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The Choices We Make

von MonaGirl
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Aiden Mathis Charlotte Grayson Daniel Grayson Emily Thorne / Amanda Clarke Nolan Ross Victoria Grayson
29.05.2017
03.07.2017
53
63.967
3
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29.05.2017 1.753
 
Ein Knall, so laut, dass es ihm den Atem raubte. Ein Schrei, so schrill, dass ihm fast das Trommelfell platzte. Erst als er erwachte, schwer atmend und in Schweiß gebadet, wurde ihm bewusst, dass er wohl den Schrei ausgestoßen haben musste, denn sonst war alles ruhig. Nur das leise Ticken des Weckers neben seinem Bett war zu hören. Mit zitternden Händen griff er danach und ließ ihn dann wieder kraftlos sinken. Es war 4 Uhr nachts. Gerade zwei Stunden später, nachdem er eingeschlafen war. Es war nicht die erste Nacht, in der er keine Ruhe fand. Seit einer Woche ging das nun schon so. Und immer war es der Knall der Pistole, der ihn aus seinem Alptraum zurück in die Realität katapultierte. Einer Realität, die er immer noch nicht begreifen konnte. Die Erinnerung an den 8. August, seinem Hochzeitstag, hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Waren seitdem tatsächlich schon sieben Tage vergangen? Sieben lange Tage und Nächte, in denen jede Spur von ihr fehlte: Emily Grayson, geborene Thorne, seiner Ehefrau. Er schaute zum Nachtschrank, wo der Ring lag, den sie ihm bei der Trauungszeremonie übergestreift und ihm ewige Liebe geschworen hatte.

Was für eine Farce! Er setzte sich auf und fuhr sich durch sein schweißnasses Haar. Seine Mutter hatte Recht gehabt. Emily hatte ihn von Anfang an nur benutzt, um sich an seiner Familie zu rächen, dachte er bitter. Und sie hatte die Rolle der verliebten Freundin, Verlobten und Ehefrau perfekt gespielt. Das musste man ihr lassen. Ihre Schauspielkünste waren erstaunlich gewesen. Er war ihr auf den Leim gegangen, und jetzt war er derjenige, der für ihre Sünden bezahlen musste. Was für eine Ironie des Schicksals!

Seufzend erhob er sich und griff nach einem T-Shirt, dass über einem Stuhl neben dem Bett hing. Er brauchte etwas Kühles, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ein Bier wäre jetzt vermutlich genau das richtige, doch er verwarf den Gedanken daran gleich wieder. Er hatte nicht so lange und so hart gegen seine Alkoholsucht angekämpft, um jetzt wieder rückfällig zu werden. Er betrat die Küche und war erstaunt, dass er wohl nicht der Einzige war, der nicht schlafen konnte. Seine Schwester Charlotte stand am Kühlschrank und hielt eine Tüte Milch in ihrer Hand. Er sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte, als sie ihn erkannte.

„Daniel!“ Sie stellte die Milchtüte ab und ging auf ihn zu. „Du kannst wohl auch nicht schlafen?“

Er hasste es, ihren mitleidigen Blick zu sehen. Als wäre er das Opfer und nicht der Täter. Doch bisher ahnte niemand etwas von seinem Doppelleben. Dabei waren die Alpträume ein deutliches Zeichen dafür, dass sein Unterbewusstsein ihm die Schuld dafür gab, was am 8. August geschehen war. So sehr er auch versuchte, sich einzureden, dass alles Emily's Schuld gewesen war, er war derjenige gewesen, der die Pistole in den Händen gehalten und abgedrückt hatte. Er hatte sie kaltblütig ermordet!

„Daniel?“

Er schaute nach oben, direkt in die besorgten Augen seiner Schwester. „Es ist so heiß“, stieß er leise hervor. „Ich wollte mir nur etwas zu trinken holen.“

„Du hattest wieder einen dieser Alpträume?“

Erstaunt sah er seine Schwester an. Sie wusste davon? Aber natürlich wusste sie es. Wenn es jemanden aus der Grayson-Familie gab, der ihm nahestand, dann war es Charlotte. Sie war vermutlich die Einzige, die ihn immer schon verstanden hatte. Er erinnerte sich, wie sie zu ihm gekommen und ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Sie hatte es weder ihrer Mutter noch ihrem Vater sagen wollen. Sie war zu ihm gekommen, hatte ihm anvertraut, was sie quälte. Sie hatte ihm vertraut. Seufzend griff er nach einer Flasche Wasser und einem Glas. Vielleicht war es an der Zeit, ihr auch zu vertrauen.

„Es ist wegen Emily, oder?“

Er nickte. „Es ist eine Woche her und noch immer keine Spur von ihr.“ Er ließ das Wasser ins Glas laufen und nahm einen Schluck. „Das Brautkleid wurde angeschwemmt, doch es scheint so, als ob das Meer sie einfach verschluckt hätte!“ Während er den Satz sagte, wurde ihm bewusst, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als das man Emily fand. Auch, wenn es bedeutete, dass man ihn dann vermutlich wegen versuchten Mordes hinter Gitter bringen würde. Doch er wollte lieber seine Zeit absitzen, als sich ewig schuldig zu fühlen.

„Lydia hätte dafür bezahlen müssen, was sie Emily angetan hat!“, entfuhr es Charlotte aufgebracht. „Stattdessen hat man sie auch noch belohnt!“

„Was?“ Verwirrt sah er hoch. Seine Gedanken waren wieder bei Emily gewesen. Würde das denn niemals aufhören?

„Lydia Davis“, erinnerte Charlotte. „Ihr Geld zu geben, damit sie Stillschweigen bewahrt und das Land verlässt, war nicht recht. Sie hätte im Gefängnis schmoren müssen!“

„Sie ist es nicht gewesen...“ Der Satz war heraus, bevor er ihn stoppen konnte.

„Was meinst du damit .. sie ist es nicht gewesen? Woher weißt du das?“ Fragend sah Charlotte ihren Bruder an.

„Ich...“ Er holte tief Luft. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, sich jemandem anzuvertrauen. Vielleicht würde er dann wieder ruhiger schlafen können. „Ich war es“, gestand er dann mit leiser Stimme.

Verständnislos sah Charlotte ihn an. „Du warst... was?“, wiederholte sie.

„Ich habe Emily getötet.“

„Oh Daniel....“ Schnell eilte Charlotte zu ihm und legte ihre schmale Hand auf seine Schulter. „Dazu wärst du niemals fähig! Du hast nur Schuldgefühle, dass du zu betrunken warst, um zu verhindern, was Lydia getan hat. Ich weiß, dass du mit bei uns unten warst, als der Schuss fiel. Du hattest gerade erfahren, dass Sara versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Erinnerst du dich?“ Sie zupfte an seinem Shirt herum. „Du darfst dir keine Vorwürfe machen. Du hättest nichts tun können, um die Katastrophe zu verhindern. Du hast sie doch geliebt!“

Unwirsch befreite er sich aus ihrem Griff. „Du verstehst es nicht, Charlotte!“, stieß er verzweifelt hervor. „Ich wollte...“

„Daniel!“

Er brach den Satz ab, den er begonnen hatte, als er sah, wie seine Mutter die Küche betrat. Ihre Mine zeigte keinerlei Gefühlsregung. Doch er wusste, dass sie das Gespräch belauscht hatte. „Mom, ich..“, begann er, wurde jedoch mit einer rüden Handbewegung Victorias zum Schweigen gebracht.

„Ich möchte alleine mit Daniel reden“, wandte sie sich an ihre Tochter.

Charlotte gehorchte, ohne Widerstand. Es war besser, der Aufforderung zu folgen, wenn sie sich keinen weiteren Ärger einhandeln wollte.

„Was hast du gehört?“, fragte Daniel, kaum das Charlotte den Raum verlassen hatte.

„Alles.“ Victoria griff nach einem Glas und schenkte sich Wasser ein. „Aber es ist nichts, was ich nicht schon vorher wusste, falls es das ist, was dich beunruhigt.“ Sie verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln. „Du solltest wissen, dass ich nichts dem Zufall überlasse. Was glaubst du, wieso ich deinem Vater nahegelegt habe, sich von seiner...“ Sie räusperte sich hörbar. „... kleinen Schlampe zu verabschieden.“

„Du hast gewusst, dass Lydia unschuldig war und wolltest sie trotzdem wegen Mordes an Emily der Polizei ausliefern?“, fragte er fassungslos.

Victoria zuckte mit den Schultern. „Sie war klug genug, mein großzügiges Angebot anzunehmen. Sie hat nun genügend Geld, um sich woanders ein neues Leben aufzubauen.“ Sie seufzte theatralisch und ging auf ihn zu. „Ich wusste, dass du mein Gespräch mit Emily auf der Yacht belauscht hast. Ich habe dich gesehen. Deshalb habe ich sie mit der Wahrheit konfrontiert. Ich wollte, dass du erfährt, was für ein intrigantes, hinterhältiges Biest sie ist. Es tut mir leid, dass du auf diese Weise erfahren musstest, dass sie dich wegen der Schwangerschaft belogen hat.“

„Du hast...?“ Er brach fassungslos den Satz ab. Seit einer Woche lebte er mit der Schuld, einen Menschen getötet zu haben, und seine Mutter hatte die ganze Zeit Bescheid gewusst.

Sie nickte stumm. „Ich habe den Schuss gehört und wusste, dass du es gewesen warst. Und ich habe es gleich deinem Vater erzählt“, fuhr sie hastig fort. „Doch das macht keinen Unterschied. Was du getan hast, bleibt unser kleines Familiengeheimnis. Hast du verstanden?“

Es war keine Bitte, es war ein Befehl. Und obwohl er so etwas wie Erleichterung verspürte, dass er nun nicht mehr lügen musste, wehrte sich alles in ihm gegen den Vorschlag seiner Mutter. „Ich habe ein Menschenleben auf dem Gewissen!“, stieß er hervor. „Mag sein, dass es für dich und Dad so einfach ist, einen Mord zu vertuschen, doch ich kann und will mit dieser Schuld nicht leben!“ Er wandte sich zum Gehen. „Ich werde morgen zur Polizei gehen und mich selbst anzeigen!“, sagte er bestimmt.

„Das wirst du nicht!“ Victoria eilte hinter ihm her und hielt seinen Arm fest. „Dein Vater hat dir deine Freiheit erkauft, indem er Lydia aufgegeben hat. Du musst nichts mehr tun. Du bist frei, Daniel. Niemand wird jemals vermuten, dass du es warst, der auf Emily geschossen hat!“

„Ich weiß es, du weißt es, Dad, Charlotte...“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Emily...“, beendete er den Satz dann. „Falls sie noch lebt.“

„Sie ist tot, Daniel.“ Sie drückte sanft seine Schulter. „Es ist eine Woche her. Du weißt doch, was man sagt...Was das Meer einmal verschlungen hat, gibt es nicht mehr her. Und wenn es nicht das Meer ist“, fügte sie leiser hinzu“, „dann sind es die Haie, die...“

„Hör auf damit!“ Er presste die Hände gegen die Schläfen. „Ich will es nicht hören!“ Bei dem Gedanken, dass Emily einem Hai zum Opfer gefallen sein könnte, drehte sich ihm der Magen um. Er musste hier raus!

„Tu nichts Unüberlegtes! Hörst du, Daniel!“

Er hörte die Warnung in der Stimme seiner Mutter, als er aus der Küche stürmte, die Treppe nach oben rannte und die Tür zu seinem Schlafzimmer aufriss. Schwer atmend ließ er sich auf der Bettkante nieder und schloss die Augen. Er würde diesen Anblick niemals vergessen, wie sie vor ihm gestanden hatte, wunderschön, in ihrem weißen Hochzeitskleid, mit weit aufgerissenen Augen und einer leisen Entschuldigung auf den Lippen. Er öffnete abrupt die Augen, griff nach seinem Ehering und las, was dort eingraviert war:

„Für immer und ewig“ … Emily

Langsam ließ er sich zurück auf sein Kissen sinken, während er den Ring immer noch umklammert hielt. Für immer und ewig, unendlich, unvergänglich, die Zeiten überdauernd, über den Tod hinaus... Er wollte nicht an die Theorie seiner Mutter glauben, dass Emily's Körper für immer verschwunden war. Und schon gar nicht, dass sie Opfer eines Hais geworden war. Früher oder später würde das Meer sie wieder freigeben, ... falls sie es nicht doch bis ans rettende Ufer geschafft hatte. Er wusste nicht, woher diese Zuversicht plötzlich kam, doch der Gedanke gab ihm eine Ruhe, nach der er seit einer Woche vergeblich gesucht hatte. Er schloss die Augen und glitt in einen traumlosen Schlaf.
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