'
Er brauchte scheinbar auch eine Pause von dem, was innerhalb der letzten Stunde im Gerichtssaal passiert war.
Ich nutzte die Pause um mir einen Kaffee zu holen und nachzudenken.
Hanna hatte den Bericht nie schreiben können, das war jetzt allen klar. Und die behäbig-gehässige Angeklagte war sich dessen offenbar bewusst gewesen.
Folglich musste sie den Bericht geschrieben haben und Hanna sollte als Sündenbock herhalten. Jetzt war nur die Frage: Hatten die anderen Angeklagten auch von Hannas Geheimnis gewusst und wollten sie ebenfalls als Sündenbock darstellen oder hatten sie erst jetzt davon erfahren?
Egal, wie man es drehte - Hanna war die Einzige, die vielleicht noch heil aus der Sache wieder herauskommen würde.
Gefängnis?
Ja vielleicht musste Hanna in Gefängnis, aber ihre Strafe würde nicht so hoch ausfallen, wie die der anderen.
Dessen war ich mir sicher. Es musste einfach so kommen.
Es musste.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast