Virgilia

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
George Hazard Orry Main Virgilia Hazard / Gradis
29.05.2017
29.05.2017
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Orry stand an Virgilias Grab. So viele Gedanken und Erinnerungen gingen ihm durch den Kopf. Meistens hatte er sich mit Virgilia gestritten. Und immer ging es dann um die Sklavenhaltung. Sie kämpfte schon fanatisch für die Abschaffung der Sklavenhaltung, während er als Südstaatler damit aufgewachsen war und nichts anderes kannte. Dass er für humanere Methoden war und diese auch nach dem Tod seines Vaters auf seiner Plantage umsetzte interessierte Virgilia nicht. Grinsend dachte er daran zurück, als die Hazards alle Mains zu einem gemeinsamen Sommer eingeladen hatten und Virgilia ironisch ihrer Mutter vorschlug, man solle doch im Garten Sklavenquartiere bauen, damit sich die Mains wohlfühlten. Oder, wie er wutentbrannt ein Buch, welches Virgilia geschickt ihnen hatte, fortgeschmissen hatte. Onkel Toms Hütte. Auf einige Sklavenhalter mag das vielleicht zutreffen, aber nicht auf ihn. Aber das interessierte Virgilia nicht. Für sie war er wie alle Sklavenhalter.
Eine unschöne Erinnerung war, als er George seinen Gewinnanteil der Textilfirma brachte. Damals waren sie derart aneinander geraten, dass sogar George sich eingemischt und zu Recht Partei für Virgilia ergriffen hatte. Ganz schlimme Worte waren da zwischen ihnen gefallen. Fast wäre daran seine Freundschaft mit George zugrunde gegangen. Der Gedanke daran tat ihm in der Seele weh.

George fand Orry an Virgilias Grab, was ihn sehr überraschte. Zu ihren Lebzeiten konnte man die zwei nicht zusammen in einem Raum lassen. Umso mehr verwunderte ihn der schmerzhafte Gesichtsausdruck von Orry. Er setzte sich neben ihn auf die Bank und legte freundschaftlich einen Arm um Orrys Schultern:
„Hey, alter Freund. Was bedrückt dich so?“ fragte er vorsichtig. Orry sah ihm in die Augen. George schien wirklich einen siebten Sinn für ihn zu haben. Immer wenn er ihn brauchte, tauchte George auf der Bildfläche auf. Egal ob es emotional war oder aufgrund von Taten.
„Ich habe an unsere vielen Auseinandersetzungen  gedacht. Ganz besonders die Eine, als ich mit Brett bei Euch war.“ Er blickte zu Boden und fuhr leise fort:
„Wärst Du nicht zu mir gekommen, dann weiß ich nicht, ob wir heute hier sitzen würden. In dem Streit mit ihr sind wirklich böse Worte gefallen. Ich fühlte mich Euch allen gegenüber so schlecht, dass ich es nicht schaffte, Euch in die Augen zu sehen und zu entschuldigen.“ Er machte eine kleine Pause und mit Tränen in den Augen sah er wieder zu George, der seinen Freund gerührt betrachtete.
„Ich weiß, dass ich den ersten Schritt hätte machen müssen, aber ich schaffte es einfach nicht. Drum bin ich Dir umso dankbarer, dass Du damals zu mir gekommen bist.“
George nahm Orry noch etwas fester in den Arm und antwortete ihm:
„Orry, Du bist mein bester Freund. Ich wollte Dich nicht verlieren. Aber auch ich hatte meine Schwierigkeiten mit diesem Streit. Constance hat mir geholfen, ihn zu verarbeiten und den Schritt zu machen. Einer ihrer Sätze war ‚George, ich verstehe Euch beide nicht. Ihr seid die besten Freunde, aber wenn Ihr Streit habt, schafft keiner von Euch beiden, den ersten Schritt zu machen‘. Wir sprachen dann noch über Krieg und was das für uns beide beutete. Und in diese schlimme Niedergeschlagenheit überbrachte sie mir dann die frohe Botschaft von dem Baby. Das alles hat mir geholfen, über meinen Schatten zu springen.“
„Sie ist wirklich ein Engel.“ Meinte Orry gerührt.
„Ja, das ist sie. Ich bin so froh, dass ich sie gefunden habe.“
Eine Weile saßen sie still nebeneinander und jeder hing seinen Gedanken nach. Und sie genossen ihre Zweisamkeit ohne Streit und ohne den Krieg. Beide wussten jedoch, dass sie noch viel zu bereden hatten um alles aus der Welt zu räumen.
„Weißt Du, heute bewundere ich Virgilia für ihre Tat mit Grady.“ Ergriff Orry wieder das Wort und George sah ihn sehr überrascht an.
„Eigentlich wusste ich damals schon, dass Ihr alle wegen der Sklavenhaltung Recht hattet. Sie hat mit ihrer Tat nur einen von ihnen befreit, aber sie hat ein sehr deutliches Zeichen gesetzt. Du weißt, dass ich auch damals schon meine Zweifel an der Sklavenhaltung hatte.“ Er sah George an und dieser nickte. „Dennoch konnte ich damals nicht über unsere Lebensweise und Traditionen hinwegspringen.“ George sah Orry verständnisvoll an, auf einmal fing er an zu grinsen und meinte:
„Stell Dir vor Virgilia und LaMotte hätten sich näher kennengelernt.“
„Oh Gott, nicht auszudenken...“ Und beide lachten.
LaMotte war einer der schlimmsten Sklavenhalter, der mit seiner Brutalität auch vor seiner Frau Madeline nicht Halt machte. Bei einer Schlägerei mit Orry war er dann aus dem Fenster gestürzt und zu Tode gekommen. Danach konnte Orry endlich seine große Liebe Madeline heiraten.
„Weißt Du, ich hatte damals auch meine Zweifel an ihr.“ Sagte George. Jetzt war es an Orry, verwundert zur Seite zu gucken.
„Nach unserem schlimmen Streit habe ich auch lange mit Constance darüber geredet. Ich hatte meine Zweifel an ihrer Ehe.“
„Inwiefern?“ fragte Orry.
„Ich hatte am Anfang gesagt, ich könnte ihre Ehe akzeptieren, wenn ich die Gründe verstehen würde.“
Orry nickte, die Aussage von George kannte er noch.
„Aber ich hatte wirklich große Zweifel an der Aufrichtigkeit ihrer Ehe. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich eine Ehe oder eher eine politische Demonstration war. Wenn es wirklich Liebe war, warum hat sie nie von Grady geredet oder ihn mitgebracht, wenn sie mal nach Hause kam?“
„Ich glaube schon, dass es Liebe war.“ Lies Orry vorsichtig verlauten.
George schaute überrascht zu Orry.
„Das hat Constance auch gesagt. Aber woher weißt gerade Du das?“
Verlegen schaute Orry weg.
„Ich habe ihre Reaktion gesehen, als Grady erschossen wurde.“
„Du warst dabei?!...“ George war schockiert.
„Zwangsläufig.“ Orry erinnerte sich nur ungern an die Nacht. „Es war auf der Rückreise mit Brett nach unserem schlimmen Streit. John Brown hatte den Zug umgeleitet und wollte uns als Geiseln festhalten. Virgilia war ebenfalls im Zug und Grady – und auch Prime, erinnerst Du dich an ihn?“ als George nickte, fuhr Orry fort „Grady und Prime waren bei Brown. Als die Miliz näher rückte und sie uns zurück in den Zug schickten, wollte Grady, dass Virgilia auch wieder einstieg. Sie hat sich geweigert und verzweifelt an ihn geklammert. Sie sah nicht aus wie jemand, der Angst um sich selbst hat, sondern sie hatte Angst um ihn und wollte ihn beschützen. Als der Zug abfuhr ging ich nach hinten um zu sehen, was weiter passierte. Alle wurden von der Miliz erschossen. John Brown, Prime und auch Grady.“ Orry stockte in seiner Erzählung. Das Geschehen damals hatte auch ihn schockiert.
„Virgilia brach über Grady zusammen.“ Er blickte George an. „Diese Heftigkeit ihrer Reaktion kann nur aus Liebe geboren werden. Das kann keiner schauspielern. Selbst mir, der mit ihr nur am Streiten war, brach es das Herz das mitanzusehen…“ Orry verstummte. George musste das Gehörte erstmal verarbeiten und schwieg ebenfalls. Schließlich sagte er betroffen:
„Ich wusste von den Geschehnissen aus der Zeitung. Aber ich hatte ja keine Ahnung, wie es sich wirklich zugetragen hatte und dass Ihr dabei wart und das alles mitansehen musstet.“
Wieder schwiegen sie und blickten gemeinsam zu ihrem Grab. Auf einmal fing George an zu grinsen und blickte zu Orry:
„Und ich habe Dir doch tatsächlich in West Point Virgilia als Ehefrau vorgeschlagen, als Du im Lazarett warst und niedergeschlagen, weil Madeline nicht schrieb. Erinnerst Du dich noch?“
Auch Orry fing an zu lachen.
„Oh ja, wie könnte ich das vergessen. Wie waren Deine Worte? ‚es kann viele Gründe haben, warum Madeline nicht schreibt. Du kennst sie doch kaum. Und wenn es nicht sein soll, ich habe noch eine jüngere Schwester, die nicht verheiratet ist‘.“ Beide lachten. Dann sagte Orry: „In dem Moment hatte ich tatsächlich ernsthaft drüber nachgedacht. Der Gedanke, meinen besten Freund zum Schwager zu haben, hat mir gefallen. Dann habe ich Virgilia kennengelernt…“ Und er schüttelte lachend den Kopf. „ich glaube, wir hätten uns irgendwann zerfleischt.“ Auch George grinste. Doch Orry wurde wieder ernst und erzählte noch eine Geschichte:
„Weißt Du eigentlich, dass sie mich im Krieg wieder zusammengeflickt und gesund gepflegt hat?“ fragte er George und dieser verneinte.
„Ich war auf dem Weg von einem Auftrag zurück nach Richmond, als ich von einer Patrouille aus dem Hintergrund angeschossen wurde. Ich wurde in ihr Lazarett gebracht. Anfangs erledigte sie ihre Arbeit an mir recht kühl, aber als es mir besser ging redeten wir. Wir konnten endlich das Kriegsbeil begraben und normal reden. Kein Streit, keine Anschuldigungen, sondern ein aufrichtiges und ehrliches Gespräch unter Bekannten. Ich habe sie bewundert für ihre Arbeit im Lazarett und es ihr auch gesagt. Sie dankte mir, in dem sie mir verriet, dass ich zum Verhör fortgebracht werden sollte und ermöglichte mir damit die rechtzeitige Flucht. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Und ich bin dankbar, dass wir nicht als Feinde auseinander gegangen sind.“
„Davon wusste ich nichts.“ Sagte George erschüttert. „Wie schlimm war Deine Verwundung?“
„Ich hatte Glück. Es war in der rechten Brust. Knapp neben der Hauptschlagader. Ich hatte großes Glück. Durch den Transport hätte die Kugel noch große Schäden anrichten können. Die Wunde hatte sich auch infiziert, ich hatte wohl hohes Fieber und lag im Delirium. Es hätte mich töten können. Sie hätte mich sterben lassen können. Aber sie hat mich die ganze Zeit gepflegt. Zwei Wochen muss ich schlimm im Delirium gelegen haben. Ich weiß davon nichts. Ich weiß nur, dass ich immer Virgilia gesehen habe, wenn ich mal zu mir kam. Und sie hat mir dann immer Wasser und Suppe gereicht.“ Er lachte kurz auf. „Jahrelang sind wir uns immer an die Gurgel gegangen und dann opfert sie sich so für mich auf.“ Wieder machte er eine Pause. Dann sah er George an und fuhr fort
„Du kritisiertest ihre Reden und Methoden, doch sie steht auf der richtigen Seite hast Du mal gesagt. Ich denke, es war sogar mehr als das. Sie hatte auch ihr Herz am rechten Fleck. Einzig die Tatsache, dass ich Südstaatler mit Sklaven war, hat sie so gegen mich aufgebracht.“
„Orry, Du erstaunst mich. Ich dachte wirklich, Ihr könnt Euch nicht ausstehen.“ George schüttelte den Kopf.
Orry lächelte und meinte:
„Wenn sie mal nicht von der Sklavenbefreiung sprach, konnte man sich schon immer gut mit ihr unterhalten. Leider wurden anderen Themen im Laufe der Zeit immer weniger, als sie immer fanatischer wurde.“
„Ja, da muss ich Dir Recht geben.“ Und sie versanken wieder in Schweigen und hingen Erinnerungen nach.
„Weißt Du noch, wie Du mich davon abhalten musstest, auf sie loszugehen, als sie halb Lehigh Station auf den Beine gebracht hat, um Dich hängen zu sehen?“
Orry lachte kurz auf und wurde dann wieder ernst:
„Wie könnte ich das vergessen. Ich wollte Dich noch einmal sehen, bevor der Krieg begann. Allein die Fahrt zu Dir war der Ritt durch die Hölle. Ich wollte noch vieles mit Dir bereden und dann hatten wir dank ihr nur sehr wenige Stunden. Deine Verteidigung meiner Person gegenüber Deinen aufgebrachten Nachbarn war einfach sensationell.“
George lächelte verlegen und bekam dann einen traurigen Gesichtsausdruck.
„Dafür war der Abschied die Hölle.“
„Ja, das war er. Ich wollte Dir noch so viel sagen, hatte aber Angst, dass mein Dialekt mich verrät.“
„Ich weiß, ich habe es bemerkt. Aber Deine Augen haben mir alles gesagt. Du wolltest nicht als mein Feind von dannen ziehen und hattest die gleiche Angst wie ich, dass wir uns an der Front wiedertreffen würden und uns dann entscheiden mussten oder mitansehen müssen, wie einer von uns durch die Hand eines anderen getötet wird.“
„Und in Peterburgh war es dann auch soweit…“ sagte Orry leise.
„Ja, es war grauenvoll.“ Antwortete George ebenso leise. „Ich hatte vorher mit dem Fernglas die feindliche Linie inspiziert. Dabei habe ich Dich und Charles gesehen. Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Die Kompanie hat nur auf meinen Befehl gewartet, aber ich konnte ihn nicht geben. Ich konnte den Befehl Euch zu töten nicht geben. Billy musste mich erst aus meiner Starre reißen. Ich habe sie dann ganz bewusst weiter links Deiner Flanke geführt. Ich wollte Dir nicht als Feind gegenüber stehen, Dir meinem besten Freund.“
Jetzt hatten beide Tränen in den Augen, sahen sich an und vielen sich dann in die Arme.
„Aber genug jetzt der traurigen Erinnerungen.“ Ließ George nach einer Weile hören. „Komm mein alter Freund, lass uns zurück zu unseren Familien gehen.“
Orry lächelte ihn an und sie erhoben sich. Jeder sah noch einmal zu Virgilias Grab und drehten sie sich um und gingen zurück zu Madeline und Constance, die im Garten mit den Kindern spielten.
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