Leb wohl geliebter Freund

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Dr. Henry "Hank" Lawson
29.05.2017
29.05.2017
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Ein Beitrag zu dem Projekt Wörterwirbel von Panayota.

Ich habe mich für die Vorgaben: alter Knabe, schmerzlich schön und Ausnahmeregel entschieden.

Ich hoffe, euch gefällt meine kleine eigene Version von Jacks Tod. Ich finde es so etwas persönlicher. Außerdem würde die tiefe Freundschaft zwischen Hank und Jack noch einmal beleuchtet, das hat mir im Original ein wenig gefehlt.

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„Hey alter Knabe hier drüben!“ schallte es Hank freudig entgegen. Verwirrt blinzelte er und sah in die Richtung aus der die Stimme zu kommen schien. Schützend schirmte er seine Augen mit der linken Hand ab, um den blendenden Sonnenstrahlen zu entgehen. Und tatsächlich, am anderen Ende des Golfplatzes entdeckte er Jack, der wild gestikulierte, um Hank auf sich aufmerksam zu machen. Mit der freien Hand winkte Hank seinem Freund zu und stiefelte in dessen Richtung.

„Hallo Jack, du sprühst ja geradezu vor Lebensfreude und Energie“, wunderte sich der Arzt. Er hatte nicht damit gerechnet, Jack bei solch guter Gesundheit vorzufinden, als dieser ihn auf den Golfplatz zitierte. Stirnrunzelnd ließ er seinen Blick an Jack auf und ab wandern, um ihn auf offensichtliche Blessuren zu untersuchen, doch auch hier wurde er nicht fündig. „Was kann ich für dich tun Jack? Geht es dir nicht gut? Schlagen die Medikamente nicht an?“ Ganz der besorgte Arzt und Freund, erkundigte er sich nach dem Befinden seines Patienten, doch der lachte bloß.

„Aber nein, es ist alles bestens. Ich hatte Lust auf eine Runde Golf, doch du hast nie Zeit für mich. Also habe ich dich herbestellt und da du jetzt schon mal da bist, können wir auch ein Spiel wagen.“ Wie selbstverständlich presste Jack ihm das kalte Eisen des Golfschlägers in die Hand und grinste breit. Er wusste, dass Hank nicht einfach gehen würde. Das war nicht seine Art und er behielt Recht.

Frustriert schnaufte Hank, fügte sich jedoch seinem Schicksal. Seine Tasche verstaute er in Jacks Golfkart, in dem er passende Schuhe vorfand. Schnell schlüpfte er hinein und bereitete sich mental auf den ersten Abschlag vor.

Heute schien Hank einen Lauf zu haben. Geschickt beförderte er die Bälle zu ihrem Ziel und schaffte es sogar, den ein oder anderen Ball tatsächlich im dafür vorgesehenen Loch, verschwinden zu lassen. Gerade erst hatte er einen weiteren Ball geschlagen, als sich das friedliche Idyll jäh wandelte.

In seinem Rücken fasste Jack sich verzweifelt an den Kopf und ging laut röchelnd zu Boden. In Windeseile schleuderte Hank den Schläger von sich und stürzte zu seinem, am Boden kauernden, Freund. „Jack! Jack, hörst du mich?“ Immer wieder rüttelte er den Freund an den Schultern, versuchte seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Nur mit Mühe drang Jack wieder in die Wirklichkeit ein und nahm die verzweifelten Rufe wahr. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß, sein Körper wurde noch immer von unkontrollierbaren Krämpfen geschüttelt.

„Hallo, hier ist Dr. Hank Lawson. Ich benötige einen Krankenwagen zu dem Hamptons Hill Golfplatz. Der Patient leidet an Lupus und hat gerade einen schwerwiegenden Krampfanfall.“ Ohne einen weiteren Gruß klappte Hank sein Handy zu und ließ es in der Hosentasche verschwinden. Jack lag noch immer flach auf dem Boden, doch seine Krampfanfälle waren fast überstanden. Niedergeschlagen ließ Hank sich neben seinem Freund ins Gras sinken und sprach behutsam auf ihn ein. Mehr konnte er in dieser Lage nicht für seinen Freund tun. Auch als Arzt war er in solchen Momenten vollkommen machtlos gegen diese tückische Krankheit und ihre Folgen.

Schon bald waren jedoch die Sirenen des herannahenden Krankenwagens zu hören. Eilig sprang Hank auf und winkte den Sanitätern entgegen, die sich suchend nach dem Patienten umsahen.

Einige Stunden später im Hamptons Heritage:

Kraftlos sank Hank auf einem Stuhl im Wartebereich der Klinik zusammen. Wenige Sekunden zuvor hatte ihm ein Arzt mitgeteilt, dass es für seinen Freund keine Rettung mehr gab. Er war während einer Operation, aufgrund eines akuten Nierenversagens, verstorben. Sein Herz war den vielen Belastungen nicht mehr gewachsen gewesen und hatte aufgehört, zu schlagen. Alle Reanimationsversuche seitens des Operationsteams schlugen fehl, sodass Dr. Ryder letztendlich nichts anders übrigblieb, als den Patienten für tot zu erklären.

„Ich glaube nicht, dass er Schmerzen hatte. Mr. O’Malley war schon bei seiner Ankunft im Krankenhaus in einem Dämmerzustand. Es war eine Erlösung für ihn. Es tut mir leid, Dr. Lawson.“ Väterlich klopfte der ältere Arzt Hank auf die Schulter und entfernte sich. Auch andere Patienten warteten darauf, behandelt zu werden und er war sich sicher, dass sein jüngerer Kollege die Nachricht überwinden würde.

Hank jedoch war gefangen in den schmerzlich schönen Erinnerungen an den vergangenen Nachmittag. Jack wirkte voller Energie und Tatendrang, niemals hätte er erwartet, am Ende des Tages in der Notaufnahme zu landen und den Tod seines Freundes betrauern zu müssen. Immer wieder nahm er leise Stimmen wahr, die auf ihn einsprachen, doch er wollte sich nicht näher mit ihnen auseinandersetzen. Wollte nicht in die traurigen Gesichter blicken und ihnen versichern, dass es ihm gut ging, denn so war es nicht.

Erst als sein Bruder ihn bei den Schultern packte und rüttelte, tauchte er aus seiner Gedankenblase auf. Um ihn herum hatte sich eine kleine Menschentraube versammelt und jeder von ihnen sah mitleidig auf ihn herunter. „Hank, lass uns nach Hause gehen. Du musst dich ausruhen.“ Vorsichtig zog Evan am Arm seines Bruders, doch der rührte sich nicht, starrte weiterhin zu Boden.
Mit sanfter Gewalt stemmte er den älteren letztendlich doch in die Höhe und schob ihn aus der Klinik. Wortlos ließ Hank die Prozedur über sich ergehen, bis er letztendlich alleine in seinem Bett lag und die Decke anstarrte, an der sich immer wieder Jacks Bild formte. Das Bild eines Mannes, der in der Blüte seines Lebens stand und endlich wieder seiner größten Leidenschaft, dem Golf, nachgehen konnte, bevor er auf solch grausame Weise aus dem Leben gerissen wurde.

Es war eine grausame Realität und dennoch spiegelte sie all das wieder, womit er sein Geld verdiente: Die Gesundheit der Menschen.


Wenige Tage später war es nun soweit: Jacks Beerdigung stand vor der Tür. Hank hatte das Zimmer seit Jacks Tod nur sehr selten verlassen. So sehr er sich auch anstrengte, sein Geist wollte sich nicht mit der Tatsache abfinden, dass er Jack niemals wiedersehen würde. Nun stand er, in einen schwarzen Anzug gehüllt, vor dem Spiegel und zupfte seine Krawatte zurecht. In Gedanken ging er immer wieder seine Rede durch, die er mit viel Hingabe zu Papier gebracht hatte. Noch immer war es ihm unangenehm, vor Menschen zu sprechen, doch für seinen Freund würde er eine Ausnahme machen. Jack sollte in Würde beerdigt werden, im Kreise seiner Lieben.

Auf dem Friedhof war schon alles vorbereitet. Das Grab war ausgehoben und darüber thronte, auf Stahlstreben, der Sarg. Ein üppiges Blumenbouquet zierte den schlichten Eichensarg. Ein riesiger Kloss bildete sich in Hanks Hals, als er die Holzkiste erblickte, in dem der liebgewonnene Freund seine letzte Ruhe fand. Mühevoll rang er um Fassung und schritt mäßigen Schrittes neben Evan und Divya in Richtung des Pastors, der die Trauernden herzlich in Empfang nahm.

Es war eine bewegende Beisetzung, der Hanks Rede schlussendlich die Krone aufsetzte.

„Als ich Jack kennenlernte, war er ein Mann mit einem Traum: Er wollte Golf spielen! Doch sein Körper versagte ihm diesen Wunsch. Seine Hände ließen sich nicht um den Schläger schließen und dennoch ließ er sich nicht davon abhalten, seinen Traum zu leben. Es gab ihm einen Schub, als ich es ihm ermöglichte, seinen Traum von neuem aufleben zu lassen und er nutzte diese Chance. Innerhalb eines Jahres spielte er sich wieder an die Spitze und war kurz vor einem großen Deal, als er wieder in meine Arme lief. Aus einer Routineuntersuchung wurde binnen kürzester Zeit eine lebensbedrohliche Diagnose. Doch auch von dieser ließ Jack sich nicht aufhalten. Er war sich sicher, dass er wieder einmal die Ausnahmeregel sein würde. Verbissen kämpfte er gegen die Krankheit, um sich ihr letztendlich dennoch fügen zu müssen. Ich bewundere ihn für seinen Kampfgeist, seine lebensbejahende Einstellung aber vor allem für sein großes Herz. Noch nie ist mir ein Mensch begegnet, der Jack auch nur im Entferntesten ähnlich wäre. Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben! Lebe wohl alter Freund!“

Verstohlen wischte Hank sich eine Träne aus dem Augenwinkel, bevor er zum Abschied kurz auf den Sarg klopfte und sich anschließend wieder zu seiner Familie gesellte. Tieftraurig und von einer unglaublichen Wehmut gepackt, sah Hank dabei zu, als der Sarg kurz darauf in die dunkle Erde glitt.

„Leb wohl Jack! Ich werde weitermachen, für dich. Um so vielen Menschen wie möglich dein Schicksal zu ersparen!“, murmelte Hank, während er sich vom Grab entfernte und das Auto ansteuerte, welches ihn zu seinem nächsten Patienten bringen würde. Der Alltag musste weitergehen, doch er war sich sicher, dass Jack immer ein Auge auf ihn haben würde.